Der Demonstrationszug führte vom Potsdamer Platz vor das Finanzministerium.
Der Demonstrationszug führte vom Potsdamer Platz vor das Finanzministerium. bild: watson / sophia sichtermann
Nah dran

Darum gehen Menschen für das 9-Euro-Ticket auf die Straße: "Sollte ein Signal sein, dass sich etwas ändern muss"

Am Montag gingen rund 400 Menschen in Berlin auf die Straße, um für die Fortführung des 9-Euro-Tickets zu demonstrieren. Watson war dabei.
30.08.2022, 13:42

Drei Monate lang gab es das 9-Euro-Ticket, ab 1. September soll es zunächst wieder abgeschafft werden. Dabei war das Ticket ein voller Erfolg: Rund 52 Millionen Tickets wurden insgesamt verkauft, wie der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) am Montag mitteilte. Auch auf das Klima hat sich die Aktion positiv ausgewirkt: Der VDV schätzt, dass knapp 1,8 Millionen Tonnen CO₂ eingespart wurden.

400 Menschen demonstrieren für die Fortführung des 9-Euro-Tickets

Hinter jedem verkauften 9-Euro-Ticket steckt auch eine individuelle Geschichte. Ob man nun nach Sylt gefahren ist oder einfach einmal öfter seine Großeltern besucht hat: Viele Menschen haben vom günstigen Ticket profitiert und wünschen sich, dass es auch in Zukunft ein vergleichbares Modell gibt. Um diesem Wunsch Ausdruck zu verleihen, sind am Montag knapp 400 Menschen in Berlin auf die Straße gegangen – beziehungsweise in den Zug gestiegen.

Die Demonstrierenden sind zunächst mit einem Sonderzug vom Berliner Bahnhof Gesundbrunnen zum Potsdamer Platz gefahren, um sich dort vor dem Finanzministerium für eine Fortführung des 9-Euro-Tickets einzusetzen. Organisiert wurde diese besondere Demo von Greenpeace und Campact, die zuvor 450.000 Unterstützerunterschriften gesammelt hatten.

Vor dem Bundesfinanzministerium sprachen Vertretende von Campact und Greenpeace, aber auch Luisa Neubauer. Sie kritisierte die FDP und vor allem Christian Lindner stark, der im Zusammenhang mit dem 9-Euro-Ticket von einer "Gratismentalität" gesprochen und es als "nicht fair" bezeichnet hatte. Neubauer sagte:

"Was Volker Wissing und Christian Lindner dieser Tage machen, ist nicht mehr schlechter Klimaschutz, sondern Arbeitsverweigerung. Echte freie Politik macht Menschen unabhängig von teuren Autos, von Staus, von fossilen Brennstoffen und von Putins Öl und Gas. Das ist echte liberale Politik, lieber Herr Lindner."

Doch was denken die Teilnehmenden der Demo über das Ende des Neun-Euro-Tickets? Was erhoffen sie sich von der Protestaktion und wie soll es ihrer Meinung nach nun am besten weitergehen? Watson konnte mit einigen von ihnen sprechen.

Aaliyah (20) und Julia (19)

Aaliyah und Julia demonstrieren für bezahlbaren Nahverkehr.
Aaliyah und Julia demonstrieren für bezahlbaren Nahverkehr. bild: watson / sophia Sichtermann

Julia: "Ich bin für die Fortführung eines vergünstigten Tickets, damit sich mehr Leute den öffentlichen Nahverkehr leisten können und nicht das Auto nehmen müssen. Ich selbst habe das 9-Euro-Ticket in diesem Sommer viel genutzt, weil es bereits im Semesterticket meiner Uni mit inbegriffen ist. Es wäre natürlich Luxus, wenn es das 9-Euro-Ticket weiterhin geben würde, aber ich glaube, das würde die Wirtschaft zu stark belasten. Vielleicht findet man eine Zwischenlösung: Ein vergünstigtes Monatsticket, mit dem man durch ganz Deutschland fahren kann."

Aaliyah: "Bis jetzt hat es so gut geklappt und es wäre unnötig, das Ticket jetzt wieder abzuschaffen. Zudem haben sich viele bereits daran gewöhnt. Ich habe mit dem 9-Euro-Ticket Freunde in ganz Deutschland besucht und bin damit auch zu Seminaren gefahren. Vielleicht kann man das 9-Euro-Ticket in seiner Form nicht so beibehalten, aber es hat vielen Menschen gefallen. Es sollte zumindest ein Signal sein, dass sich etwas ändern muss."

Emily (35)

Emily mit ihrem Plakat: "Verdammt, ich würde sogar 10 Euro bezahlen"
Emily mit ihrem Plakat: "Verdammt, ich würde sogar 10 Euro bezahlen" bild: watson / sophia sichtermann

Emily: "Ich bin aus mehreren Gründen für die Fortführung des 9-Euro-Tickets. Zum einen wegen der hohen Gaspreise. Eine solche Vergünstigung ist eine tolle Gelegenheit, die Auswirkungen dieser Krise etwas abzumildern.

Und zum anderen aus persönlichen Gründen – ich lebe seit zwei Jahren in Berlin und arbeite noch an meinem Deutsch. Ich finde das Ticket-System hierzulande extrem verwirrend und lebe quasi immer in Angst, dass ich doch etwas falsch gemacht habe. Mit dem 9-Euro-Ticket habe ich mich selbstsicherer gefühlt und mehr als Teil der Gemeinschaft.

Das 9-Euro-Ticket hat mir ermöglicht, mehr von Deutschland zu sehen und neue Leute kennenzulernen. Ich war beispielsweise in Eisenhüttenstadt und in Dessau zur Bauhausausstellung. Ich selbst lebe ein privilegiertes Leben, habe einen Vollzeitjob. Viele andere können das nicht von sich behaupten. Das 9-Euro-Ticket oder eine ähnliche Lösung würde die Mobilität inklusiver für mehr Menschen machen."

Erika (65) und Klaus (72)

Auch Erika und Klaus setzten sich am Montag für die Fortführung des 9-Euro-Tickets ein.
Auch Erika und Klaus setzten sich am Montag für die Fortführung des 9-Euro-Tickets ein. bild: watson / sophia sichtermann

Erika: "Ich will, dass der Zugverkehr, sowohl Fern- und Regionalverkehr als auch Nachtzüge, verbessert wird. Das gilt natürlich für den Pendlerverkehr, aber vor allem für Urlaubsreisen und Familienausflüge. Es ist kaum erträglich, wenn man mit der Bahn in den Urlaub fahren möchte und dann keine ordentlichen Anschlüsse bekommt oder darum bangen muss."

Klaus: "Ich bin dafür, dass der Nahverkehr massiv ausgebaut wird und die Kosten davon besser verteilt werden, damit es dadurch für alle günstiger wird, diesen zu benutzen. Dafür müssten aber die Subventionen für den Individualverkehr fallengelassen werden."

Frido (25) und Luise (25)

Frido und Luise sind mit dem 9-Euro-Ticket in den Urlaub gefahren.
Frido und Luise sind mit dem 9-Euro-Ticket in den Urlaub gefahren.bild: watson / sophia sichtermann

Frido: "Wir möchten, dass das 9-Euro-Ticket weitergeführt wird, egal, ob das letztendlich neun Euro kostet oder 29. Zum einen wird durch die Inflation ohnehin alles teurer. Zum anderen ist für mich die ökologische Komponente wichtig. Wir müssen mehr Leute zum öffentlichen Nahverkehr bewegen. Und ein bezahlbares Ticket ist dafür eine gute Lösung.

Ich glaube, wenn man das Ticket längerfristig anbietet, wird es noch stärker genutzt werden. Und es wird ein nachhaltiger Wandel weg vom Individualverkehr geschehen. Bei einer Laufzeit von nur drei Monaten steigt niemand vom Auto auf die Öffis um. Eine längere Laufzeit würde Planungssicherheit geben."

Luisa: "Wir waren diesen Sommer im Urlaub in Bayern und haben dort den Nahverkehr benutzt. Dort hat es so gut funktioniert, wir waren richtig begeistert. Ich werde auch bald keine Studentin mehr sein und dann wird es für mich sehr teuer. Wenn mehr Menschen ein bezahlbares Ticket nutzen, wird auch weniger Autoverkehr hoffentlich die Folge davon sein."

Jan-Philipp (32), Campaigner bei Campact

Jan-Philipp von Campact hat den Sonderzug mitorganisiert.
Jan-Philipp von Campact hat den Sonderzug mitorganisiert.bild: watson / sophia sichtermann

Jan-Philipp: "Wir wollten sichtbar machen, dass das 9-Euro-Ticket eine gute Idee war und wollen, dass es eine Folgelösung gibt. Das Ticket soll mindestens bis Ende des Jahres verlängert werden. In den nächsten zwei Tagen wird das Entlastungspaket verhandelt, dann muss ein Folgeticket Teil des Pakets sein.

Langfristig sollte es ein Klimaticket geben: Ein Jahresticket für 365 Euro ist das Ziel. Davon erhoffen wir uns Effekte auf die Verkehrswende."

Viele Demonstrierende erhoffen sich eine schnelle Folgelösung. Damit ist laut Verkehrsminister Volker Wissing jedoch nicht zu rechnen: Er will erst im Herbst über eine entsprechende Nachfolgeregelung entscheiden.

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Herzchirurgin Dilek Gürsoy spricht über ihren Weg und den Fleiß von Arbeiterkindern

Deutschlands Realität bezüglich Bildungs- und Chancengleichheit ist auch im Jahr 2022 immer noch ernüchternd.

Zur Story