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Die Corona-Infektionszahlen steigen wieder stark an. Bild: www.imago-images.de / JAMES ROSS

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Epidemiologe: "Beherbergungsverbot ist ein Rückfall in alte Reflexe wie Grenzschließungen"

Seit Mittwoch ist die Zahl der Corona-Neuansteckungen sprunghaft angestiegen: Am Freitagmorgen meldete das Robert-Koch-Institut 4516 weitere Infizierte.

Die Bundesländer wirken überfordert mit der Lage – und keiner kann es ihnen verübeln. Eine Pandemie lässt sich nun mal nicht wirklich steuern. Dennoch wirken jüngste Maßnahmen, die wegen der Corona-Krise getroffen wurden, verwirrend. Das zeigt beispielsweise die Diskussion über innerdeutsche Risikogebiete, die teils einzelne Stadtviertel betreffen. Während beispielsweise Schleswig-Holstein Reisende aus Risikogebieten per se in Quarantäne schickt, sprach sich unter anderem Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) grundsätzlich gegen solche Maßnahmen aus.

Wie wir angesichts der steigenden Infektionszahlen weiter vorgehen sollten, was das für geplante Reisen in den Herbstferien bedeutet und ob es überhaupt noch Sinn ergibt, von einzelnen Corona-Hotspots zu reden: Darüber hat watson mit dem Epidemiologen Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule in Berlin gesprochen.

"Es handelt sich nicht so sehr um ÖPNV, Einzelhandel, Friseur und so weiter, sondern eher um private Zusammenkünfte, Feiern und Ähnliches, die ein großes Potenzial der Weiterverbreitung haben."

watson: 4516 Corona-Neuinfektionen am Freitag: Das ist der höchste Wert seit Anfang April. Wie bewerten Sie diesen sprunghaften Anstieg? Droht uns nun wieder das exponentielle Wachstum von Neu-Ansteckungen?

Timo Ulrichs: In der Tat könnte uns ein exponentielles Wachstum drohen. Zurzeit sehen wir einen immer stärker werdenden Anstieg – auch nach Bereinigung infolge gestiegener Testkapazitäten, und das sollte uns Sorgen machen.

Sollten wir soziale Kontakte nun beschränken, ähnlich wie im Frühjahr?

Wir haben weitestgehend die Übertragungsereignisse identifiziert: Es handelt sich nicht so sehr um ÖPNV, Einzelhandel, Friseur und so weiter, sondern eher um private Zusammenkünfte, Feiern und Ähnliches, die ein großes Potenzial der Weiterverbreitung haben. Also sollten gezielt Maßnahmen ergriffen werden, diese Übertragungswege zu hemmen – alle anderen Bereiche sollten offen bleiben.

Berlin hat nun eine Sperrstunde beschlossen, von 23 bis 6 Uhr müssen Bars und Restaurants schließen, es darf in dieser Zeit kein Alkohol verkauft werden. Halten Sie diese Maßnahme für sinnvoll?

Ja, wie schon gesagt, das kann sinnvoll sein, so sonderbar ein solcher Zusammenhang sein mag.

"Die Lage in der Berliner Innenstadt könnte unkontrollierbar werden."

Müssen wir die steigenden Ansteckungszahlen in Großstädten wie Berlin oder München epidemiologisch anders bewerten als punktuelle Ausbrüche in Pflegeheimen oder der Fleischindustrie?

Allerdings! Denn in Großstädten leben viele Menschen auf engem Raum zusammen, Übertragungen sind also wahrscheinlicher. Deshalb muss hier angesetzt werden – und nicht weit entfernt davon durch Beherbergungsverbote.

Was sind die aktuellen Hotspots? Können wir aufgrund der diffusen Ausbreitung, wie sie momentan stattfindet, überhaupt noch von Hotspots sprechen?

Einige Landkreise wie Remscheid oder Vechta werden sicher bald wieder unter die Grenze von 50 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner fallen. Die Lage in anderen Regionen, wie der Berliner Innenstadt, könnte unkontrollierbar werden. Deshalb muss hier rechtzeitig gegengesteuert werden. Insgesamt sehen wir eine immer diffusere Verteilung von auftretenden Neuinfektionen. Das macht die Nachverfolgbarkeit immer schwieriger.

Was halten Sie von dem Beherbergungsverbot für Menschen aus innerdeutschen Risikogebieten? Herr Lauterbach warnt beispielsweise, dass wir aufgrund dessen wieder häufiger ins Ausland fahren könnten.

Gerade haben wir appelliert, Auslandsreisen möglichst sein zu lassen. Jetzt werden innerdeutsche Reisen erschwert. Mit einem Beherbergungsverbot sind ja nur Hotelübernachtungen betroffen, also eine gut kontrollierbare Situation durch die allgemeinen Hygieneregeln, nicht aber private Besuche und Übernachtungen, obwohl hier das Übertragungsrisiko viel größer ist. Grundsätzlich ist das Beherbergungsverbot ein Rückfall in alte Reflexe wie Grenzschließungen. Die Verteidigungslinie gegen das Virus sollte bei den allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln liegen und nicht in Reiseerschwernissen.

Die Herbstferien stehen an, in manchen Bundesländern haben sie bereits begonnen. Sollten wir die Ferien lieber daheim verbringen? Und auch auf Reisen in Länder verzichten, die aktuell nicht so stark mit Corona zu kämpfen haben wie beispielsweise Griechenland?

Ja, wir sollten lieber zu Hause bleiben und/oder innerhalb Deutschlands reisen, auch wenn das gerade verkompliziert wird. Auslandsreisen bergen viele unkalkulierbare Risiken und sollten vermieden werden.

Die Infektionszahlen in Frankreich oder Spanien steigen gerade wieder besonders stark, auch Italien verzeichnet einen Anstieg der Neu-Ansteckungen. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Frankreich und Spanien sind in der Virusausbreitung schon weiter als wir, aber wir ziehen nach und holen auf, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Die Hygienemaßnahmen müssen strikter befolgt werden, das verlangt schon das Gebot zu solidarischem Handeln zum Schutz von Risikogruppen. Italien hingegen steht besser da als viele EU-Nachbarn, weil dort besonders strikt auf die Einhaltung der Maßnahmen geachtet wurde.

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