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Lilly Blaudszun

Nachwuchs-Politikerin Lilly Blaudszun: "Meine Sozialen Netzwerke waren schon immer Spiegel meines Lebens." Bild: Susie Knoll

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SPD-Influencerin Lilly Blaudszun: "Politik ist defintiv etwas anderes, als über Kosmetik oder Kleidung zu sprechen"

Sie gehört zu den prominentesten Gesichtern der SPD in den Sozialen Medien. Im Interview mit watson erklärt Lilly Blaudszun, wie sie zur SPD kam, was Bodo Ramelow bei ihr im Clubhouse-Talk macht und was jungen Menschen auf dem Land fehlt.

Lilly Blaudszun ist 19 Jahre alt und SPD-Mitglied. So weit, so unspektakulär. Aber die junge Jura-Studentin ist noch weit mehr als das: Sie ist so etwas wie die Chef-Influencerin ihrer Partei. Mit ihren Kanälen in den Sozialen Medien erreicht die Mecklenburg-Vorpommerin mehr als 50.000 Follower und hat damit mehr Reichweite als die meisten gestandenen SPD-Politiker.

Diese Reichweite könnte ihrer Partei nun im Superwahljahr 2021 helfen. Denn in Umfragen pendelt die SPD zwischen 15 bis 16 Prozent und liegt damit einige Prozentpunkte hinter den Grünen. Aber nicht nur dort, sondern auch bei Instagram kann die rivalisierende Öko-Partei mehr als doppelt so viele Follower vermelden wie die SPD. Wie kommen die Sozialdemokraten da wieder raus und was kann Lilly Blaudszun dafür tun?

Watson hat mit Lilly Blaudszun über ihre Arbeit als Influencerin der SPD gesprochen und darüber, wie sie junge Menschen für sozialdemokratische Politik begeistern will.

Watson erreicht Lilly Blaudszun nach einigen Anläufen mitten in der Prüfungsvorbereitung. Lilly studiert Jura in Frankfurt (Oder). Eine bewusste Entscheidung, wie sie sagt. Sie wolle lieber nicht in die Großstadt, Frankfurt (Oder) habe genau die richtige Größe und eine tolle Uni. Freiburg, Marburg, Tübingen oder Münster wären für sie keine Alternative gewesen.

"Wir brauchen mehr Formate, die auch außerhalb unserer Blase funktionieren."

Watson: Hi Lilly, es war einfacher, den Ex-Sicherheitsberater des ehemaligen US-Präsidenten Trump für ein Interview zu gewinnen als dich. Wie stressig ist das Leben als Chef-Influencerin der SPD?

Lilly Blaudszun:
(lacht) Ich studiere ja noch. Gerade ist Klausurenphase und nebenher darf ich mich noch um zwei Kampagnen kümmern. Die Vereinbarkeit von alledem ist nicht immer ganz einfach, aber ich gebe mein Bestes. Das hier ist jetzt auch mein letztes Interview vor den Klausuren.

Du scheinst auch viel Arbeit zu haben: Bei den Umfragen sieht es nicht gut aus für die SPD. Ziehst du deine Partei jetzt eigenhändig aus dem Umfragetief?

Natürlich nicht, das kann ich auch gar nicht. Neben Kommunikation braucht es politische Visionen und eine Partei, die zusammenhält. Über 400.000 Mitglieder arbeiten auf vielen verschiedenen Ebenen dafür, dass es wieder nach oben geht.

Trotzdem hat die SPD in Sachen Kommunikation mit jungen Menschen Nachholbedarf.

Ja, das stimmt definitiv. Wir arbeiten dran.

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"Mehr coole Formate": Für die SPD hat Lilly Blaudszun einen Jahresrückblick 2020 aufgenommen. Video: YouTube/SPD-Fraktion im Bundestag

Die Grünen haben beispielsweise auf Instagram mehr als doppelt so viele Follower wie die SPD und schneiden auch in Umfragen bei der jungen Zielgruppe besser ab. Wie will die SPD das aufholen?

Wir brauchen mehr Formate, die auch außerhalb unserer Blase funktionieren. Wir werden verstärkt in den Landtagswahlkämpfen und dem kommenden Bundestagswahlkampf auch auf junge Menschen zugehen und versuchen, sie zielgruppengerecht zu erreichen.

Wie denn?

Das verrate ich jetzt natürlich noch nicht. Mein Job in der Kampagne ist es, dafür zu sorgen, dass wir gezielt junge Menschen ansprechen. Darauf freue ich mich besonders.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Grünen durch den starken Klima-Fokus und ihre umweltpolitischen Inhalte deutlich leichter junge Menschen begeistern können als die SPD. Hand aufs Herz: Wäre das nicht die bessere Partei für dich?

Auf keinen Fall. Man wechselt ja nicht gleich die Partei, nur weil es bei Wahlen mal nicht gut läuft oder man auch mal unzufrieden ist. Ich fühle mich in der SPD genau richtig.

"Ich bin nicht in die SPD eingetreten, um mir das in die Instagram Bio schreiben zu können."

Warum?

Die SPD denkt Soziales, Ökonomie und Ökologie immer zusammen. Das finde ich gut. Der beste Umweltschutz nützt uns nichts, wenn er zur sozialen Spaltung beiträgt. Eine CO2-Steuer oder ein Autoverbot betrifft Leute auf dem Land zum Beispiel ganz anders als in den Großstädten. Da müssen die Grünen ihre politischen Inhalte eben auch mal mit der Realität vieler Menschen auf dem Land abgleichen.

Du bist selbst in einem Dorf aufgewachsen. Bist du deshalb lieber bei der SPD als bei einer Großstadtpartei wie den Grünen?

Mein kommunalpolitisches Engagement war am Anfang eher ein Versehen. Ich wollte in unserer Kleinstadt eine Party mitorganisieren, weil dort sonst nichts los war. Dazu habe ich mich in den Jugendrat wählen lassen, eine Art Jugendparlament bei uns, mit dem wir unseren Ort für junge Menschen besser machen wollten. Dadurch stieg mein Interesse an Politik enorm und ich wollte auch einer Partei beitreten. Im Rahmen eines Praktikums habe ich Frank-Walter Steinmeier kennengelernt, der mich letztlich überzeugt hat.

Also hat dich unser aktueller Bundespräsident in die SPD geholt?

Ja, das war aber eher Zufall. Ich war gerade Teil eines Russland-Austausches und er hatte als damaliger Außenminister das Thema Russland in seiner Rede angesprochen. Ich habe ihn dann einfach mit meinen damals fünfzehn Jahren gefragt, wie er das Verhältnis mit Russland bewertet und ihm erzählt, was ich darüber denke. Dieses Gespräch und seine Ansichten zur Rolle der Jugend in der Politik und der Sozialdemokratie in der Welt waren dann der letzte Funke, der mich zum Eintritt bewegt hat.

Wie hat deine Familie darauf reagiert?

Ich glaube, sie fanden es am Anfang schon etwas komisch. Parteimitgliedschaften sind in Ostdeutschland ja eher nicht der Regelfall und dann noch mit 15 Jahren. Ich bin auch das einzige Parteimitglied in meiner engeren Familie. Trotzdem haben sie mich immer in dem unterstützt, was mich glücklich macht.

Mittlerweile folgen dir mehr als 52.000 Menschen auf Twitter und Instagram. Und das mit politischen Botschaften. Wäre es nicht leichter, dort Mode, Games oder Essen zu bewerben?

Politik ist definitiv etwas anderes, als über Kosmetik oder Kleidung zu sprechen. Ich bin aber nicht in die SPD eingetreten, um mir das in die Instagram-Bio schreiben zu können.

Sondern?

Wir haben Probleme in diesem Land und ich möchte dort etwas bewegen. Ich möchte Teil der Veränderung sein. Das ist der Grund, warum ich in der Politik aktiv bin.

"Meine Freunde sprechen mit mir nicht darüber, was Partei XY macht. Es geht da um viel Konkreteres."

Ist Social Media dafür der richtige Ort?

Mein Leben hat sich schon immer dort abgespielt und je politischer mein Leben wurde, desto mehr hat sich das eben auch auf meinen Kanälen wiedergefunden. Es war keine bewusste Entscheidung zu sagen, "So, ab heute bin ich Politik-Influencerin". Meine Sozialen Netzwerke waren schon immer Spiegel meines Lebens.

Wie nehmen dich deine Freunde dort mittlerweile wahr?

Meine Freunde sprechen mit mir nicht darüber, was Partei XY macht. Es geht da um viel Konkreteres.

Um was denn?

Das kommt darauf an, mit wem ich spreche. Zu Hause in Mecklenburg-Vorpommern ist es ein großes Thema, dass die Dörfer im ländlichen Raum extrem vernachlässigt wurden. Der Staat hat sich dort zurückgezogen und die Menschen zu viel alleingelassen. Das hat mich geprägt.

Offenbar haben viele junge Menschen viele Fragen außerhalb der Großstädte.

Es geht um Chancengerechtigkeit, die vielen jungen Menschen aus ländlichen Gebieten verwehrt wird. In meinem Heimatort fragen sie sich: Welche Ausbildungsmöglichkeiten habe ich dort und kriege ich hier später überhaupt mal einen Job? Wie ist die Situation an den Universitäten? Wie ist die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Habe ich überhaupt Internet in dem Ort?

Und welche Antworten gibt es?

Die Perspektiven für junge Menschen sind noch nicht so gut, wie sie sein müssen. Ich habe Freundinnen und Freunde, die nach dem Abschluss in Mecklenburg-Vorpommern geblieben sind und nach ihrer Ausbildung massenhaft nicht übernommen wurden. Das will ich verändern.

"Das nächste Jahrzehnt muss das Jahrzehnt des ländlichen Raums werden."

Und wie?

Nach dem Abschluss sollen sich junge Menschen fragen können, ob sie nach Schwerin oder Stralsund gehen, nicht Berlin oder Hamburg, weil sie im Land keine Chancen haben. Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie, die sicherstellt, dass wirklich jeder einen Ausbildungsplatz bekommen kann. Außerdem fordere ich eine unbefristete Übernahmegarantie, um Auszubildenden langfristige Perspektiven zu geben. Und zwar zu fairen Löhnen. Ostdeutschland darf nicht länger Dumpinglohnland sein.

Dazu kommt das klassische Dorf-Problem, das Sinnbild für abgehängte Regionen ist: der fehlende Bus.

Ich kenne das selbst ja gut genug, gerade jungen Menschen nimmt es viel Freiheit und Flexibilität, wenn nicht ausreichend Busse fahren. Der Staat muss zurück in die ländlichen Räume: gerade beim ÖPNV-Ausbau. Wir müssen den Dörfern und Kleinstädten gute Perspektiven für eine starke Zukunft geben. Das nächste Jahrzehnt muss das Jahrzehnt des ländlichen Raums werden.

Die Busse fahren auch oft nicht mehr, weil es sich schlicht nicht für die Betreiber lohnt.

Es braucht ein besseres System, das auf die Bedürfnisse der jeweiligen Region antwortet.

Wie könnte das aussehen?

In meinem Landkreis werden Rufbusse eingesetzt, die telefonisch bestellt werden, um dort, wo der öffentliche Personennahverkehr zu wenig genutzt wird, besser zu versorgen. Wir brauchen zudem Anreize, damit die Menschen mehr Gebrauch vom ÖPNV machen. Nach dem Azubi-Ticket braucht es daher auch ein landesweites Schülerfreizeitticket in Mecklenburg-Vorpommern.

"Als wir diesen Talk veranstaltet haben, hätten wir nie damit gerechnet, dass wenige Tage später der Regierungssprecher der Bundesregierung unseren Talk kommentiert."

Hast du den Eindruck, dass diese Probleme auch bei der Politik in der Hauptstadt Berlin ankommen?

Oft gehen Diskussionen in der Blase des politischen Berlins an der Lebensrealität vorbei. Wenn es wieder ellenlange Twitter-Debatten um eine bestimmte Formulierung gibt, ist das einfach komplett weg von den Leuten. Die meisten interessiert das nicht.

Du bist auch gerne in der Audio-App Clubhouse unterwegs, dort treffen sich vor allem Journalisten, Politiker und Unternehmer, denen man beim Talk zuhören kann. Ist das nicht auch "komplett weg von den Leuten"?

Das ist definitiv eine Blase. Niemand muss sich vormachen, dass man damit die Menschen in der Fläche erreicht. Allein dadurch, dass die App nur Menschen mit iPhone nutzen können und man eingeladen werden muss, führt das natürlich auch dazu, dass nur Leute einer bestimmten Bevölkerungsgruppe dort präsent sind.

Es gibt aber auch Momente, in denen die Inhalte bei Clubhouse die Blase verlassen. Ein prominentes Beispiel war Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen, der wegen seiner Äußerungen bei Clubhouse sogar zum Rücktritt aufgefordert wurde.

Als wir diesen Talk veranstaltet haben, hätten wir nie damit gerechnet, dass so etwas passiert und wenige Tage später der Regierungssprecher der Bundesregierung unseren Talk kommentiert. Trotzdem muss man sich im Klaren sein, dass Sätze, die in diesem Rahmen fallen, auch zitiert werden – gerade wenn man eine Person des öffentlichen Lebens ist.

"Bodo Ramelow ist erfahren genug, um alleine Verantwortung für seine Aussagen zu tragen."

Im Zweifel ist das nicht immer präsent. In den AGBs von Clubhouse steht ja auch, man darf nicht zitieren.

Ja, aber es ist naiv zu glauben, dass das eingehalten wird. Es sind zahlreiche Journalisten und andere Medienschaffende bei den Talks. Wenn man dort Dinge sagt, die man später nicht bei Twitter oder in der Zeitung lesen will, dann sollte man sie dort auch einfach nicht sagen. Dessen muss sich Bodo Ramelow auch bewusst sein.

Du hast den Talk moderiert, fühlst du dich verantwortlich für das, was ihm passiert ist?

Nein. Bodo Ramelow ist erfahren genug, um alleine Verantwortung für seine Aussagen zu tragen.

Zur Politik gehört auch nicht selten ein Bundestagsmandat. Kannst du dir vorstellen, irgendwann auch mal dort zu sitzen?

Darüber mache ich mir aktuell keine Gedanken. Mein Herz schlägt für Mecklenburg-Vorpommern und zunächst möchte ich auch erst einmal mein Studium abschließen. Mein Leben ist so turbulent, wer weiß, wie es in fünf Jahren aussieht.

Wo könntest du denn in fünf Jahren sein?

Für mich steht aktuell ein gutes Staatsexamen an erster Stelle. Dafür lohnt sich der aktuelle Lernstress dann hoffentlich auch.

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