Wie nachhaltig sind Adventskalender? watson hat drei "grüne" Kalender auf ihre Inhalte und Verpackungen getestet.
Wie nachhaltig sind Adventskalender? watson hat drei "grüne" Kalender auf ihre Inhalte und Verpackungen getestet. Bild: Zoonar.com/Firn / Firn
Grüner Adventskalender

Wie grün sind die Adventskalender von Pamela Reif, Koro und Foodist?

30.11.2021, 09:59

Advent, Advent, die Erde brennt – und das leider nicht nur metaphorisch gesprochen. Zahlreiche Brände in Europa und weltweit haben uns dieses Jahr gezeigt, dass die Auswirkungen der Klimakrise keine Horror-Zukunftsmusik mehr sind. Stattdessen stecken wir längst mittendrin. Zwar müssen vor allem die großen Klimakiller in die Pflicht genommen werden, aber auch wir können durch unser Konsumverhalten Unternehmen zum Umdenken bewegen. Besonders in der Hauptkonsumzeit kurz vor Weihnachten lohnt es sich deshalb, zu den grünen Alternativen der klassischen Schoko-Adventskalender zu greifen.

Die watson-Redaktion hat drei vegane Adventskalender bestellt und mithilfe von Experten unter die Nachhaltigkeits-Lupe genommen.

Dazu haben wir die Kalender aus dem Webshop von Foodist, der Online-Drogerie für grüne Alternativen Koro und Naturally Pam, dem Food-Label der Fitness-Influencerin Pamela Reif, auf Inhalt und Verpackung analysiert. Denn die drei Lebensmittel-Unternehmen sind nicht nur beim Influencer-Marketing beliebt. Eigenen Angaben nach halten sie sich auch an Nachhaltigkeits-Standards.

Der vegane Adventskalender von foodist lockt mit "snackable vegan goodies".
Der vegane Adventskalender von foodist lockt mit "snackable vegan goodies".foodist

Warum vegan?

Zur Beurteilung der Nachhaltigkeit wäre es wenig zielführend, vegane Kalender mit nicht-veganen zu vergleichen, da pflanzenbasierte Produkte überwiegend eine bessere Ökobilanz haben. Das beweist auch eine aktuelle Studie des WWF auf Deutschland-Ebene, die die enorme Einsparung von Treibhausgasen bei einer fleischlose Ernährung zeigt.

Foodist möchte einen "Beitrag zu einer nachhaltigeren Lebensmittelindustrie leisten".
Foodist möchte einen "Beitrag zu einer nachhaltigeren Lebensmittelindustrie leisten".foodist.de

So sinken die Treibhausgasemissionen durch eine vegane Ernährungsweise um 48 Prozent gegenüber einer fleischhaltigen. Der WWF gibt an, dass die Gesamtessmissionen in Deutschland um zwölf Prozent gesenkt werden könnten, wenn die Deutschen nur noch pflanzliche Produkte konsumieren würden.

Ist bio immer besser?

Der Adventskalender von Foodist enthält zum Großteil bio-zertifizierte Produkte, bei Koro trägt ein Drittel der Inhalte das entsprechende Siegel. Im Modell von Naturally Pam stammen alle Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft.

Lebensmitteln aus dem Ökolandbau wird eine bessere Klimabilanz nachgesagt. Zwar trifft eine derartige Aussage nicht pauschal auf alle Nahrungsmittel zu, die Ergebnisse des Thünen Report 65 aus dem Jahr 2019 bestätigen dennoch den umweltschonenden Vorteil der Bio-Landwirtschaft. So heißt es in den Ergebnissen: "Die Auswertung der wissenschaftlichen Literatur ergab über alle Indikatoren hinweg, dass die ökologische Bewirtschaftung gegenüber der konventionellen Variante im Bereich des Umwelt‐ und Ressourcenschutzes bei 58 Prozent der analysierten Vergleichspaare Vorteile aufwies. Bei 28 Prozent konnten keine Unterschiede festgestellt werden, bei 14 Prozent der Vergleichspaare war die konventionelle Variante vorteilhafter."

Die Autoren des Reports beurteilen den ökologischen Landbau daher als "relevanten Beitrag zur Lösung der Umwelt‐ und ressourcenpolitischen Herausforderungen dieser Zeit". Daher gelte er "zu Recht als eine Schlüsseltechnologie für eine nachhaltige Landnutzung".

Innen hui, außen pfui? - Die Kritik an "plastikfreien" Verpackungen

Bei uns zählt das Äußere – zumindest, wenn es um nachhaltige Verpackungen geht. Denn auch wenn im öffentlichen Diskurs Plastik als Weltzerstörer betitelt wird, können Papierverpackungen die Umwelt ebenfalls stark belasten. Laut der Umweltorganisation Nabu ist Deutschland mit jährlich knapp 19 Millionen Tonnen verbrauchtem Papier, Pappe und Karton Spitzenreiter unter den Industrienationen. Rund 9,6 Millionen Tonnen davon machen Verpackungsmaterial aus. Das Problem: Ein Großteil davon landet anschließend im Müll – obwohl die Papierherstellung große Umweltbelastungen mit sich bringt.

 Mit "Liebe zum Detail: Veganer Adventskalender mit Upcycling-Projekt" – so bewirbt Koro das Weihnachtsprodukt auf seiner Webseite.
Mit "Liebe zum Detail: Veganer Adventskalender mit Upcycling-Projekt" – so bewirbt Koro das Weihnachtsprodukt auf seiner Webseite. koro_xmas / Luisa Hanika

Alle drei Adventskalender, die watson untersucht hat, kommen verpackt in Kartonagen mit unterschiedlicher Stabilität . Der Kalender von Naturally Pam ist ein klappbares Modell mit einzelnen Türchen. Koro und Foodist haben jede Adventsüberraschung einzeln in kleine Pappschachteln verpackt, die wiederum in einem Papprahmen angeordnet sind.

Beim Öffnen der Pakete fällt der Kalender von Foodist sofort ins Auge, weil er als einziger mit einer Plastikfolie eingeschweißt ist. Allerdings bewirbt Foodist den Kalender auch nicht mit einer nachhaltigen Verpackung. Zwar gibt der Konzern an, "großen Wert" darauf zu legen, die eigenen "Verpackungen nach dem aktuellen technologischen Stand so nachhaltig wie möglich zu machen". In den Päckchen des Kalenders sind jedoch auch viele Produkte anderer Lebensmittelhersteller.

Weil es sich bei den enthaltenen Produkten aber um vegane und größtenteils Lebensmittel aus ökologischem Anbau handelt, haben wir den Kalender dennoch in die Analyse aufgenommen. Der Aspekt der nachhaltigen Verpackung ist entsprechend zu vernachlässigen, da Foodist nicht mit einer nachhaltigen Verpackung wirbt.

Foodist über die Bemühungen für eine nachhaltige Zukunft.
Foodist über die Bemühungen für eine nachhaltige Zukunft.foodist.de

"Prinzipiell ist Papier nicht Papier und Karton nicht Karton. Und per se von Karton als nachhaltiger zu sprechen ist faktisch und sachlich nicht korrekt", sagt Carolina Schweig, Spezialistin für Verpackungsmaterial und Technologie mit dem Fokus Nachhaltigkeit. Um die Nachhaltigkeit zu bewerten, müsse die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt werden. "Wichtig ist deshalb auch, wo die Bäume standen, die als Adventskalender enden. Handelte es sich zum Beispiel um eine Eukalyptus-Mono-Kultur aus Brasilien? Das wäre wenig nachhaltig", so Schweig auf Nachfrage von watson.

Weder Naturally Pam noch Koro geben auf der Webseite die Bezugsquelle ihrer Rohmaterialen an. Koro schreibt zur fehlenden Herkunftsangabe der Produkte: "Wir wissen, dass Dich die Herkunft unserer Produkte brennend interessiert und sie im besten Fall auf den Produkten drauf stehen sollte. Dass das aktuell noch nicht der Fall ist, hängt mit einem erheblichen internen Prozessaufwand zusammen."

Da die Kalender im weihnachtlich bedruckten Design produziert werden, gibt es noch einen weiteren Aspekt zu bedenken: "Prinzipiell muss alles, was bedruckt und lackiert wird, von diesem Druck und Lack im Prozess der Wiederaufbereitung befreit werden. Im De-Inking-Prozess kann man circa 80 Prozent des Druckes beziehungsweise der Druckfarben und Lacke wirtschaftlich entfernen", erläutert Schweig. Danach werde der Aufwand zu hoch. "Prinzipiell", so Schweig, die auch Inhaberin einer Verpackungsfirma ist, "möchte ich darauf hinweisen, dass die einzelnen Verpackungen, die noch einmal in aufwendige Schubladen oder Tiefziehformen verpackt werden, ökologisch gesehen nicht zielführend sind."

Gemeint sind die einzelnen Produkte in den Adventskalendern, die größtenteils in Plastik verpackt sind. Beim Koro-Kalender betrifft das die Produkte aller 24 Türchen. Auf seiner Webseite begründet der Hersteller das folgendermaßen: "Nachhaltig zu leben bedeutet nicht zwangsläufig, plastikfrei zu leben. Plastik ist ein stabiler, leichter Stoff und gut dafür geeignet, Lebensmittel ohne Qualitätsverlust von A nach B zu transportieren (...) Unsere Nüsse und Trockenfrüchte können wir nicht nur in Papier verpacken, da sie sehr fettig sind und die Verpackung leicht beschädigt werden könnte."

"Sogenannte biologisch abbaubare oder kompostierbare Folien werden immer wieder angeboten und sind nach wie vor reines Greenwashing."
Dr. Horst-Christian Langowski, Professor für Verpackungstechnik über die Verpackungen von Naturally Pam

Besonders schwach bewerten unsere Experten die Verpackungen von Naturally Pam. Letzte Woche veröffentlichte das Verbraucherportal Foodwatch die Kandidaten für den Goldenen Windbeutel 2021 – eine Auszeichnung, die Produkte mit der dreistesten Werbelüge erhalten. Unter den ausgezeichneten Produkten findet sich auch der Clean Protein Bar von Naturally Pam, der im Adventskalender enthalten ist. Die Folie des Riegels wird als plastikfrei und biologisch abbaubar beworben. "Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Plastik-Folie, die weder kompostiert noch recycelt wird, sondern als Plastikmüll in der Müllverbrennung landet. Auch in der Natur würde die Folie – wenn überhaupt – nur sehr langsam abgebaut", begründet Foodwatch die Nominierung.

Die Logos "plastic free" und "bio-degradable" sind prominent auf den Artikelwebseiten platziert.
Die Logos "plastic free" und "bio-degradable" sind prominent auf den Artikelwebseiten platziert.naturally-pam.de

Pamela Reif hat dazu bereits eine Stellungnahme in einer ihrer Instagram-Storys veröffentlicht, in der sie betont, sie hätte immer wieder darauf hingewiesen, dass aktuelle Bedingungen den biologischen Abbau der Folie noch nicht zulassen würden. Diese Instagram-Story ist allerdings nicht bei den entsprechenden Produkten auf der Webseite verlinkt. In den FAQs findet sich nach aufmerksamer Suche der folgende Hinweis: "Die Folie besteht aus Zellulose und PLA, was aus Milchsäure gewonnen wird. PLA ist leider nur unter industriellen Bedingungen optimal kompostierbar, weshalb du die Folie nicht auf den Gartenkompost werfen solltest. Die Bioabfallverordnung verbietet derzeit die Entsorgung von kompostierbaren Verpackungen im Biomüll – leider."

Auf der Webseite von Naturally Pam wird mit nachhaltigen Verpackungen geworben.
Auf der Webseite von Naturally Pam wird mit nachhaltigen Verpackungen geworben.naturally-pam.de

Das Label "Plastikfrei" nutzt Pamela Reif auch für andere Produkte ihres Shops, die ebenfalls im Kalender enthalten sind. Sie bestünden aus einer biologisch abbaubaren Zellulosefolie, so die Beschreibung. Expertin Schweig findet dafür eindeutige Worte:

"Ich würde den Experten von Foodwatch gerne anerkennend auf die Schulter klopfen! Wir haben keine Stoffströme für biologisch abbaubare Kunststoffe. Diese Kunststoffe werden laut einer Studie des Umweltbundesamtes überwiegend sogar mit höherem GHG-Impakt (Greenhouse Gas) hergestellt, leider aber nur für einen einzigen Gebrauch! Häufig werden Materialien wie Cellulose-Folie als Holzfolie und 'plastikfrei' bezeichnet. In meinen Vorlesungen der Kunststoffchemie waren das noch die ersten Kunststoffe."
Verpackungsexpertin Carolina Schweig gegenüber watson

Um eine Einschätzung der Folien von Naturally Pam hat watson auch Horst-Christian Langowski gebeten. Er ist Professor für Lebensmittelverpackungstechnik an der TU München. Als Spezialist für Kunststoffmaterialien bestätigt er die Bewertung Carolina Schweigs: "Sogenannte biologisch abbaubare oder kompostierbare Folien werden immer wieder angeboten und sind nach wie vor reines Greenwashing. Sie als 'plastikfrei' zu bezeichnen ist fast immer Verbrauchertäuschung, weil nach nationalen und EU-Regelungen auch Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen 'Plastik' sind."

instagram/naturally_pam
"Die biologische Abbaubarkeit ist in vielen Umweltsituationen meist nicht vorhanden und ohne Nutzen, wenn die Verpackung ordnungsgemäß verwertet wird. Der vielgerühmte 'natürliche Kreislauf', der mit solchen Materialien erreicht werden soll, ist ebenfalls ein Fake, weil die Inhaltsstoffe solcher Materialien keineswegs als Nährstoffe für Pflanzen dienen und zu CO2 und Wasser abgebaut werden. Dann kann man die Materialien aber auch gleich energetisch verwerten, weil dann dieselben Substanzen in der gleichen Menge in die Umwelt gelangen. Auch in der Kompostanlage sind solche Materialien nicht willkommen, da sie sich langsamer abbauen als die Bioabfälle und nach der Kompostierung herausgesiebt werden."
Dr. Horst-Christian Langowski, Professor für Verpackungstechnik
instagram/naturally_pam

Wenn der Kalender Ende Dezember geleert ist, bleibt vor allem eins übrig: Ein Müllberg. Die Hersteller der Kalender wollen dem entgegenwirken, indem sie Upcycling-Projekte integriert haben. Aus dem Koro-Kalender wird ein Quartett, Pamela Reifs Schachtel wird zum Kräuterbeet. Einen besonders großen Mehrwert kann Langowski darin allerdings nicht sehen: "Upcycling-Projekte dieser Art finde ich generell problematisch. Das Quartett vom Koro-Kalender ist am Ende auch nichts anderes als Altpapier. Das Kräuterbeet kann zwar munter vor sich hinwachsen, aber am Ende werden die Pflanzschälchen bestenfalls biologisch abgebaut, aber nicht wirklich verwertet. Für mich sind das Gimmicks, die ohnehin nur einem Bruchteil der Verbraucherinnen und Verbraucher wirklich nutzen."

Fazit

Kein Konsument möchte auf Werbetricks reinfallen. Für wen lohnen sich demnach die veganen Adventskalender? Eine klare Kaufempfehlung gibt es für diejenigen, die eine pflanzliche Alternative zum Schoko-Klassiker suchen und Wert auf Bio-Produkte legen.

Hinsichtlich der Verpackung lassen die drei Modelle noch viel Luft nach oben. Bislang gilt: Verpackungen sind am Ende Müll und können damit keine hohen Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Hinzu kommt, dass die Snacks im Kalender von Naturally Pam zwar bio und vegan sind, daneben aber auch Non-Food-Produkte von den Werbepartnern der Gründerin Pamela Reif hinter den Türchen warten. Darunter sind Rabattcodes und Gutscheine für Gratisprodukte des Strumpfwarenherstellers Calzedonia und des Dessous-Labels Intimissimi. Beide Konzerne sind als Fast Fashion Unternehmen einzuordnen, die schnelllebigen Konsum bewerben und keine ethischen Standards in der Produktionskette erfüllen.

DIY-Projekt: Adventskalender aus alten Papprollen ist individueller und spart Müll.
DIY-Projekt: Adventskalender aus alten Papprollen ist individueller und spart Müll.Bild: iStockphoto / Tetiana Soares

"An sich ist kein Produkt, das unser Wirtschaftssystem liefert, a priori nachhaltig. Man kann es nur im Vergleich zu einer Alternative bewerten, also im Sinne von 'nachhaltiger' oder 'weniger nachhaltig'", resümiert Langowski. "Gerade bei einem Geschenk- oder Schmuckobjekt ist die Frage nach der Vergleichsalternative besonders kritisch, weil der Adventskalender immer 'überflüssig' ist im Vergleich zu seinem reinen Inhalt ohne Hülle." Die nachhaltigste Form wäre deshalb ein Zero-Waste-Kalender in Form von wiederverwendbaren Jutesäckchen oder ein Upcycling-Kalender aus aufbereiteten Toilettenpapierrollen.

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