Deutschland
Die Heinsberg-Studie liefert wichtige Erkenntnisse zur Corona-Pandemie

Medizinisches Personal bereitet sich auf Corona-Patienten vor. Bild: www.imago-images.de / Leif-Hendrik Piechowski via www.imago-images.de

5 Erkenntnisse über Corona aus der Heinsberg-Studie, die Hoffnung machen

Der Virologe Hendrik Streeck hat am Donnerstag erste Zwischenergebnisse der Heinsberg-Studie vorgestellt. Seit zehn Tagen werden Menschen und Haushalte in der Gemeinde Gangelt im nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg untersucht.

Es handelt sich dabei um die erste Untersuchung in Deutschland, bei der eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung genommen wird. Von den Ergebnissen erhofft sich die Politik ganz konkrete Hinweise darauf, wie weiter mit der Coronavirus-Pandemie umzugehen sein wird.

Streeck und sein Team wollen mit der Studie ermitteln, welche Übertragungswege das Coronavirus aufweist, wie viele der Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, wie hoch die Sterberate ist und wie viele Menschen unbemerkt, also ohne Symptome, mit dem Virus infiziert sind.

Der Studie kommt großer Bedeutung zu: Sie verschafft den Forschern und Medizin bundesweit mehr Wissen im Umgang mit dem Virus.

Die Forschergruppe untersucht in Gangelt über 1000 Einwohner, das entspricht Streeck zufolge rund 400 Haushalten. Der Zwischenstand beruht auf einer Auswertung der Ergebnisse von 509 Menschen und sei damit eine "repräsentative Stichprobe".

Bereits jetzt gibt es fünf wichtige Erkenntnisse. Sie bieten einen kleinen Hoffnungsschimmer in Zeiten, in denen Schreckensnachrichten und dramatische Fotos unser Bild von der Corona-Krise prägen.

Wie viele Menschen sind infiziert?

Insgesamt haben sich nach Erkenntnissen der Forscher bisher 15 Prozent der Einwohner Gangelts mit Corona angesteckt.

Das bezieht sowohl noch aktuelle Infektionen als auch bereits überstandene mit ein.

Die Sterberate ist niedriger als bisher angenommen

Von allen Infizierten, also 15 Prozent der Einwohner der Gemeinde, sind bisher circa 0,37 Prozent verstorben.

In ganz Deutschland sterben nach aktuellen Zahlen der Johns-Hopkins-Universität dagegen fünfmal mehr Infizierte an Covid-19. Die Rate liegt bei 1,98 Prozent. Laut den Autoren der Studie ist der Grund für diesen Unterschied, dass in Heinsberg alle Corona-Fälle, auch die mit leichten oder gar keinen Symptomen, erfasst wurden. Die Zahlen sind also genauer.

Dieses Ergebnis der Studie ist auch ein Hinweis darauf, dass die Dunkelziffer der tatsächlichen Corona-Infektionen in Deutschland – wie bereits mehrfach vermutet – deutlich höher liegt als die Zahl der positiv Getesteten. Die tatsächliche Sterberate von Covid-19 dürfte niedriger sein, als die bisherigen offiziellen Zahlen andeuten.

Insgesamt sind in Gangelt 0,15 Prozent aller Einwohner an den Folgen des Coronavirus gestorben.

Bevölkerung baut Immunität auf

Etwa 15 Prozent der Einwohner sind laut den Zwischenergebnissen der Studie bereits immun gegen das Coronavirus. Dadurch verringert sich die Ausbreitungs-Geschwindigkeit des Virus.

Die Forscher sprechen davon, dass der Prozess der Herdenimmunisierung damit bereits eingeleitet sei. Dass die Bevölkerung also bereits als Ganzes in Heinsberg Immunität gegen das Virus aufgebaut hat. Das kann helfen, eine weitere Ausbreitung zu verlangsamen.

Allerdings braucht es nach allgemeiner Auffassung eine Immunisierungsrate von 60 bis 70 Prozent, um das Virus zu besiegen.

Hygienemaßnahmen helfen – auch den Infizierten

Laut den Forschern ist das Einhalten von Hygienemaßnahmen sehr wichtig. Es sei zu erwarten, dass dadurch selbst bei einer bereits erfolgten Infektion die Viruskonzentration reduziert werden könne und der Verlauf der Erkrankung abgemildert werde.

Es seien daher auch "günstige Effekte" hinsichtlich der Sterblichkeitsrate durch Hygienemaßnahmen zu erwarten. Gemeint ist damit etwa regelmäßiges Händewaschen, Abstand halten in der Öffentlichkeit oder das Tragen von Atemschutzmasken.

Lockerung der Maßnahmen ist möglich

Davon ausgehend sprechen sich die Forscher klar für eine Vierphasen-Strategie aus. Die erste Phase sieht dabei vor, die Virusausbreitung durch strikte Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zu verlangsamen und einzudämmen.

In der zweiten Phase werden die Maßnahmen gelockert, die Hygienevorschriften jedoch weiter hoch zu halten. In der dritten werden nur noch die Hygienemaßnahmen aufrecht erhalten, die vierte stellt dann den Rückkehr zur Normalität dar.

Momentan befindet sich Deutschland in der ersten Phase. Streeck erklärte auf der Pressekonferenz, er halte es für angebracht, in Heinsberg jetzt in Phase zwei überzugehen. Dies sei möglich, weil die meisten Leute so aktiv und diszipliniert mitmachten.

Ministerpräsident Laschet berichtet über die aktuellen Erkenntnisse der Heinsberg-Studie zur Corona-Pandemie.

NRW-Ministerpräsident Laschet. Bild: dpa/ flashpic / Jens Krick

Auch die Politik scheint bereits in diese Richtung zu denken. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der bei der Pressekonferenz ebenfalls dabei war, erklärte, eine Rückkehr in die Normalität werde er nach Ostern mit den Ministerpräsidenten der Länder und mit Kanzlerin Angela Merkel erörtern. Die Lockerung der Corona-Auflagen werde "behutsam" und "nicht mit einem Schlag" erfolgen. "Aber dass wir nach Ostern diesen Versuch wagen sollten, davon bin ich überzeugt."

(om)

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