Interview
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Durch die Corona-Krise empfinden viele junge Menschen ihre Zukunft als ungewiss. Bild: iStockphoto / lolostock

Interview

Jugendforscher erklärt, ob es eine "Generation Corona" geben wird

Nach dem großen Stillstand im März und April scheint sich die Erde wieder weiterzudrehen: Zumindest in Deutschland hat sich die Corona-Lage, bis auf vereinzelte Brandherde, einigermaßen beruhigt. Nachdem die erste pandemische Welle durchs Land getobt und wieder ein wenig Ruhe eingekehrt ist, sortieren sich politische und wirtschaftliche Akteure, aber auch die Bevölkerung – und immer deutlicher treten die Fragen in den Vordergrund: Wie geht es nun weiter? Welche Folgen der Pandemie erwarten uns? Und wen werden sie am heftigsten treffen?

Die wirtschaftlichen Prognosen zumindest sind düster. Ökonomen der Internationalen Währungsfonds (IWF) sprachen jüngst von einer "Krise, wie es sie noch nicht gegeben hat". Bedrohlich könnte das vor allem für junge Menschen sein: Nicht nur, dass sie bereits die Konsequenzen des Klimawandels tragen müssen – nun kommen möglicherweise noch die Corona-Folgen hinzu.

Wie das eine Generation heutzutage junger Menschen prägen könnte und welche Lücken im System die Pandemie vor allem für Schüler und Schülerinnen aufgedeckt hat, darüber hat watson mit Klaus Hurrelmann gesprochen. Er ist Jugendforscher und Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

"Junge Menschen wissen, dass Corona zwar nicht ganz so schnell vorbei sein wird, wie wir zwischendurch gehofft haben. Aber uns wahrscheinlich deutlich kürzer beschäftigen wird als der Klimawandel."

watson: Wirtschaftsexperten sprechen von einer mehrjährig andauernden Finanzkrise, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst wurde. Wird das jetzt ähnlich wie beim Klimawandel: Eine Krise, die vor allem junge Menschen und zukünftige Generationen ausbaden müssen?

Klaus Hurrelmann: Junge Menschen, von denen ungewöhnlich viele so politisch aktiv sind wie schon lange nicht mehr, thematisieren vor allem die Klimakrise mit einer intensiven Bewegung. Und sie sind sich dessen bewusst, dass diese Krise etwas ist, was andauern wird über Jahrzehnte, möglicherweise Jahrhunderte, wenn wir jetzt nicht handeln. Ganz anders ist es bei der Corona-Pandemie: Junge Menschen wissen, dass sie zwar nicht ganz so schnell vorbei sein wird, wie wir zwischendurch gehofft haben. Aber uns wahrscheinlich deutlich kürzer beschäftigen wird als der Klimawandel. Das eine ist also eine epochale, globale Existenzkrise, das andere eine akute, gefährliche Gesundheitskrise. Wer von den jungen Menschen nun politisch besonders engagiert ist, setzt darauf, sich angesichts des Klimawandels nicht von dieser Gesundheitskrise blenden zu lassen und die Ursachen der Klimakrise darüber nicht zu vergessen.

Durch die Corona-Krise sind Stellenanzeigen für junge Menschen um etwa 40 Prozent zurückgegangen. Kann das langfristige Folgen für junge Berufseinsteiger haben?

Durch die Corona-Krise werden junge Menschen, die jetzt erst in den Beruf einsteigen, stärker getroffen werden als solche, die in der Arbeitswelt bereits fest verankert sind. Wer in den vergangenen Monaten in Kurzarbeit musste, wird wohl verunsichert sein. Wer allerdings jetzt erst sein Studium oder seine Ausbildung abgeschlossen hat, muss überhaupt erst einmal Fuß fassen in der Berufswelt. Wenn die Baby-Boomer, also die heute etwa 50- bis 65-Jährigen, bald in Rente gehen, wird es für junge Menschen allerdings möglicherweise wieder einfach sein, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Insofern können wir nur hoffen, dass demografische Mechanismen eine große Jugendarbeitslosigkeit verhindern.

"Durch die Corona-Krise werden junge Menschen, die jetzt erst in den Beruf einsteigen, stärker getroffen werden als solche, die in der Arbeitswelt bereits fest verankert sind."

Nach sechs Jahren der Schwarzen Null in Folge wird sich Deutschland nun zum ersten Mal wegen des Corona-Konjunkturpakets verschulden, und zwar um über 218 Milliarden Euro. Wie werden junge Menschen die Verschuldung zu spüren bekommen?

Wenn der Staat sich jetzt so immens verschuldet, wird es definitiv die heute junge Generation sein, die diese Schulden später ausbaden muss. Allein zahlenmäßig müssen wir bedenken: Bei den Baby-Boomern gibt es pro Jahrgang etwa 1,3 bis 1,4 Millionen Menschen, bei den seit 1985 Geborenen nur noch halb so viele je Jahrgang. Insofern werden es viel weniger Steuerzahler sein, die die Schulden auffangen müssen. Aber wie gesagt, gleichzeitig bietet sich eben auch eine große Chance für junge Menschen, weil es in den kommenden Jahren wieder mehr Arbeitsplätze für sie geben könnte.

Um den Konsum wieder anzukurbeln, wurde die Mehrwertsteuer nun zeitweise gesenkt. Welchen Nutzen haben junge Menschen davon?

Für Auszubildende und Studenten ist es natürlich gut, wenn die Preise ein wenig heruntergehen, zumindest eine Zeit lang. Der Effekt gilt allerdings generationenübergreifend, es erlebt also niemand einen besonderen Vor- oder Nachteil. Gleichzeitig denke ich aber nicht, dass der Effekt allgemein so stark ist.

Glauben Sie, dass der Staat gerade genügend Maßnahmen zur Unterstützung der Generation Y und Z fährt?

Ich merke auf jeden Fall, dass die Regierung sich bemüht. Gleichzeitig hat die Corona-Krise gezeigt, wie gering die Qualität unseres schulischen Bildungssystems ist: Es ist schlichtweg nicht an moderne Standards angepasst. Daran, wie schwierig es war, den Fernunterricht in die Wege zu leiten, merken wir: Wir waren im Bildungsbereich lange Zeit einfach zu knausrig und haben uns bei Projekten wie der stockenden Digitalisierung sicherlich nicht mit Ruhm bekleckert. Nun wären meiner Ansicht nach die Bundesländer dran, verlässliche Digitalpakete zu schnüren und so das Bildungssystem zu modernisieren.

"Die Corona-Krise hat gezeigt, wie gering die Qualität unseres schulischen Bildungssystems ist: Es ist schlichtweg nicht an moderne Standards angepasst."

Könnten die jüngeren Generationen von den Investitionen durch die staatlichen Corona-Hilfsprogramme auch profitieren?

Ja, vor allem durch die Familienhilfe, die im Rahmen des Konjunkturpakets gewährleistet ist. Junge Eltern waren während des Lockdowns teils vollkommen aufgeschmissen, weil sie die Betreuung und das Unterrichten ihrer Kinder komplett auf sich allein gestellt zu Hause übernehmen mussten. Da ist die finanzielle Entschädigung von 300 Euro pro Kind zumindest eine Hilfe. An solchen Maßnahmen erkennen wir, dass in dem Konjunkturpaket die unterschiedlichen Generationen mitbedacht wurden.

Wird es eine "Generation Corona" geben und wenn ja, was macht sie aus?

Ja, tatsächlich könnte eine Generation entstehen, die nachhaltig von der Pandemie geprägt ist. Wir können eine historische Parallele zu den Menschen beobachten, die zwischen 1985 und 2000 geboren sind: Deren Kindheit und Jugend ist geprägt von der Weltwirtschaftskrise von 2008 und somit von einer starken Unsicherheit gezeichnet. Das führt dazu, dass die heute 20 bis 35-Jährigen ihr Leben extrem um sich selbst kreisen lassen: Die Möglichkeit, sich beruflich verwirklichen zu können, steht stark im Vordergrund. Die seit 2000 geborenen haben in der Hinsicht den Rücken freigehabt und hatten deswegen auch die Gelegenheit, sich zu politisieren. Eine Generation Corona wäre wahrscheinlich wieder weniger politisch und stärker auf ihre eigene Sicherheit konzentriert. Ob es so eine Generation tatsächlich geben wird, hängt auch davon ab, wie lange die Krise andauert und wie intensiv sie wird.

"Eine Generation Corona wäre wahrscheinlich wieder weniger politisch und stärker auf ihre eigene Sicherheit konzentriert."

Glauben Sie, dass die Generationen enger zusammenrücken oder die Kluft durch Corona verstärkt wird?

Zu Beginn der Pandemie gab es ein paar Anwandlungen junger Leute, die sich durch die Maßnahmen besonders eingeschränkt gefühlt haben und kritisierten, so sehr auf die Älteren Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl sie selbst in der Regel zu keiner Risikogruppe gehören. Aber diese Befindlichkeiten wurden schnell über Bord geworfen. Vor allem diejenigen, die nach 2000 geboren und durch die Klimakrise politisch besonders aktiv sind, haben ein großes Maß an Solidarität gegenüber anderen Generationen gezeigt.

Das haben sie allerdings auch bei den Klimaprotesten getan: Dort werden ältere Generationen zwar kritisiert, gleichzeitig wird darauf geachtet, keine Spaltung in der Gesellschaft zu erzeugen, sondern alle Menschen mitzudenken. Diese Haltung konnte quasi auf die Corona-Krise übertragen werden. Parallel hat auch der Staat mit seinem umsichtigen Krisenmanagement während der Pandemie dazu beigetragen, dass Kluften zwischen den Generationen vermieden wurden. Insofern wurden die verschiedenen Perspektiven der Generationen recht gleichmäßig bedacht.

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