Interview
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Den zynischen Spruch "Arbeit macht frei" nutzten die Nationalsozialisten auch in Sachsenhausen als Torinschrift. Bild: imago/Jürgen Ritter

Interview

Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen: "Wir haben eine Verpflichtung, zu erinnern"

Am 27. Januar 1945, vor 75 Jahren, wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die vorrückende Rote Armee befreit. Bereits in den Tagen zuvor wurden die meisten Insassen von der SS auf sogenannte "Todesmärsche" geschickt.

Auschwitz, Buchenwald oder Dachau stehen heute synonym für die industrielle Massenvernichtung durch die Nationalsozialisten. Aus den Orten des Verbrechens wurden nach 1945 Orte des Erinnerns.

Auch die Gedenkstätte Sachsenhausen ist so ein Ort. Mehr als 200.000 Menschen aus 40 Nationen waren zwischen 1936 und 1945 im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg im heutigen Brandenburg interniert: politische Gegner des NS-Regimes, Juden, Sinti und Roma, alliierte Kriegsgefangene, Homosexuelle oder sogenannte "Berufsverbrecher" und "Asoziale".

Heute kommen Menschen aus der ganzen Welt an diesen Ort, um sich über die Verbrechen der Nazis zu informieren und der Opfer zu Gedenken. Axel Drecoll leitet die KZ-Gedenkstätte in Sachsenhausen und ist gemeinsam mit seinen Mitarbeitern bemüht, das Erinnern aufrecht zu erhalten. Warum das auch 75 Jahre nach Ende des NS-Regimes so wichtig ist, erzählt er im Interview.

Watson: Warum ist erinnern so wichtig?

Axel Drecoll: Es gab Lager in ganz Europa, die die Nationalsozialisten errichtet haben. Das NS-Regime hat durch den rassischen Vernichtungskrieg Millionen von Toten hervorgebracht. Diese Opfer hatten Familien. Für diese Menschen hat sich diese Zeit ganz tief in die Familienbiografie hineingeschrieben und ist bis heute sehr real. Das heißt, wir haben eine Verpflichtung zu erinnern. Das Zweite ist: Es war nicht nur die SS, die sich an den Massakern beteiligt hat.

Wir haben eine Verantwortung als Land, als Gesellschaft, die sich vor 75 Jahren in weiten Teilen an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt hat.

Axel Drecoll

Drittens: Die Basis unseres demokratischen Zusammenlebens heute ist ja ein Gegenmodell zur NS-Zeit, ein Gegenmodell zu einem homogenen Volkskörper, in dem das Individuum nichts zählt. Insofern ist auch für unsere heutige Demokratie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus unverzichtbar.

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Noch bevor die sowjetische und polnische Armee das KZ Sachsenhausen erreichte, wurden die Häftlinge in der Nacht zum 21. April 1945 von der SS "evakuiert" und auf "Todesmärsche" geschickt. Zurückbleibende Insassen erschoss die SS am Wegesrand. Bild: imago/Jürgen Ritter

Es heißt oft, Deutschland gehe im internationalen Vergleich eine Art erinnerungskulturpolitischen Sonderweg. Kann man sich zu viel erinnern?

Nein. Denn wir müssen bedenken, dass die Nachfrage nach ganz verschiedenen Formaten des Erinnerns zunimmt. In die Gedenkstätten kommen immer mehr Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Offensichtlich gibt es ein großes Bedürfnis, sich zu informieren, nicht nur in Deutschland.

Die letzten Zeitzeugen sterben. Wird sich dadurch das Erinnern künftig ändern?

Ja und nein. Für mich persönlich waren die langen und intensiven Gespräche mit Überlebenden die eindrücklichsten Begegnungen. Diese persönliche Dimension ist natürlich nach Ende der Zeitzeugenschaft nicht mehr da und auch nicht zu ersetzen. Auf der anderen Seite sind die meisten Zeitzeugen, die noch über Sachsenhausen berichten können, heute zwischen 95 und 100 Jahre alt. Die Gedenkstätten machen bereits seit über 20 Jahren Vermittlungsarbeit im Wesentlichen ohne die aktive Teilnahme von Zeitzeugen. Wir haben vielfältige Formate, auch jenseits der aktiven Kommunikation mit Zeitzeugen, um das Thema zu behandeln.

"Dieser Rundgang musste dann nach etwa 60 Minuten abgebrochen werden"

Jetzt gibt es Gruppen, die wollen sich nicht oder – sagen wir – "anders" erinnern. In der Neuen Rechten und aus Reihen der AfD gibt es die Forderung einer "erinnerungspolitischen Wende". Haben Sie in der Gedenkstätte auch Erfahrungen mit diesen Gruppen gemacht?

Wir hatten eine sehr gravierende Erfahrung. Es gab eine vom Bundespresseamt vermittelte Gruppe mit AfD nahestehenden Personen, die im Sommer 2018 in der Gedenkstätte Sachsenhausen war. Dieser Rundgang musste dann nach etwa 60 Minuten abgebrochen werden.

Warum?

Weil es im Verlauf zu verharmlosenden, relativierenden Äußerungen gekommen ist, bis hin zu dem Verdacht der Strafwürdigkeit. Tatsächlich gab es dann auch ein Ermittlungsverfahren, das mit einer rechtskräftigen Verurteilung abgeschlossen wurde. Solche Vorfälle sind aber für uns die große Ausnahme. Ich weiß aber, dass das von Kollegen anderer Gedenkstätten anders geschildert wird. Das mag auch damit zusammenhängen, dass wir in Sachsenhausen ein sehr großes Spektrum an internationalen Besuchern haben.

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Das KZ Sachsenhausen wurde von SS-Architekten geplant und im Sommer 1936 von Häftlingen aus den Emslandlagern errichtet. Bild: imago/Jürgen Ritter

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Seit 1996 wird am 27. Januar bundesweit an die Opfer des Nationalsozialismus' gedacht. Bild: imago/Jürgen Ritter

Haben Sie grundsätzlich den Eindruck, dass geschichtsrevisionistische Argumentationen wieder salonfähiger werden?

Ja, das habe ich. Was mir Sorgen macht, ist, dass sich diese verharmlosenden, relativierenden Formulierungen sehr häufig mit gruppenspezifischen Diskriminierungen von Minderheiten in Beziehung setzen. Menschen werden aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder einer vermeintlichen Gruppenzugehörigkeit diffamiert. Deswegen ist die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gerade heute umso wichtiger.

"Ich empfinde es als große Bedrohung, dass gerade diskriminierende und fremdenfeindliche Äußerungen salonfähiger werden"

Nach 1945 gab es den Konsens, Antisemitismus weitestgehend zu tabuisieren. Bricht das gerade auf?

Aufbrechen ist das richtige Wort. Es ist schwer zu sagen, ob es zum Teil neue Phänomene sind oder ob da latent antisemitische Einstellungen unter der Oberfläche wieder zum Vorschein kommen. Ich würde Letzteres vermuten. Ich empfinde es als große Bedrohung, dass gerade diskriminierende und fremdenfeindliche Äußerungen salonfähiger und ja auch im Parlament geäußert werden. Diese Damm- oder Tabubrüche sind insofern sehr ernst zu nehmen, als die Sprache ja Realität schafft. Worte können Wirkung entfalten und deswegen ist das so gefährlich.

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Gedenkstätte Sachsenhausen, ehemaliges Konzentrationslager Bild: imago/Jürgen Ritter

Welche Rolle spielt dabei die AfD?

Protagonisten der AfD tragen mit ihren Äußerungen maßgeblich zu diesen Tabubrüchen bei. Sie öffnen damit die Schleusen für diejenigen, bei denen solche Einstellungen latent vorhanden sind. Und da ist das Spektrum leider sehr, sehr groß.

90 Prozent der antisemitischen Übergriffe kommen von rechts. Aber wir erleben ihn auch von links, in muslimischen Communities, christlich gefärbt oder aus der Mitte. Sie haben weiterhin sehr viel Arbeit...

Ich denke, es ist eine Herausforderung, die sich nicht primär an die Gedenkstätten, sondern an die gesamte Gesellschaft richtet. In den nächsten Jahren ist eine bisher nie dagewesene Kraftanstrengung von Politik, Institutionen und Zivilgesellschaft notwendig, um den grassierenden Antisemitismus, aber auch Demokratiefeindschaft und Geschichtsrevisionismus erfolgreich zu bekämpfen.

(ts)

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    Alle Leser-Kommentare
  • stahlbau-grauerwolf 28.01.2020 13:50
    Highlight Highlight meine Generation hat die NS-Zeit noch voll erlebt.
    Nie wieder!
    Diese Bundesrepublik tut zu wenig um neues Aufflacker
    generell, und das seit Gründung der Republik D. zu
    unterbinden.
    Altnazis wurden wieder hofiert, in der schulischen
    Bildung zu wenig geleistet.

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