Bild: German Dream
Analyse

Wahlkampagne für junge Menschen mit Migrationsgeschichte: "Wir sind kulturelle Übersetzer"

Mit der Unterstützung von Aktivisten unterschiedlichster Herkunft will "German Dream"-Gründerin Düzen Tekkal Menschen mit Migrationsgeschichte zum Wählen animieren
23.09.2021, 09:2523.09.2021, 11:27

Eko Fresh setzt sein bestes Schwiegersohn-Lächeln auf. „Was mache ich am 26. September 2021? Ich wähle, du auch?“, fragt der 38-jährige Rapper in die Kamera. Und hebt dann zu einem Impulsreferat über die Vorteile der parlamentarischen Demokratie an, in einem Mix aus deutscher und türkischer Sprache. Der in den sozialen Netzwerken geteilte Clip ist Teil der Kampagne „Ich wähle. Du auch?“ der Bildungsinitiative German Dream. Damit sollen junge Menschen mit Migrationsgeschichte an die Wahlurnen geholt und über Grundsätze des Wahlsystems aufgeklärt werden, in möglichst einfacher, klarer Sprache.

Der Bedarf scheint groß zu sein: Laut einer Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration nehmen Menschen mit Migrationshintergrund ihr Stimmrecht seltener wahr als andere. 2017 waren es demnach 65 Prozent der Befragten – gegenüber 85,5 Prozent bei Biografiedeutschen.

"Die Art und Weise, wie wir Dinge erklären, hat ganz viel mit unserer eigenen Biografie zu tun", sagt Düzen Tekkal, Gründerin von German Dream, im Gespräch mit watson. Die Politikwissenschaftlerin mit kurdisch-jesidischen Wurzeln hat die Initiative 2019 gegründet. "Wenn ich so eine Kampagne mache, denke ich an meine Tante, die Analphabetin ist. An meine Cousine, die nicht den gleichen Bildungshintergrund hat wie ich. Deshalb fangen wir ganz vorne an."

Ihre Eltern durften viele Jahre lang nicht wählen, weil sie die deutsche Staatsbürgerschaft nicht hatten. Aus dem gleichen Grund gingen auch heute viele nicht wählen, sagt Tekkal. "Auch eine mehrsprachige Regierungskommunikation fehlt, das wurde zuletzt bei Corona deutlich." Weil sie nicht angesprochen würden, fühlten sich viele Menschen mit Migrationsgeschichte nicht wertgeschätzt.

Neben Eko Fresh treten zahlreiche andere, mehr und weniger bekannte junge Menschen in Videoclips auf und motivieren in ihrer Muttersprache zur Teilnahme an der Bundestagswahl. Tülin Tekkal, Aktivistin im Verein Hawar Help und Schwester der "German Dream"-Gründerin Düzen Tekkal, ist für Kurdisch zuständig. Benjamin Fischer, Programmanager der Alfred-Landecker Stiftung, wirbt auf Hebräisch für die Wahl. Und die Musikerin Emily Roberts spricht die englischsprachige Community an.

"Es heißt immer, die Jugend sei politikverdrossen. Aber: Die Politik ist jugendverdrossen"

Teil der Kampagne sind neben Wahlaufrufen in mehreren Sprachen auch verschiedene Talk-Formate. Auf Instagram werden sozialpolitisch engagierte Menschen zum Gespräch geladen. In Live-Panels stellen sich Politikerinnen wie Serap Güler (CDU), Ricarda Lang (Grüne) und Lars Klingbeil (SPD) den Fragen junger Wähler.

"Es heißt immer, die Jugend sei politikverdrossen", sagt Düzen Tekkal. "Aber: Die Politik ist jugendverdrossen." Da sei die Zivilgesellschaft viel weiter, wie Bewegungen Fridays For Future oder Flüchtlings-Initiativen zeigten. "Wir als German Dream verstehen uns als kulturelle Übersetzer. Deshalb haben wir auch die Live-Talks mit Politikerinnen gemacht. Da ging es richtig zur Sache."

Generell gebe es in der Zielgruppe ein großes Misstrauen gegenüber Politik und Medien. Umso wichtiger sei es, wer der Überbringer von Nachrichten ist. "Hier brauchen wir authentische Menschen mit Migrationsgeschichte, die selber zu Akteuren werden."

Die Wahlbeteiligung unter jungen Menschen ist generell gering. Dem Bundeswahlleiter zufolge lag die Wahlbeteiligung der 18- bis 20-Jährigen bei der Bundestagswahl 2017 bei 69,9 Prozent. Die Gruppe der 21- bis 24-Jährigen kam auf 67 Prozent. Im Vergleich mit den anderen Altersgruppen sind das die geringsten Werte. Ganz vorne liegen übrigens Wählerinnen im Alter von 50 bis 59 Jahren. Ihr Wert lag 2017 bei 79,4 Prozent.

Ein politisch neutraler Aufruf zur Stimmabgabe ist „Ich wähle. Du auch?“ indes nicht. Zwar heißt es auf einem Flyer: „Ohne deine Stimme, die deine Bedürfnisse und Forderungen repräsentiert, wird deine Meinung nicht abgebildet.“ Aber auch: „Protestwählen, nein danke! Wenn du deine Stimme nicht abgibst, kann sie indirekt rechtspopulistischen und -extremen Parteien zu Gute kommen.“

"Die AfD ist für uns außerhalb des demokratischen Spektrums. Deshalb findet sie bei uns ganz bewusst nicht statt"

Allerdings schließen sich ein Migrationshintergrund und Sympathien für rechte Politik nicht aus. Einer Studie der Universität Duisburg-Essen zufolge haben bei der Bundestagswahl 2017 zum Beispiel 15 Prozent der Russlanddeutschen für die AfD gestimmt. Das ist ein leicht höherer Wert als bei Wahlberechtigten ohne Migrationsgeschichte.

"Die AfD ist für uns außerhalb des demokratischen Spektrums. Deshalb findet sie bei uns ganz bewusst nicht statt", sagt Tekkal. Natürlich sei German Dream offen für Menschen, die mal AfD gewählt und nun ihre Meinung geändert hätten. "Mir ist wichtig zu betonen: Rechte und Faschisten gibt es nicht nur bei Herkunftsdeutschen, sondern in ganz verschiedenen Gruppen, auch unter Migranten."

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