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US-Präsident Donald Trump war nicht die treibende Kraft hinter dem massenhaften Aufkauf des Corona-Medikaments Remdesivir. Bild: CNP/AdMedia / Jim LoScalzo

Exklusiv

Trump kauft der Welt das Medikament weg? Experte erklärt Remdesivir-Kauf durch USA

Beim Kampf gegen die Corona-Pandemie ruhen die Hoffnungen bisher vor allem auf einem Medikament: Remdesivir. Allerdings wird davon wohl in absehbarer Zeit außerhalb der USA nicht viel verfügbar sein. Wie der "Guardian" berichtet, hat die US-Regierung die gesamte Produktion von Juli sowie 90 Prozent der Produktionen von August und September aufgekauft.

Diese Meldung hat viel Empörung ausgelöst. Trump nehme dem Rest der Welt das einzige wirksame Mittel gegen Covid-19 weg, lautete der Tenor am Mittwoch. USA-Experte Thomas Jäger erklärt im Interview mit watson, warum die USA das getan haben, warum dieser Schritt kein ungewöhnlicher ist – und warum er nicht direkt auf Trump zurückgeht.

"Die steigenden Infektionszahlen spielen natürlich eine Rolle."

watson: Die Trump-Regierung kauft fast die gesamten Remdesivir-Vorräte auf. Was steckt dahinter?

Thomas Jäger: Die steigenden Infektionszahlen spielen natürlich eine Rolle. Man muss dazu wissen: Remdesivir ist bisher das einzige Medikament, das bei schweren Fällen zumindest eine lindernde Wirkung hat. Trumps oberster Epidemie-Berater Anthony Fauci hat auf dieses Medikament in seinen Pressekonferenzen schon mehrfach hingewiesen. Daraufhin hat der Produzent von Remdesivir, Gilead Science, die bisherigen Bestände der amerikanischen Regierung kostenfrei zur Verfügung gestellt. Diese Bestände wurden an die Krankenhäuser verteilt.

Und diese Bestände waren nun aufgebraucht?

Jetzt ist die letzte kostenlose Charge rausgegangen. In der Zwischenzeit hat die Regierung selbstverständlich mit Gilead darüber verhandelt, wie es danach weitergeht.

"Das ist eine ganz normale Bevorratung, die hier stattfindet. Sie geht auch nicht direkt auf den Präsidenten zurück."

Und was war das Ergebnis?

Es ist ein Paket geschnürt worden. Das umfasst nicht nur, dass die amerikanische Regierung die Juli-Produktion und 90 Prozent der August- und September-Produktion aufkauft. Sondern auch, zu welchem Preis sie das aufkauft, zu welchem Preis Privatpatienten das bekommen und zu welchem Preis die staatliche Gesundheitsvorsorge dieses Medikament aufkaufen kann. Das ergibt zusammen ein Paket, aufgrund dessen sich die amerikanischen Krankenhäuser nun bevorraten können. Natürlich auch für den Fall, dass es im Herbst eine neue Welle an Infektionen gibt und die Zahl der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern zunimmt.

Trump steckt gerade mitten im Wahlkampf. Ist es vielleicht einfach eine plakative Wahlkampf-Aktion, dass Trump den gesamten Bestand in die USA holt?

Nein. Das ist eine ganz normale Bevorratung, die hier stattfindet. Sie geht auch nicht direkt auf den Präsidenten zurück. Trump läuft nicht durch sein Oval Office und sagt: 'Wir müssen jetzt dieses Medikament haben!' Sondern das Gesundheitsministerium war mit Gilead im Gespräch. Da waren wir beide nicht dabei, aber man kann sich lebhaft vorstellen, dass Gilead gesagt hat, wenn ihr diesen Preis wollt, wie viel nehmt ihr – wie solche Verhandlungen eben ablaufen. Und dann hat man sich eben darauf geeinigt.

"Auch die Bundesregierung hat sich meines Wissens inzwischen bestimmte Chargen an Impfstoff gesichert."

Also ist das ein ganz normaler Vorgang?

Ja. Ungewöhnlich ist es gleichwohl, weil es sonst kein Medikament gibt. Das wird jedenfalls berichtet. Es ging mit der Pandemie ja sowieso einher, von Sanofi bis Curevac, dass alle, von Amerikanern bis Franzosen, versucht haben, sich bestimmte Chargen zu sichern. Auch die Bundesregierung hat sich meines Wissens inzwischen bestimmte Chargen an Impfstoff gesichert, nachdem sie dies zunächst abgelehnt hatte – und obwohl es ihn noch gar nicht gibt.

Die Zuspitzung auf Trump als demjenigen, der dem Rest der Welt das Medikament wegnimmt, stimmt also nicht?

Nein, das war ein bürokratischer Prozess. Das Gesundheitsministerium hat mit denen schon länger verhandelt, weil sie wussten, die letzte kostenlose Charge geht jetzt raus, also kostet es irgendwann was. Der Preis war das Hauptmotiv. Es durfte auch nicht zu teuer werden. Man hat in den Vereinigten Staaten ja auch gesehen, dass Covid-19 auch eine soziale Komponente hat. Je ärmer, desto anfälliger. Und je ärmer, desto eher auf das staatliche Gesundheitssystem angewiesen. Insofern hatte die Regierung einfach ein Interesse daran, die Kosten im Blick zu behalten.

"Es hat natürlich auch die Seite, dass in den USA aufgrund der riesigen Infektionszahlen damit gerechnet wird, dass man wirklich viel von diesem Medikament braucht."

Aber ist das Vorgehen der US-Regierung nicht auch Ausdruck der 'America First'-Ideologie?

Es passt halt dazu. Insofern liegt das irgendwie nahe, es genau so zuzuschreiben – wenn man den tatsächlichen Prozess nicht kennt. Und möglicherweise hat man im Gesundheitsministerium auch gesagt, das passt genau in Trumps Mindset. Das schadet ja dann nicht, wenn man Karriere machen möchte und der Präsident das gut findet. Aber es hat natürlich auch die Seite, dass in den USA aufgrund der riesigen Infektionszahlen damit gerechnet wird, dass man wirklich viel von diesem Medikament braucht.

Die US-Regierung stand also auch einfach unter Druck, zu handeln?

Die amerikanischen Sender zeigen ständig die unterschiedlichen Kurvenverläufe der Infektionen und Opferzahlen in den USA und Europa. Und das ist eben ein so signifikanter Unterschied, dass die amerikanische Regierung da wirklich unter Druck steht. Ihr bisheriges Handeln in der Epidemie bekommt immer schlechtere Noten. Obwohl sie in vielen Sachen gar nicht die Kompetenz hat, wird es immer stärker dem Präsidenten zugeschrieben, dass die Opferzahlen weiter hochgehen. Das mag bei dieser starken Bevorratung mit Remdesivir eine Rolle spielen, weil es die Menschen etwas beruhigt. Denn die amerikanische Bundesregierung hat sich festgelegt, dass es keinen zweiten Lockdown geben wird. Gleichzeitig ist bekannt, dass eine große Anzahl an Arbeitnehmern nicht mehr rausgeht, weil sie Angst haben, sich zu infizieren. Und da mag das Versprechen, dass es ein Medikament gibt, dazu beitragen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

"Es müsste also in Berlin inzwischen angekommen sein, dass hier ein beinharter Wettbewerb um Medikamente und Impfstoffe geführt wird."

Also hätten die Bundesregierung oder andere europäische Regierungen im Zweifelsfall ähnlich gehandelt?

Die Frage, die sich alle anderen stellen lassen müssen, ist: Habt ihr auch rechtzeitig mit Gilead verhandelt? Man weiß ja um die amerikanische Politik in diesen Fällen. Die Bundesregierung hat ja die Tübinger Firma Curevac mit rund 300 Millionen unterstützt – warum? Um die amerikanischen Begehrlichkeiten an dieser Firma abzuwehren. Es müsste also in Berlin inzwischen angekommen sein, dass hier ein beinharter Wettbewerb um Medikamente und Impfstoffe geführt wird.

Und dieser Wettbewerb lässt sich auch nicht vermeiden?

Die Europäische Union und die USA haben sich in dieser Frage nicht zusammentun können, weil sie unterschiedliche Prioritäten gesetzt haben. Die Amerikaner haben das für sich gemacht. Die Europäer haben versucht, eine internationale Konferenz zusammenzukriegen. Das hat auch mehr oder weniger geklappt. Aber USA und EU sind auf diesem Gebiet momentan eben Gegenspieler.

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    Alle Leser-Kommentare
  • RoLo43 01.07.2020 22:55
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