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Apple und Google möchten gemeinsame Lösung

Wenn das Smartphone zum Partner im Kampf gegen Corona wird. (Symbolbild) Bild: Getty Images

Corona-App: Diese digitalen Mittel sollen helfen

Die Corona-Pandemie läutet ein neues Zeitalter der Innovation ein – das gilt besonders für die digitale Medizin. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neues Tool zum Kampf gegen Sars-CoV-2 angekündigt wird. Doch so positiv diese Entwicklung auch ist, es ist momentan schwer, den Überblick zu behalten.

Datenspende, Tracing, Quarantäne-Tagebuch: Was soll wobei helfen und wie funktionieren die Tools?

Um euch einen Überblick zu geben, haben wir die wichtigsten Anwendungen sowie Akteure dahinter herausgesucht. Einige Ansätze könnten wunderbar miteinander harmonieren, andere hingegen um Nutzer konkurrieren. Doch wichtig ist vor allem die Frage, ob alle Anwendungen datenschutzrechtlich in Ordnung sind. Spoiler: Manche mehr, manche weniger.

Die Tracing-App

Momentan ist es für Gesundheitsämter ein mühseliger Prozess, Infektionsketten zurückzuverfolgen. Die Tracing-App soll diese Arbeit erleichtern und Corona-Ausbrüchen schnell vorbeugen. Der Softwareriese SAP, die Deutsche Telekom, das Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit sowie die Fraunhofer-Gesellschaft arbeiten gemeinsam an der App, teilte die Bundesregierung mit.

Wie funktioniert das?

Das Grundprinzip: Sobald sich zwei Handys für eine bestimmte Zeit nahe genug kommen, tauschen sie via Bluetooth sogenannte pseudonyme IDs aus. Meldet sich jemand als infiziert, werden alle Menschen, die sich in der Nähe der Person befanden, benachrichtigt.

Zunächst war die Idee, alle Kontaktdaten eines Infizierten auf einem zentralen Server zu speichern. Das Konzept wurde allerdings heftig kritisiert – unter anderem von 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einem offenen Brief.

Grund war, dass die Kontaktdaten theoretisch Rückschlüsse auf die Personen dahinter zulassen könnten. Mittlerweile ist dieses Konzept Geschichte. Nun setzt die Bundesregierung auf ein dezentrales Konzept. Dabei werden alle Daten direkt auf den Geräten der Nutzerinnen und Nutzer ausgewertet. Wann genau die App einsatzbereit ist, steht aber noch nicht fest.

Das Prinzip funktioniert folgendermaßen: Bei einem Infektionsfall sendet ein Betroffener einen sogenannten Seed Key an einen Server. Daraus lassen sich die Kontakt-IDs ableiten, die die Nutzer austauschten. Stark vereinfacht können andere Nutzer diese Seed Keys erhalten, und die App berechnet dann, ob Nutzer mit dem Infizierten Kontakt hatten und wie hoch das Risiko einer Ansteckung ist.

Daten gegen Covid-19

Neben der Rückverfolgung der Kontaktdaten soll die Tracing-App auch eine Datenspendefunktion enthalten. Nutzerinnen und Nutzer können dabei freiwillig in pseudonymisierter Form Daten zur epidemiologischen Forschung an das Robert-Koch-Institut (RKI) übertragen. Mit deren Hilfe kann das RKI überprüfen, ob Personen, die über die App benachrichtigt wurden, kurz darauf positiv getestet wurden.

Die Corona-Datenspende-App

Mittlerweile erscheinen jeden Tag neue Informationen zum Coronavirus. Bisher ist es jedoch nicht leicht, nachzuvollziehen, wie es sich mit regionalen Ausbrüchen verhält. Während die Tracing-App bei deren Erfassung helfen könnte, bietet das RKI seit kurzem auch eine andere Option: Die Corona-Datenspende-App.

Wie funktioniert das?

Mit der App können Gesundheitsdaten von Smartwatches oder Fitness-Trackern an das RKI übermittelt werden. Die Vitaldaten sollen der Gesundheitsbehörde Rückschlüsse auf regional gehäufte Infektionen ermöglichen – wenn sich diese Werte etwa plötzlich verändern. Das soll wiederum dabei helfen, lokalen Ausbrüchen besser zu begegnen. Bereits eine Woche nach dem Erscheinen gab das Institut an, dass mehr als 400.000 Menschen die App nutzen.

Der Chaos Computer Club (CCC) kritisierte die App in einer 29-seitigen Analyse. Technische und organisatorische Mängel werden darin hervorgehoben. Besonders problematisch: Die Daten sollen nicht über das Fitnessgerät, sondern über die Server von Anbietern wie Google Fit, Garmin, Fitbit oder Polar abgegriffen und erst anschließend pseudonymisiert werden.

Die CovApp

Nun hat nicht jeder einen Fitnesstracker oder eine Smartwatch. Viele mögliche Infektionsfälle müssen also mit den bisher genutzten Mitteln erfasst und geprüft werden – etwa über Gespräche. Dass das viel Zeit in Anspruch nehmen kann, hat sich in der Vergangenheit häufiger gezeigt. Die CovApp, die von der Charité in Zusammenarbeit mit dem Non-Profit-Unternehmen Data4Life umgesetzt wurde, soll entsprechend eine Alternative zur Corona-Datenspende-App bilden.

Wie funktioniert das?

Anstatt Vitaldaten zu erfassen, setzt die CovApp auf einen Fragenkatalog, in dem nach Symptomen sowie möglichen Kontakten gefragt wird. Je nachdem, was geantwortet wird, folgen Handlungsempfehlungen, eine Liste möglicher Ansprechpartner sowie eine Zusammenfassung der Daten.

Wichtig ist, dass es sich dabei um keine diagnostische Leistung handelt. Die App lotst Betroffene lediglich gezielt durch die Angebote der Gesundheitsversorgung. Helfen soll die Anwendung auch dabei, die Notwendigkeit eines Arztbesuches oder Corona-Tests einzuschätzen. Zudem geben die Nutzer auch ihre Postleitzahl an, was Rückschlüsse auf lokale Infektionszahlen ermöglicht. Die Postleitzahl wird übrigens nicht von Data4Life, sondern dem RKI ausgewertet.

Übrigens: Auch wenn der Name das suggeriert, die CovApp ist keine App als solche. Der Fragebogen wird online ausgefüllt.

Weitere Apps zur Erfassung der Symptome

Der CovApp stehen weitere Apps, die auf ein ähnliches System setzen, entgegen. Da wäre etwa die weltweit erfolgreiche generelle Krankheitssymptom-Analyse-App Ada. Das gleichnamige Gesundheitsunternehmen ergänzte seine App um einen Covid-19-Screener. Die Anwendung soll auf den Leitlinien des RKI, des National Health Services (NHS) und des Centers for Disease Control (CDC) in den USA beruhen.

Das Tübinger AI Center stellte ebenfalls einen Symptomtracker namens CoroNotes zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es noch eine Variante der Uni Freiburg, die heißt Faster than Corona.

Und hier gibt es ein Problem: Niemand wird alle Apps nutzen. Es können also schnell einzelne, voneinander getrennte Datensilos entstehen. Rückschlüsse auf lokale Infektionsanhäufungen lässt das nur schwer zu. Dafür müssten die Daten gebündelt werden. Ob das auch so kommt, muss man noch abwarten.

Das Quarantäne-Tagebuch

Um zu prüfen, ob sich Corona-Betroffene an die Auflagen ihrer 14-tägigen Quarantänezeit halten, erfolgt eine Gesundheitskontrolle durch zwei tägliche Anrufe oder Hausbesuche von Behördenmitarbeitern. Kommt es in einer Region zu vielen Ausbrüchen, können Gesundheitsämter so schnell an ihre Grenzen stoßen. Nach behördlichen Angaben sollen auf 20.000 Einwohner fünf Mitarbeiter kommen. Im Idealfall. Um die Ämter zu entlasten, kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das Quarantäne-Tagebuch an.

Wie funktioniert das?

Bisher unklar. Das Bundesgesundheitsministerium hält die Informationen rund um die App noch vage. Laut Corona-Kabinett sollen Bürgerinnen und Bürger auf der Plattform angeben können, wie sich ihre Symptome im Quarantäne-Verlauf entwickeln. Die Information, wie die App prüfen soll, dass sich die Nutzer an die Auflagen ihrer Quarantäne halten, fehlt derzeit noch.

Für das Quarantäne-Tagebuch gibt es viele zweifelhafte Vorbilder aus anderen Ländern. In Polen etwa sind die Bürger in Quarantäne verpflichtet, eine App des Digitalisierungsministeriums zu installieren. Die fordert sie mehrmals am Tag auf, ein Selfie mit Geolokalisierung zu versenden. Dafür haben sie 20 Minuten Zeit. Kommt das Bild nicht, schaltet sich die Polizei ein und prüft, ob die Person zu Hause ist.

Zwar betont Spahn, dass das Quarantäne-Tagebuch von den Bürgern freiwillig genutzt werden kann, doch Kritiker befürchten, dass Zwangsinstallationen angeordnet werden.

Sicher Test und Digitales Wartezimmer

Bisher müssen Menschen sich bei einem Corona-Verdacht auf ein langwieriges Prozedere einstellen: Die Symptome beim Arzt abklären, beim Gesundheitsamt einen Termin für einen Test ausmachen, zur Station fahren. Kurz: Es zieht sich. Um das zu lösen, haben IT- und Gesundheitsexperten im Rahmen des WirVSVirus Hackathons zwei Projekte ins Leben gerufen: Die Anwendungen Sicher Test und Digitales Wartezimmer.

Wie funktioniert das?

Die Anwendung Sicher Test ist im Grunde genommen ein digitales Buchungssystem für Test-Termine. Dadurch sollen Wartezeiten und die Ansteckungsgefahr im Wartezimmer vermieden werden. Mithilfe der "Web-App" Digitales Wartezimmer sollen Menschen mit Covid-19-Verdacht, je nach Schwere, Termine für Corona-Tests zugewiesen werden können. Praktisch ist, dass Nutzer die Anwendung nicht herunterladen müssen. Sie ist im Browser aufrufbar.

Dafür füllen sie einen Fragebogen zur gesundheitlichen Verfassung und Symptomen aus. Darauf bekommen sie eine Risikoeinschätzung. Kommt die App zu dem Schluss, dass ein Corona-Test nötig ist, sollen die Nutzer je nach verfügbaren Kapazitäten einen Test-Termin oder einen Termincode für das digitale Wartezimmer bekommen. Ist Letzteres der Fall, können die Menschen regelmäßig Rückmeldung über ihren Gesundheitszustand abgeben.

Das digitale Gesundheitszertifikat

Für Corona-Genesene gibt es noch keine Nachweismöglichkeiten – sei es für Testergebnisse oder auch Informationen zum Immunstatus. Ein Immunitätsausweis war eine Idee. An etwas Ähnlichem arbeitet ein Kölner Konsortium unter Federführung des Vereins Digital Health Germany sowie mit Unterstützung der Bundesdruckerei: Das digitale Gesundheitszertifikat.

Wie funktioniert das?

Die Anwendung soll alle Informationen rund um eine Corona-Erkrankung bündeln und nachweisbar machen. Dazu gehören Testergebnisse, bereits überstandene Erkrankungen oder auch ein möglicherweise erworbener Immunstatus. Dahinter verbirgt sich ein kompliziertes Informationsmanagementsystem, das Patientendaten pseudonymisiert zwischen Kliniken, Arztpraxen, Testlaboren und dem Patienten selbst überträgt.

An den Schnittstellen werden diese pseudonymisierten Daten einsehbar. Bisher ist noch unklar, wann diese Anwendung verfügbar sein wird. Digital Health Germany betont, dass die Arbeit schnell vorangehe. Allerdings warnt die Weltgesundheitsorganistation (WHO) vor solchen Formen von Immunitätsauskünften. Grund ist, dass es bisher noch keinen direkten Nachweis für eine Immunität gebe. Sollten Menschen dennoch diesen Stempel aufgedrückt bekommen, könnten sie unvorsichtig werden. Auch ethisch könnte das bedenklich sein.

Viele Mittel, viel Besserungsbedarf

Es ist positiv zu sehen, wie viele Institute, Unternehmen und auch Politiker sich dafür einsetzen, möglichst schnell Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie zur Verfügung zu stellen. Dennoch gibt es bei den meisten Angeboten einen entscheidenden Kritikpunkt: den Datenschutz.

Auch wenn es bei der Entwicklung von Anwendungen zu Kurswechseln kommt, wie das Zentral/Dezentral-Dilemma der Tracing-App zeigt, besteht die Gefahr, dass das Vertrauen in derlei Projekte schwindet. Vertrauen, das hauptsächlich darüber entscheidet, ob eine App genutzt wird oder nicht.

Und gerade die Tracing-App, aber auch die umstrittene Datenspende-App sind darauf ausgelegt, dass viele Menschen sie nutzen.

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