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Können Detox-Kuren zu einer guten Ernährung beitragen?

Saftkuren sind Humbug – aber warum genau? Bild: Getty Images

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Gesundheit & Ernährung: Wo Detox-Kuren scheitern

Saftkuren, Teemischungen und Pülverchen sollen unser Leben in nur zwei Wochen grundlegend verändern. Detoxen nennt sich der Spaß, der durch Fertigprodukte, Alkohol und Zigaretten ramponierte Körper wieder in Schuss bringen soll. Ähnlich vielfältig wie die Produktpalette verhalten sich auch die Werbeversprechen: ein gesundes Hautbild, verbesserte Konzentration oder verminderter Stress.

Laut Hersteller wären wir ohne ihre Detox-Produkte aufgeschmissen. Sollen sie doch ein grundlegendes Problem im Körper bekämpfen: Giftstoffe, die wir unter anderem mit der Nahrung aufnehmen und die sich mit der Zeit in unserem Körper ansammeln. In der Detox-Industrie werden sie auch als Schlacken bezeichnet. Und die sollen letztlich verantwortlich für viele Wehwehchen sein.

Wir fühlen uns ausgelaugt? Schlacken. Auf unserer Stirn macht sich ein Pickel bemerkbar? Schlacken. Wir verlieren in einem Seminar den Faden? Schlacken – oder ein Seminarleiter, der aufgrund von Schlacken nicht gut erklären kann. So schön es auch klingt – die meisten unserer Beschwerden mit einer kleinen Saftkur zu bekämpfen, funktioniert nicht. Allerdings können wir uns anderweitig helfen.

Wer hat's erfunden?

Basics first: Geprägt wurde der Begriff "Schlacken" oder "Entschlacken", also die Giftstoffe aus dem Körper befördern, in den Dreißigern von dem Mediziner Otto Buchinger. Schlacke bezeichnet eigentlich die Rückstände in Kohleöfen. Buchinger traf mit seinen Theorien den Zahn der Zeit. War die Kohleindustrie doch damals ein boomendes Geschäft.

Unabhängig davon, welche Absichten sich hinter Buchingers Theorie verbargen, raffiniert war sie allemal. Denn er schuf ein Problem, das man nur mit seiner Hilfe lösen konnte. So erläuterte er in seinem 1935 veröffentlichten Buch "Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden", wie man sich von Schlacken befreit.

Ganz im Sinne der Wirtschaftlichkeit erzeugte er Angebot und Nachfrage – mit Erfolg. Sein Buch entwickelte sich zum Bestseller und ebnete den Weg für die Detox-Industrie.

Leider hat seine Theorie ein Problem: In unserem Körper gibt es keine Schlacken – völlig egal, wie wir uns ernähren. Ist ja auch nur logisch. Wenn sich in unserem Körper mit der Zeit Giftstoffe ansammeln würden, wären wir theoretisch irgendwann voll und die sogenannten Schlacken liefen uns zum Mund raus. Passiert ist das bisher noch nicht.

Unser Körper hat einen Putztick

Für Buchingers Ansatz gibt es außerdem keine wissenschaftlichen Belege. Zudem kritisierten Mediziner die Theorie und verwiesen darauf, dass sich unser Körper selbst von Giftstoffen befreit. Auch Ernährungswissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Ernährung steht dem Detox-Trend kritisch gegenüber. Leiterin Antje Gahl erklärt:

"Entgiftungsorgane wie Darm, Leber oder Niere scheiden permanent Giftstoffe aus."

Antje Gahl

Neben diesen Organen beteiligen sich auch unsere Zellen an der Entrümpelung. Sie identifizieren schädliche und unbrauchbare Stoffe und entledigen sich dieser – ähnlich einer Müllabfuhr plus Recyclinganlage. Denn so manche Stoffe werden dabei wiederverwertet. Autophagie nennt sich der Prozess, für dessen Erforschung der Japaner Yoshinori Ohsumi 2016 einen Nobelpreis erhielt.

Eine gemischte Tüte ohne Schadstoffe

Diese Form der Selbstreinigung hat allerdings eine Schwachstelle: Insulin. Das Hormon hemmt den Prozess. Und das produzieren wir quasi nach jeder Mahlzeit, die wir zu uns nehmen. Hier sollen laut Ernährungsindustrie Detox-Produkte für Abhilfe sorgen. Dabei wäre es wohl sinnvoller, eine Zeit lang zu fasten. Läuft es doch beim Detoxen genau darauf hinaus:

"Häufig wird beim Detoxen gleichzeitig die Nahrungszufuhr radikal gekürzt, was natürlich eine gewisse Wirkung hat."

Antje Gahl

Dass die Detox-Produkte selbst für auftretende Effekte verantwortlich sind, konnte bisher nicht in Humanstudien nachgewiesen werden – weil daran schlicht nicht geforscht wird.

Lediglich die Zitronensaftdiät wurde von einem koreanischen Forschungsteam überprüft. Es kam heraus, dass Menschen, die ihre Ernährung über sieben Tage nur auf ein Zitronensaftgemisch beschränkten, Körperfettanteil sowie Insulinresistenz reduzieren konnten.

Allerdings war die Probandengruppe mit 86 Personen sehr, sehr klein. Zudem treten beide Effekte auch bei einer allgemein reduzierten Kalorienzufuhr auf. "Liegt eine Mangelerscheinung vor, also zu wenig Kohlenhydrate oder Protein, baut der Körper Ketonkörper ab. Das führt zu positiven Nebenwirkungen, zumindest wurden diese beobachtet", sagt Gahl.

Es gibt keine Abkürzung, wenn es um Gesundheit und gesunde Ernährung geht

Trotz fehlender Belege verkaufen sich Detox-Produkte. Was unter anderem am Schlacken-Mythos, den Werbeversprechen sowie den Zutatenlisten der Produkte liegen könnte. Sind sie doch meist ein Mix aus allem, was heutzutage als gesund gilt. Sei es Kurkuma-Extrakt, Heidelbeersaft oder auch Chiasamen. Kurz gesagt: eine gemischte Tüte ohne Schadstoffe.

Was jedoch wohl am ehesten für den Erfolg solcher Produkte spricht, ist die Einfachheit:

"Das Prinzip der Entgiftung legt nahe, dass ungesunde Angewohnheiten durch eine kurze Fastenperiode oder Detoxen ausgeglichen werden können."

Antje Gahl

Nicht alles ist schlecht

Das ist jedoch nicht der Fall. Neigen wir zu Alkohol, Zigaretten und Junk-Food, wird unser Körper stets belastet. Eine Saftkur kann die damit verbunden gesundheitlichen Probleme nicht mal eben aufwiegen. "Auch wenn es für die gesundheitlichen Vorteile keinerlei Belege gibt, können Detox-Kuren zumindest den Einstieg in neue Essgewohnheiten erleichtern", sagt Gahl.

Allerdings weist sie auch darauf hin, dass sie bei zu langer Anwendung zu Nährstoffdefiziten führen können. "Deshalb würde ich sie Schwangeren, Jugendlichen oder Kindern nicht empfehlen." Zudem ist es sinnvoller, sich von vornherein einen ausgewogenen Lebensstil anzueignen – auch wenn das manchmal schwerfällt.

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