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Kekulé übte Kritik an Drostens Kinder-Studie. War das nötig? Bild: picture alliance/Eventpress Stauffenberg

Analyse

Drosten gegen Kekulé: Was sich hinter dem Virologen-Streit verbirgt

Geht es um Informationen zur Corona-Pandemie, kann Virologe Christian Drosten als Galionsfigur bezeichnet werden. Sein Podcast "Coronavirus-Update" umfasst mittlerweile 44 Folgen, rund 50 Millionen Mal wurde er abgerufen. Der Wissenschaftler erklärt in Talkshow-Auftritten die Corona-Krise und berät die Bundesregierung, welche Maßnahmen getroffen werden sollen. Daneben widmet er sich noch seiner Arbeit als Wissenschaftler.

In dieser Funktion wurde er die vergangenen Tage angegriffen. Es entbrannte eine Diskussion um eine Studie zur Corona-Ansteckung bei Kindern. Auch der ebenfalls prominente Virologe Alexander Kekulé ist beteiligt. Von Drosten folgten Äußerungen, die weit über einen wissenschaftlichen Diskurs hinausgingen. Und das könnte problematisch sein.

Wie alles begann

Drosten veröffentlichte im April einen sogenannten Preprint seiner Studie, was bedeutet, dass sie noch nicht von Fachkolleginnen und -kollegen geprüft worden ist. Zeitgleich stand die Frage im Raum, ob und in welchem Umfang Schulen und Kitas wieder öffnen können. Da es keine aussagekräftigen Studien zur Corona-Pandemie und der Infektiösität von Kindern gab, zog Drostens Arbeit bundesweit Aufmerksamkeit auf sich, was bei einer Vorveröffentlichung eher unüblich ist. Schließlich durchlief sie noch keine Qualitätskontrolle.

Es folgte Kritik von mehreren Wissenschaftlern, darunter Statistik-Professor Dominik Liebl und Wirtschaftswissenschaftler Jörg Stoye. Dabei ging es hauptsächlich um die Methodik. Zu wenig Kinder seien etwa getestet worden. In der Wissenschaft sind derlei Diskussionen normal. Forschungsergebnisse werden veröffentlicht, angegriffen, verteidigt und, wenn nötig, überarbeitet.

Weniger normal ist, dass die "Bild" die Kritik aufgriff und in einen Frontalangriff auf Drosten umwandelte. Von diesem Artikel distanzierten sich die zitierten Wissenschaftler, bei der methodischen Kritik blieben sie weiterhin. "Es wirkt, als würde die aktuelle mediale Kampagne Drosten zum Sündenbock machen. Dabei ist es eigentlich gut, dass der wissenschaftliche Diskurs so öffentlich geführt wird", sagt der Kulturwissenschaftler Michael Butter in einem Interview mit watson. Das habe seinen Preis und könne für alle beteiligten Figuren belastend sein.

Drosten kritisierte die Vorgehensweise der "Bild"-Zeitung, akzeptierte aber die Kritik aus der Wissenschaft und prüft seine Studie entsprechend. Nun folgte aber ein Artikel von Alexander Kekulé im "Tagesspiegel", auf den Drosten ungewohnt harsch reagierte.

Kekulé gegen Drosten

In seinem Gastbeitrag schrieb Kekulé folgenden Satz:

"Warum Drosten die Studie nicht einfach zurückzieht, ist schwer nachvollziehbar. Der im Umgang mit den Medien versierte, erfahrene Forscher und Politikberater gibt stattdessen der 'Bild' eine unnötige Angriffsfläche."

Alexander Kekulé "Tagesspiegel"

Demnach sei die Unsicherheit der Daten zu groß. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Kekulés Satz mittlerweile korrigiert wurde. Nun steht in dem Text: "Warum der im Umgang mit den Medien versierte, erfahrene Forscher und Politikberater die Vorveröffentlichung nicht einfach zurückgezogen und stattdessen der 'Bild' eine unnötige Angriffsfläche gegeben hat, ist schwer nachvollziehbar." Der Virologe selbst sagte am Freitag im Podcast der "FAZ", bei der ersten Version des Satzes habe es sich um einen Fehler des "Tagesspiegels" gehandelt.

Die Diskussion dreht sich jedoch nicht um den einen Satz. Und selbst nachdem er geändert wurde, bleibt es erstmal nur eine fachliche Kritik, über die natürlich gestritten werden darf.

Drosten ging auf die fachliche Kritik von Kekulé jedoch nicht ein. Stattdessen sagte er, Kekulés Darstellung sei "tendenziös" und mache "Stimmung". Außerdem spiele er in der Gemeinschaft der Virologen keine Rolle und sei kein Teil der Wissenschaftscommunity. "Kekulé selbst könnte man nicht kritisieren, dazu müsste er erstmal etwas publizieren." Und hier wird’s knifflig.

Wie viel ist eine Meinung wert?

Es ist richtig, dass Kekulé bisher nichts zu Coronaviren veröffentlicht hat. Drosten ist hingegen eine Koryphäe auf dem Gebiet mit einigen Publikationen zu dem Thema. Das bedeutet aber nicht, dass Kekulé kein Recht auf eine Meinung dazu hat. Das hat erstmal jeder. Auch Drosten verbietet ihm nicht seine Meinung. Er spricht ihr hingegen die Relevanz ab – und zieht den Diskurs somit auf eine persönliche Ebene.

Das Problem dabei: Drosten argumentiert ad hominem, er bezieht seine Aussage nicht auf die Kritik selbst, sondern auf die Person dahinter und bringt sie in der Öffentlichkeit in Misskredit. Oder einfacher ausgedrückt: Er lässt ihn schlecht aussehen. Damit macht Drosten es sich nicht gerade leicht. In Fachdiskussionen kommen emotionale Aussagen nur selten gut an.

Natürlich kann der Diskurs zwischen Wissenschaftlern gelegentlich anstrengend sein. Unter normalen Umständen finden er aber in der Wissenschaftscommunity statt. Außenstehende bekommen davon nicht viel mit. Bei Drostens Studie sind die Umstände jedoch alles andere als normal. Beide Akteure stehen in der Öffentlichkeit, beiden wird zugehört. Ein falsches Wort kann schnell Konsequenzen nach sich ziehen, was ein Tweet gut zusammenfasst:

Hackordnung in der Wissenschaft

Zudem fällt auf, dass Drosten bei den Argumenten von Statistikern wie Leonhard Held oder Dominik Liebl nicht derart hart reagierte. Dabei haben beide ebenfalls nichts zu Coronaviren publiziert. Wobei man hier fairerweise sagen muss, dass sich die Kritik auf die statistische Methodik bezog. Ein Gebiet, auf dem beide Gegensprecher sicher sein sollten. Dennoch erscheint es ein wenig so, als messe Drosten mit zweierlei Maß. Kekulé sprach auch nicht als Experte fürs Coronavirus, sondern als Wissenschaftler, der eine Studie bewertet.

Zusätzlich vermitteln die Spitzen gegen Kekulé das Bild einer Hackordnung: Wer nichts publiziert, hat nichts zu sagen. Das wäre aber nur halb richtig. Natürlich haben Aussagen von Fachexperten ein gewisses Gewicht, mit dem Außenstehende nur schwer mithalten können. Trotzdem können auch Fachfremde einen Beitrag leisten.

Abgesehen davon ist Kekulé nicht ganz außenstehend. Zwischen 2003 und 2015 war der ausgebildete Virologe etwa Mitglied in der Schutzkommission Seuchenschutz des Bundesinnenministeriums.

Das betonte Kekulé selbst im Interview mit dem "Deutschlandfunk" am Freitag: In der Pandemie-Planung schreibe man "keine wissenschaftlichen Publikationen, sondern Gutachten und Pandemiepläne für Staaten und auch für mehrere DAX-Unternehmen. So hat jeder – wie soll ich sagen – seine Spezialität."

Wichtig bleibt die Wissenschaft – und keine Medienkampagne

Kann man Drosten seine Aussagen gegenüber Kekulé also übelnehmen, ihm gar zum Vorwurf machen? Jein. Er ist immer noch ein Mensch. Ein Mensch in einer schwierigen Situation. Die Lage ums Coronavirus, der "Bild"-Artikel, die Hassnachrichten von Menschen, die ihn für jedes kleine Verbot verantwortlich machen, das alles vermengt sich zu einem Brei, der auf Dauer übel auf den Magen schlagen kann.

Dass er mit einer Aussage nun etwas über die Stränge geschlagen hat, war von daher vielleicht eine Kurzschlussreaktion. Vielleicht hat er damit seiner öffentlichen Wahrnehmung geschadet. Am Ende aber zählen die Erkenntnisse aus Studien, nicht das Drumherum.

Und eine Sache darf auch nicht vergessen werden: Meinungsunterschiede in der Wissenschaft sind normal und werden im wissenschaftlichen Diskurs immer lebhaft diskutiert. "Der Unterschied während der Corona-Pandemie ist allerdings, dass die Öffentlichkeit diesen Diskurs nun so genau mitverfolgt, ohne dass sich bisher ein wissenschaftlicher Konsens herausgebildet hätte", erklärt Kulturwissenschaftler Butter gegenüber watson. "Wer da nicht in den Fachkreisen mit drin steckt, könnte sich von solchen Diskussionen verwirren lassen." Der allgemeine Konsens in Deutschland sei, dass Corona problematisch ist und eingedämmt werden muss. "Dass die Ansichten innerhalb dieses Konsens auseinander gehen können, ist für manche schwer zu verdauen."

Wichtig dabei ist sicherlich der Ton des Diskurses. Sachlich müsse es sein, sagte der Interviewer zu Kekulé im "FAZ"-Podcast. "Auf der anderen Seite steht eine Kampagne der 'Bild'-Zeitung gegen Christian Drosten." Kekulé antwortete: "Fürchterlich."

Diese Kampagne habe ihn vielleicht benutzt, wurde Kekulé dann gefragt. "Genauso wie sie Christian benutzt hat", antwortete er. "Im Ergebnis passt zwischen uns kein Blatt", erklärte er weiter zu seinem Kollegen. Denn auch er sei vorsichtig, was die Öffnung von Kindergärten und Schulen während der Corona-Krise angeht.

Zuletzt sollte man sich allerdings noch fragen, ob Kekulés Beitrag in dem Umfang wirklich nötig war. Immerhin gab es bereits Kritik in ähnlicher Form. Damit lieferte er keinen neuen Input, sondern zündelte vielleicht lediglich an Drostens Nervenkleid.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Cassie 30.05.2020 08:17
    Highlight Highlight Kaum ist erstmal das schlimmste abgewendet in der Corona Angelegenheit,es auch nicht zu den Szenarien kam,die prophezeit wurden,da hackt sofort eine Krähe der anderen die Augen aus.Typisch,das sitzt in den Genen-bei den Ungebildeten wie bei den Studierten.Nie hatten wir es mit so einen Virus zu tun,keiner wusste welches Handeln richtig oder falsch war.Unsere Wirtschaft wurde gegen die Wand gefahren,überarbeitetes-lach-Krankenhauspersonal ging in Kurzarbeit,vieles wurde schlicht übertrieben.Der beste Zeitpunkt,aufeinander loszugehen.

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