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Des Feldes verwiesen: Schiedsrichter Sven Jablonski (r.) zeigte BVB-Abwehrspieler Mats Hummels im Spiel gegen Hertha BSC die Gelb-Rote Karte. bild: imago images/matthias koch

Analyse

BVB-Sieg gegen Hertha machte deutlich: Hummels ist gerade das größere Problem als Favre

Der Abpfiff im Berliner Olympiastadion war für die Gäste aus Dortmund eine Erlösung. Vor allem für Mats Hummels. Der Ex-Nationalverteidiger schlich nach Ende der 90 Minuten plus Nachspielzeit mit leicht gesenktem Haupt, das er in der Kapuze seiner Trainingsjacke versteckte, auf den Rasen, den er in der 45. Spielminute hatte verlassen müssen. Beide Hände hatte er zu Siegerfäusten geballt: Gerade nochmal gutgegangen.

Hummels' Teamkollegen trotzten nämlich während der kompletten zweiten Halbzeit der Gelb-Roten Karte, die er zuvor kassiert hatte. Sie spielten in Unterzahl, verteidigten zu zehnt die wertvolle 2:1-Führung gegen Hertha BSC. So konnte der BVB endlich mal wieder ein Erfolgserlebnis feiern. Die Wiedergutmachung für die 0:4-Pleite in München am 9. November ist im dritten Anlauf gelungen. Zuvor scheiterte die Elf von Lucien Favre in Barcelona (1:3) und fast am SC Paderborn (3:3).

Gegen Hertha ist Borussia Dortmund mit einem fetten blauen Auge davon gekommen. "Wir wussten, dass wir in der zweiten Halbzeit leiden mussten", befand BVB-Kapitän Marco Reus nach dem Spiel, aber: "Hauptsache, du hast mal wieder drei Punkte geholt".

Drei immens wichtige Punkte, die Favres Trainerjob vorerst gerettet haben und die Spitzengruppe der Bundesliga wieder etwas aufweichen, da Bayern zu Hause gegen Leverkusen verlor (1:2).

Aus der Not eine Tugend gemacht: Favre überrascht mit cleverer Aufstellung

Es geht also doch noch unter Favre. Die Tabellenspitze ist für Dortmund auf einmal wieder in Sicht. Die Mannschaft zeigte beim Zittersieg in der Hauptstadt Moral. Und was sich außerdem offenbarte: Der BVB hat aktuell ein viel größeres Hummels-Problem, als dass er ein Favre-Problem hat.

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Lucien Favre (l.) umarmt Julian Brandt nach dem Abpfiff. Der Nationalspieler brillierte auf ungewohnter Position. bild: imago images/Moritz Müller

Der Schweizer bewies nämlich einmal mehr, dass er ein ausgefuchster Taktiker ist. Er überraschte gegen Jürgen Klinsmanns Herthaner mit einem 3-4-3-System. In diesem machte er aus der Not des Ausfalls von Julian Weigl, der im 4-2-3-1 zuletzt als Innenverteidiger oder im defensiven Mittelfeld spielte, gleich zwei Tugenden:

Bodyguards für Hummels, Brandt kann aus der Tiefe seine Stärken ausspielen

  1. Vor Torwart Roman Bürki stellte Favre dem zentralen Defensivmann Mats Hummels zwei Nebenmänner zur Seite, die sich perfekt ergänzten: den filigranen Manuel Akanji und den wuchtigen Dan-Axel Zagadou. Mit diesen zwei "Bodyguards" konnte der zuletzt fehleranfällige Hummels, der auch Geschwindigkeitsdefizite offenbarte, zu Beginn seine Stärken ausspielen. Hummels machte zwar bis zu seinem Platzverweis keine herausragende Partie. Er bewies aber gutes Auge, konnte eröffnende Pässe spielen und sich auf die Organisation der Abwehr konzentrieren.
  2. Zweite Tugend: Durch den Weigl-Ausfall musste im zentralen Mittelfeld auch die Position neben Axel Witsel neu besetzt werden. Dort stellte Favre etwas überraschend Julian Brandt auf, der in den vergangenen Partien häufig als Stürmer spielen musste, was ihm eigentlich nicht liegt. Im zentralen Mittelfeld jedoch, irgendwo zwischen Sechs und Acht, blühte Brandt auf. Er konnte sein Spielverständnis, seine Übersicht, Technik und Passstärke ausspielen. Das zeigte sich vor allem bei seiner feinen Vorlage zum 1:0 durch Jadon Sancho in der 15. Minute.

Brandt gab nach Abpfiff im Interview mit "Spox" sogar zu, dass ihm die Position sehr gefällt, auf die ihn der Trainer beorderte: "Er war ja quasi gezwungen, weil Julian Weigl ausgefallen ist. Ich habe ja schon oft gesagt, dass ich es sehr gerne mag, wenn ich viele Spieler um mich herum habe. Das hat gut funktioniert."

"Neues System, gute Abläufe" – dann folgt Hummels' Platzverweis

Generell funktionierte das tugendhafte Not-System von Favre gut: Auch die neu formierte Offensivreihe Sancho-Reus-Hazard harmonierte. Das befand auch Reus nach Spielende am Sky-Mikrofon: "Neues System, gute Abläufe". Bereits in der 17. Spielminute lag der BVB mit 2:0 vorn, nachdem auch Thorgan Hazard traf – so früh führte Dortmund unter Favre noch nie mit zwei Toren. Es lief richtig gut an für die Borussen.

Doch dann kam Hummels, der sich zweimal höchst ungeschickt gegen Herthas Angreifer Davie Selke anstellte. 20. Minute: Schlechtes Stellungsspiel, Hummels ringt Selke um. Gelb. 45. Minute: Selke dribbelt auf Hummels zu, der lässt das Bein stehen. Selke fällt. Gelb-Rot. Schiedsrichter Sven Jablonski muss Hummels vom Platz schicken.

Klare Angelegenheit.

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Mats Hummels (r.) stellt Davie Selke ein Bein. bild: imago images/matthias koch

Am Hertha-Spiel ließ sich ablesen: Hummels ist aktuell das größere BVB-Problem als der viel kritisierte und von vielen Fans ungeliebte Favre.

Hummels reißt ein Loch in Favres Taktik: "Das muss er antizipieren"

Hummels riss mit seinem Doppelaussetzer binnen 25 Minuten ein riesiges Loch in die clevere Taktik seines Trainers, der in der Folge auf 4-4-1 umstellte. Lucien Favre reagierte etwas angesäuert auf den Bärendienst seines Abwehrspielers. Angesprochen auf das erste Hummels-Foul an Selke sagte der Schweizer bei Sky: "Das muss er antizipieren." Doch Favre zeigte sich dann kulant: "Kann passieren. Wir haben das heute zusammen geschafft. Und fertig."

Aber was ist nur los mit dem Innenverteidiger, der im Sommer aus München nach Dortmund zurückkehrte? Der Weltmeister von 2014 sollte mit seiner Führungsqualität und Erfahrung für Stabilität in der jungen BVB-Mannschaft sorgen, eine Leitfigur sein, an deren Leistungen sich die Sanchos und Hakimis orientieren können.

Hummels spielt nicht schlecht, aber er ist nicht der erhoffte Fixpunkt

Es ist nicht so, dass Hummels abgrundtief schlecht spielt. Das Fachmagazin "Kicker" listet ihn der bisherigen Saison mit einem Notendurchschnitt von 2,86 auf Platz 13 der besten Bundesligaspieler. Damit ist er gleichzeitig der beste Abwehrspieler in diesem Ranking.

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Hummels blickt verlegen auf Lionel Messi, den Torschützen von Barcelonas zweitem Tor gegen Dortmund. Zuvor spielte Hummels den Ball in die Füße von Frenkie de Jong. bild: imago images/kirchner/neundorf

Doch Hummels schafft es trotzdem nicht, herauszustechen. Er ist nicht der erhoffte Fixpunkt beim BVB. Beim 0:4 in München war er zwar noch einer der besseren Dortmunder, agierte aber dennoch unglücklich, markierte den vierten Gegentreffer per Eigentor. In den vergangenen Partien erlaubte er sich dann folgenreiche Schnitzer. Erst der Fehlpass gegen den FC Barcelona in der Champions League, der zum vorentscheidenden 2:0 für die Katalanen führte. Jetzt die zwei vermeidbaren, uncleveren Fouls gegen Hertha BSC. Mit etwas Pech hätte Hummels einen weiteren aus der Hand gegebenen Sieg verantworten müssen.

Favre kann den Hals aus der Schlinge namens Trainerdiskussion ziehen

Jeder macht mal Fehler. Aber die Qualität jener Schnitzer kann sich ein Mats Hummel eigentlich nicht erlauben. Er weiß das auch selbst: Nach dem Barca-Spiel entschuldigte er sich, dass ihm solch ein Fehlpass nicht passieren dürfe. Auch Borussia Dortmund kann sich nicht erlauben, dass ein 30-Millionen-Euro-Transfer in entscheidenden Spielen derart leichtfertig in entscheidende Situationen geht. Zur Erinnerung: Mats Hummels ist 30 Jahre alt, er ist Weltmeister, sechsmaliger Deutscher Meister und hat 312 Bundesligaspiele auf der Vita.

Wie auch immer. Favre konnte indes die Diskussionen um seinen Job, der in den 45 Minuten ohne Hummels wieder mal am seidenen Faden hing, erstmal abschütteln. Gerade noch mal gutgegangen.

Mats Hummels muss sich jetzt etwas gedulden, bis er sein 313. Bundesligaspiel machen darf. Gegen Fortuna Düsseldorf darf er am Samstag aufgrund seiner Sperre nicht mitwirken. Vielleicht tut ihm eine kleine Pause sogar ganz gut. Und vielleicht ballt er ja auch gegen die Fortuna am Ende die Siegerfäuste.

(as)

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