Schüler
In ganz Deutschland fehlen rund 40.000 Lehrkräfte. Das wird vor allem dann brenzlig, wenn es in die Prüfungsphase geht.Bild: dpa
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"Zweiklassengesellschaft": Wie Schüler den Lehrkräftemangel zu spüren bekommen

13.09.2022, 08:0313.09.2022, 08:58

Rund 40.000 Lehrkräfte fehlen in Deutschland. Die Unterrichtsversorgung hat sich laut Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger in allen Bundesländern verschlechtert. Das klingt erst einmal nach einer großen Zahl, doch wie nehmen es die Menschen wahr, die es am meisten betrifft – die Schüler:innen selbst?

watson hat mit drei Abiturient:innen aus verschiedeneren Regionen in Deutschland über den Mangel an Lehrpersonal gesprochen – dabei haben die drei erzählt, welche Konsequenzen der Lehrkräftemangel, aber auch andere Probleme an den Schulen, auf ihren alltäglichen Unterricht hat.

Elisa, 17, aus Neumünster

Elisa Ninow ist Schüler:innenvertreterin für Gymnasien in Schleswig-Holstein.
Elisa Ninow ist Schüler:innenvertreterin für Gymnasien in Schleswig-Holstein.bil: privat

"Wir als Landesschüler:innenvertretung fordern eine 110-prozentige Versorgung mit Lehrkräften im Land. Im Moment haben wir bereits eine 100-prozentige Auslastung, aber trotzdem gibt es noch viel Stundenausfall. Gerade, wenn mehrere Lehrkräfte gleichzeitig ausfallen, zum Beispiel aufgrund von Corona, oder wenn sie auf Klassenfahrt sind, fallen für uns teilweise ganze Tage aus.

Es gibt auch Unterschiede in der Auslastung von Unterrichtsfächern. An einigen Schulen sind beispielsweise die Naturwissenschaften sehr stark besetzt, dafür fehlt es jedoch an Lehrkräften im ästhetischen Bereich. Das variiert jedoch auch von Schule zu Schule. Prinzipiell sind wir in Schleswig-Holstein jedoch zumindest an den Gymnasien gut aufgestellt.

"Mit den Bustickets zur Schule und den Freizeitfahrten komme ich im Monat auf knapp 100 Euro."

Elisa klagt über unzuverlässigen Nahverkehr auf dem Land

Ein weiteres Problem, das viele Schüler:innen im Land und auch mich persönlich betrifft, ist der unzuverlässige und oft kostenintensive öffentlicher Nahverkehr. Wir auf dem Land haben weite Wege und wenn die Busse dann unregelmäßig und zu spät kommen und auch noch teuer sind, macht der Weg zu Schule keinen Spaß mehr. Zumindest, wenn man noch nicht mit dem Auto fahren kann.

Mit den Bustickets zur Schule und den Freizeitfahrten komme ich im Monat auf knapp 100 Euro. Und sobald man (Anm. d. Red.: in Schleswig-Holstein) nicht mehr schulpflichtig ist, bekommt man keine Schülertickets mehr vom Land. So hängt man zwischen der 10. Klasse und dem Zeitpunkt, an dem man seinen Führerschein hat, in der Luft. Der Schulbus nimmt mich ohne Schülerticket auch nicht mehr mit. Mein Leben besteht zurzeit aus Fahrgemeinschaften und im Regen vom Bus stehengelassen werden.

Ich habe viele Freunde, die Lehrkraft werden wollen. Viele wollen auch gern in Sozialberufe gehen. Bei uns sagt jetzt niemand, dass er auf keinen Fall Lehrer:in werden möchte."

Antonio, 17, aus Berlin

Antonio Rosenberger ist Pressereferent des Landesschüler:innenausschusses Berlin und besucht die 12. Klasse eines Berliner Gymnasiums.

"Bei mir an der Schule merke ich den Lehrermangel nicht direkt. An Gymnasien ist die Auslastung jedoch auch besser als an anderen Schulformen, an unserer Schule gibt es beispielsweise eine Auslastung zu 98 Prozent. Wirklich krass ist der Lehrkräftemangel in Grundschulen und Sekundarschulen. Da kommt es auch vor, dass die Schüler:innen wochenlang nicht in einem bestimmten Fach unterrichtet werden, weil die entsprechende Lehrkraft fehlt. So gesehen herrscht hier gerade eine Zweiklassengesellschaft.

"Wenn die Lehrkraft mehr unterrichten muss, werden eben erst die besonderen Angebote gestrichen, die den Schüler:innen am meisten Spaß machen."

Es ist auch ein Problem, dass besondere Kurse und AGs ausfallen. Wenige Lehrkräfte arbeiten Vollzeit, die meisten arbeiten in Teilzeit. Ein Informatiklehrer an unserer Schule hat zum Beispiel die Roboter-AG gestrichen, da er mehr unterrichten muss. Wenn die Lehrkraft mehr unterrichten muss, werden eben erst die besonderen Angebote gestrichen, die den Schüler:innen am meisten Spaß machen. In den häufigsten Fällen wird der Unterrichtsausfall nicht kompensiert.

"Es kommt oft vor, dass wir den Lehrern das Smartboard anschalten müssen."

Neben dem Lehrkräftemangel beschäftigen uns noch weitere Probleme: In Berlin stehen nicht genügend Schulgebäude zur Verfügung und diese sind oft renovierungsbedürftig. Auch die Digitalisierung ist unzureichend: Es kommt oft vor, dass wir den Lehrern das Smartboard anschalten müssen. Die Digitalisierung könnte das Lernen sehr bereichern, tut es aber im Moment nicht.

"Ich will ziemlich sicher kein Lehrer werden."

Auch Corona ist immer noch ein Thema: Es ist unklar, wie es im Herbst weitergeht und ob es wieder Schulschließungen geben wird. Manche Schulen haben das Homeschooling gut hinbekommen, an anderen gab es nicht einmal Videokonferenzen. Da haben die Schüler einmal die Woche Aufgaben per Mail bekommen.

Ich will ziemlich sicher kein Lehrer werden. In meinem Freundeskreis überlegen es auch nur zwei, drei Leute. Ich glaube, es ist ein Schneeballeffekt: Wenn es Lehrkräftemangel gibt, wird der Beruf unattraktiver und weniger Menschen wollen es machen. Die Politik sollte dafür sorgen, dass der Lehrerberuf wieder attraktiver wird."

Lotta, 17, aus Nordhausen

Lotta Moraweck ist Landesschülersprecherin für Gymnasien in Thüringen.
Lotta Moraweck ist Landesschülersprecherin für Gymnasien in Thüringen.bild: privat

"Alle Schulen sind vom Lehrer:innenmangel betroffen, manche mehr und manche weniger. Ich persönlich kriege nicht viel vom Lehrer:innenmangel mit, da beim Abiturjahrgang darauf geachtet wird, dass der Stundenausfall so gering wie möglich gehalten wird. Doch es gibt an jeder Schule im Land Stundenkürzungen, das ist leider so. Besonders bei den unteren Klassen ist das spürbar.

"Die Schüler:innen konnten teilweise nicht die Fächer wählen, die sie gern wollten."

Bei einem Gymnasium in unserem Landkreis war es zum Beispiel so, dass ein Physik-Leistungskurs für die Oberstufe aufgrund des Lehrer:innenmangels gar nicht erst zustande kam. Auch kann Russisch oft nicht weiter in der Oberstufe unterrichtet werden, da Lehrkräfte fehlen. Die Schüler:innen konnten also teilweise nicht die Fächer wählen, die sie gern wollten, weil die Kurse nicht zustande kamen.

Bei uns in Thüringen sind besonders die Naturwissenschaften stark vom Lehrkräftemangel betroffen. Es gibt Schulen, an denen es ein ganzes Jahr keinen Chemieunterricht gab. Und den Stoff von einem ganzen Schuljahr kann man auch einfach nicht mehr nachholen. Der Stundenausfall wird oft nicht kompensiert, da ja beispielsweise Deutschlehrer nicht einfach einspringen können, um Chemie zu unterrichten.

"Wenn man Glück hat und es Computerräume gibt, ist die Ausstattung ungefähr von 1990."

Ein weiteres Problem ist immer noch die fehlende Digitalisierung. In den meisten Schulen ist der technische Fortschritt einfach noch nicht so weit, dass man digital Unterricht machen könnte. Das wurde durch die Corona-Pandemie noch einmal deutlich. An vielen Schulen gibt es entweder gar kein W-LAN oder nur für die Lehrkräfte. Und ohne geht es heutzutage einfach nicht. Wenn man Glück hat und es Computerräume gibt, ist die Ausstattung ungefähr von 1990. Oft sind nicht ausreichend Beamer vorhanden und sogar Overhead-Projektoren fehlen.

Ich selbst will seit der Grundschule Lehrerin werden. Mein Ziel ist es, in der Regel- oder Hauptschule zu arbeiten. Ich habe mich auch vor kurzem mit Freunden darüber unterhalten und wir haben das Gefühl, dass viele Menschen, die momentan nicht so genau wissen, was sie machen sollen, Lehrer werden."

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Traditionen leben davon, dass man sie nicht hinterfragt. Frei nach dem Motto: "Weil wir das immer schon gemacht haben", übernehmen wir so auch zu Weihnachten die Rituale unserer Vorfahren, putzen zum 6. Dezember den Stiefel, futtern Gänsebraten und freuen uns auf das Christkind.

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