Interview
WASHINGTON, DC - JULY 04: President Donald Trump speaks during an event on the South Lawn of the White House on July 04, 2020 in Washington, DC. President Trump is hosting a

Donald Trump während seiner Ansprache anlässlich des US-amerikanischen Nationalfeiertags am 4. Juli. Bild: Getty Images North America / Tasos Katopodis

Interview

Trump angezählt? Politikwissenschaftler: "Für viele personifiziert er immer noch Hoffnung"

Auch seine Rede am 4. Juli nutzte US-Präsident Donald Trump dafür, Wahlkampf zu betreiben. Entgegen der Gepflogenheiten seiner Vorgänger appellierte Trump nicht an die Einheit des Landes, sondern agierte als Wahlkämpfer und Spalter. Anscheinend steht der US-Präsident unter Druck.

Zwei Zahlen wirken erdrückend für Donald Trump: Laut neuesten Umfragen liegt Herausforderer Joe Biden nun mehr als zehn Prozentpunkte vor Amtsinhaber Trump. Gleichzeitig steigen die Corona-Infektionszahlen in den USA täglich um fast 50.000.

Es scheint eng zu werden für eine zweite Amtszeit von "The Donald".

Christian Hacke ist Experte für US-, Außen- und Sicherheitspolitik. Er analysiert für watson, warum Donald Trump sein Momentum verloren hat, aber man ihn trotzdem noch nicht abschreiben sollte. Außerdem erklärt er, was Joe Biden seiner Meinung nach tun müsste, um die Wahl zu gewinnen.

"Trumps Reden könnten auch ein letzter Strohhalm sein."

watson: Herr Hacke, wie wichtig ist der 4. Juli für die USA?

Christian Hacke:
Das ist der zentrale Feiertag. Dort wird die Unabhängigkeit der USA von der britischen Krone und der Gründungsmythos der Vereinigten Staaten zelebriert. Da feiert man sich selbst und man feiert die Einheit des Landes.

Donald Trump hat nun aber viel mehr die Uneinigkeit der Amerikaner gefeiert…

Absolut. Damit ist er aber eigentlich völlig unamerikanisch. Er hat drei Reden um diesen Feiertag herum gehalten und die ergeben den Eindruck, dass er das Land nicht einen will, sondern weiter spalten. Die Frage ist nur warum.

Was vermuten Sie denn?

Trumps Reden könnten auch ein letzter Strohhalm sein. Das waren Ansprachen, um seine eigenen Wähler und Unterstützer um sich zu scharen und zum Durchhalten anzutreiben.

WASHINGTON, DC - JULY 04: President Donald Trump speaks during an event on the South Lawn of the White House on July 04, 2020 in Washington, DC. President Trump is hosting a

Wegen Corona? Weit weniger Zuschauer als sonst wohnten den Feierlichkeiten zum 4. Juli in Washington bei. Bild: Getty Images North America / Tasos Katopodis

Warum sollte er das tun?

Die zentrale Frage bei diesen Reden ist eher, ob er noch wirkt oder ob er den Zenit seiner Macht überschritten hat. Lange hat Trump seine Anhänger mit seinen Reden begeistern können, Menschen sind ihm fanatisch gefolgt – egal, welcher Skandal gerade in den Medien war.

Und das ist nun vorbei?

Bisher hat er in der Politik alle vor sich hergetrieben, ob das jetzt die Demokraten oder andere Staatsoberhäupter waren. Mein Gefühl ist, dass das möglicherweise vorbei ist. Vielleicht ist der Zeitpunkt erreicht, an dem Donald Trump vom Treibenden zum Getriebenen wird.

"Sich über Donald Trump aus einer arroganten Haltung heraus lustig zu machen ist zu einfach."

In den Umfragen hat Trumps Konkurrent Joe Biden nun die Nase vorne. Wird er der nächste Präsident?

So sehen das zumindest die "New York Times" und die "Washington Post".

Und was ist daran falsch?

Ob es falsch oder richtig ist, werden wir erst im November sehen. Aber aus meiner Sicht ist das Rennen noch völlig offen. Es sind immer die Umstände, die man in Betracht ziehen muss, nicht nur der Kandidat an sich. Und noch scheint ein großer Teil der Amerikaner von Donald Trump fasziniert. Das war vor fünf, sechs Jahren noch völlig unvorstellbar. Aber Trump wurde dann gewählt, weil er für viele nach dem Versagen der alten liberalen Eliten einen kraftvollen Neuanfang versprach.

WILMINGTON, DELAWARE - APRIL 08: In this screengrab from Joebiden.com , Democratic presidential candidate and former U.S. Vice President Joe Biden speaks during a Coronavirus Virtual Town Hall from his home on April 08, 2020 in Wilmington, Delaware. Senator Bernie Sanders announced that he is dropping out of the Democratic presidential race leaving Biden as the presumptive Democratic nominee. (Photo by JoeBiden.com via Getty Images)

Wird nachgesagt, zu alt zu wirken: Trumps Herausforderer Joe Biden während einer virtuellen Wahlkampfveranstaltung. Bild: Getty Images North America / Handout

Wenn Sie sich den Aufstieg Adolf Hitlers anschauen, finden Sie einige Parallelen mit Blick auf die sich rapide gewandelten Umstände. 1924 war Hitler noch eine Figur, über die sich Menschen lustig gemacht haben. Ein gescheiterter Fanatiker, der im Gefängnis saß. Ein klassischer Außenseiter. Aber ab 1933 hat er Deutschland ins Verderben gestürzt und bald große Teile Europas.

Auch Donald Trumps Kandidatur haben viele zunächst belächelt…

Und jetzt ist er schon seit drei Jahren US-Präsident. Allein, sich über Donald Trump aus einer arroganten Haltung heraus lustig zu machen und über seine persönliche Eignung zum Präsidentenamt zu echauffieren, ist also zu einfach. Für viele personifiziert er immer noch Hoffnung, so seltsam das klingen mag. Man kann ihn deshalb noch lange nicht abschreiben.

Aber gerade ist es doch offensichtlicher denn je, dass er mit seiner Politik versagt. Die Corona-Zahlen steigen, auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie werden in den USA immer offensichtlicher…

Das ist auch richtig. Trump ist als Politiker ganz objektiv eine Katastrophe. Er ist unwissend, nicht lernfähig und beratungsresistent. Außerdem ist er feige und übernimmt keinerlei Verantwortung, was als Politiker absolut unmöglich ist. Charakterlich ist er also definitiv ungeeignet. Jede Strohpuppe auf dem Weizenfeld müsste gegen ihn gewinnen können.

Also auch Joe Biden?

Ganz objektiv gesehen: ja. Von der persönlichen Eignung her ist Joe Biden der weitaus bessere Kandidat. Aber er verlässt sich zu sehr darauf, dass Donald Trump weiterhin Fehler macht und sich mit seiner Politik selbst schadet. Biden sitzt es aus. Das kann jedoch auch nach hinten losgehen. Außerdem verkörpert er für viele das gescheiterte liberale Amerika.

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