Die Klimakrise verschärft ohnehin vorhandene Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern. Im Rahmen der watson-Weltfrauenwoche gibt Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer jungen Frauen Tipps, wie sie sich Gehör verschaffen können.
Die Klimakrise verschärft ohnehin vorhandene Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern. Im Rahmen der watson-Weltfrauenwoche gibt Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer jungen Frauen Tipps, wie sie sich Gehör verschaffen können. Bild: dpa / Jörg Carstensen
Frauentag

FFF-Aktivistin Luisa Neubauer gibt Tipps: So können sich Frauen Gehör verschaffen

09.03.2022, 17:38

Ihr sozialer Status ist geringer, sie verfügen über weniger politische und wirtschaftliche Macht: Frauen. Und das nicht nur im Globalen Süden, sondern auch in Deutschland. Dass die Folgen der Klimakrise diese Ungleichheiten noch verstärken, veranschaulichen sowohl Studien, als auch konkrete Ereignisse wie die Überschwemmungen im Ahrtal.

"Wir warten nicht, bis uns jemand einlädt, ob wir irgendwo am Tisch mitsitzen wollen, sondern wir bauen die Tische und die Bühnen selber."
"Wir warten nicht, bis uns jemand einlädt, ob wir irgendwo am Tisch mitsitzen wollen, sondern wir bauen die Tische und die Bühnen selber."Bild: SULUPRESS.DE / Marc Vorwerk/SULUPRESS.DE

Warum dem so ist, und wie junge Frauen sich hierzulande Gehör verschaffen können, darüber hat watson mit der Fridays for Future - und Klimagerechtigkeitsaktivistin Luisa Neubauer gesprochen.

Watson: Warum werden wir Frauen stärker von der Klimakrise getroffen?

Luisa Neubauer: Die Wurzeln der Klimakrise liegen in Macht-Hierarchien von Männern über Frauen, von weißen Menschen über People of Colour, von Männern über die Natur. Und wer sich vor der Klimakrise schützen kann und wer nicht, wer die Folgen der Klimakrise, ob direkt oder indirekt, abfedern kann oder nicht, das wiederum ist auch eine Frage von Macht. Und die Macht liegt eben überproportional viel bei Männern. Ob es um Mitsprache geht, welche Infrastruktur wo gebaut wird. Ob es um die Verteilung von Geldern geht – wer bekommt Schutzgelder, wer kann es sich leisten, woanders hinzuziehen. Ob es darum geht, ob man die Resilienz hat, die Folgen auszutragen.

"Ja, die Klimakrise verschärft alle Ungerechtigkeiten, die wir erleben."

Hast du ein Beispiel, an dem diese Geschlechterungerechtigkeit deutlich wird?

Ein sehr klassisches Beispiel ist natürlich, dass in sehr vielen Ländern in Subsahara-Afrika Frauen dafür verantwortlich sind, das Wasser zu holen. Aber die Wasserstellen versiegen. Das heißt: Je länger die Frauen zur Wasserstelle laufen müssen, desto weniger können sie sich bilden, sich um ihre Gesundheit und Gemeinschaft kümmern. Aber all das greift noch zu kurz. Wir haben das ja auch in Deutschland erlebt. Im Ahrtal wurden so viele Häuser zerstört. Und wer sind diejenigen gewesen, die das gut abfedern konnten? Es waren die Besserverdienenden. Und da sehen wir die klassizistische Dimension der Krise. Wir sehen aber auch eine Welt, in der Frauen tendenziell finanziell abhängig sind und eher in Altersarmut leben, was ja auch in Deutschland der Fall ist – und denen fehlt dann leider einfach auch die Resilienz, sich zu wehren.

Und die Klimakrise verschärft das nochmal?

Ja, die Klimakrise verschärft alle Ungerechtigkeiten, die wir erleben. Und eine der sehr großen und grundlegenden Ungerechtigkeiten, die direkt vor unseren Augen auch noch im Jahr 2022 wild umhertobt, ist eben das Patriarchat und die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts.

Was würde sich denn ändern, wenn Frauen mehr einbezogen würden und mehr mitgestalten könnten?

Na ja, ich glaube es ist zu kurz gegriffen, zu sagen, dass Frauen nicht an der Spitze von Konzernen sitzen können, die blöde Sachen machen. Das können Frauen auch sehr gut. Aber es hilft, an dieser Stelle kurz auf die Wurzeln zu gucken, die ja auch im Kern sehr patriarchal sind. Die Städte, in denen wir in Deutschland leben, sind rund ums Auto gebaut. Heute fahren Männer und Frauen fast ausgeglichen viel Auto. Aber als die Städte gebaut wurden, waren es fast ausschließlich Männer. Schon damals hat man keine gerechte Infrastruktur geschaffen, sondern die Infrastruktur an die Bedürfnisse der Männer angepasst. Und heute müssen wir dem folgen, müssen jetzt also alle in dieser Infrastruktur arbeiten und leben, die aber im Kern eine patriarchale ist, und auf die Bedürfnisse von Frauen eben sehr viel weniger guckt.

Und das wäre anders gekommen, hätten Frauen die Städte damals mitentwickelt?

Ja, deswegen ist es auch nur logisch, dass diese Krise nicht bewältigt werden kann, wenn ein großer Teil der Perspektive im Raum fehlt – dann fällt man eben uninformierte und schlechte Entscheidungen. In einer Welt, in der wir wirklich gleichberechtigt wären, würden sich andere Fragen anders stellen. Dass würde damit anfangen, dass man sich fragt, wieviel Arbeitszeit zumutbar ist. Unser Arbeitsmarkt ist auf Männer, die keine Kinder bekommen und sich wenig um die Kinder kümmern, ausgelegt. Diese Fehlkalkulation macht Frauen krank, und ist auch schlecht für alle anderen. In dem Augenblick, wo wir Gleichberechtigung schaffen, würden sich unsere Arbeitsverhältnisse verändern. In dem Augenblick, wo wir Gleichberechtigung schaffen, würden Männer, die an Maschinen arbeiten, nicht so viel mehr Geld bekommen als Frauen, die mit Menschen arbeiten.

"Frauen stehen nur in einer Welt schlecht da, in der Männer vorleben, wie es ist, sich ununterbrochen selbst zu überschätzen – und das auf die eigenen Kosten und die aller anderen."

Es würde also zu einer Werteverschiebung auf dem Arbeitsmarkt kommen.

Ja, und zwar über die Sektoren hinweg. Und das würde bedeuten, der Fokus unserer Wirtschaftsleistung würde weggezogen von den emissionsintensiven Sektoren hin zu den Sektoren, wo überproportional viele Frauen beschäftigt sind. Frauen sind nicht kategorisch besser darin sind, sich um Klima und Umwelt zu kümmern. Nur leben wir aktuell in einem System, das auf die andauernde Ausbeutung von Mensch und Natur basiert und das ist ganz, ganz, ganz patriarchal befeuert. Denn im Kern ist das Patriarchat die andauernde Ausbeutung des anderen Geschlechts und der Lebensgrundlagen um uns herum. Das sind die Wurzeln des Patriarchats. Und das könnte anders sein. Feministisch auf die Klimakrise zu gucken ist keine Veranstaltung, die gerade in ist, sondern das hilft uns, zu verstehen, wo eigentlich die Wurzeln der Krise liegen und wie wir sie überwinden können.

Ein weiteres Problem, was da aber noch hinzukommt, ist, dass Frauen sich selbst eher in Frage stellen und nicht auf die entsprechenden Stellen bewerben oder in den Vorständen der Unternehmen sitzen. Warum ist das so?

Naja, wir Frauen werden dazu erzogen, uns ununterbrochen selbst in Frage zu stellen – unseren Körper, unser Können, unsere Stärke, unsere Kraft, unsere Eigenständigkeit. Das ist das Patriarchat, das man irgendwann internalisiert. Dann denkt man auch nicht mehr darüber nach, dass das das Patriachat ist, sondern denkt: "Oh, das bin ja ich, das gehört so." Es sind ausschließlich Frauen, mit denen ich spreche, die es mal wagen zu sagen: "Ich weiß das nicht." Die sich selbst in Frage stellen und fragen, ob sie überhaupt qualifiziert für eine Aufgabe sind. Grundsätzlich ist das ja auch gar nicht schlecht. Frauen stehen nur in einer Welt schlecht da, in der Männer vorleben, wie es ist, sich ununterbrochen selbst zu überschätzen – und das auf die eigenen Kosten und die aller anderen.

"Wir warten nicht, bis uns jemand einlädt, ob wir irgendwo am Tisch mitsitzen wollen, sondern wir bauen die Tische und die Bühnen selber."

Als Gesicht von Fridays for Future stehst du ziemlich häufig im Mittelpunkt. Wie geht es dir damit? Hast du auch manchmal das Gefühl: "Oh Gott, kann ich das? Schaffe ich das? Warum mache ich das überhaupt?"

Natürlich. Es wäre ja auch komisch, wenn nicht. Ich fände es ganz skurril, wenn ich nicht mich und meine Rolle immer wieder reflektieren und hinterfragen würde. Wenn Menschen sich nicht reflektieren, sich nicht hinterfragen in dem, was sie tun, hält das ja wiederum das Patriarchat am Laufen. Und dann sitzen da völlig unqualifizierte Leute in Machtpositionen und spielen Machtspiele. Wir als Bewegung sind auch sehr feministisch, weil die Bewegung vor allem auch von Frauen getrieben wird, die vorangehen und sagen, dass wir jetzt loslegen, weil wir nicht warten, bis uns jemand fragt. Wir warten nicht, bis uns jemand einlädt, ob wir irgendwo am Tisch mit sitzen wollen, sondern wir bauen die Tische und die Bühnen selber.

"Lauf los und zeig den Frauen, die du liebst oder großartig findest, was du von ihnen hältst."

Es geht also um Eigeninitiative.

Das ist ja das, was Frauen klassischerweise klein hält, weil man ihnen sagt: "Ja, jetzt warte noch ein bisschen, dann machen wir einen Platz für dich bereit." Aber was dir niemand sagt, ist, dass dieser Platz in der fünften Reihe ist und dass man da übrigens gar kein Mikrofon hat, um wirklich mitzureden. Aber wir lassen uns nicht davon aufhalten. Und das ist vielleicht auch der Grund, warum so viele mächtige Männer so irritiert auf Fridays for Future reagiert haben: Weil sie dachten, sie hätten den Überblick und hätten die Macht, alles zu entscheiden. Und ich glaube, viel von dem sehr männlich geprägten Unverständnis gegenüber Aktivisten und der Bewegungen ist auch aus einer tiefen Kränkung darüber entstanden, dass es anscheinend doch möglich ist, die Dinge anders zu machen, obwohl die Welt so schön männlich doch in Ordnung war.

Hast du vielleicht ein paar Tipps, die du jungen Frauen mit auf den Weg geben könntest – dazu, wie man sich Gehör verschafft, wie man sich selbst vielleicht ein Stück weit überwindet und für sich selbst und seine Anliegen einsteht?

Da fallen mir drei Dinge ein. Das Erste wäre, es zu wagen, sich selbst zu lieben – das hat mir auch eine ganz tolle Feministin heute Morgen erzählt. Das System und das Patriachat erzählt uns, wir sollten uns ununterbrochen selbst in Frage stellen. Sich selbst zu lieben und zu achten ist im Patriachat also ein Akt des Widerstandes und eine Ansage an das System. Das wäre das erste.

"In einem System der Unterdrückung, in einem System, in dem Frauen nur die Chancen gegeben werden, damit sie nicht mächtig genug werden, die großen Fragen zu stellen, die großen Machtstrukturen wahrzunehmen, wird man niemals in die erste Reihe gebeten."

Und das Zweite?

Sich von diesem Konkurrenzdenken zu befreien, das uns immer eingeredet wird. Wir sollten uns zusammentun und der größte Fan der anderen sein: Zusammen loslaufen und der Frau neben sich erklären, wie toll ihre Haare sind und wie gut sie gerade gesprochen oder etwas erklärt hat. Komplimente machen, der anderen gegenüber Wertschätzung ausdrücken, sich für die Erfolge anderer begeistern. Einander Komplimente zu machen, wird viel zu sehr mit einem Flirt verbunden, auch wieder eine Art der Unterdrückung. Aber auch dem können wir uns widersetzen. Also: Lauf los und zeig den Frauen, die du liebst oder großartig findest, was du von ihnen hältst.

Und dein letzter Tipp?

Das dritte ist, nicht darauf zu warten, bis man vielleicht irgendwann gefragt wird, etwas zu tun. In einem System der Unterdrückung, in einem System, in dem Frauen nur die Chancen gegeben werden, damit sie nicht mächtig genug werden, die großen Fragen zu stellen, die großen Machtstrukturen wahrzunehmen, wird man niemals in die erste Reihe gebeten. Diese Einladungskarten gibt es nicht und es stellt einem auch keiner einen Stuhl bereit.

Bei dir hat sich das aber mittlerweile geändert...

Naja, ich bin ja auch eine weiße Frau. Es wäre ganz anders und ich würde nicht hier sein, wenn ich eine Person of Colour wäre, da bin ich mir ganz sicher. Auch ich profitiere hier von einem System. Die Gründe dafür kann ich allein nicht ändern, aber was ich machen kann, ist, mich immer zu fragen, wer sitzt gerade nicht im Raum. Bin ich vielleicht gerade die bequemere Alternative für eine andere Stimme, die nicht gehört wird? Und wie kann ich das ändern, Platz machen, den Raum teilen? Und das ist die eigentliche Schwierigkeit.

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Comeback: Der Biber ist zurück in Rheinland-Pfalz

Der Biber ist zurück in der Westpfalz: Der letzte Nager hatte hier im Jahr 1840 gelebt. Doch durch das gezielte Ansiedeln des Bibers in den Nachbarbundesländern ist er jetzt jedoch auch in den Wäldern der Westpfalz wieder anzutreffen. Lange Zeit wurde der Biber gejagt, um Mäntel und Mützen aus seinem wasserabweisenden, dichten Fell herzustellen, heute steht er unter strengem Schutz.

Zur Story