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Das Coronavirus sorgt weiter für Unsicherheiten in Deutschland. Bild: Getty Images / urbazon

Coronavirus: Amtsärztin über die größte Herausforderung bei Tests

Deutschland und das Coronavirus: Mit der steigenden Zahl der Fälle und Verdachtsfälle wächst auch die Unsicherheit. Das gilt auch für den Umgang mit Tests. Mehrere Menschen, die in Risikogebieten gewesen sind, wie China, Südkorea und Italien, oder Kontakt mit Infizierten hatten, berichten, dass sie Schwierigkeiten gehabt hätten, sich auf das Virus testen zu lassen.

Laut Medienberichten seien manche vom Gesundheitsamt zum Arzt und vom Arzt zum Gesundheitsamt geschickt worden. Oder telefonisch erst gar nicht durchgekommen.

Woran das liegt, welche Rolle das Gesundheitsamt dabei spielt und welche Maßnahmen wirklich sinnvoll sind, darüber sprach watson mit Gudrun Widders, der Chefin des Gesundheitsamtes Berlin-Spandau. Die Amtsärztin betont dabei, dass es keine Probleme geben müsse, wenn sich die Ämter und Ärzte nur um die tatsächlichen Fälle kümmern müssten.

Keine Panik bei Coronavirus-Verdacht

Sars-CoV-2 ist eine neue Form des Coronavirus – einem Virus-Typ, der grippeähnliche Infekte auslöst. In den allermeisten Fällen in Deutschland verläuft eine Ansteckung mit dem Coronavirus symptomfrei bis milde: Du könntest leichtes Fieber, Halsweh und Abgeschlagenheit erleben. Danach klingt die Krankheit meist wieder ab.

Wirklich gefährlich kann das Virus nur werden, wenn du zu einer Risikogruppe gehörst:
Ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen (wie Krebs oder Lungenkrankheiten) sollten im Falle eines Infektionsverdachts ihren Arzt kontaktieren.

Wenn du Bedenken hast, ruf deinen Arzt bitte an, bevor du in die Praxis gehst. In Menschenmengen können sich Erreger eher verbreiten und so Patienten treffen, für die sie wirklich eine Bedrohung darstellen (die Risikogruppen). Laut Robert Koch-Institut sind Atemschutzmasken nicht erforderlich.

Auch Desinfektionsmittel benötigen nur Menschen mit geschwächtem Immunsystem und solche, die mit vielen anderen in Kontakt kommen (Verkäufer, Pfleger etc.). Achte stattdessen auf gründliches Händewaschen und Niesetikette. Von sogenannten Hamsterkäufen jeglicher Art, ob Medizin oder Lebensmittel, ist abzuraten. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten in Deutschland ist sichergestellt.

watson: Es gab in letzter Zeit einige Berichte von Menschen, die aus Risikogebieten eingereist sind oder Kontakt mit Infizierten hatten, die aber Schwierigkeiten erlebten, sich testen zu lassen. Können Sie erklären, wie die konkrete Vorgehensweise des Amts aussieht?

Gudrun Widders: Das ist natürlich in der Verantwortung des jeweiligen Gesundheitsamtes. Ich kann nur für Berlin-Spandau sprechen. Wenn wir Anfragen bekommen, unterscheiden wir zunächst, ob es Menschen sind, die medizinische Versorgung benötigen.

Wenn das der Fall ist, ist folgendermaßen zu differenzieren: Liegt ein schweres Krankheitsbild vor, braucht die Person eine stationäre Versorgung? Dann ist sie in der Rettungsstelle im Krankenhaus richtig. Hat die Person zwar Infektanzeichen, die nicht so schwerwiegend sind, aber trotzdem eine medizinische Versorgung erfordern, dann ist die Vorstellung in der Arztpraxis richtig. Sowohl im Krankenhaus als auch in der Arztpraxis kann der Abstrich gemacht werden.

Und wenn sie symptomfrei sind?

Wenn es sich um eine Person ohne oder mit geringer Symptomatik handelt, die eine Abklärung benötigt, weil sie in einem Risikogebiet war oder Kontakt mit einer nachweislich an Covid 19 erkrankten Person hatte, dann ist das Gesundheitsamt der richtige Ansprechpartner. Wir haben inzwischen eingesehen, dass es nicht sinnvoll ist, bei symptomfreien Personen Abstriche zu machen.

Deshalb würden wir in einem solchen Fall die Daten aufnehmen und, wenn eine tatsächliche Gefährdung für die restliche Bevölkerung gesehen werden muss, eine häusliche Isolierung anordnen. Das gilt dann für die Zeit der Inkubation, also 14 Tage.

"Ich möchte auch nicht, dass Menschen, die möglicherweise das Virus haben, hier herumlaufen und meine Mitarbeiter anstecken"

Wann würden Sie dann einen Abstrich nehmen?

Wenn jemand aus einer vom Robert Koch-Institut als Risikogebiet eingestuften Region kommt oder Kontakt mit einem bestätigten Fall hatte und leichte Symptome zeigt, dann würden wir einen Abstrich nehmen.

Also, wenn ich in Italien war und Symptome habe, wende ich mich ans Gesundheitsamt?

Genau, aber am besten telefonisch. Ich möchte auch nicht, dass Menschen, die möglicherweise das Virus haben, hier herumlaufen und meine Mitarbeiter anstecken. Ich brauche meine Mitarbeiter.

Einige Menschen berichten davon, sie seien beim Gesundheitsamt nicht durchgekommen. Sind Sie denn erreichbar?

Auf der Internetseite des Gesundheitsamts finden sich alle unsere Rufnummern. Wenn jemand bei einer oder zwei Nummern nicht durchkommt, hat er noch weitere Möglichkeiten, wir haben inzwischen von allen Mitarbeitern die Nummern hinterlegt. Dadurch verteilt sich das im Gesundheitsamt auf verschiedene Schultern und es ist gewährleistet, dass man tatsächlich jemand erreicht und nicht dauernd die Leitung besetzt ist.

Ist das rund um die Uhr, sieben Tage die Woche?

Die Festnetznummern im Gesundheitsamt gelten für den Tagesdienst in der Arbeitswoche. Für das Wochenende und an Feiertagen haben wir die Rufbereitschaft. Meine Hygienereferentin und ich sind aufgrund der besonderen Situation im Hintergrund ständig erreichbar. Das heißt, man müsste das Gesundheitsamt Spandau rund um die Uhr erreichen können.

Und Sie leiten dann weitere Schritte ein?

Genau, wir machen erstmal eine Sachverhaltsaufklärung, und je nachdem, was sich daraus ergibt, werden die nächsten Schritte besprochen.

Und was passiert, wenn Sie den Eindruck haben, dass es sich um einen begründeten Verdacht handelt?

Dann werden wir das Weitere mit dem Patienten besprechen. Wenn er stationär behandelt werden muss, weil es ihm nicht gut geht, muss er tatsächlich ins Krankenhaus. Wenn er ambulant behandelt werden muss, erfolgt die medizinische Versorgung durch seinen behandelnden Arzt.

Manchmal können ambulant tätige Ärzte keine Abstriche nehmen, weil es an Personalschutzausrüstung mangelt. In diesen Fällen, die Ausnahmen bleiben sollten, kümmern wir uns auch darum, können aber bei der Fülle von Anfragen nicht mehr zu jedem nach Hause kommen.

Wie gewährleisten Sie dann, dass diese Menschen unterwegs zu Ihnen nicht andere Menschen anstecken?

In Spandau sind wir für die meisten ja ganz gut zu erreichen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, sodass man sich nicht in die U-Bahn oder den Bus setzen muss. Wer ein eigenes Auto hat, sollte mit diesem fahren. Ansonsten ist auch eine Taxifahrt mit Mund-Nasenschutz möglich.

Wir besprechen telefonisch, wie derjenige zu uns kommt. Für einen Abstrich werden wir einen Termin ausmachen und uns in einem separaten Raum treffen, der sich in einem Nebengebäude des Rathauses befindet. Den haben wir eingerichtet, etwas abseits. Dorthin kommen die Personen und wir machen die Probeentnahme.

"Es gab einen Anruf von einer Kindergärtnerin, die in ihrer Gruppe ein chinesisches Kind hatte und nur deswegen eine Bescheinigung haben wollte, dass es coronafrei ist"

Gibt es auch Anrufe, die nicht nötig wären und dementsprechend die Leitung blockieren?

Tatsächlich haben wir die meiste Arbeit nicht mit den erwiesenen Fällen oder den Verdachtsfällen, die abgeklärt werden müssen. Wenn es nur das wäre, dann würden wir alles gut bewältigen können. Aber wir kriegen ganz, ganz viele besorgte Anrufe, die nicht unbedingt erforderlich sind. Menschen stehen bei uns vor der Tür und wollen abgestrichen werden. Medien rufen an – damit haben wir auch viel zu tun.

Dass die Bürgerinnen und Bürger verunsichert sind, ist ja nachvollziehbar.

Es gibt aber auch richtig absurde Fälle. Zum Beispiel gab es einen Anruf von einer Kindergärtnerin, die in ihrer Gruppe ein chinesisches Kind hatte und nur deswegen eine Bescheinigung haben wollte, dass es coronafrei ist. Oder es hat jemand angerufen, vollständig betrunken: "Ick hab Corona intus, was soll ick machen?". Solche Anrufe haben natürlich die Hotline blockiert.

Sind die Gesundheitsämter den personell gut aufgestellt?

Naja, wir haben in Spandau noch keinen Corona-Fall. In Mitte, Marzahn-Hellersdorf, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg gibt es viel mehr Belastungen für die Ämter. Aber das kann in Spandau auch noch kommen. Wenn wir in dieser Weise belastet sein werden wie die genannten Bezirke, wenn es positiv getestete Fälle oder viele Kontaktpersonen gibt, müssen wir von woanders her zusätzliches Personal rekrutieren.

Deshalb haben wir unseren Influenza-Plan aktiviert, damit wir gemeinsam mit dem Katastrophenschutz überlegen können, aus welchem Bereich des Bezirksamts, also aus dem Sozialamt, dem Jugendamt, dem Bürgeramt und so weiter Kräfte rekrutieren können, ob es dort Azubis gibt oder Verwaltungsangestellte, die uns unterstützen können – für die vielen Telefonate, aber auch die Ermittlungstätigkeit. Dafür braucht man nicht unbedingt medizinische Kenntnisse.

Sind Ihnen Fälle bekannt, wo Ärzte, die Angst vor Corona haben, sich drücken, Verdachtsfälle zu untersuchen?

Wir haben jetzt Anfragen von Ärzten, sie mit Schutzkleidung auszustatten, aber die Gesundheitsämter sind selbst nur ausgestattet, um funktionsfähig zu sein. Es ist nicht die Aufgabe der Gesundheitsämter, Arztpraxen oder stationäre Einrichtungen mitzuversorgen. Das ist in der Struktur nicht vorgesehen. Arztpraxen müssen sich selber versorgen. Krankenhäuser auch.

Bei vielen ist aber eine Anspruchshaltung vorhanden, wir müssten sie mit Personalschutzausrüstung versorgen. Erstens können wir das finanziell gar nicht leisten, und zweitens ist das auch nicht vorgesehen. Das muss viel zentraler politisch geklärt werden.

"Was den öffentlichen Gesundheitsdienst angeht, sind wir ärztlich schlecht besetzt. In Berlin ist jede vierte Arztstelle unbesetzt"

Ist das Gesundheitssystem aus Ihrer Sicht gut auf das Virus vorbereitet?

Wir sehen ja gerade, dass viele Praxen nicht gut darauf eingestellt sind. Mit so einer besonderen Situation können manche schlecht umgehen. Ich kann es aber nicht in der Gesamtheit einschätzen. Es gibt ja ganz viele Praxen, die die Abstriche machen und wo es funktioniert. Wahrscheinlich kommen bei uns nur diejenigen an, bei denen es nicht funktioniert.

Und insgesamt?

Was den öffentlichen Gesundheitsdienst angeht, sind wir ärztlich schlecht besetzt. In Berlin ist jede vierte Arztstelle unbesetzt. Und selbst wenn sie besetzt sind, heißt es noch lange nicht, dass damit das Problem gelöst ist. Wir brauchen Fachärzte und die kriegen wir nicht. Jedenfalls nicht so viele, wie wir brauchen. Das bedeutet, wir müssen sie selber qualifizieren, was dann aber wiederum unsere eigenen Ressourcen bindet. Das ist das Problem.

Woran liegt das?

Die Ursache ist, dass der Tarif nicht stimmt. Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst verdienen 1000 bs 1500 Euro weniger als ihre Kollegen in Krankenhäusern oder medizinischen Versorgungszentren.

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