Immer mehr Menschen entdecken die vegane und vegetarische Küche für sich oder reduzieren ihren Fleischkonsum bewusst. (Symbolbild)
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Nachhaltig

Interview mit Niko Rittenau: "Das Risiko für derartige Pandemien wäre in einer veganen Welt um ein Vielfaches geringer"

04.09.2021, 13:51
Theresa Schwab
Theresa Schwab
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Der Ernährungswissenschaftler Niko Rittenau ist überzeugter Veganer und veröffentlicht regelmäßig Fakten zur pflanzlich basierten Ernährungsweise. In seinem neuen Buch "Vegan ist Unsinn!" entkräftet er die häufigsten Gegenargumente. Ein Gespräch über nicht-vegane Freunde, emotionale Debatten und warum es wichtig ist, nicht still zu bleiben.

watson: Ihr Vorgänger-Buch "Vegan-Klischee ade!" war rein wissenschaftlich, in ihrem neuen Buch kommen ethische Aspekte dazu. Warum war es Ihnen wichtig, diese Betrachtungsweisen zu integrieren?

Niko Rittenau: Die Tierethik ist eine Art blinder Fleck in unserer Gesellschaft und wir verhalten uns diesbezüglich oft genau gegensätzlich zu unseren eigentlichen ethischen Werten, ohne das zu bemerken. Der Veganismus als soziale Gerechtigkeitsbewegung fußt im Kern auf tierethischen Argumenten und daher war mir von Anfang an klar, dass ich dieses Thema auch in Buchform besprechen möchte.

Der Buch-Untertitel spielt darauf an, dass man sich als Veganer oft rechtfertigen muss. Ich selbst spüre immer wieder, dass mein Umfeld sich automatisch angegriffen fühlt. Woher kommen diese Emotionen?

Die Nahrungsaufnahme ist ein höchst emotionales und persönliches Thema. Kaum etwas lassen wir so nahe an uns heran wie unsere Nahrung, die mit jedem Bissen ein Teil von uns selbst wird. Gerade in der heutigen Zeit wirkt die eigene Ernährungsweise oft identitätsstiftend. Außerdem sind die allermeisten Menschen in Ernährungsfragen quasi Analphabeten, denn wir lernen in der Schule kaum etwas über Ernährung, weshalb vielen Menschen die Grundlagen fehlen. Auch das steht einem sinnstiftenden Dialog im Weg. Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass viele hier sensibel reagieren und sich angegriffen fühlen.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich versuche, in meiner Arbeit bewusst gegenzusteuern und diese emotional aufgeladenen Debatten auf eine rationale Sachebene zu führen und höflich mit Menschen in den Dialog zu gehen.

Ein häufiges Phänomen, das auch im Buch auftaucht, ist Whataboutismus. Was steckt hier dahinter?

Der Begriff "Whataboutismus" beschreibt, wenn in Gesprächen Kritik am eigenen Verhalten durch Gegenkritik an Missständen oder vermeintlichen Missständen an anderer Stelle abgewehrt wird, ohne dass dabei das eigentliche Argument adressiert oder widerlegt wird.

Was bedeutet das konkret für Veganer?

Ähnliches beschreibt auch der logische Fehlschluss des "Tu­quoque-­Arguments" ("Du auch"-Argument), bei dem vegan lebenden Menschen vorgeworfen wird, dass sie Heuchler wären, weil sie ja auch in den Urlaub fliegen oder ein Auto mit Verbrennungsmotor besitzen. Natürlich sollten vegan lebende Menschen auch in anderen Lebensbereichen nach Verbesserungen streben, aber diese Tatsache berührt das ethische Argument des Veganismus nicht und hat damit keinen argumentativen Wert in der Frage nach unserem Umgang mit Tieren.

Das aktuelle Buch greift fast alle wichtigen Anti-Vegan-Argumente auf. Folgende drei Behauptungen, mit denen ich schon häufiger konfrontiert wurde, haben kein eigenes Kapitel. Was könnte ich – kurz und knapp – darauf antworten?

  • Es ist gefährlich, sich in der Schwangerschaft vegan zu ernähren:

Die bisherigen Daten zeigen, dass eine vegane Ernährung bei guter Kostzusammenstellung in der Schwangerschaft bedarfsdeckend und damit sicher ist. Es ist zwar keine Raketenwissenschaft, das umzusetzen, aber natürlich benötigt es ein gewisses Grundwissen. Dieses vermitteln wir in unserem nächsten Buch zum Thema der veganen Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost, das im Frühjahr 2022 erscheinen wird.

  • Wären alle vegan, würden Nutztiere aussterben:

Sogenannte "Nutztiere" in ihrer heutigen Form würden vermutlich aussterben, aber das wäre auch zu ihrem eigenen Vorteil, da heutige Milchkühe, Legehennen und andere Qualzuchten so stark auf extreme Ertragsleistung gezüchtet wurden, dass sie in den allermeisten Fällen stark darunter leiden. Natürlich würde es dennoch weiterhin Kühe, Schafe, Hühner, Schweine und andere Tiere geben, so wie es diese Tiere auch vor der Domestizierung durch den Menschen gab. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass ca. ein Drittel des menschenverursachten Artensterbens auf das Konto der Intensivtierhaltung geht und somit würde ein Ende der Nutztierhaltung auf mehreren Ebenen Tiere schützen.

  • Es ist ein politisches Problem, kein privates:

Ja, es ist auch ein politisches Problem. Es ist insgesamt ein multifaktorielles Problem, das auf mehreren Ebenen angegangen werden muss und sowohl das individuelle Konsumverhalten als auch die politischen Rahmenbedingungen müssen sich, ebenso wie die Lebensmittelindustrie, verändern. Ein Argument gegen den Veganismus ist dies aber erneut nicht, da dieses Argument die ethische Position des Veganismus gar nicht berührt.

Meistens entscheidet man sich nicht nur aus ernährungswissenschaftlichen Gründen dazu, vegan zu leben. Bei mir war es ein Undercover-Recherchevideo in einem Schlachthaus. Gab es einen Auslöser, weshalb Sie Veganer wurden?

Wie Umfragen zeigen, entscheiden sich die allermeisten Menschen primär aus ethischen Gründen für eine vegane Ernährung. Als ich vor ca. neun Jahren bei einem Informationsstand am Stephansplatz in Wien von einigen Tierrechtsaktivisten über die ethischen Probleme der sogenannten Nutztierhaltung erfahren habe und meine anschließende Eigenrecherche diese Positionen bestätigte, war für mich klar, dass ich diese Industrien nicht länger unterstützen möchte.

Sie haben gemeinsam mit dem Koch Sebastian Copien ein Buch mit einem Baukasten-System veröffentlicht. Mal ehrlich: Kochen Sie sich jeden Tag ein umfangreich ausgewogenes Essen?

Wir kochen bei uns im Team schon täglich sehr ausgewogen und erachten das als große Priorität. Gleichzeitig bin ich aber (wenn nicht gerade eine Pandemie ausbricht) auch viel auf Reisen und kann dann nicht immer so durchdacht essen. Wenn man die eigene vegane Ernährung um ein gut zusammengestelltes Multi-Nährstoff-Präparat ergänzt, das die wichtigsten potenziell kritischen Nährstoffe in guter Dosierung liefert, muss man sich allerdings schon mal deutlich weniger Gedanken um die Ausgewogenheit der veganen Ernährung machen.

Sie sprechen sich also für die Einnahme eines Nährstoffpräparats aus?

Ich empfehle das vor allem veganen Neueinsteigern, aber auch allen anderen vegan lebenden Menschen, die freier in ihrer Lebensmittelauswahl sein möchten. In der Theorie kann man alle für uns überlebensnotwendigen Nährstoffe auch ohne den Verzehr tierischer Lebensmittel bekommen, aber da die Lebensmittelindustrie bis dato noch zu wenig Rücksicht auf die Nährstoffbedürfnisse vegan lebender Menschen nimmt und somit viele Lebensmittel noch nicht nährstoffoptimiert produziert werden, ist ein Multinährstoff eine sehr gute Überbrückung, bis das vegane Lebensmittelangebot hierzulande noch besser wird.

Sollte ich als Veganerin meinem dreijährigen Sohn tierische Produkte verbieten oder ihm meine Einstellung mitgeben und warten, bis er selbst soweit ist?

Einige Kinder verstehen schon in frühen Jahren auf emotionaler Ebene, was es für ein Lebewesen bedeutet, getötet zu werden, und andere erst später. Wenn ich selbst Kinder hätte, würde es zu Hause nur vegane Lebensmittel geben und ich würde versuchen, eine vegane Kita zu finden.

Und was ist mit Kindergeburtstagen, Klassenfahrten etc.?

Was das Kind bei solchen Anlässen im weiteren Verlauf der Kindheit isst, würde ich nur soweit beeinflussen wollen, soweit es nicht zulasten der Sozialverträglichkeit geht. Wenn es dann erstmals in die Schule kommt, ist es frei, außerhalb des eigenen Zuhauses zu essen, was es möchte. Aber ich halte es für sinnvoll und konsequent, zu Hause diese ethischen Werte vorzuleben, solange man sicherstellen kann, dass die Nährstoffbedarfsdeckung des Kindes gewährleistet wird.

"Ich kenne wenige Kinder aus veganen Haushalten, die mit den ethischen Werten ihrer Eltern aufwachsen und dann im Jugendalter noch Fleisch essen."

Interessant wäre, wie sich das Vorleben der Eltern auf später auswirkt…

Ich kenne wenige Kinder aus veganen Haushalten, die mit den ethischen Werten ihrer Eltern aufwachsen und dann im Jugendalter noch Fleisch usw. essen.

Wie stehen Sie zu diesem Thema bei Erwachsenen? Sollte ich andere aktiv überzeugen oder muss jeder selbst an den Punkt kommen, sich bewusst gegen tierische Produkte zu entscheiden?

Ich denke, dass es sinnvoll ist, zu informieren, anstatt zu missionieren. Ein positives Vorbild zu sein und respektvoll und freundlich zu argumentieren, ist hier von großer Bedeutung, da unsere Ernährung ein sehr sensibles und emotionales Thema ist.

Heißt, ich muss mich automatisch auf Kritik einstellen…

Dass es trotz aller Freundlichkeit zu Widerstand und Unverständnis auf Seiten der nicht-veganen Umwelt kommt, liegt dabei in der Natur der Sache. Wenn Menschen in der Vergangenheit aber auch bei allen bisherigen sozialen Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft still geblieben wären, dann hätten viele wichtige soziale Reformen vermutlich nicht in dieser Weise stattgefunden. Daher halte ich es für sehr wichtig, mit Menschen auch bezüglich der Mensch-Tier-Beziehung im Austausch zu bleiben.

Haben Sie eigentlich noch nicht-vegane enge Freunde?

Tatsächlich habe ich selbst mittlerweile kaum noch enge nicht-vegane Freunde. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich diese Freundschaften per se ablehne, sondern liegt schlichtweg daran, dass jene Menschen, die mir nahestehen, insgesamt sehr reflektierte Personen sind. Entweder lebten sie schon vegan, als ich sie kennengelernt habe oder sie waren dem Thema zumindest aufgeschlossen und haben im Laufe der Zeit ihre Ernährung umgestellt. Menschen, mit denen ich mich auf emotionaler Ebene eng verbunden fühle, sind Personen, die auch in Bezug auf ihre Ernährungsweise mitfühlende Entscheidungen treffen und ihre kulinarischen Begehren nicht blind ausleben.

"Tatsächlich habe ich selbst mittlerweile kaum noch enge nicht-vegane Freunde."

Wie konsequent vegan sind Sie außerhalb der Ernährung? Kleidung, Einrichtung usw. Würden Sie zum Beispiel ein Getränk ablehnen, weil der Etikettenkleber auf der Flasche aus Kasein besteht?

Ich halte mich an die Definition der Vegan Society, die sagt, dass eine vegane Lebensweise versucht, so weit wie möglich und im Alltag umsetzbar, Grausamkeit und Ausbeutung gegenüber Tieren zu reduzieren. Bei Kleidung, Möbel, Pflegeprodukten, Putzmittel etc. achte ich darauf und empfinde das auch nicht als besonders schwierig.

Wie sieht es in anderen Lebensbereichen aus?

Bei Elektronikgeräten ist es quasi nicht möglich zu bestimmen, ob nicht gewisse tierische Materialien verwendet wurden. Auch bei Klebern bei Büchern, Etiketten etc. ist das schwer und hier bin ich entspannter, weil das letztendlich nicht die Produkte sind, die für die Tierausbeutung verantwortlich sind, sondern nur Nebenprodukte, die bei sinkendem Verzehr tierischer Produkte auch schrittweise von selbst ersetzt werden.

Gerade ist Urlaubssaison. Wie verpflegen Sie sich auf Reisen?

Bei Europareisen hatte ich bisher keine Probleme, mich vegan zu verpflegen – und außerhalb Europas bin ich kaum. Zudem gibt es ja immer noch zahlreiche Restaurants und Cafés mit veganem Angebot. Sowohl Bioläden als auch Supermärkte und Discounter haben ein so vielfältiges veganes Sortiment, dass ich immer ausreichend finde. Gerade auf längeren Reisen bin ich aber auch froh, wenn ich zur Sicherstellung meiner Bedarfsdeckung etwas veganes Proteinpulver und einen Multinährstoffkomplex habe, weil ich abseits dieser beiden Ergänzungen dann deutlich freier in meiner veganen Lebensmittelauswahl bin.

Die WHO geht davon aus, dass es sich bei Sars-Cov-2 um ein zoonotisches Virus handelt – wie auch bereits bei vielen anderen Krankheitserregern, die von Tieren abstammen. Könnte sich ein veganes Leben positiv auf die zukünftige "Weltgesundheit" auswirken?

Die Pandemie ist ebenfalls ein hochsensibles Thema und daher bin ich vorsichtig mit absoluten Aussagen. Es ist aber aus meiner Sicht nicht von der Hand zu weisen, dass das Risiko für derartige Pandemien in einer veganen Welt um ein Vielfaches geringer wäre. Seit Beginn der Landwirtschaft im Rahmen der Neolithischen Revolution vor 12.000 bis 14.000 Jahren leidet die Gesundheit der Bevölkerung unter dem engeren Nutztierkontakt und daher ist es auch abseits der Tierethik wichtig, aus weltgesundheitlichen und ökologischen Gründen, eine Abkehr der aktuell vorherrschenden Tierhaltung zu forcieren.

Gibt es dazu konkrete Zahlen?

Etwa 60 bis 75 Prozent aller humanpathogenen Erreger stammen aus der Nutztierhaltung und durch einen Umstieg auf eine vegane Ernährungsweise bzw. den Konsum zellbasierter tierischer Produkte anstelle herkömmlicher würde das Zoonosenrisiko auf mehreren Ebenen reduziert werden. Neben dem Verzicht auf die herkömmliche Tierhaltung wären auch die Risiken, die vom Verzehr von Wildtieren ausgehen, in diesem fiktiven Szenario verschwunden und auch weitere Problemfelder wie die Entstehung von antibiotikaresistenten Keimen würden davon positiv beeinflusst werden.

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