Leben
Rund um die Uhr auf der Straße: Wohnungslose gehören in Berlin zum Stadtbild. Kontakt haben die meisten jedoch nur in der U-Bahn mit den Menschen.
Eine Obdachlosenzählung Anfang 2020 soll bessere Daten für bessere Hilfe liefern, doch ist sie umstritten. 
2020 wird die Situation auch immer wieder von der AfD instrumentalisiert

Viele Menschen in Großstädten wie Berlin sind obdachlos. Wie viele genau, ist allerdings bisher nicht bekannt. Bild: imago images / Rolf Kremming

In Berlin wurde umstrittene Obdachlosenzählung durchgeführt – um zu helfen

Agatha Kremplewski, Jana Schütt, Tim Kröplin, Tobias Böhnke

Wie viele Menschen in Berlin sind eigentlich obdachlos? Tatsächlich gibt es bisher keine genaue Statistik, die abbildet, wie viele Menschen in der Hauptstadt oder auch anderen Städten auf der Straße leben. Wer keine Obdach hat, scheint aus dem System zu fallen. Umso schwieriger ist es, sicherzustellen, dass die bei bedürftigen Menschen benötigte Hilfe ankommt.

Dem will die "Nacht der Solidarität" nun Abhilfe schaffen: Bei der Aktion wollen am Mittwochabend über 3700 Freiwillige an 25 Orten in Berlin obdachlose Menschen zählen. Das Projekt findet zum ersten Mal in Deutschland statt – in Paris oder New York wurden auf diese Art schon mehrfach Obdachlose erfasst.

Die Zahlen, wie viele Obdachlose es in Berlin gibt, wurden nie genau ermittelt

"Die Schätzungen über die Anzahl wohnungsloser Menschen auf der Straße reicht in Berlin von 2000 bis 20.000 Betroffene", sagt Susanne Gerull, Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie hat die Aktion der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales mit ins Leben gerufen und wird die Zählung auch als Freiwillige unterstützen.

Gerull räumt ein, eine "exakte" Zahl könne nicht erfasst werden. Sie meint, durch die "Nacht der Solidarität" könne allerdings die Zusammensetzung obdachloser Menschen besser ermittelt werden, was dabei hilft, Maßnahmen gegen die Obdachlosigkeit zu entwickeln. Weiterhin sagt sie gegenüber watson:

"Wir können (...) durch Wiederholungszählungen über mehrere Jahre abbilden, wie sich die Zahl und Zusammensetzung der Menschen auf der Straße verändert und die Hilfeangebote entsprechend anpassen. Dies zeigen uns andere Metropolen wie Paris ja schon als Vorbilder unserer ersten Berliner Zählung."

Doch nicht alle Menschen, die mit Obdachlosen zusammenarbeiten oder sich für sie einsetzen, finden die Idee gut. Stefan Schneider von der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen kritisiert, dass durch eine Aktion wie die "Nacht der Solidarität" das wahre Problem in Berlin verschleiert werde, nämlich der gravierende Wohnungsmangel.

Um herauszufinden, ob die Aktion obdachlosen Menschen helfen kann, hat watson sieben Experten gefragt, die täglich mit Obdachlosen zusammenarbeiten oder sich für sie einsetzen.

"Wir fordern seit vielen Jahren eine Statistik"

Barbara Eschen vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e.V. sagt gegenüber watson:

"Wir fordern seit vielen Jahren eine Wohnungsnotfallstatistik und freuen uns, dass Senatorin Elke Breitenbach nun die erste 'Nacht der Solidarität' ins Leben gerufen hat.

(...)

Die Zählung und Befragung von auf der Straße lebenden Menschen ist wichtig, um passgenaue Hilfen entwickeln und Veränderungen erkennen zu können. Daher sollte die 'Nacht der Solidarität' spätestens in zwei Jahren wiederholt werden."

"Obdachlose haben häufig keine Teilhabe bei uns"

Ulrich Neugebauer arbeitet für die Berliner Stadtmission. Er sagt:

"Vielleicht gelingt es uns, durch diese Aktion die Menschen auf der Straße mit anderen Augen wahrzunehmen. Zum Beispiel, zu erkennen, dass es sich bei Obdachlosen um Menschen wie dich und mich handelt und nicht etwa um 'Aussätzige'.

Außerdem lernen wir, wie unterschiedlich die Herkunft der Menschen ist, die auf der Straße leben. Auch können wir sehen, wie unterschiedlich die Bedarfe der Betroffenen ausfallen und dass die Hilfsangebote entsprechend differenziert sein müssen.

Zu guter Letzt hilft die Zählung, zu erkennen, dass Betroffene häufig keine Teilhabe bei uns haben."

"Für mich hat die Zählung der obdachlosen Menschen Feigenblattcharakter"

Stefan Schneider von von der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen sieht die Aktion kritisch. Er sagt:

"Es ist fragwürdig, ob die Zählung der obdachlosen Menschen sinnvoll ist. Viele Obdachlose sind als solche nicht erkennbar: Der Mensch, der sich im Fast-Food-Restaurant gerade einen Kaffee geholt hat, kann genauso obdachlos sein, wie der, der auf der Straße schläft.

Auch ziehen sich viele an entlegene Orte wie Keller oder Baustellen zurück – diese Menschen können bei einer Zählung gar nicht erfasst werden.

Für mich hat die Zählung der obdachlosen Menschen in Berlin Feigenblattcharakter: Das eigentliche Problem, bezahlbaren Wohnraum für bedürftige Menschen zu schaffen, wird durch aufwändige Maßnahmen wie eine Zählung verschleiert. Eine Zählung hätte schon vor vielen Jahren stattfinden müssen - der Senat hat das wahre Problem bis heute nicht verstanden.”

"Die 'Nacht der Solidarität' ist ein Zeichen der Wertschätzung"

Die Fotografin und Fotojournalistin Debora Ruppert aus Berlin porträtiert seit 2009 Menschen ohne Obdach. Sie sucht das Gespräch mit ihnen. Im Anschluss schenkt sie ihnen das entwickelte Portrait. Sie schreibt:

"Die Nacht der Solidarität ist eine super Initiative des Brückenbauens. Ein Zeichen der Gesellschaft, 'Wir haben euch nicht vergessen’'! (...)

Die 'Nacht der Solidarität' ist ein Zeichen der Wertschätzung.

Einzelne obdachlose Menschen, mit denen ich im Vorfeld gesprochen habe, äußerten die Angst, dass die Daten, die in der 'Nacht der Solidarität' gesammelt werden, missbraucht werden. Ihre Befürchtungen ist, dass wenn man ihre Plätze kennt, sie dann geräumt werden.

Es ist wichtig, heute Nacht in den Gesprächen diesen Ängsten zu begegnen und langfristig die Daten nicht gegen die Menschen zu verwenden."

"Folgen auf 'Die Nacht der Solidarität' weitere 'Tage der Barmherzigkeit', wäre viel gewonnen"

Der Sozialarbeiter Dieter Puhl war zehn Jahre Leiter der Bahnhofsmission am Zoo in Berlin und setzt sich für Obdachlose ein. Die "Nacht der Solidarität" ist für ihn ein erster wichtiger Schritt:

"Wenn ich abends zum Essen einlade, muss ich doch auch ungefähr wissen, wie viele Menschen kommen werden.

Folgen auf 'Die Nacht der Solidarität' aber noch weitere 'Tage der Barmherzigkeit', viel wäre gewonnen.

Nur können wir die nur bedingt von der Politik einfordern, denn hier sind wir alle gefragt. Die Politik ist für weitere Krankenbetten für obdachlose Menschen zuständig, wir alle für die Ausgrenzung 'angeschlagener Seelen'. Nächstenliebe beginnt direkt vor unserer Haustür!"

"Wir brauchen die Zahlen, um die Angebote besser anpassen zu können"

Auch Caritasdirektorin Prof. Dr. Ulrike Kostka meint, die "Nacht der Solidarität" sei eine wichtige Aktion, um Bedürfnisse Obdachloser zu ermitteln:

"Die Zählung auf der Straße ist ein erster Baustein für eine richtige Wohnungslosenstatistk in Berlin. Wir brauchen die Zahlen, um die Angebote besser anpassen zu können."

"Wir wollen endlich Taten sehen"

Noah Kassigkeit fährt wöchentlich mit dem Kältebus durch Berlin, um Wohnungslose in Notunterkünfte zu bringen. Er meint:

"Ich hoffe, dass die Zählung aufzeigt, wie wichtig es ist, Notunterkünften weiter auszubauen und mit mehr Betten auszustatten. Viel zu häufig haben wir Probleme, Menschen unterzubekommen.

Außerdem brauchen wir mehr barrierefreie Schlafplätze und Fachpersonal. Leider hat sich der Senat da häufig rausgehalten. Wir haben keine Lust mehr auf gegenseitige Schuldzuweisungen, sondern wollen endlich Taten sehen."

Hohe Erwartungen an die "Nacht der Solidarität"

Die Ergebnisse der ersten "Nacht der Solidarität" werden am 7. Februar verkündet. Dann bleibt abzuwarten, ob tatsächlich gezielte Maßnahmen gegen die Obdachlosigkeit in der Hauptstadt ergriffen werden oder ob die Statistik das bleibt, was sie eigentlich ist: eine Zahl. Im besten Falle könnte die Aktion jedoch ein Modellprojekt für andere Großstädte werden. Hamburg und München erwägen bereits ähnliche Projekte.

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