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Weil sie ein Kopftuch trug, wurde Siham rassistisch beleidigt (Symbolbild). Bild: getty images

watson-Story

"Kanakenschlampe": Wie ich das Vertrauen in die deutsche Polizei verlor

Siham Skali-Schulz

Rassismus innerhalb der Polizei sorgte in den vergangenen Wochen immer wieder für Schlagzeilen: Sei es rechte Hetze in Chatgruppen der Beamten oder ihre Verstrickungen mit der NSU. Doch viele Fälle sind viel harmloser, kleiner und entwickeln erst als strukturelles Problem ihre Brisanz – zum Beispiel, wenn Rassismus-Opfer keine Unterstützung durch die Polizei erfahren.

"Das ist leider häufig", erzählt Roman Jeltsch, der für die Beratungsstelle "Response" arbeitet und viele solcher Fälle auf dem Tisch hat. "Menschen erleben rassistische Angriffe und es wird nicht eingegriffen. Im schlimmsten Fall werden sogar Opfer und Täter verwechselt. Die betroffenen Personen sind danach verunsichert und fragen sich: An wen soll ich mich denn wenden, wenn nicht an die Polizei?" erzählt er. Würde Rassismus durch die Staatsmacht bagatellisiert, ginge das Vertrauen verloren.

Diesen Vertrauensbruch erlebte auch Siham Skali-Schulz. Die 31-jährige Hessin war mit ihren zwei Kindern unterwegs, als sie rassistisch angegriffen wurde und die Polizei rief. Was dann passierte, erzählt sie watson im Protokoll.

Siham über das Nicht-Eingreifen

"Wenn ein Polizist weiß, dass jemand aufgrund seiner Ethnie oder Religionszugehörigkeit angegriffen wird und es sein Job ist, dem nachzugehen und er sich bewusst dagegen entscheidet, hat er sich für eine Seite entschieden."

Mein Kopftuch wird ständig kommentiert

Ich habe einen Migrationshintergrund, da meine Eltern ursprünglich aus dem Norden Marokkos kommen. Mein Vater ist durch den Tod seines Vaters sehr früh zur Halbwaise geworden und musste für die Familie sorgen. Als Deutschland Gastarbeiter eingestellte hat, trampte er also hierher, um bei Opel zu arbeiten und seinen Lohn herunterzuschicken. Meine Mutter und er gründeten dann hier in Deutschland ihre eigene Familie, wo ich geboren wurde und aufwuchs.

Rassistische Erfahrungen bleiben mir leider nicht erspart. Ich trage ein Kopftuch und werde darauf immer wieder angesprochen. Die Leute fragen, ob ich nicht wisse, dass ich nun in Deutschland sei und es hier gar nicht tragen muss oder ob ich damit duschen würde. "Sie sprechen aber gut Deutsch", "Verstehen Sie mich?" und auch "Können Sie überhaupt lesen?" – solche Aussagen werden nie langweilig.

Eine Sache werde ich nie vergessen: Bei der WM 2006 habe ich für Deutschland beim Public Viewing mitgefiebert. Wir gewannen gegen ein afrikanisches Team und ich feierte das, da sagte ein Junge zu mir: "Wieso freust du dich? Ihr habt doch verloren!" und lachte mit seinen Freunden darüber. Ich weiß nicht, wieso mich ausgerechnet das so sehr verletzt hat, aber es hat sich bei mir eingebrannt. Was ich so traurig fand war, dass ich sogar die Nationalhymne stolz mitgesungen hatte, die ich auswendig konnte. Aber da wurde mir klar, dass ich für andere einfach nicht hier hergehöre. Seitdem habe ich nie wieder ein Deutschlandspiel beim Public Viewing geguckt.

Sie spuckte mich an und nannte meine Kinder "Brut"

Am 28. Juli hatte ich ein paar Einkäufe auf der Frankfurter Zeil erledigt und wollte mit meinen Kindern, die zwei Monate und zwei Jahre alt sind, gerade mit der Bahn zu meinen Schwiegereltern. Beim Wechseln des Gleises musste ich mit dem Geschwister-Kinderwagen den Fahrstuhl nehmen, als sich eine Frau Mitte sechzig mit in den Lift drängelte. Eigentlich war kein Platz mehr für sie, aber ich nahm es erstmal hin, auch wenn sie keinen Mundnaseschutz trug und der Mindestabstand nicht mehr einhaltbar war.

Sie forderte mich auf, mehr Platz zu machen. Als ich ihr sagte, dass das schlicht nicht geht, platzte es aus ihr heraus: "Du hast in diesem Land nichts verloren! Du Kanakenschlampe, scher dich mit deiner Brut wieder dahin, wo du herkommst." Ich stand total geschockt da. Ich sagte ihr, sie solle aufhören, solche rassistischen Sachen zu sagen, aber sie rief immer und immer wieder, dass ich in diesem Land nichts verloren hätte. Ich erklärte ihr, dass das auch mein Land sei, da ich hier geboren sei, aber sie wurde immer lauter: "Halt die Klappe, du Kanakenschlampe!" und versuchte mich aus dem Fahrstuhl zu schubsen. Sie hatte ein ganz gepflegtes, legeres Aussehen, aber plötzlich bekam ich Angst, auch, dass sie nach dem Kinderwagen greifen könnte.

"Ich habe ihren Speichel auf meinem Gesicht gespürt und ich weiß noch, ich habe aus Reflex die Augen geschlossen. Ich habe mich so erniedrigt gefühlt."

Als ich ihr sagte, dass ich die Polizei rufen werde, wenn sie nicht sofort lässt, spuckte sie mich an und traf auch – mitten in Zeiten von Covid-19. Zum Glück hatte eine Maske an, aber ich habe ihren Speichel auf meinem Gesicht gespürt und ich weiß noch, ich habe aus Reflex die Augen geschlossen. Ich habe mich so erniedrigt gefühlt. Mir kam der Gedanke in den Sinn, dass ich nur angespuckt werde, weil ich anders aussehe als sie, weil sie glaubt, sie wäre aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Hautfarbe und ihrer Religionszugehörigkeit etwas Besseres.

Ich erinnere mich noch, wie ich kurz dachte, entweder ich lasse das jetzt untergehen, fahre weinend zu meinen Schwiegereltern oder ich tue etwas dagegen! Ein Gedanke ließ mich nicht los: "Meine Kinder werden hier aufwachsen und ich will, dass sie so etwas nicht erleben, wenn sie größer sind. Wenn ich wollte, dass sich was für sie ändert, darf ich nicht einfach schweigen." Also stieg ich aus dem Fahrstuhl zurück auf das Bahngleis und rief die Polizei an.

Ich wartete 30 Minuten vergeblich auf die Polizei

Der Beamte am Telefon gab mir das Gefühl, dass es sich nicht lohnt, Einsatzkräfte wegen eines rassistischen Übergriffs zu schicken. Ich hatte nicht das Gefühl, ernst genommen zu werden. Ständig sagte er: "Wissen Sie, wie groß die Hauptwache ist?! Bis wir da sind, ist doch alles wieder vorbei..." Ich bestand jedoch darauf, erklärte immer wieder, dass ich angespuckt wurde und ein Neugeborenes dabei hätte. Letztlich sicherte er mir zu, dass er Einsatzkräfte informiert hätte, die auf dem Weg zu mir seien.

"Das schlimmste für mich, neben dem Fernbleiben der Polizei, war die fehlende Zivilcourage der Augenzeugen. Ich wusste immer, das sowas passieren kann, aber ich habe immer gedacht, die Menschen würden einer Mutter mit zwei Kindern helfen."

Nachdem ich mich bei ihm versicherte, die Täterin bis zu ihrem Eintreffen festhalten zu dürfen, suchte ich die Frau und fand sie, als sie gerade in eine U-Bahn einsteigen wollte. Ich stelle mich ihr mit ausgebreiteten Armen in den Weg und sagte ihr, dass die Polizei jetzt käme und sie dableiben müsse, um die Konsequenzen zu tragen. Sie schubste mich in Richtung der Gleise, ich schubste sie von mir weg und sie landete auf dem Gesäß. Als Leute ihr aufhalfen, flüchtete sie direkt.

Ich stand mit dem Kinderwagen noch lange alleine da und wartete auf die Polizei. Nach dreißig Minuten wurde mir langsam klar: Die werden nicht kommen. Ich bat meinen Mann, ein Deutscher ohne Migrationshintergrund übrigens, uns abzuholen. Als er kam, hatte er erwartet, dass die Polizei bei mir wäre, schließlich standen oben an der Hauptwache zwei Einsatzwagen. "Wo ist die Polizei?", fragte er immer wieder, während ich die Kinder aus dem Wagen in unser Auto setzte. "Die sind nicht gekommen", sagte ich. "Wie, die sind nicht gekommen?", fragte er immer wieder. Er hatte sich richtig daran festgebissen, aber ich wollte nur noch ins Auto, weil mir die Tränen kamen. "Die sind nicht gekommen, weil sie nicht kommen wollen!", sagte ich. "Ich habe angerufen, ich habe zwei Kinder dabei, ich wurde angespuckt, aber sie sind nicht gekommen! Du wirst das nie verstehen, weil du deutsch bist!" Wenn ich an meinen Ausbruch denke, muss ich immer noch schwer schlucken.

Mein deutscher Mann hat so etwas noch nie erlebt

Meinem Mann, der durch und durch deutsch ist, sind solche Dinge niemals passiert und er wird auch nie verstehen, wie man sich im eigenen Land fremd und unerwünscht fühlt. Er entschuldigt sich immer wieder stellvertretend, wenn uns so etwas passiert, auch wenn er nichts dafür kann.

Die Unterschiede in der Behandlung sehen wir an uns gut: Schon viermal musste ich einfach so meine Daten bei Personenkontrollen abgeben, vor allem nachts auf der Straße oder am Flughafen. Wenn mein Mann dabei ist und die Beamten seinen urdeutschen Namen auf dem Perso sehen, dürfen wir direkt weiter. Mir war also schon klar, dass die Polizei mir nicht so helfen würde, wie ihm, aber ich hätte schon gedacht, dass die Exekutive korrekt arbeiten würde, das ist ja deren Job, die Gesetze dieses Landes durchzusetzen, ob es ihnen persönlich gefällt oder nicht.

Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass die Polizei gekommen wäre, wenn ich Melanie Schulz hieße und mich eine Marokkanerin vor meinen zwei Kindern angespuckt hätte. Der Polizist in der Leitung hat sich zweimal nach meinem Namen erkundigt und ich glaube, er hat gedacht: Was wird sie schon machen, wenn wir nicht kommen...

Das Land muss sehen, dass Rassismus existiert

Ich habe mich nach diesem Vorfall wie ein Opfer gefühlt, mich geekelt und wollte nur duschen. Nachdem ich in sozialen Netzwerken davon erzählt hatte, rieten mir einige Leute, mich an Response zu wenden, eine Beratungsstelle für Rassismus-Opfer. Es hat mir sehr gutgetan, mit den Menschen dort darüber zu sprechen, zu erzählen, wie sehr es mich getroffen hat, ohne direkt als schwach zu gelten. Die gehen der Sache auch nach, schauen, ob dieser Fall verfolgt wird, dafür bin ich wirklich dankbar.

Für mich war es wichtig, auch Beschwerde bei der Polizei einzureichen, damit das nicht einfach untergeht. Ich wollte nicht, dass so etwas jemand anderem widerfährt und vor allem wollte ich, dass dieser Angriff auch in die Statistik eingeht. Das Land musste sehen, dass Rassismus in Deutschland existiert. Carina Lerch, die Chefsprecherin der Polizei Frankfurt am Main, rief mich im Anschluss sogar an. Warum keine Einsatzkräfte rausgeschickt wurden, konnte sie mir nicht beantworten, aber sie schaute sich die Videoaufnahmen des Angriffs an und entschuldigte sich mehrfach dafür, wie alles gelaufen war.

Was die Polizei zu dem Fall sagt

Carina Lerch, Kriminaldirektorin des zuständigen Polizeipräsidiums Frankfurt am Main, erklärt gegenüber watson:

"Als Frau Skali-Schulz' Beschwerde einging, habe ich mir sowohl den Tatverlauf, als auch die Arbeit der Kollegen angeschaut, um zu sehen, wo der Fehler entstanden ist. Leider hatten wir an dem Tag eine Großlage an anderer Stelle, die priorisiert werden musste. Der Angriff auf sie wurde an den Sicherheitsdienst der Verkehrsgesellschaft weitergegeben. Dass auch der nicht auftauchte ist natürlich absolut ungünstig. Solche Engpässe sind sehr selten, aber es passiert und für den Betroffenen ist das natürlich schlimm. Ich selbst wäre genauso entsetzt wie Frau Skali-Schulz, wenn meinen Kindern und mir keine sofortige Hilfe zuteil würde, deshalb habe ich mich auch bei ihr entschuldigt.

Uns ist eine gesunde Fehlerkultur wichtig, weswegen der Fall bei uns weiterverfolgt wurde und inzwischen bei der Staatsanwaltschaft liegt – auf gleich zwei Ebenen übrigens: Zum einen geht es hier um ein Amtsdelikt, also die Frage: Ist das Fehlverhalten des Polizisten am Telefon strafrechtlich relevant? Gilt es schon als unterlassene Hilfeleistung? Und zum anderen wird die Tat an sich verhandelt, also Beleidigung und Körperverletzung. Die Täterin wurde von uns inzwischen ermittelt, wir wissen also wer sie ist und konnten sie anzeigen. Beide Verfahren laufen noch."

Das Vertrauen in die Polizei ist trotzdem dahin. Als ich sie damals rief, dachte ich wirklich, dass die Beamten jetzt kommen und mir den Rücken stärken. Mir war wichtig, dass es rechtliche Konsequenzen hat, damit die Message ankommt: Rassistische Angriffe werden in Deutschland nicht geduldet. Wir sind keine Menschen zweiter Klasse, wir gehören zu Deutschland. Wir sind Deutsche – nur mit einem Migrationshintergrund. Leider war dem nicht so. Ich bin enttäuscht das ich nicht in den versprochenen Genuss des Schutzes und der Sicherheit kommen darf, meine Rechte und vor allem meine Würde wurde an dem Tag angetastet und die Polizei hat dies genehmigt, in dem sie nicht gekommen sind.

Es macht mich wütend! Einen rassistischen Angriff nicht zu verfolgen, ist in sich rassistisch: Wenn ein Polizist weiß, dass jemand aufgrund seiner Ethnie oder Religionszugehörigkeit angegriffen wird und es sein Job ist, dem nachzugehen und er sich bewusst dagegen entscheidet, hat er sich für eine Seite entschieden. Solche Polizisten üben nicht ihre Arbeit aus, sympathisieren mit dem Täter und gönnen ihm, dass er davonkommt.

Seit diesem Ereignis versuche ich verstärkt, solchen Situationen aus dem Weg zu gehen, weil ich nun weiß, die Polizei ist keine Option. Ich habe die Zeil nicht mehr aufgesucht, bin nur noch mit dem Auto unterwegs oder mit einer zweiten Person. Ich mache nichts mehr alleine mit den Kindern. Mein älterer Sohn hat mitbekommen, wie sehr mir der Vorfall zugesetzt hat und mich den ganzen Tag noch umarmt und "ai mama ai mama" gesagt. Mein Mann und ich denken seit diesem Tag verstärkt über Auswanderung nach, weil der Gedanke, dass die Kinder hier diskriminiert werden könnten, kein schöner ist.

Die Polizei muss Stellung beziehen – gegen Rassisten

Gerade die Polizei muss nach draußen vermitteln, dass Rassismus nicht in Ordnung ist. Es gibt Rechte und Pflichten, an die wir uns alle halten müssen, sonst gilt nur das Gesetz des Stärkeren. Es kann sein, dass Polizisten immer wieder schlechte Erfahrungen mit Migranten gemacht haben, aber in ihrer neutralen, professionellen Funktion dürfen sie nicht alle Migranten oder Deutsche mit Migrationshintergrund unter Generalverdacht stellen. Denn dann stellen die Migranten die Polizei unter Generalverdacht, rassistisch zu sein und so dreht sich der Teufelskreis immer weiter und weiter.

"Mir war wichtig, dass es rechtliche Konsequenzen hat, damit die Message ankommt: Rassistische Angriffe werden in Deutschland nicht geduldet."

Ich würde mir wünschen, dass die Polizei beim nächsten rassistischen Übergriff einfach ihrer Arbeit nachgeht. Wir Deutsche mit Migrationshintergrund entrichten ja auch Steuern und glauben an diesen Rechtsstaat und dieses System, dann sollte es auch funktionieren. Ich hoffe, dass die Polizei besser geschult wird, damit sie versteht, was ihre Aufgabe ist und vor allem wie wichtig diese Arbeit ist.

Das schlimmste für mich, neben dem Fernbleiben der Polizei, war die fehlende Zivilcourage der Augenzeugen. Ich wusste immer, das sowas passieren kann, aber ich habe immer gedacht, die Menschen würden einer Mutter mit zwei Kindern helfen. Auch wenn es nur ein Satz wie "Es reicht jetzt!" zur Täterin gewesen wäre. Aber sie haben nur zugeschaut und nichts gesagt – damit hätte ich nicht gerechnet. Für mich hat sich das als Bestätigung ihres rassistischen Verhaltens angefühlt. Als würden alle so denken, aber eine Dame spricht es jetzt endlich aus. In Zukunft würde ich mir Unterstützung von den Menschen wünschen, auch wenn es nur ein tröstendes Lächeln in Richtung des Opfers ist, um zu zeigen: "Ich bin nicht derselben Meinung wie der Täter."

Protokoll: Julia Dombrowsky

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