Deutschland
27.02.2020, Berlin: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gibt eine Pressekonferenz mit dem Innenminister zur Ausbreitung des Coronavirus und zur Einrichtung eines gemeinsamen Krisenstabs. Nach mindestens zehn neuen Coronavirus-Nachweisen in Deutschland erwarten Experten weitere Fälle von Sars-CoV-2. Foto: Kay Nietfeld/dpa | Verwendung weltweit

Jens Spahn warnt vor einer Coronavirus-Epidemie in Deutschland. Das stößt auf Kritik. Bild: dpa

Apotheker aus Heinsberg zum Coronavirus: "Was Spahn gesagt hat, ist unverantwortlich"

Die Lage zum Coronavirus in Deutschland scheint ernster als je zuvor: Nachdem in den vergangenen Tagen neue Fälle von Ansteckungen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bekannt geworden sind, hat sich nun Jens Spahn zu Wort gemeldet.

Am Mittwoch warnte der Bundesgesundheitsminister vor einer verstärkten Ausbreitung des Virus: "Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie", so bewertet Spahn die aktuelle Lage. "Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Epidemie an Deutschland vorbeigeht, wird sich nicht erfüllen und sich nicht ergeben." Er sagt das, um zu zeigen, dass die Regierung die Lage ernst nimmt und nicht versucht, sie unnötig zu verharmlosen.

Apotheker meint, Spahn schüre Panik mit Aussagen zu Coronavirus

Und dennoch: Solche Aussagen empfindet Lutz Steinfurth als überzeichnet. Der Apotheker aus Heinsberg, wo bereits fünf Ansteckungen mit dem neuartigen Coronavirus nachgewiesen worden sind, warnt vor Panikmache – und sieht vor allem den Gesundheitsminister in der Verantwortung: "Was Spahn über eine anstehende Epidemie gesagt hat, ist unverantwortlich", sagt Steinfurth im Gespräch mit watson.

Über den ersten Coronavirus-Fall, der im Kreis Heinsberg im Rheinland bekannt geworden ist, weiß der Apotheker, dass der Patient durch eine Lungenerkrankung vorbelastet war. "In so einem gesundheitlichen Zustand ist jeder Infekt gefährlich, egal ob Coronavirus oder nicht." Wer allerdings nicht unter einem geschwächten Immunsystem leide, müsse sich zunächst nicht verstärkt Sorgen machen.

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Die easy Apotheke in Heinsberg Bild: easyApotheke Heinsberg

Insofern beobachtet der Apotheker nicht nur die aktuelle Berichterstattung, sondern vor allem die Aussage des Gesundheitsministers mit Sorge. "Das schürt nur unnötig Panik – vor allem, wenn man bedenkt, es gibt jedes Jahr eine Grippe-Epidemie in Deutschland", gibt Steinfurth zu bedenken. "Das ist normal und nur für eine sehr kleine Gruppe gefährlich."

Keine Panik bei Coronavirus-Verdacht

Sars-CoV-2 ist eine neue Form des Coronavirus – einem Virus-Typ, der grippeähnliche Infekte auslöst. In den allermeisten Fällen in Deutschland verläuft eine Ansteckung mit dem Coronavirus symptomfrei bis milde: Du könntest leichtes Fieber, Halsweh und Abgeschlagenheit erleben.

Danach klingt die Krankheit meist wieder ab. Wirklich gefährlich kann das Virus nur werden, wenn du zu einer Risikogruppe gehörst: Ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen (wie Krebs oder Lungenkrankheiten) sollten im Falle eines Infektionsverdachts ihren Arzt kontaktieren.

Wenn du Bedenken hast, ruf deinen Arzt bitte an, bevor du in die Praxis gehst. In Menschenmengen können sich Erreger eher verbreiten und so Patienten treffen, für die sie wirklich eine Bedrohung darstellen (die Risikogruppen). Laut Robert Koch-Institut sind Atemschutzmasken nicht erforderlich.

Auch Desinfektionsmittel benötigen nur Menschen mit geschwächtem Immunsystem und solche, die mit vielen anderen in Kontakt kommen (Verkäufer, Pfleger etc.). Achte stattdessen auf gründliches Händewaschen und Niesetikette.

Von sogenannten Hamsterkäufen jeglicher Art, ob Medizin oder Lebensmittel, ist abzuraten. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten in Deutschland ist sichergestellt.

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Empfohlene_Schutzma%C3%9Fnahmen.html

Panik könnte Ansteckungen begünstigen

Zudem trage Panik nicht nur dazu bei, dass an sich gesunde Menschen die Ressourcen strapazieren. Wenn zum Beispiel ein gesunder 20-Jähriger versuche, Desinfektionsmittel zu bunkern, bleibe keines mehr übrig für die Risikogruppe, für die eine Ansteckung mit dem Coronavirus tatsächlich gefährlich werden könnte, betont der Apotheker.

Zudem sei Panik generell kontraproduktiv, "denn sie bringt die Menschen wortwörtlich zusammen – und dann ist es wahrscheinlicher, dass sich Krankheitserreger verbreiten."

Verunsicherte Kunden versuche Steinfurth in seiner Apotheke natürlich zu beruhigen. Dennoch plädiert er für Besonnenheit bei dem Thema Coronavirus, was vor allem die Menschen schützen soll, für die eine Ansteckung tatsächlich bedrohlich wäre. Und das ist nur ein sehr geringer Teil der Bevölkerung.

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