Leben
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Moderatorin Katrin Bauerfeind las vulgäre Chatverläufe auf Twitter, Instagram und Whatsapp vor. bild: screenshot youtube

Nach Joko & Klaas: Tausende Frauen reagieren auf beklemmende Sexismus-Sendezeit

"Was ich anhatte, als ich vergewaltigt wurde? Jeans, Pulli und Winterjacke. Es war 2018. 2 Tage vor Weihnachten. Sie waren zu zweit. Ich alleine." Die Twitteruserin Leon, die diese Worte unter dem Hashtag #jklive postet, gehört zu den 35 Prozent – den 35 Prozent der Frauen in Deutschland, die einer EU-Studie zufolge schon sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt haben. Die geschlagen, genötigt, vergewaltigt wurden.

Hinzu kommen sämtliche Formen von Belästigung: Pfiffe, anzügliche Kommentare, Stalking oder eine plötzliche Hand am Hintern. Bei einer bundesweiten Befragung gaben 60 Prozent der Frauen an, bereits sexuell belästigt geworden zu sein. Je nachdem, wie diese Belästigung definiert wird, braucht es nicht viel Fantasie um zu sagen: Irgendwann trifft es jede Frau.

Kein Wunder also, dass der 15-minütige Beitrag "Männerwelten" über sexuelle Belästigungen, mit dem Joko und Klaas am Mittwochabend die bei ProSieben gewonnene Sendezeit füllten, in den sozialen Netzwerken tausendfach diskutiert und kommentiert wird – vor allem von Frauen. So traurig es auch ist: Fast jede fühlt sich an der einen oder anderen Stelle angesprochen, fast jede kann etwas beitragen.

Und so nehmen viele Frauen die Sendung zum Anlass, um von ihrem eigenen Schicksal zu erzählen. "Danke für diese 15 Minuten. Ich habe mir immer eine Teilschuld gegeben, wir haben in einem Bett übernachtet, wir hatten getrunken", liest man da. Oder: "Das Schlimmste war, meiner Tochter später zu erzählen, wo sie herkommt." Andere berichten vom jahrelangen Kampf, mit dem Erlebten klarzukommen: "Das Gift bleibt auch nach Jahren – es verliert aber seine Wirkung."

Und noch eine Diskussion wird angestoßen: Darüber, dass nur etwa zehn Prozent der Frauen eine Vergewaltigung auch anzeigen – und es in noch weniger Fällen zu einer Verurteilung kommt. "Ich habe das gestern mit meinen Töchtern (14 und 15) angeschaut und ihnen gesagt, dass ich leider nicht zu den 10 Prozent gehöre", schreibt eine Twitteruserin.

Eine andere Frau berichtet davon, wie es ihr erging, als sie sich endlich dazu durchrang, eine Vergewaltigung anzuzeigen. „Nach 40 Minuten bei der Polizei wurde mir ein Zettel in die Hand gedrückt, zum selbst ausfüllen. Mir wurde nicht geglaubt.“ Die Verhöre danach, die Konfrontation, der Zweifel an der Richtigkeit der Aussage – für manche Opfer ist das ein zweites Trauma.

Viel Lob also für die Sendung – die bereits als "die wohl wichtigsten 15 Fernsehminuten des Jahres" gefeiert wird. Gleichzeitig kommt immer wieder die Frage auf: Warum muss ein so alltägliches und jeder Frau bekanntes Problem erst von Joko und Klaas in die Primetime gehievt werden, damit Deutschland darüber diskutiert?

Und es gibt auch kritische Stimmen: Solche, die daran erinnern, dass es auch Joko und Klaas schonmal witzig fanden, eine fremde Frau anzugrabschen. Solche, die kritisieren, dass hauptsächlich weiße, heterosexuelle Frauen zu Wort kommen. Und solche, die anprangern, dass bekannte "rape myths" verfestigt werden – etwa der Glaube, dass Vergewaltigungen häufig in dunklen Gassen stattfänden, anstatt klarzumachen, dass dies in den meisten Fällen zu Hause oder im vertrauten Umfeld geschieht.

"Frauen müssen wirklich zigfach und immer wieder beweisen, dass diese Sachen auch wirklich passieren", kritisiert Autorin Anne Wizorek, die 2013 die #Aufschrei-Debatte angestoßen hat, gegenüber dem BR. An diesem Punkt sei man schon oft gewesen, auch Joko und Klaas kämen nicht darüber hinaus.

"Wenn Frauen darüber reden wollen, was ihnen passiert ist, dann müssen sie auch jedes kleinste Detail ausbreiten, sonst fangen wir gar nicht an mit der Diskussion", sagt Wizorek. "Man sollte doch von einem Kenntnisstand ausgehen können: Okay, das ist Realität, das müssen wir gar nicht erst großartig beweisen. Und stattdessen fragen: Was können vor allem Männer tun, untereinander, wie können Männer untereinander einschreiten, sich in die Verantwortung nehmen, dass dieses Verhalten erst gar nicht stattfindet."

Die überwiegende Mehrheit feiert die Entertainer aber für ihre Aktion - darunter auch viele Männer. Leider gibt es auch Kommentare die zeigen: Es ist noch ein unglaublich weiter Weg.

(ftü)

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