Deutschland
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
FILE - In this Sept. 1, 2018 file photo  Bjoern Hoecke, left, leader of the Alternative for Germany, AfD, in German state of Thuringia, and Pegida founder Lutz Bachmann, second from right, participate in a commemoration march in Chemnitz, eastern Germany, Saturday, Sept. 1, 2018, after several nationalist groups called for marches protesting the killing of a German man last week, allegedly by migrants from Syria and Iraq. (AP Photo/Jens Meyer, file)

Björn Höcke beim sogenannten "Trauermarsch": Laut Verfassungsschutz marschierten 2500 bekannte Rechtsextremisten gemeinsam mit der AfD durch Chemnitz. Bild: AP

Höcke geht von baldiger Diktatur aus – 4 Gründe, warum die AfD ein "Prüffall" ist

jonas müller-töwe

Der sogenannte "Schweigemarsch" der AfD in Chemnitz war in weiten Teilen von Rechtsextremisten dominiert. Zu dieser Einschätzung gelangt der Verfassungsschutz Thüringen.

Stephan J. Kramer, der Präsident des Landesamtes, begründete am Donnerstag bei einer Pressekonferenz ausführlich, warum seine Behörde nun prüfe, ob die AfD beobachtet werden müsse:

Der sogenannten "Prüffall" ist ein gesetzlich vorgeschriebener erster Schritt zu einer tatsächlichen Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Dieser sei notwendig geworden, da die Behörde neue Anhaltspunkte habe.

"Distanzierung von Extremisten rein strategisch"

Die Distanzierung im Aufruf zur Demonstration von Gewalttätern und Extermisten sei der Auffassung der Behörde zufolge rein strategisch gewesen, "um zu erwartenden Extremismus-Vorwürfen gegenüber der AfD zu begegnen", sagte Kramer. Sowohl in der Pegida-Bewegung, als auch in der "Pro Chemnitz" seien maßgebliche Akteure als rechtsextremistisch bekannt. Während des Schweigemarsches sei "keine Distanzierung erkennbar" und somit ein "Schulterschluss" sichtbar geworden. Die Abgrenzung zu rechtsextremistischen Gruppen erodiere.

Gemeinsame Demo folgte einem Kalkül

Fast zeit- und ortsgleich hatten sowohl AfD und Pegida, als auch "Pro Chemnitz" Kundgebungen angemeldet. Die Bürgerbewegung schloss Neonazis explizit nicht von der Teilnahme aus. Stadtverwaltung und Polizei rechneten bereits vor den Demos mit einem gemeinsamen Marsch. Diese Auffassung teilt auch im Nachhinein der Verfassungsschutz Thüringen.

Rechtsextremistischer Sprachgebrauch

Hinzu komme, sagte Kramer, dass auch Führungspersonen der AfD zunehmend auf rechtsextremistischen Sprachgebrauch zurückgriffen. Vor allem der Landesvorsitzende Björn Höcke schließe mutmaßlich Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung nicht aus und tätige verfassungsfeindliche Aussagen. Höcke gehe von einer baldigen "Alleinherrschaft, Präsidentialdemokratie mit Notstandsgesetzen beziehungsweise Diktatur" aus. Als Beleg führte er verschiedene Reden, Interview-Passagen und Demo-Aufrufe Höckes an.

Höcke drohte der Polizei mit Vergeltung

So habe Höcke unter anderem die Bundespolizei bei einer Demo dazu aufgerufen, "ihren Vorgesetzten nicht mehr zu folgen – mit der Drohung, dass sie nach der Machtübernahme 'des Volkes' zur Rechenschaft gezogen würden". Seine Vorstellungen für das kommende Staatssystem schildere er in einem eigens herausgegebenen Buch, in dem er auch programmatische Parallelen mit der Neonazi-Szene offenbare. "Judentum und Christentum sind in dem Werk antagonistische Kräfte", sagte Kramer.

Die gesamt Begründung des Verfassungsschutzes ist in folgendem Video-Stream ab Minute 27:20 zu sehen und zu hören:

Es gebe Indizien, dass sich die Partei Höckes Positionen angeschlossen habe – schließlich habe das Thüringer Schiedsgericht beschieden, Höckes Äußerungen stünden nicht im Widerspruch zum Parteiprogramm. Das prüfe der Verfassungsschutz nun in einem begrenzten Zeitraum von mehreren Monaten.

Der öffentliche Vortrag des obersten Verfassungsschützers Thüringens dürfte in der Geschichte der AfD einen einschneidenden Moment darstellen. Denn es geht nicht nur um den Landesverband. Der völkische Flügel um die Demo-Anmelder Björn Höcke, den Brandenburger Landesvorsitzenden Andreas Kalbitz – ebenfalls mit rechtsextremistischer Vergangenheit – und Sachsens AfD-Chef Jörn Urban hat innerparteilich das Machtgefüge zu seinen Gunsten verschoben. Die sogenannte Alternative Mitte ringt mit der Bedeutungslosigkeit.

Konsequenzen auch im Bund möglich

Die eigene Parteispitze hatte dem Thüringer Landesvorsitzenden im Ausschlussverfahren bereits eine Nähe zum Nationalsozialismus attestiert. Letztendlich wurde Höcke aber nicht ausgeschlossen. Das könnte nun zum Problem auch für die Bundespartei werden.

Denn wiederholt nahmen Parteivorsitzender Alexander Gauland und andere Vorstandsmitglieder des Bundesverbandes Höcke gegen die Vorwürfe in Schutz. Sollte der Verfassungsschutz in Thüringen also zu der Auffassung gelangen, dass ein solches Verhalten Anlass für eine Beobachtung des Landesverbandes bietet, könnte es der AfD im Bund ähnlich ergehen. Bereits jetzt werden zwei Landesverbände der Jungen Alternative vom Verfassungsschutz beobachtet. In Hamburg stellte das Landesamt öffentlich Verbindungen zu Rechtsextremisten fest. In Bayern stehen einzelne Mitglieder unter Beobachtung.

AfD-Landessprecher Olaf Möller erklärte, die AfD werde prüfen, ob das angekündigte Vorgehen rechtmäßig sei. Bis dahin beginnt in Thüringen die Prüfung der Verfassungsfeindlichkeit – sie könnte aber im Bund mit einer kontinuierlichen Beobachtung enden.

Dieser Text erschien zuerst auf t-online.de.

Pro Chemnitz-Vorsitzender äußert sich absurd zu Hitlergrüßen

Play Icon

Video: watson/Felix Huesmann, Lia Haubner Marius Notter

Was heute noch wichtig ist:

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Warum es so gefährlich ist, dass so wenig über den Migrationspakt informiert wird

Sowohl die AfD, als auch diverse rechte und rechtsextreme Organisationen wie die "Identitäre Bewegung" haben den Globalen Migrationspakt in den vergangenen Wochen zu einem ihrer wichtigsten Kampagnenthemen auserkoren.

Um Stimmung dagegen zu machen, verbreiten sie Falschbehauptungen und Lügen über die Inhalte und die möglichen Auswirkungen des Migrationspaktes. Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen behauptet etwa, durch den Pakt wolle Bundeskanzlerin Angela Merkel "allen Migranten weltweit den …

Artikel lesen
Link to Article