Leben
Medical staff and army members take COVID-19 tests of Toennies employees and their families who are quarantined behind fences in Verl, Germany, Tuesday, June 23, 2020. Following the corona outbreak at meat processor Toennies in Rheda-Wiedenbrueck, the federal state authorities are massively restricting public life in the Guetersloh district with a lockdown. (AP Photo/Martin Meissner)

Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies testen die Behörden gerade massenhaft Menschen auf das Virus. Bild: AP / Martin Meissner

watson-Story

"Wir sind jetzt die verpestete Stadt": Gütersloherin wütet gegen Fleischfabrikant Tönnies

Irrsinn in Gütersloh: Nachdem die Stadt wieder im Lockdown ist, können sich die Anwohner nun auf Corona testen lassen, auch wenn sie keine Krankheitssymptome haben. Das müssen viele von ihnen auch, denn Gütersloher dürfen zahlreiche Regionen Deutschlands nur noch bereisen, wenn sie ein negatives Test-Ergebnis vorweisen können.

Doch mit einem solchen Ansturm auf die Massentests wurde offenbar nicht gerechnet, zwischenzeitlich kam es sogar zu einem Aufnahmestopp. Zu Hunderten standen die Menschen in der prallen Sonne an, um beim Testzentrum der Kassenärztlichen Vereinigung zu erfahren, ob sie nun Corona haben oder nicht. Stundenlang.

Auch Amelie (Name von der Redaktion geändert) wollte eigentlich einen Test machen lassen und drehte direkt um, als sie die Schlange sah. Watson erzählt die 36-Jährige, wie stigmatisiert sich die Gütersloher fühlen und warum Fleisch-Unternehmer Clemens Tönnies sich lieber nicht mehr blicken lassen sollte...

Protokoll einer Gütersloherin

Heute Morgen kam ich zum Diagnosezentrum, um meinen Corona-Test machen zu lassen und dachte, ich traue meinen Augen nicht: massenhaft Menschen! Man konnte das Ende der Schlange nicht mehr sehen. Ganz klein konnte man gerade noch den Eingang zum Diagnosezentrum erahnen. Da standen sie alle mit ihren Bollerwagen und Stühlen in der Schlange, total verschwitzt und völlig entnervt. Hunderte würde ich sagen.

Die Schlange vor dem Testzentrum:

Bild

Bild: privat

Das ist wirklich Wahnsinn. Es gibt nur dieses eine Testzentrum und nun auch die Hausärzte, die den Test anbieten. Alle Gütersloher sitzen also jetzt bei den Arztpraxen oder stehen beim Zentrum in der Schlange. Die Stadt ist wie leergefegt.

Aber trotzdem: Der Ärger auf die Firma ist gerade größer als die Angst vor Corona.

Aus Gütersloh zu sein ist jetzt schwer

Ich hatte Gott sei Dank keinen Urlaub gebucht. Das ist nämlich der größte Ärger der Anwohner, den ich mitbekomme: Jetzt hätten bald die Schulferien angefangen. Und von Bekannten weiß ich, dass deren Urlaube direkt storniert wurden, eben weil sie aus Gütersloh kommen. Der Andrang auf die Tests ist auch deshalb so groß, weil man mit einem Negativ-Ergebnis zumindest noch die Chance hätte, irgendwo als Tourist unterzukommen.

Aber schon vorher war das Stigma Gütersloh zu spüren. Am Wochenende war ich noch in Bremen, da haben die Leute auch schon auf mein Kennzeichen geschielt und blöd geguckt. Einer Bekannten von mir mit Kennzeichen GT wurden in Paderborn heute sogar die Reifen zerstochen. Wir sind jetzt die verpestete Stadt, der neue Hotspot von Corona. Wär's nicht so traurig, würde ich lachen.

Nachdem ich die Riesenschlange gesehen habe, bin ich jedenfalls doch lieber zum Hausarzt. Die Praxis darf man aktuell zwar nicht betreten, sondern macht einen Termin aus und wartet dann zu besagtem Zeitpunkt vor der Praxis auf dem Parkplatz im Auto. Dann kommt die Ärztin raus und macht einen Abstrich. In zwei bis drei Tagen sollte ich Bescheid wissen, wie das Ergebnis ist. Aber weil auch die Hausarztpraxen so überfüllt sind, kann das doppelt so lange dauern.

Anwohner stinksauer auf Tönnies

Ich wollte mich testen lassen, weil ich nicht glaube, dass Corona ausschließlich die Tönnies-Mitarbeiter betrifft. Das ist so ein großer Arbeitgeber hier, niemals ist das Virus nur im Schlachtraum geblieben. Herr Tönnies ist hier unten durch, der könnte sich entschuldigen so viel er will, aber nicht einmal das tut er. Der Lockdown kam letztlich zu spät. Viele waren geradezu erleichtert, dass endlich gehandelt wurde, auch wenn dadurch einige Urlaubspläne durchkreuzt wurden.

Tönnies war auch vor Corona nicht sonderlich beliebt in der Region. Mütter sind am Wochenende sogar zu seinem privaten Anwesen gefahren und haben mit Kreide auf seinen Vorhof geschrieben – aus Protest. Es gab auch eine Mahnwache vor seinem Haus. Er kann jetzt sagen, was er will. Das alles ist nicht mehr gut zu machen. Und: Es werden viele Jobs durch diesen Skandal verloren gehen. Das wird noch Konsequenzen haben.

Inzwischen wird schon mehr Polizei aufgestellt. Ich will es nicht herbeireden, aber bei dieser Stimmung kann ich mir schon vorstellen, dass es noch zu Wut auf den Straßen kommen wird. Die Hitze, das Chaos, der Tönnies-Skandal: Langsam gehen die Leute wirklich auf dem Zahnfleisch.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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