Nachhaltigkeit
Lots of chicken at an organic farm.

26 Tiere auf einem Quadratmeter Stallfläche – so werden derzeit viele Masthühner gehalten. Bild: E+ / Freder

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Aldi schließt sich Masthuhn-Initiative an: Peta kritisiert "Verbrauchertäuschung"

Kaum Licht, kaum Frischluft, mit 25 Artgenossen auf einem Quadratmeter Stallfläche zusammengequetscht: So sieht es aus, das Leben eines durchschnittlichen Masthuhns. Auf dem Speiseplan stehen Antibiotika en masse und Futter, das die Hühner so stark wachsen lässt, dass unter ihrem Gewicht die Knochen brechen. Gerade einmal 39 Tage dauert dieses trostlose Dasein durchschnittlich, bevor es kopfüber hängend endet – und schließlich zu Hähnchenschlegeln oder Hühnerfrikassee verarbeitet wird.

Noch immer stammt der Albert-Schweitzer-Stiftung zufolge ein Großteil des Fleisches aus dem Supermarkt-Kühlregal aus solch einer Massentierhaltung. Knapp 30 NGOs aus ganz Europa haben sich deshalb zur Masthuhn-Initiative zusammengetan, um zumindest gewisse Mindestanforderungen an die Hühnermast durchzusetzen: Mehr Platz pro Huhn und die Möglichkeit, zu picken, bessere Beleuchtung und Lüftung in den Ställen, außerdem sollen langsamer wachsende Hühnerrassen eingesetzt werden und die Tiere vor der Tötung mit CO2 betäubt werden.

Rund 350 Unternehmen haben sich der Initiative bislang angeschlossen, darunter etwa Dr. Oetker, Iglo und Nestlé. Das Problem: Es handelt sich um eine freiwillige Selbstverpflichtung, Kontrollen sind nach Angaben der Tierschutzorganisation Peta rar. Und große Lieferanten wie Wiesenhof sollen sich Tierschützern zufolge noch immer weigern, die Mindeststandards umzusetzen.

Nun hat sich Aldi jedoch als erster großer Lebensmitteleinzelhändler der europäischen Masthuhn-Initiative angeschlossen, um die Haltungsbedingungen von Masthühnern "deutlich zu verbessern". "Wir haben uns diese weitreichende Entscheidung wirklich nicht leichtgemacht, aber es ist das Richtige, und wir werden nicht stoppen und weiter Ausschau halten, an welchen Stellen wir unseren Beitrag für mehr Tierwohl leisten können", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Erik Döbele, den Geschäftsführer Zentraleinkauf bei Aldi Süd.

"Großer Erfolg" oder "Verbrauchertäuschung"?

Die Albert-Schweitzer-Stiftung, die an der Masthuhn-Initiative beteiligt ist, bezeichnet das als großen Erfolg. "Diese Entscheidung wird das Leben von Millionen Hühnern beeinflussen", heißt es in einer Pressemitteilung. "Die Konkurrenz schaut sehr stark darauf, was Aldi tut", so Stiftungspräsident Mahi Klosterhalfen gegenüber der "SZ". "Wenn Aldi mitmacht, ist das der Durchbruch und das Signal dafür, dass es keinen Weg zurück gibt." Die Hoffnung: Lieferanten wie Wiesenhof, von wo Aldi viele seiner Produkte bezieht, müssen über kurz oder lang mitziehen.

Stammen die 2,99-Euro-Chickenwings in der Aldi-Tiefkühltruhe also künftig nur noch von glücklichen Hühnern? Wohl kaum. Auch Lisa Kainz, Fachreferentin Tiere in der Ernährungsindustrie bei Peta, hält die Initiative zwar für einen guten Anfang und einen Schritt in die Richtung. Aber: "Für die Tiere in den Ställen bedeutet es nur marginale Verbesserungen", sagt sie im Gespräch mit watson. Initiativen wie die Masthuhn-Initiative bezeichnet sie als "Verbrauchertäuschung": "Dem Verbraucher wird suggeriert, dass kein Tier leidet, aber das ist nicht der Fall."

Denn die Mitgliedschaft in der Masthuhn-Initiative bedeutet keineswegs, dass die Tiere künftig fröhlich auf der grünen Wiese picken. Statt etwa 26 Tieren pro Quadratmeter dürfen nun noch etwa 20 Tiere – die genaue Anzahl berechnet sich anhand deren Gewicht – gehalten werden. "Das ist immer noch dramatische Tierquälerei", sagt Kainz. Zudem seien die Zuchtkriterien schwammig formuliert, die angepriesene CO2-Betäubung der Tiere alles andere als sanft und Kontrollen gebe es ohnehin kaum. So hat sich etwa beim Lebensmittelhersteller Dr. Oetker, der sich der Initiative vor zwei Jahren angeschlossen hat, nach Informationen der "SZ" kaum etwas getan. Und Peta hat bei Recherchen in Fairmast-Betrieben ebenfalls keine Verbesserungen im Tierwohl festgestellt.

Umstellung erst 2026

Für Kainz von Peta ist es ohnehin unmöglich, Tiere wirtschaftlich und gleichzeitig tiergerecht zu halten. "Aldi hat ja inzwischen auch viele vegane Produkte im Sortiment, das ist besser für Tierwohl, Umwelt und die eigene Gesundheit."

Bei Aldi und der Albert-Schweitzer-Stiftung dagegen hofft man, die anderen mitzuziehen und auf lange Sicht einen Wandel einzuläuten, so wie vor einigen Jahren beim Verbot von Käfighaltung bei Legehennen. "Wir werden von heute an den restlichen Lebensmitteleinzelhandel mit Telefonaten und Mails bombardieren und eventuell auch mal die Kampagnenkeule schwingen, damit in den nächsten Monaten alle mitmachen", so Klosterhalfen – in Frankreich etwa würden schon alle großen Lebensmittelhändler mitziehen.

Für die Verbraucher – und die Hühner – ändert sich allerdings erst einmal nichts. Denn auch Aldi Nord und Süd wollen sich mit der Umstellung bis 2026 Zeit lassen. Bis dahin werden noch unzählige Generationen an Masthühnern ein kurzes und trostloses Leben führen.

(ftk)

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