Interview
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Fifa-Schiedsrichter Babak Rafati pfiff über 200 Spiele im DFB-Pokal sowie in der ersten und zweiten Bundesliga. Bild: imago images / contrast

Interview

Ex-Schiri Rafati erklärt die wahren Videobeweis-Probleme: "Konkurrent im Keller"

Depression. Im Profifußball ist die Krankheit immer noch ein Tabuthema. Auch Babak Rafati litt unter Depressionen und verschwieg sie. Am 19. November 2011 versuchte der erfahrene Bundesliga-Schiedsrichter vor dem Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05, sich das Leben zu nehmen. Rafati überlebte seinen Suizidversuch nur knapp.

Acht Jahre danach teilt der 49-Jährige seine Erfahrungen und berichtet über seinen Weg zurück ins Leben: Rafati hält Vorträge und ist als Mentalcoach aktiv.

Im Interview mit watson spricht Rafati über den immensen Druck für Profis und Schiedsrichter, fordert Vereine und DFB zum Handeln auf und erklärt, wie der Helfer namens Videobeweis zum Konkurrenten für die Unparteiischen wurde.

watson: Herr Rafati, wie steht es um den deutschen Fußball?

Babak Rafati: Nicht besonders gut. Die Qualität sinkt stetig, deswegen fällt es deutschen Mannschaften momentan auch schwer, in internationalen Turnieren mitzuhalten. Mit ein Grund: Die meisten Schiedsrichter pfeifen in Deutschland Kleinigkeiten, die beispielsweise in England niemals gepfiffen werden. So kommt es, dass sich die Spieler taktisch fallen lassen, um einen Freistoß zu provozieren. Das klappt in der Bundesliga, international aber liegt dann zum Beispiel ein Kimmich auf dem Boden und der Schiri lässt weiterlaufen.

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Mittlerweile ist der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Rafati als Redner tätig. Bild: imago images / Noah Wedel

Klingt so, als würde es für dieses Problem eine einfache Lösung geben.

Ja, die Schiedsrichter könnten ihren Anteil dazu beitragen, indem sie die Spiele mehr laufen lassen. Dann würden wir uns wieder gegen internationale Spitzenmannschaften durchsetzen.

"Der Videobeweis ist eine tolle Erfindung, die Umsetzung allerdings katastrophal"

Auch der Videobeweis sorgt stetig für viele Diskussionen. Dem Spielfluss hilft er nicht, ist er wenigstens eine Stütze für die Schiedsrichter?

Der Videobeweis ist eine tolle Erfindung, die Umsetzung allerdings katastrophal. Ich glaube viele Schiedsrichter wollten den Videobeweis gar nicht. Es war eine Anordnung der Fifa. Und das ist für Schiedsrichter schwierig zu akzeptieren. Jahrelang lernt man, der Chef auf dem Platz zu sein und sich mit den Entscheidungen durchzusetzen. Und dann bekommt man plötzlich einen Konkurrenten im Keller. Das sorgt nicht unbedingt für mehr Selbstsicherheit auf dem Platz. Vor allem, weil jeder Schiedsrichter eine eigene Art hat, ein Spiel zu leiten.

Inwiefern?

Es gibt Schiedsrichter, die lassen die Spiele laufen und es gibt welche, die sind kleinlicher. Wenn jemand im Keller sitzt, der kleinlicher pfeift, als der auf dem Platz, dann treffen zwei verschiedene Philosophien der Spielleitung aufeinander. Das ist vor allem für den Referee im Stadion problematisch. Dadurch kommt es zum Beispiel beim Handspiel zu unterschiedlichen Auslegungen, was alle nicht mehr verstehen und zu Recht darüber schimpfen.

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Rafati zückt zu seiner aktiven Zeit im Jahr 2011 die gelbe Karte für Marco Reus. Bild: imago images / Revierfoto

Zudem haben die vergangenen Spiele gezeigt, dass der Videobeweis nicht unbedingt vor Fehlern schützt. Wie wird mit VAR-Fehlentscheidungen intern umgegangen?

Ein Beispiel: Es kommt vor, dass der Schiedsrichter, der vor dem Monitor sitzt, unter Druck ist, weil er vergangene Woche einen Fehler auf dem Platz gemacht hat. Dieser Druck aus dem Keller beeinflusst im Zweifel dann auch das ganze Spiel auf dem Platz. Zudem wurde zum Beispiel ein VAR nach Fehlern durch den bisherigen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, der sich einfach einmischte, abgesägt. Das erzeugt einen zusätzlichen Druck unter den Aktiven.

Ihr Suizidversuch rührte damals aus einer durch Leistungsdruck ausgelösten Depression. Wenn sie so erzählen, klingt es nicht, als hätte sich etwas Grundlegendes beim Umgang mit Schiedsrichtern verändert. Oder?

Aus Erzählungen von ehemaligen Kollegen weiß ich, dass ein bis zwei Jahre nach meinem Suizidversuch etwas mehr Ruhe in der Führungsebene einkehrte. Das änderte sich aber dann und die harten Methoden kehrten zurück. Schiedsrichter, die ihre eigene Meinung kundtun und den Mut haben aufzustehen, wenn etwas nicht passt, werden fertiggemacht.

Haben sie ein aktuelles Beispiel?

Ich werde keine Namen nennen, aber mir wurde berichtet, dass ein renommierter Schiedsrichter vor versammelter Mannschaft aufstand und sagte: 'Mir geht es wie dem Babak. Ich bin selbstmordgefährdet.'

Wenn Sie das hören, was geht da in Ihnen vor?

Ich habe mit diesem Kapitel abgeschlossen. Ich bin aber bereit, bei Interesse mit dem DFB zu sprechen und meine Expertise einzubringen. Wir müssen ein anderes Stressmanagement anwenden, damit das Verhältnis zwischen den Schiedsrichtern und Teams sowie Medien wieder besser wird. Wir haben seit ein paar Tagen einen neuen DFB-Präsidenten. Das gibt mir und den Aktiven Hoffnung auf Besserung.

Wissen Sie, wie auf die Aussage des Schiedsrichters reagiert wurde?

Es wurden Aussagen von anderen Schiedsrichtern angehört und dann hat man halbherzig etwas unternommen. Ich wurde vor knapp einem Jahr tatsächlich auch vom DFB kontaktiert, aber wie und in welcher Form war für mich eine absolut bodenlose Frechheit. Darauf habe ich noch nicht einmal reagiert. Viel näher will ich darauf nicht eingehen.

"Ich plädiere aus Erfahrung für Kommunikation statt Konfrontation. Die Karte für den Trainer ist genau das Gegenteil dieser Philosophie und geht komplett in die falsche Richtung"

Was sagen Sie zu der neu eingeführten Karte für Trainer?

Auch die verschärft die ganze Situation auf dem Platz immens. Durch den Videobeweis herrscht schon viel Unruhe und Aufregung. Statt etwas Fahrt rauszunehmen, bekommen Trainer, die sich über eine VAR-Entscheidung aufregen, nun auch noch eine Karte. Ich plädiere aus Erfahrung für Kommunikation statt Konfrontation. Die Karte für den Trainer ist genau das Gegenteil dieser Philosophie und geht komplett in die falsche Richtung.

Bundesliga-Schiedsrichter bekommen auch viel Druck von den Mannschaften und Fans. Kann auch das Stress auslösen?

Nein, das sollte keinen professionellen Schiedsrichter stressen. In der Bundesliga zu pfeifen, ist ein Privileg. Gegen meckernde Spieler und aufgebrachte Fans sollte man gewappnet sein. Viel schlimmer haben es die Schiedsrichter in unteren Klassen, das ist heftig. Die bekommen kaum Geld und werden teilweise sogar tätlich angegriffen.

Woher kam denn dann der Leistungsdruck, an dem Sie zerbrochen sind?

Ein Zusammenspiel zwischen schlechter Führung beim DFB auf der einen und falsche Denkmuster am Arbeitsplatz im Schirijob von mir auf der anderen Seite. Wir hatten einen Wechsel auf der Führungsebene und wir Schiedsrichter sollten unser Feedback geben. Das tat ich und sagte meine Meinung. Damals ging es unter anderem um Hellmut Krug von der DFL. Da liefen Dinge, die gegen die Richtlinien der Uefa-Convention verstoßen. Das brachte alles ins Rollen.

Sie sind den Falschen auf die Füße getreten.

Ja, ich hatte durch mein Feedback auf einmal die Führungskräfte gegen mich. Dann folgte, wie ich finde, ein unmenschliches Verhalten mir gegenüber und brachte mich damit in eine Art Teufelskreis. Ich sollte mich fügen. Ich fühlte mich nicht mehr wohl, machte auf dem Spielfeld Fehler, bekam intern noch mehr Druck, machte noch mehr Fehler.

Es gibt also Menschen, die Sie für Ihren Suizidversuch verantwortlich machen?

Nein, für meinen versuchten Suizid bin ich ganz allein verantwortlich. Wie ich dahin gekommen bin, lässt sich erklären, aber die Schuld gebe ich niemandem. Ich habe viele Fehler im Gedankenmanagement gemacht.

Was denn für Fehler?

Ich habe den Druck an mich herankommen lassen, habe mir Worte zu Herzen genommen und versucht, dagegen zu halten. Ich wollte einen Kampf kämpfen, den ich nicht gewinnen konnte. Und nebenbei dem klassischen maskulinen Bild entsprechen, keine Schwäche zeigen, meinen Mann stehen. Natürlich waren es damals vollkommen ungesunde Zustände, aber ich habe auch ungesund reagiert. Hinzu kamen Fehlentscheidungen auf dem Platz.

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Im Jahr 2014 leitete Rafati das Abschiedsspiel von Ailton und hatte sichtlich Spaß. Bild: imago images / MIS

2011, beim Spiel HSV gegen Mainz, gaben Sie ein Tor für HSV, welches keines war. Danach kam Ihr Vorgesetzter Fandel und sagte: "Jeder darf Fehler machen. Nur Du nicht, Babak." Was hat das mit Ihnen gemacht?

Die Aussage an sich sehe ich gar nicht so problematisch. Die Gemengelage war nur übel – denn zu diesem Zeitpunkt war ich bereits ganz unten und kurz vor dem Zusammenbruch. Dann kam dieser Fehler dazu, an dem ich nicht einmal Schuld war. Der Schiedsrichterassistent, der damals ohne Videobeweis allein für solche Entscheidungen zuständig war, hatte es einfach nur falsch gesehen. Trotzdem wurde mir die Schuld angehängt.

Robert Enke nahm sich im November 2009 das Leben. Was hat der Fußball in den vergangenen zehn Jahren gelernt?

Gar nichts. Es wurden damals emotionale Reden geschwungen, alle waren bestürzt und völlig aufgelöst. Große Änderungen wurden angepriesen. Genauso lange, wie die Leute sich dafür interessierten – heute ist alles wieder beim Alten.

Hilfe bei Depression

Bestimmte Dinge beschäftigen dich im Moment sehr? Du hast das Gefühl, dich in einer ausweglosen Situation zu stecken? Wenn du dir im Familien- und Freundeskreis keine Hilfe suchen kannst oder möchtest – hier findest du einige anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichst du rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen du über deine Sorgen und Ängste sprechen kannst. Auch ein Gespräch via Chat oder E-Mail ist möglich.

Kinder- und Jugendtelefon: Der Verein "Nummer gegen Kummer" kümmert sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter der Rufnummer 116 111.

Weitere Infos zu Depressionen findest du auch auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums.

Was wäre denn die angemessene Reaktionen vom DFB auf Robert Enkes Suizid gewesen?

Die größten Potenziale sind im Kopf, wie es auch Joachim Löw sagte. In der freien Wirtschaft gibt es zum Beispiel das Betriebliche Gesundheitsmanagement, was ich selbst als Referent in Unternehmen auch vermittle. Das muss der Fußball auch einführen. Die Spieler müssen mental besser geschult werden. In ihrer Fitness sind Profifußballer nahezu perfekt. Viel eher bräuchten die Spieler Mental- und Motivationscoaching mit Strategien, um ihre Ängste anzugehen, um den Stress zu reduzieren. Und eine Anlaufstation, um Druck loszuwerden.

Würde das gar die Leistung steigern?

Das würde die Leistung vieler Spieler mit Sicherheit immens verbessern, Blockaden lösen, und vorbeugen, dass die Sicherungen durchbrennen. Sowie zum Beispiel bei David Abraham, der Christian Streich weg gestoßen hat, oder eben im schlimmsten Fall wie bei Robert Enke. Und das gleiche gilt auch für Schiedsrichter, man muss weg von dem 'Halbgötter'-Denken, hin zu einer gesunden Fehlerkultur. Denn wir dürfen alle Fehler machen, wir sind auch nur Menschen.

Allerdings hat jede Profimannschaft einen Psychologen im Betreuerstab.

Ja, die haben auch ihre Berechtigung, aber die nehmen eher eine motivierende Rolle mit Durchhalteparolen ein, wie mir Spieler, die ich im Mentalcoaching betreue, berichten. Die Spieler brauchen aber zudem den Raum und die Selbstverständlichkeit Schwächen zugeben zu dürfen, ohne etwas zu befürchten. Denn man darf nicht vergessen, dass diese Krankheit unsichtbar ist.

Sie meinen Depressionen?

Menschen, die unter Depressionen oder Burnout leiden, wissen es oft selbst nicht und können ihre Schwächen oftmals gut verstecken. Weder mein Vater noch meine Frau haben damals gemerkt, an was für einem Punkt ich war, bis es dann auf einmal knallte. Genau deswegen müssen Depressionen, Schwächen und Gefühle einen viel selbstverständlicheren Platz in unserer Gesellschaft haben und es muss den Raum geben, in jedem Umfeld darüber zu reden. Das fördert das Selbstbewusstsein, die eigene Persönlichkeit, ändert den Blickwinkel und motiviert zu einem Leben, was einem Flügel verleiht.

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