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Bild: gettyimages/ montage

Unter 1000 Euro

Unsere Armutsserie startet: So lebt Jan mit 800 Euro im Monat

Jetzt erzählen Leute, die von Armut bedroht sind – damit Jens Spahn das nicht muss.

Jan* (Name geändert), 29 Jahre, hat eine Geisteswissenschaft studiert und arbeitet als Kulturanthropologe in Berlin. Er verdient sein Geld als Freiberufler für Kultureinrichtungen und Museen. Sein Netto-Gehalt von knapp 800 Euro monatlich braucht er für Miete, Essen, Handy und Krankenversicherung.

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro netto im Monat auskommen müssen.

Würdest du dich selbst als arm bezeichnen?

Aus materieller Hinsicht müsste ich mich wohl als arm bezeichnen. Ich kenne die Zahlen, anhand derer die relative Armut berechnet wird. Da wird unterschieden zwischen arm, Existenzminimum und armutsgefährdet. Wenn ich mir mein Einkommen der letzten Jahre anschaue, liege ich stets in einem dieser Bereiche.

"Auch im konkreten Vergleich mit meinem Umfeld, stehen mir relativ wenig Mittel zur Verfügung"

Jan 

Woran merkst du täglich, dass du arm bist? 

Ich merke es jeden Tag. Denn fast alles, womit ich in Berührung komme hat einen Preis. Abgesehen von der Luft ist nichts kostenfrei. Ganz im Gegenteil, manchen Kosten kann ich gar nicht entkommen, wie zum Beispiel den Mietkosten oder den Beiträgen zur Krankenversicherung. Ich bin umgeben von Preisen für Waren und Dienstleistungen. Im Supermarkt, im Kaufhaus, in der Werbung, in den Nachrichten – offline und online. Auch unter Freunden oder in der Familie ist Geld immer ein Thema. Wenn zum Beispiel Freunde fragen, ob wir gemeinsam in den Urlaub fahren möchten oder auch nur wo wir zusammen essen sollen – weil ich arm bin, muss ich immer rechnen. 

"Und das Rechnen, genauer das Rechnen-Müssen, ist quasi die permanente Konfrontation mit meiner eigenen Mittellosigkeit."

Jan 

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder Fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. 

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. 

EU-SIlc-bericht 2015

Was war das krasseste, was du mal gemacht hast, um an ein bisschen Geld zu kommen?

Ich musste kürzlich eine größere Summe ab bezahlen. Ich wusste vorher schon, dass ich das Geld dafür nicht habe beziehungsweise es nur für die Miete reicht.

"Ich habe dann alles auf eine Karte gesetzt und mein letztes Geld in ein Bitcoin-Zertifikat angelegt."

Jan 

Dann hieß es warten und hoffen. Ich hatte Glück, denn die Kurse stiegen. Ich bin ausgestiegen, als ich genug beisammen hatte. Die Kurse sind danach weiter gestiegen, aber das war mir egal. Klingt vielleicht nicht so krass, aber ich achte eigentlich immer darauf nie wirklich in eine prekäre Lage zu geraten, also in erster Linie die Miete nicht zahlen zu können. Dass ich dafür mal auf Aktien wetten muss, hätte ich nicht gedacht.

Was hast du dir zuletzt gegönnt?

Das war ein Urlaub vor zwei Jahren. Ich war zwei Wochen in Spanien, das Ganze hat rund 1500 Euro gekostet. 

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Da ich kein regelmäßiges Einkommen habe, gibt es bei mir keine festen Rhythmen. Wenn ich mal wieder etwas Geld verdient habe, kann ich ungefähr abschätzen, für wie lange das reicht. Meistens habe ich 1-2 Monate Ruhe nach einem Auftrag. Wenn in der Zeit keine neuen Aufträge kommen, dann wird es knapp.

"Ohne ein geregeltes Einkommen, weiß ich nie, wie lange das Geld reichen muss und planen ist quasi nicht möglich."

Jan 

Ich weiß wirklich nie, wann ich wieder Geld habe und wenn ich es nicht habe, kann ich nur hoffen. Manchmal schaue ich nach Gelegenheitsjobs, die ich am Ende gar nicht annehme. Aber alles mache ich auch nicht, zum Beispiel Jobs, wo man bewertet wird. Ich hab zwar kein Geld, aber meinen Stolz habe ich noch.

Wie viel Geld hat jemand, von dem du denkst, dass er reich ist?

In Zahlen? Ich finde, das ist eine sehr triviale Frage und darum nicht leicht oder eigentlich gar nicht zu beantworten. Wenn jemand darauf eine plausible und allgemein gültige Antwort geben könnte, dann würde das gesamte System der sogenannten westlichen Welt zusammenstürzen.

"Es gibt eine Zahl für arm, aber keine Zahl für reich."

Jan 

Was hältst du vom bedingungslosen Grundeinkommen?

Das Thema langweilt mich mittlerweile ein wenig. Wenn es denn mal zur Abstimmung stehen sollte, dann stimme ich dafür. Bis dahin habe ich andere Sorgen.

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Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de

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