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Manuel Neuer gegen Alexander Nübel Bild: imago/watson montage

Meinung

Warum das Duell Nübel gegen Neuer einen eindeutigen Sieger hat

Publiziert: 08.01.20, 19:47
constantin eckner

Bei Bayern München könnte in der kommenden Saison ein spannender Zweikampf auf der Torhüterposition entbrennen. Der deutsche Rekordmeister hat mit Alexander Nübel vom FC Schalke einen ambitionierten Schlussmann verpflichtet, dem Platzhirsch Manuel Neuer allerdings nicht einfach die Nummer eins überlassen möchte. Sicher ist: Nübel kann von Neuer noch so einiges lernen.

Die Gemeinsamkeiten der beiden liegen auf der Hand: Neuer und Nübel gelang bei Schalke 04 der Durchbruch, bevor sie mit Mitte 20 nach München wechselten. Darüber hinaus sind beide ähnlich groß und verfügen über eine für Torhüter mehr als ausreichende Armlänge, die sie zu visuellen Giganten auf der Torlinie macht.

Neuer weiß schon lange seine Größe perfekt zu nutzen, indem er gegenüber gegnerischen Stürmern den Winkel verkürzt und die eigene Körperfläche optisch vergrößert. Für Angreifer bietet sich oftmals ein Bild, als fülle Neuer das gesamte Tor aus. Marco Reus etwa scheiterte während seiner vielen Duelle mit Neuer des Öfteren gerade deshalb am Nationaltorwart.

Neuer hat das Stellungsspiel, Nübel die Reflexe

In dieser Hinsicht steht Nübel dem "Amtsinhaber" beim FC Bayern in nichts nach. Nübel ist ebenso wie Neuer ein Modellathlet und verfügt sogar noch über etwas mehr Sprungkraft als der Bayern-Schlussmann. Neuer hat dem Anschein nach aufgrund von Verletzungen und der körperlichen Abnutzung über die Jahre im athletischen Bereich ein wenig abgebaut, kompensiert das aber mit starkem Stellungsspiel im Strafraum und auf der Linie. Wo Nübel mit katzenartigen Reflexen à la David de Gea noch die Parade bewerkstelligt, steht Neuer oftmals einfach richtig und muss "nur" noch einen Arm oder ein Bein an den Ball bekommen. Auf leicht unterschiedlichem Wege kommen sie somit zu einem ähnlichen Resultat.

Das zeigen auch die statistischen Werte beider Torhüter in dieser Saison: Neuer macht nahezu nie positionelle Fehler und weiß, ob bei Fernschüssen, bei Flanken oder Eckbällen, wo er zu stehen hat. Nübel ist mit ihm in diesem Aspekt nahezu auf Augenhöhe.

Warum ist Neuer immer noch besser?

Trotzdem ist Neuer dem baldigen Herausforderer als Torhüter-Gesamtpaket immer noch überlegen. Die Bayern legen bei ihrer Verpflichtung gewiss Wert auf die klassischen Torhüterfähigkeiten, die Nübel zu einem großen Teil mitbringt, aber nicht immer abrufen kann. In der Hinrunde war er nicht frei von Fehlern. Der 23-Jährige besitzt das grundsätzliche Talent, die athletischen Fähigkeiten und Reflexe, um zu einem schier unüberwindbaren Chancenvereitler zu werden.

Im Torwartspiel geht es jedoch oftmals darum, im genau richtigen Moment mit voller Konzentration auf einen Schuss zu reagieren und die Fähigkeiten abzurufen. Volle Konzentration bedeutet in diesem Fall, dass die Beine richtig stehen, dass im richtigen Moment der Absprung gelingt, dass sich die Hand im entsprechenden Winkel und mit der entsprechenden Spannung zum Ball bewegt. Genau daran muss der bis jetzt noch recht unerfahrene Nübel arbeiten. Denn wenn diese Details nicht stimmen, dann wird aus dem größten Torwarttalent kein Torwartgigant. Neuer hingegen kann fast immer im richtigen Moment die perfekte Bewegung vollziehen und ist deshalb über die Jahre zu einer solchen Paraden-Maschine geworden.

Neuer trifft die besseren Entscheidungen abseits der Linie

Neuers Stärke und seine Überlegenheit gegenüber Nübel macht sich zugleich bei seiner Entscheidungsfindung in brenzligen Situationen bemerkbar – etwa bei einem freien Konter des Gegners, bei dem der Torhüter entscheiden muss, wie und wann er aus dem Tor läuft. Speziell das ballbesitz-lastige Spiel der Bayern mit der hochstehenden Abwehrkette kann manchmal solche Konter ermöglichen, bei denen kein Verteidiger mehr entscheidend eingreift.

Ehrfürchtige Blicke von Nübel im Jahr 2018, als der damalige Ersatzkeeper des FC Schalke seine Nummer eins, Ralf Fährmann, und Manuel Neuer beim Handschlag beobachtet. bild: imago images / Team 2

Neuer ist ein Meister in Sachen Timing und Körperstellung, wenn es darum geht einen heranrauschenden Stürmer unter Druck zu setzen oder eine Hereingabe abzufangen. Nübel kann beides sicherlich situativ auch, aber noch nicht mit der notwendigen Konstanz. Gerade in diesem Bereich fehlt ihm mit 35 Bundesliga-Partien noch ein wenig die Erfahrung. Neuer ist derweil seit Jahren einer der besten Torhüter fernab des Fünfmeterraums.

Daten zeigen: Neuer ist stärker am Ball als Nübel

Ebenso gehört Neuer zu den fußballerisch besten Torhütern der Moderne. Seine kurzen Pässe im Spielaufbau sind essenziell für die Spieleröffnung der Bayern wie auch der deutschen Nationalmannschaft. Er ist de facto ein zusätzlicher Innenverteidiger und schafft gegen viele Pressinglinien eine deutliche Überzahl. Darüber hinaus kann er auch lange Bälle mit einer großen Sicherheit in die offensiven Zonen spielen, wie die statistischen Werte weiter oben zeigen.

Nicht ohne Grund etablierte sich vor einigen Jahren der Begriff der "Torwartkette" in Anlehnung an die Dreier- und Viererkette, weil Neuer und wenige andere das Torwartspiel auf höchstem internationalen Niveau so progressiv praktizierten. Neuer funktioniert als elfter Feldspieler, Nübel hingegen nicht.

Die Passquote des Noch-Schalkers liegt laut Whoscored.com bisher in dieser Saison bei 66,5 Prozent; nur 37 Prozent seiner langen Bälle finden einen Schalker Feldspieler. Und selbst wenn ein Zuspiel den Mitspieler erreicht, bringt er seine Vordermänner des Öfteren in Schwierigkeiten, weil weder Passtiming noch Passgewichtung optimal sind. Natürlich hilft ihm der Schalker Spielaufbau auch nicht, weil sich selten mehr als zwei Spieler unmittelbar anbieten und Nübel schon allein deshalb in Zugzwang geraten kann.

Eine Riese im Tor: Marco Reus vergibt eine Torchance gegen Manuel Neuer. Bild: imago images / Eibner

Das macht die Diskrepanz zu Neuer umso eindrücklicher: Beim aktuellen Bayern-Torwart kommen 89,1 Prozent aller Pässe und 57,3 Prozent der langen Bälle an. Bei 483 kurzen Pässen – also Pässen kürzer als 23 Meter – praktizierte er nur vier Fehlabspiele. Neuer möchte am Passspiel aktiv teilnehmen und tut dies oftmals bravourös. Nübel hingegen scheint oftmals froh, wenn er den Ball irgendwie loswird.

Gerade dieser fußballerische Qualitätsunterschied gegenüber Neuer ist für Nübel nicht über Nacht aufzuholen. Zumal aus ihm wohl nie ein spielmachender Torhüter der Kategorie Neuer wird, was vielleicht überraschen dürfte, da der gebürtige Paderborner früher noch im zentralen Mittelfeld zuhause war. Neuer zeigte bereits in der Anfangszeit auf Schalke sein Können und seine Spielmacher-Denkweise am Ball, auch wenn ihm gelegentlich Fehler beim Abspiel oder Abwurf unterliefen.

Fazit: Nübel kann von Neuer lernen

Die Bayern werden sich jedoch gut überlegt haben, ob sie ihren Spielaufbau zugunsten von Nübel verändern wollen, sollte er über kurz oder lang Neuer wirklich beerben. Ebenso werden sie sich gut überlegt haben, ob sie ihm zutrauen, als Torhüter insgesamt den nächsten Schritt zu gehen und in den angesprochenen Punkten zu Neuer aufzuschließen.

Als Neuer 2011 zu den Bayern wechselte, war er nur eineinhalb Jahre älter als Nübel. Er hatte im Vergleich zu diesem aber bereits über 100 Profispiele mehr absolviert, als Nationalmannschaftstorwart die Weltmeisterschaft 2010 bestritten und war zum deutschen Fußballer des Jahres gewählt worden. Er hatte insofern einen unglaublichen Erfahrungsvorsprung, ein größeres Standing im deutschen Fußball und bei seinem Eintreffen in München die Gewissheit, als Nummer eins im Tor des FC Bayern gesetzt zu sein.

Vielleicht würde Nübel unter den gegebenen Umständen sogar ein Lehrjahr mit dosierten Einsätzen für die eigene Entwicklung helfen, damit er sich bei Neuer noch das eine oder andere abschauen kann und beispielsweise lernt, wie er ein Spiel defensiv wie offensiv noch besser liest. Ganz ohne Einsätze bei wichtigen Profispielen kann sich Nübel in jedem Fall nicht verbessern. Denn Timing verbessert sich im Wettkampf. Seine Sicherheit beim Herauslaufen und am Ball kann sich auch nur verbessern, indem er Drucksituationen übersteht, daraus lernt und Selbstvertrauen zieht.

Da Nübel zum Zeitpunkt des Wechsels noch nicht auf dem Niveau eines Neuers sein kann, wirkt die Entscheidung des Noch-Schalkers gewagt. Bayerns Vorstand Oliver Kahn nannte sie bei seinem Amtsantritt am Dienstag sogar "mutig". Denn klar ist auch: Hat er die Qualität und stellt diese noch ein paar Jahre bei einem Verein wie Schalke, wo er die unangefochtene Nummer eins wäre und sogar die Kapitänsbinde trüge, unter Beweis, hätten ihm immer noch alle Türen zu einem internationalen Top-Klub wie dem FC Bayern offen gestanden.