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Links: Frauen demonstrieren 2016 gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts in Peru. Rechts: Tausende demonstrieren am 5. Mai 2018 in der peruanischen Hauptstadt Lima gegen Abtreibung. Bild: Imago/Collage: Watson

Tausende protestieren in Peru gegen Abtreibungen – dabei wäre das Gegenteil nötig

Tausende Menschen haben in Peru gegen Abtreibungen protestiert. Vertreter der Kirche, Politiker, Aktivisten und Familien gingen am Samstag in der Hauptstadt Lima auf die Straße. Die jährliche Kundgebung unter dem Motto "Vereint für das Leben" wird seit 2012 von Limas Erzbischof Juan Luis Cipriani organisiert. Der Kardinal ist Mitglied der erzkonservativen Katholikenorganisation Opus Dei. Die Protestmärsche der Abtreibungsgegner zählen zu den größten Demonstrationen in dem südamerikanischen Land.

Und das, obwohl Abtreibungen in Peru bereits in den allermeisten Fällen illegal sind.

Die Abtreibungsgegner nennen ihre Demonstration "Marsch für das Leben".

Thounsands take part in the sixth edition of the March for Life in Lima, Peru, 05 May 2018. Thousands of Peruvians marched in Lima against abortion in a massive demonstration promoted by the Catholic Church and evangelical groups. Thousands of Peruvians march in Lima against abortion in the so-called March for Life !ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xErnestoxAriasx LIM01 20180506-636611697770023959

Bild: Ernesto Arias/imago stock&people

Wann sind Abtreibungen in Peru erlaubt?

Abtreibungen sind in Peru nur dann erlaubt, wenn der Fötus schwere Missbildungen aufweist oder das Leben oder die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. Doch selbst in Fällen mit klarer medizinischer Begründung haben peruanische Krankenhäuser Patientinnen Abtreibungen in der Vergangenheit mehrfach verweigert.

Der Fall eines 13-jährigen Mädchens sorgte 2007 für Aufsehen. Das Mädchen war nach einer Vergewaltigung schwanger geworden und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Stunden später wurde das Mädchen schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Die notwendige Operation wurde dort verweigert, weil diese die Schwangerschaft hätte gefährden können. Auch eine Abtreibung aus medizinischen Gründen wollte das Krankenhaus nicht durchführen. Erst Monate später – und nach einer Fehlgeburt – wurde die 13-Jährige operiert. Seitdem ist sie von der Schulter abwärts gelähmt.

Auch in Deutschland wird die rechtliche Situation von Abtreibungen debattiert:

Nachdem dieser Fall auch international für Kritik gesorgt hatte, hat Peru 2014 neue Richtlinien eingeführt. Sie sollen zumindest dafür sorgen, dass Frauen, deren Gesundheit bedroht ist, Zugang zu Abtreibungen bekommen. Laut lokalen Frauenrechtsorganisationen ist das jedoch weiterhin nicht immer der Fall.

Von einer Gesetzgebung, die Abtreibungen auch dann legalisiert, wenn es nicht um die Gesundheit der Mutter oder des Fötus geht, ist Peru weit entfernt. Unter dem Druck der katholischen Kirche hatte das Parlament 2009 einen Gesetzesentwurf gestoppt, mit dem Schwangerschaftsabbrüche nach einer Vergewaltigung legalisiert werden sollten. 

Wie gehen peruanische Frauen mit der Gesetzeslage um?

Wie in allen Ländern mit einem weitreichenden Abtreibungsverbot finden auch in Peru trotzdem Schwangerschaftsabbrüche statt.

In vielen Fällen jedoch ohne einen Arzt. Für Frauen bedeutet das je nach Methode ein hohes gesundheitliches Risiko. In seltenen Fällen führen peruanische Frauen sich dabei Seifenlösungen oder Waschmittel in den Uterus ein, verletzen sich mit scharfen Gegenständen selbst, oder lassen sich absichtlich auf den Bauch fallen, wie die Organisation "Ärzte der Welt" in einer Studie schreibt. 

Verbreiteter ist jedoch die Einnahme des Abtreibungsmedikaments Misoprostol. Das ist in Peru in Apotheken erhältlich, weil es auch zu anderen Zwecken als zum Schwangerschaftsabbruch genutzt werden kann. Für gewöhnlich wird das Mittel in Kombination mit dem Wirkstoff Mifepriston genutzt, der in Peru jedoch nicht erhältlich ist.

Abtreibungsgegner kämpfen oft vor allem mit dreisten Lügen für ihre Interessen:

Obwohl Abtreibungen verboten sind, beraten einige peruanische Mediziner Frauen zur sicheren Einnahme des Medikaments. US-Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass die Verwendung des Medikaments dabei in 90% der Fälle erfolgreich ist

Viele Frauen, die keinen Zugang zu solchen Beratungsangeboten haben, verlassen sich hingegen auf die Dienste von illegal arbeitenden Scharlatanen. Frauenrechtler schätzen, dass jährlich in Peru 376.000 Abtreibungen vorgenommen werden, die meisten davon unter unsicheren medizinischen Bedingungen. Komplikationen durch verpfuschte Abtreibungen seien eine der Hauptursachen für den Tod von Frauen in Peru, wie die Thompson-Reuters-Stiftung in einem Dossier über die weltweit gefährlichsten Megastädte für Frauen schreibt. 

Wie ist es sonst um Frauenrechte in Peru bestellt?

Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet, wurden im Jahr 2016 in Peru 108 Frauen von ihren Partnern getötet, darüber hinaus habe es 222 Fälle von versuchtem Mord an Frauen und Mädchen gegeben. Die meisten dieser Fälle seien nicht einmal untersucht worden, oder hätten lediglich Bewährungsstrafen zur Folge gehabt. 

Die Teilnehmerinnen des "Miss Peru"-Wettbewerbs setzten im vergangenen Jahr ein beeindruckendes Statement gegen Gewalt an Frauen:

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Video: YouTube/Guardian News

80 Prozent der Opfer von Menschenhandel in Peru seien Frauen, mehr als die Hälfte der Opfer sei minderjährig, berichtet Amnesty International weiter. Die Mehrheit von ihnen werde in Bergbaugebieten sexuell ausgebeutet.

Auch die Anzahl der Teenagerschwangerschaften ist in Peru erschreckend hoch. In einigen Regionen des Amazonasgebiets seien in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen 32,8 Prozent schwanger geworden. 60 Prozent der Schwangerschaften von Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren seien die Folge einer Vergewaltigung. (Amnesty Report 2017)

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fasst in ihrem "World Report 2017" zusammen: 

"Frauen und Mädchen in Peru sind weiterhin einem hohen Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt."

Human Rights Watch

Gibt es Widerstand?

Ja! Strikte Abtreibungsgesetze und Gewalt gegen Frauen sind in vielen lateinamerikanischen Ländern ein großes Problem. Und in einigen dieser Länder regt sich in den vergangenen Jahren vermehrt Widerstand.

Frauen demonstrierten am 19. Mai 2016 in Lima gegen geplante Verschärfungen der Strafen für Abtreibungen. Die Polizei reagierte mit Tränengas.

Frauen demonstrierten am 19. Mai 2016 in Lima gegen geplante Verschärfungen der Strafen für Abtreibungen. Die Polizei reagierte mit Tränengas.

Bild: imago stock&people

Im Jahr 2016 haben sich bis zu 500.000 Menschen an Demonstrationen der Bewegung #NiUnaMenos (Nicht eine weniger) in Peru beteiligt. Die Proteste begannen, nachdem ein Mann frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde, der seine Freundin angegriffen hatte – und dabei gefilmt wurde.

Eine Demonstration der #NiUnaMenos-Bewegung im November 2017.

Eine Demonstration der #NiUnaMenos-Bewegung im November 2017.

Bild: Ernesto Arias/imago stock&people

Unter demselben Namen war bereits ein Jahr zuvor eine Soziale Bewegung in Argentinien entstanden, die sich gegen Gewalt gegen Frauen richtete. Die Bewegung breitete sich anschließend in mehrere lateinamerikanische Länder aus. Bis heute macht sich die Bewegung auch für das Recht auf Abtreibung stark.

(mit afp)

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