Leben
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Dauerbelastung im Krankenhaus: Die meisten Menschen bekommen nicht mit, wenn Ärzte an ihre Grenzen kommen (Symbolbild). Bild: Getty Images

Junge Ärztin: "Auf diese Situationen werden wir nicht vorbereitet"

Lara (Name von der Redaktion geändert) ist 29 und Ärztin in der inneren Medizin. In ihrem Arbeitsalltag kommt sie, wie viele ihrer Kollegen, oft an ihre Grenzen: Zwischen Visiten, Anträgen und Gesprächen mit Angehörigen bleibt oftmals nicht mal Zeit, um einen Schluck Wasser zu trinken oder geschweige Mittag zu machen.

Deswegen findet Lara, dass Ärzte lernen müssen, Schwäche zuzugeben und über die Dauerbelastung zu sprechen. Hier lest ihr ihren Bericht.

Eines Abends, ich hatte gerade in meinem ersten Job als Assistenzärztin in einem Hamburger Krankenhaus angefangen, kam unser Oberarzt auf mich zu. Ein neuer Patient, bei dem eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt werden sollte, musste noch aufgenommen werden.

Das Problem: Wir hatten keine freien Betten mehr auf unserer Station. Der Oberarzt sagte also zu mir: "Schau nach, wer gerade am gesündesten ist. Die Person musst du dann bitte entlassen." Spontan, an einem Donnerstagabend.

Ich musste die Patientin unvorbereitet entlassen

Die Wahl fiel auf eine 82-jährige Frau, die gerade eine Operation gut überstanden und sich bereits weitgehend erholt hatte. Vorbereitet war sie auf die plötzliche Entlassung natürlich nicht: Es war niemand da, der sie hätte abholen können. Sie hatte keine Telefonnummer von Angehörigen, die ich hätte kontaktieren können.

Auch ihr Hausarzt, der in solchen Fällen normalerweise angerufen wird, hätte nicht vorbeikommen können. Die Wohnung der Frau war nicht geheizt und sie hätte nicht einmal mehr Lebensmittel einkaufen können – und dennoch musste ich sie quasi vor die Tür setzen.

Selbstverständlich fing die Patientin an zu weinen: "Wie stellen Sie sich das denn vor?", fragte sie mich unter Tränen. Aber sie musste gehen – um Platz zu machen für den nächsten Patienten, dessen Gesundheitszustand kritischer war.

"Wie stellen Sie sich das vor?", fragte mich die Patientin unter Tränen, als ich sie spontan entlassen musste.

Auf Situationen wie diese werden angehende Ärzte und Ärztinnen im Studium nicht vorbereitet: Wir behandeln Patienten nicht nur medizinisch. Wir müssen sie auch emotional betreuen und ihre Unzufriedenheit aushalten. Die eigentliche medizinische Versorgung nimmt sogar recht wenig Raum in unserem Alltag ein:

Wir müssen Patienten aufnehmen und entlassen, Formulare ausfüllen, Arztbriefe schreiben, weitere Behandlungsmaßnahmen einleiten, Angehörige kontaktieren und sie über den gesundheitlichen Status ihrer Familienmitglieder aufklären, die Frustration der Patienten auffangen, ohne uns selbst frustrieren zu lassen. Und das alles, um den Menschen am Ende vielleicht doch nicht so helfen zu können, wie sie es sich vorstellen.

Pause machen können wir Ärzte selten

Zur emotionalen Belastung, die jeder Arzt und jede Ärztin erlebt, kommt der Stress: Wir haben eigentlich keine Zeit, um so zu arbeiten, wie wir wollen – und eigentlich müssen. Selbst wenn wir teilweise zwölf Stunden in der Klinik sind, unsere Mittagspausen ausfallen lassen, am Wochenende und in der Nacht arbeiten: Gefühlt werden wir nie fertig. Gleichzeitig können wir nichts verschieben – wir können selten sagen: "Das mache ich morgen."

Wir können nicht sagen: "Das mache ich morgen."

Zahlreiche in Krankenhäusern angestellte Ärzte arbeiten an der Belastungsgrenze – im Schnitt betreuen sie 14 bis 18 Patienten allein. In der Klinik, in der ich zuerst gearbeitet habe, waren es sogar 20 bis 22, für die ich zuständig war. Pro Tag kamen etwa fünf bis acht neue Patienten, viele von ihnen blieben nur zwei oder drei Tage.

Mein Arbeitsalltag zu dieser Zeit sah ungefähr so aus:

Von der Klinik wurde uns ausdrücklich gesagt, dass wir uns ausstempeln sollten, wenn unsere offizielle Arbeitszeit vorbei war. Das heißt, Überstunden wurden nicht einmal erfasst, geschweige denn abgegolten. Das war für mich der auslösende Faktor, zu kündigen. Diese Ansagen kamen natürlich immer nur mündlich, schriftlich festgehalten wäre das ein nachweisbarer Verstoß gegen das Gesetz.

Nicht nur der zeitliche Druck schlaucht – auch der emotionale

Wir mussten lernen, nicht nur in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu schaffen, sondern auch mit der dauerhaften Frustration umzugehen: Als Assistenzärzte müssen wir sehr viele Anfeindungen und Aggressionen von sämtlichen Seiten aushalten, sowohl von Patienten als auch Angehörigen. Aber auch das Pflegepersonal oder Sozialdienste machen uns Druck und wünschen sich, dass wir schneller arbeiten, weil sie sonst ihre eigenen Aufgaben nicht erfüllen können.

Zufrieden war mit dem System niemand auf unserer Station – gekündigt hat deswegen aber fast keiner. Obwohl in vielen Krankenhäusern Personalmangel herrscht, sind die Stellen für medizinische Studienabgänger vor allem in Großstädten sehr beliebt. Hier gilt aktuell noch: Selbst wenn jemand kündigt, wissen die Arbeitgeber, dass jedes Jahr genügend neue, junge Mediziner auf den Arbeitsmarkt kommen, die bereit sind, die widrigen Umstände auf sich zu nehmen.

Zufrieden mit der Situation in der Klinik war eigentlich niemand – dennoch hat fast keiner gekündigt.

Der ständige Stress geht einem irgendwann an die Substanz. Ich nehme die negativen Gefühle oft mit nach Hause. Dass die eigenen Partner und Familien, die Freizeit, die eigene Gesundheit darunter leiden können, ist klar. Dennoch trauen sich viele Ärzte in Krankenhäusern nicht, zu sagen: "Ich kann nicht mehr. Das ist zu viel." Das fängt bereits im Medizinstudium an.

Ärzten wird eingeschärft, immer verfügbar sein zu müssen

Es ist geradezu selbstverständlich, dass wir immer verfügbar sind – ohne auf uns selbst zu achten. Neulich erzählte mir zum Beispiel eine Kollegin, die in der Gynäkologie arbeitet, dass sie sich während ihrer Schicht nicht mehr traut, etwas zu trinken. Weil sie nicht einmal Zeit für eine Toilettenpause hätte. Das wäre in anderen Berufen unvorstellbar.

Vor Kurzem haben tausende Ärzte an Unikliniken in Deutschland gestreikt. Sie haben einen Tag lang ihre Arbeit niedergelegt, um für bessere Arbeitszeiten und höhere Gehälter einzutreten. Das Ärzte so einen Schritt wagen, ist selten. Ohne die Arbeitsbelastung in anderen Branchen kleinreden zu wollen: Bis Ärzte sich zum Protest organisieren, muss viel passieren.

Das liegt einerseits daran, dass Ärzte sich selbstverständlich ihren Patienten, aber auch ihren Kollegen gegenüber verpflichtet fühlen. Ich weiß genau, wenn ich einen Tag lang meine Arbeit niederlegen würde, müsste mein Kollege, der auch schon an der absoluten Belastungsgrenze ist, zusätzlich meine Aufgaben übernehmen.

Auch wenn die Arbeit im Krankenhaus anstrengend ist: Ich liebe meinen Job

Trotz des hohen Organisationsaufwands begrüße ich jeden Ärztestreik in Deutschland. Uns fragt sonst niemand, ob es in Ordnung war, dass wir in 24 Stunden Arbeit keine Pause gemacht haben, ob wir geschlafen haben, ob wir etwas getrunken haben.

Viele Ärzte sind bereit, sich extrem für ihre Arbeit aufzuopfern – und werden dementsprechend schnell ausgenutzt. Wir müssen allerdings lernen, Schwäche zugegeben zu können. Nur, wenn wir über unsere Arbeitsbedingungen sprechen, können wir Verständnis von Außerhalb dafür aufbauen.

Ärzte müssen lernen, Schwächen zuzugeben, damit sich etwas ändert.

Natürlich sind nicht alle Kliniken schlecht organisiert, wie ich es in meinem ersten Job erlebt habe. Es gibt Krankenhäuser, die deutlich besser mit dem Druck und nachhaltiger mit ihren Ärzten umgehen, vor allem kleinere Häuser oder solche, die sich außerhalb von Großstädten befinden.

Ich selbst habe nach wenigen Monaten meine erste Stelle gekündigt und bin an eine etwas kleinere Klinik gegangen, wo der Arbeitgeber mehr auf uns geachtet hat. Dort konnte ich zumindest schon um 18 Uhr Feierabend machen, nach nur zehn Stunden.

Auch, wenn vieles in deutschen Kliniken verbessert werden muss und ich nicht immer zufrieden bin: Ich liebe meinen Job trotz allem. Mein Beruf ist hoch anspruchsvoll und bietet gleichzeitig viel menschlichen Kontakt. Selbst wenn ich nicht allen Patienten immer so helfen kann, wie ich möchte, verlassen viele von ihnen zumindest etwas zufriedener und gesünder das Krankenhaus. Dann weiß ich, ich habe an diesem Tag einen Unterschied gemacht.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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