Düzen Tekkal setzt sich bereits seit mehreren Jahren für Menschen- und speziell Frauenrechte ein.
Düzen Tekkal setzt sich bereits seit mehreren Jahren für Menschen- und speziell Frauenrechte ein.
bild: photothek/ BMZ
Interview

"Wir müssen verstehen, dass diese Frauen gerade auf unsere Unterstützung angewiesen sind": Aktivistin gibt Rat, wie du in Afghanistan helfen kannst

25.08.2021, 17:0113.09.2021, 15:44

Auf Düzen Tekkal treffen viele Beschreibungen zu: Aktivistin, Kriegsberichterstatterin, Autorin, Sozialunternehmerin, Filmemacherin und Fernsehautorin. Was all diese Tätigkeiten vereint, ist Tekkals Kampf für Menschen- und Frauenrechte in Gebieten wie dem Irak oder jetzt in Afghanistan. Tekkal ist Deutsche mit kurdischen und jesidischen Wurzeln. Ihre Eltern flohen schon vor ihrer Geburt aus der Türkei.

Tekkal hat zahlreiche Vereine zum Schutz von Frauen gegründet. Darunter "Hawar Help e.V.", eine Menschenrechtsorganisation zum Schutz von Frauen, die Projekte im Irak und in Deutschland organisiert. Wegen der Krise in Afghanistan gründetet sie den Verein "Defend Afghan Women's Rights" in Zusammenarbeit mit dem "Centre for Feminist Foreign Policy" und sammelte damit in kürzester Zeit über 120.000 Euro an Spenden.

Watson hat mit Düzen Tekkal über die aktuelle Lage der Frauen in Afghanistan und über ihre Initiative "Defend Afghan Women's Rights" gesprochen.

watson: Frau Tekkal, was kann man selbst tun, um den Frauen in Afghanistan zu helfen?

Düzen Tekkal: Wir müssen verstehen, dass diese Frauen gerade auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Denn die meisten afghanischen Frauen, die nicht unter der Taliban-Herrschaft leben möchten, sind in Gefahr. Bis hin zur Lebensgefahr.

Gibt es noch etwas, das über das reine Spenden hinaus geht?

Den eigenen Abgeordneten schreiben, seine Netzwerke nutzen. Darüber reden, demonstrieren gehen. Sich engagieren, also Position beziehen. Ich finde, diese Politisierung der Gesellschaft ist ja schon im vollen Gange und die muss nun adressiert werden. Bei unserem Verein geht es auch nicht nur um Spenden – es geht um Verbindungen. Es geht gerade um eine weltweite Solidarität und Schwesternschaft. Das soll alles nicht pathetisch klingen, aber das, was da gerade passiert, ist bemerkenswert. Ich glaube, wir sind gerne da für unsere Schwestern.

Haben Sie direkten Kontakt mit Frauen vor Ort in Afghanistan?

Ich darf keine Namen nennen. Aber wir sind gerade im Austausch mit sehr vielen Frauen vor Ort. Es gibt den Fall einer Frau, eine Anwältin. Sie hat viele Taliban-Kämpfer und Männer, die wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurden, durch ihre Arbeit ins Gefängnis gebracht. Die werden jetzt alle freigelassen und seitdem steht sie auf einer Kill-Liste. Sie hat Todesangst. Diese Menschen, die jetzt rauskommen, wollen Rache üben. Somit schwebt jeder Afghane, der für die NAT, eine deutsche NGO oder ausländische Initiativen gearbeitet hat, gerade in Lebensgefahr, weil diese Menschen zur Zielscheibe gemacht werden. Und sie haben ein ganz dichtes Zeitfenster.

Warum geben sich die Taliban auf einmal so liberal?

Im Moment finden unterschiedliche Kriege statt – auch der Krieg um Dominanz und Storytelling. Die Taliban machen es gerade sehr perfide, sie haben sehr viel gelernt. Auch von ihren IS-Brüdern, die wissen, dass dieser Machtwechsel auch digital durchgesetzt werden muss. Und deswegen werden gemäßigte Töne angeschlagen. Aber wir dürfen diesen Tönen nicht glauben. Im Gegenteil, wir müssen uns die Verlautbarungen der Taliban ansehen, in denen gesagt wird, dass unverheiratete Frauen im Alter von zwölf bis 45 Jahren verheiratet und als Kriegsbeute eingesetzt werden dürfen. Es geht um eine Erzählung der Taliban, der wir keinen Glauben schenken dürfen. Sobald die Kameras weg sind, werden die Minderheiten und die Frauen die Ersten sein. Ein Beispiel: Amnesty International hat gerade gezeigt, dass neun Männer der Hazara-Gruppe, einer Minderheit in Afghanistan, mit Kopfschuss hingerichtet worden sind.

Was macht Ihre neu gegründete Initiative "Defend Afghan Women’s Rights" dagegen?

Wir haben eine Initiative ins Leben gerufen, gemeinsam mit Háwar Help und CFPP (Centre for Feminist Foreign Policy) und anderen Frauenrechtsorganisationen, die wir nicht nennen dürfen – auch aus Sicherheitsgründen. Dort sind auch afghanische Frauen mit eingebunden, die wie gesagt auch ein bisschen aufpassen müssen, sich aber bei uns äußern. Wir sammeln gerade Spenden, um diese Frauenrechtsarbeit und die afghanischen Organisationen, wie zum Beispiel den Afghanischen Frauenverein oder Vision for Children, zu unterstützen. Ich definiere unsere Arbeit als außerparlamentarische Opposition aus der Zivilgesellschaft, die parteiübergreifend arbeitet.

Wie ist das Feedback auf Ihr Engagement?

Wir haben innerhalb von fünf Tagen über 120.000 Euro gesammelt. Und ich finde, das zeigt, dass da eine riesige Solidaritätswelle und Bereitschaft ist, aus allen Teilen der Gesellschaft, insbesondere von den Frauen. Viele Politiker haben Angst, dass sie nicht mehr gewählt werden, wenn sie den Afghanen zu sehr helfen. Ich weiß nicht, ob das die richtige Schlussfolgerung ist. Ich erlebe eigentlich das Gegenteil: Schon durch den Druck in der Öffentlichkeit muss sich ja Politik gerade auch verhalten. Und das ist die Kraft der Zivilgesellschaft.

Forderungen der Initiative "Defend Afghan Women's Rights" im Überblick
1. Ein sicheres Geleit der Frauenrechtsverteidigerinnen und ihrer Familien zum Flughafen

2. Eine verbindliche Zusage, dass Frauenrechtsverteidigerinnen ein Platz auf einer der Evakuierungslisten garantiert wird

3. Internationale Verhandlungen, mit dem Ziel, den Flughafen über Ende August hinaus zu sichern

4. Eine unbürokratische Aufnahme der bedrohten Frauenrechtsverteidigerinnen in Deutschland

5. Eine sofortige, langfristige finanzielle Unterstützung von afghanischen und internationalen Frauenorganisationen

6. Die Einberufung einer sogenannten Fact-Finding Mission, die unter dem Mandat des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen die Menschenrechtsverletzungen der letzten Tage in Afghanistan dokumentiert

7. Die Einführung von Sonderkontingenten für besonders gefährdete Personengruppen, die es ihnen ermöglicht, in Krisensituation schnell Asyl zu bekommen

8. Eine feministische Außenpolitik, die sich immer an den Bedürfnissen und Forderungen von feministischen, zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure orientiert.

Ist die Machtergreifung der Taliban jetzt noch schlimmer als früher für die Frauen in Afghanistan, weil sie an die Freiheit gewöhnt waren?

Die Frauen können es nicht fassen, dass jetzt die Zeit zurückgedreht wird. Während der ausländischen Besatzung ist eine neue Generation herangewachsen, da haben 40 Prozent der Frauen studiert, sie haben gearbeitet und diesen Duft der Freiheit eingeatmet. Diese Frauen können es nicht fassen, dass sich das auf einmal alles ändern soll. Sie kennen die Geschichten der Taliban nur aus Erzählungen. Die trauen ihren Augen und Ohren nicht.

"Seit Tagen kriegen wir wirklich alle zehn bis 15 Minuten E-Mails von Angehörigen mit dramatischen Geschichten."

Gibt es eine Form des Widerstands oder ist das zu gefährlich?

Ich finde es bemerkenswert, dass es tatsächlich noch Frauen gibt, die demonstrieren und auf die Straße gehen. Das können sie aber nur, solange das Interesse der Medienöffentlichkeit auf Afghanistan gerichtet ist. Wenn die Presse abzieht, ist es vorbei. Und dieses Zeitfenster müssen wir nutzen. Das heißt nicht, dass wir alle Frauen rausholen können. Aber es heißt, dass wir die besonders gefährdeten Frauen, die Aktivistinnen, Anwältinnen, Richterinnen, Menschenrechtsaktivistinnen und Journalistinnen retten können. Wenn wir denen nicht helfen, dann sind die und vor allem auch ihre Angehörigen den Taliban ausgeliefert.

Was sollte die Politik Ihrer Meinung nach tun, um zu helfen?

Die Frage ist ja auch: Tun wir genug? Mir ist klar, dass wir die nicht alle rausholen können. Darum geht es auch nicht, sondern es geht darum, was für eine Politik wir eigentlich in Europa machen. Wir können uns auf den großen Bruder Amerika nicht mehr verlassen, sondern wir müssen in Europa jetzt eigene Standpunkte und Handlungsempfehlungen entwickeln. Und die dürfen und können nur von Menschen- und Frauenrechten geleitet sein. Wir müssen sozusagen den Fokus der Zivilgesellschaft in die Mitte rücken. Parallel dazu müssen wir die Opposition und die Zivilgesellschaft vor Ort stärken. Das heißt, wenn wir als Geberland finanzielle Zusatzleistungen vollziehen, müssen wir es daran koppeln, dass die Menschenrechte auch eingehalten werden. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass die Taliban ohne finanzielle Unterstützung von außen nicht überlebensfähig sind. Wenn diese Gelder nicht mehr fließen, wird das auch ein Problem für die Taliban.

Also müsste es einen Strategiewechsel in der Afghanistan-Politik geben?

Wir müssen den Spieß umdrehen: Wir dürfen nicht zulassen, dass Dschihadisten und Despoten den Westen mit Flüchtlingen erpressen. Wir müssen eine eigene Strategie entwickeln. Und das bedeutet beispielsweise, dass wir nicht immer erst dann handeln, wenn die schrecklichen Bilder um die Welt gehen und die Zivilgesellschaft weltweit sich solidarisiert und vernetzt.

Was wird stattdessen getan?

Was ich sehe, ist stattdessen so eine Appeasement-Politik (Beschwichtigungspolitik, Anm.d.Red.), mit der versucht wird, die Taliban zu relativieren. Nach dem Motto: "So schlimm sind die ja nicht". Und ich sage mal, die Frauen sind die größten Opfer dieser Taliban und auf die sollten wir hören. Oder auf Menschen, die anderer Meinung sind. Es gibt eine große Zahl von Menschen, die Angst haben, auf die Straße zu gehen. Die sind da, auch wenn wir sie nicht sehen.

"Man muss Probleme klar benennen und die Opfer dieser Menschenrechtsverbrechen sichtbar machen."

Du sprichst konkret von Frauen, die aus Afghanistan gerettet werden sollen: Was ist mit denen, die nicht fliehen können? Müssen die sich jetzt einfach an die Taliban-Herrschaft anpassen?

Ich glaube, wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen und Realpolitik machen. Dazu gehört, dass die Taliban jetzt perspektivisch dieses Machtvakuum füllen werden. Doch sie können es nicht mehr ohne die Frauen machen. Die Taliban müssen verstehen, dass ein Ruck durch die Welt geht, wenn sie irgendeiner Frau schaden. Das muss ihnen so sehr schaden, dass die sich das nicht trauen. Nicht, weil sie nicht davon überzeugt sind, sondern weil sie selber davon nicht profitieren würden. Der Druck muss so groß sein, dass die Taliban keine andere Wahl haben als die Frauenrechte zu achten, wenn sie Geld wollen.

Was wäre dann eine geeignete Maßnahme, um Druck auszuüben? Eine Art Kommission, die Afghanistan ständig überwacht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit öffentlich verurteilt?

Ganz genau. Deswegen nochmal: Der Einsatz für Frauenrechte ist universell. Und wir können nicht von den Frauen verlangen, dass sie sich selbst dafür einsetzen. Das geht schon aufgrund der Machtverhältnisse nicht. Auch hier in Afghanistan geht es wieder um Macht und Ohnmacht: Wer sind die Fürsprecher dieser Frauen? Wer sind die Fürsprecher der Opposition? Wer sind die Fürsprecher der Zivilisten? Sich für Frauenrechte einsetzen, die nicht weh tun, das ist ja mittlerweile ein Marketingkonzept. Aber wenn es dann wirklich um die Sache geht, dann dürfen nicht alle den Kopf in den Sand stecken. Man muss Probleme klar benennen und die Opfer dieser Menschenrechtsverbrechen sichtbar machen.

Düzen Tekkal spricht mit Anti-IS-Truppen im Rahmen des Genozids an den Jesiden im Irak.
Düzen Tekkal spricht mit Anti-IS-Truppen im Rahmen des Genozids an den Jesiden im Irak.
bild: priavt/Düzen Tekkal

Glauben Sie, die bevorstehende Bundestagswahl in Deutschland könnte jetzt auch eine Chance für die Situation in Afghanistan sein?

Ich denke, jede Krise ist eine Chance. Und ich verlange und wünsche mir von der nächsten Regierung genug Einsatz für dieses Thema. So weitermachen wie bisher können wir ja ohnehin nicht.

Und erwarten Sie sich irgendwelche Ergebnisse vom G7-Gipfel zu Afghanistan?

Wissen Sie, das Problem an dem G7-Gipfel ist ja auch wieder Wer kommt da zu Wort und wer nicht? Ist das noch zeitgemäß? Bei den G-7-Treffen geht es um Fragen der Weltwirtschaft. Da frage ich mich, ob die ökonomischen Fragen mit den Menschenrechtsfragen verbunden werden. Das sehe ich so bislang nicht.

Zum Abschluss: Wie geht es Ihnen gerade?

Es ist gerade zwar nicht interessant, wie es mir geht, aber: Wir schlafen kaum noch. Seit Tagen kriegen wir wirklich alle zehn bis 15 Minuten E-Mails von Angehörigen mit dramatischen Geschichten. Man sieht die Reisepässe, man schaut sich die Fotos an und diese Gesichter von Familien, die alle Angst haben. Diese Menschen wollen raus aus Afghanistan, die können es nicht fassen, was ihnen da gerade passiert ist. Diese Menschen sind aus den unterschiedlichsten Gründen in Afghanistan gelandet, teilweise sind es auch deutsche Staatsbürger. Du siehst dir das an und denkst: Es kann doch nicht wahr sein.

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