Leben
Köln ist weiter Corona-Risikogebiet: Laut RKI hat Köln nun mit einem Inzidenzwert von 70,4 die nächste Grenze von 70 übersprungen. Im Bild Menschen in der Hohe Straße, wo aufgrund des engen Abstandes zwischen den Passanten Maskenpflicht gilt. Themenbild, Symbolbild Köln, 13.10.2020 *** Cologne is still a corona risk area According to the RKI, with an incidence value of 70.4, Cologne has now crossed the next threshold of 70 In the picture Menschen in der Hohe Straße, where masks are compulsory due to the narrow distance between passers-by Thematic picture, symbolic picture Cologne, 13 10 2020 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage

Eine belebte Einkaufsstraße in Köln, die Stadt ist inzwischen als Risikogebiet eingestuft. Bild: www.imago-images.de / Christoph Hardt

Exklusiv

Epidemiologe mit düsterer Prognose zum Jahresende: "20.000 Neuinfektionen am Tag möglich"

6638 Corona-Neuinfektionen an nur einem Tag meldet das Robert-Koch-Institut am Donnerstagmorgen – der höchste Wert in Deutschland seit Beginn der Pandemie. Die Bundesregierung traf sich wegen dieser Negativ-Entwicklung gestern mit den Ministerpräsidenten der Länder, um strengere Maßnahmen festzusetzen, die der Ausbreitung des Virus entgegenwirken sollen. Zufrieden war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem Ergebnis allerdings nicht. "Die Ansagen von uns sind nicht hart genug", sagte sie während der Sitzung am Mittwoch. Und warnte weiter: "Zu Weihnachten könnte die tägliche Zahl der Infektionen bei 19.200 liegen."

Ist ihre Aussage realistisch? Und wo müsste man jetzt ansetzen, um die Verbreitung auszubremsen? Watson fragte bei Markus Scholz nach. Er ist Epidemiologe an der Uni Leipzig und untersucht aktuell die Corona-Pandemie. Mit seiner Arbeitsgruppe betreibt er seit 15 Jahren Infektionsforschung anhand von mathematischen Modellen.

Er sieht einen exponentiellen Anstieg:

"Nach unseren Modellvorhersagen würden wir ohne neue Maßnahmen ähnliche Neuinfektionszahlen erwarten, wie von der Bundeskanzlerin genannt. Also etwa 20.000 am Tag."

watson: Das RKI meldet inzwischen über 6500 Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Ist das beunruhigend oder ergibt sich diese Zahl aus verstärktem Testaufkommen?

Markus Scholz: Wir beobachten seit einigen Wochen einen klar exponentiellen Anstieg, der sich weder durch verstärkte Tests noch durch Reiserückkehrer erklären lässt. Das heißt, die Epidemie gewinnt wieder deutlich an Fahrt. Dies ist durch mehrere Faktoren bedingt, wie zum Beispiel die verringerte Befolgung der AHA-Regeln, die Verlagerung von Aktivitäten in Innenräume und das verstärkte Auftreten anderer Atemwegsinfektionen, während die Testkapazitäten überlastet sind. Letzteres führt dazu, dass bei leichter Symptomatik inzwischen weniger konsequent getestet wird und Corona-Fälle übersehen werden. Beunruhigend ist, wie stark die Zahlen aktuell ansteigen, nämlich mit einer Verdopplungszeit von zwei bis drei Wochen. Es ist zu erwarten, dass bei diesen hohen Fallzahlen weitere "Bremssysteme" wie die Kontaktverfolgung nicht mehr effizient sind, wodurch sich der Trend weiter beschleunigen könnte.

Welche Entwicklung erwarten Sie bis Ende des Jahres, sofern die Maßnahmen nicht weiter verschärft werden?

Nach unseren Modellvorhersagen würden wir ohne neue Maßnahmen in der Tat ähnliche Neuinfektionszahlen erwarten, wie von der Bundeskanzlerin genannt. Also etwa 20.000 am Tag halte ich durchaus für möglich. Diese Werte ergeben sich auch aus der einfachen Betrachtung der aktuellen Verdopplungszeiten.

Es landen wieder mehr Corona-Fälle auf der Intensivstation. Ergibt sich das schlicht aus steigenden Infektionszahlen oder sehen Sie weitere Faktoren?

Der Anstieg der Intensivfälle folgt mit einiger zeitlicher Verzögerung dem Anstieg der Infektionszahlen, aber auch die Altersstruktur der Infektionsfälle spielt eine Rolle. Nachdem sich im Sommer und Frühherbst das Altersspektrum deutlich in den jüngeren Bereich verschoben hatte, kehrt sich dieser Trend aktuell wieder um, zu den Älteren. Damit ist auch ein weiterer Anstieg der Intensivfälle zu erwarten.

Im April waren wir bei diesen Zahlen im sogenannten Lockdown. Halten Sie einen zweiten Einschnitt wie diesen demnächst für wahrscheinlich?

Den Lockdown als eine einzelne Maßnahme gab es ja nicht, sondern eine stetige Verschärfung und dann Wiederaufhebung einzelner Regelungen. Die gestern von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen halte ich nicht für ausreichend, um den aktuellen Trend zu brechen und gehe daher davon aus, dass kurzfristig eine erneute Verschärfung wie im Frühjahr erforderlich ist.

"Wir beobachten seit einigen Wochen einen klar exponentiellen Anstieg, der sich weder durch verstärkte Tests noch durch Reiserückkehrer erklären lässt."

Welche Maßnahmen ergeben aus epidemiologischer Sicht momentan Sinn, um Neuinfektionen zu reduzieren?

Alle Maßnahmen, die auf eine deutliche Reduktion größerer Menschenmengen auf engem Raum und in Innenräumen abzielen, sind prinzipiell epidemiologisch sinnvoll. Dort wo solche Ansammlungen nicht vermeidbar sind, sollte eine Maskenpflicht bestehen. Bei der Verschärfung von Maßnahmen muss jedoch auch die jeweilige gesellschaftliche Auswirkung betrachtet werden und diese Abwägung trifft die Politik.

Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach vergebene Liebesmüh?

Auf das Schließen von Einkaufsstätten oder Dienstleistern kann meines Erachtens problemlos verzichtet werden, da hier nur wenige relevante Kontakte auftreten und Hygienekonzepte gut umsetzbar sind. Ein generelles Beherbergungsverbot halte ich auch nicht für effektiv, da zwischen den Besuchern typischerweise wenige Kontakte stattfinden und Hygienekonzepte in den Herbergen ebenfalls gut umsetzbar sind. Zu mehr Mund-Nase-Schutz auf offener Straße sage ich: Die Wirksamkeit von Masken ist gut belegt. Andererseits ist die Aerosolproblematik im Freien deutlich reduziert. Ich würde hier also höchstens einen Effekt bei dicht gedrängten Menschenansammlungen erwarten.

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