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Urs Meier nahm an zwei Weltmeisterschaften als Schiedsrichter teil und kennt die Eigenheiten eines solchen Turniers.Bild: imago sportfotodienst / imago images
Analyse

WM 2022: Schiri-Legende Urs Meier erklärt Schwierigkeiten für Referees bei einer WM

19.11.2022, 12:54

Die Weltmeisterschaft ist nicht nur ein Aufeinandertreffen der besten Spieler weltweit. Auch für Schiedsrichter:innen ist es eine besondere Auszeichnung, zum wichtigsten Fußball-Turnier berufen zu werden. Insgesamt 36 wurden vom Weltverband Fifa in diesem Jahr nach Katar geschickt. Für Deutschland wird Daniel Siebert im Emirat pfeifen.

Das Besondere für die Referees: Bei einer Weltmeisterschaft treffen sie auf Spieler vom gesamten Planeten, die sie folglich noch nicht aus ihren eigenen Ligen oder den internationalen Klub-Wettbewerben kennen. Auch für die Schiedsrichter:innen bringt daher eine WM ganz neue Herausforderungen mit sich.

Urs Meier war selbst zwischen 1994 und 2004 Fifa-Schiedsrichter.
Urs Meier war selbst zwischen 1994 und 2004 Fifa-Schiedsrichter.Bild: dpa / Soeren Stache

Urs Meier ist ein ehemaliger Fifa-Schiedsrichter, der sich mit diesen Herausforderungen gut auskennt. Der 63-jährige Schweizer pfiff bei den Weltmeisterschaften 1998 und 2002 und bei den Europameisterschaften 2000 und 2004. In Deutschland ist er bekannt, weil er von 2005 bis 2018 als ZDF-Experte arbeitete.

Gegenüber watson erzählt Meier von seinen eigenen Erfahrungen und räumt ein: "Europäische Schiedsrichter kennen natürlich die europäischen Mannschaften, teilweise auch einzelne Spieler aus Afrika, Asien oder Südamerika. Aber du kennst nicht die Mentalität einer gesamten Mannschaft." Ihm gehe es besonders um das Spieler-Verhalten nach Schiedsrichter-Entscheidungen.

"Erst da habe ich die Emotionen richtig kennengelernt. Als Europäer war das ein richtiger Kulturschock, weil es viel hitziger war."
Urs Meier über seine Erfahrung bei einem Spiel zwischen Argentinien und Brasilien

Die können in anderen Ländern und Kulturen anders ausfallen, als es ein europäischer Schiedsrichter gewohnt ist. Um das zu verdeutlichen, nennt Meier ein Beispiel aus seiner aktiven Karriere: "Als ich 2002 das Halbfinale zwischen Deutschland und Südkorea gepfiffen habe, war ich irritiert. Die gesamte südkoreanische Mannschaft hat nicht reklamiert. Sie haben jede Entscheidung hingenommen. Das hat mich durcheinandergebracht."

Damit WM-Schiedsrichter:innen aus allen Kontinenten auch ein Gespür für Teams aus anderen Regionen der Welt bekommen, schlägt Meier ein Austauschprogramm für Referees vor. "2001 durfte ich einmal Argentinien gegen Brasilien in Buenos Aires leiten. Erst da habe ich die Emotionen richtig kennengelernt. Als Europäer war das ein richtiger Kulturschock, weil es viel hitziger war."

Champions-League-Erfahrung für Schiedsrichter wichtig

Über solche Einsätze auf anderen Kontinenten könnten einerseits die jeweiligen Verhaltensarten der Spieler auf dem Feld kennengelernt werden. Andererseits könnten Schiedsrichter:innen dadurch auch in Europa Erfahrung auf Weltklasse-Niveau sammeln.

"Spiele bei einer Weltmeisterschaft, in der Champions League oder einer europäischen Top-Liga zu pfeifen, ist wie in der Formel 1 zu fahren. Aber Ligaspiele in Asien, Australien oder Nordamerika zu pfeifen, ist vergleichbar mit der Formel 2 oder der Formel 3" – daher seien regelmäßige Austauschmöglichkeiten wichtig, betont Meier.

Vor allem, weil bei der Weltmeisterschaft neben den elf europäischen Schiedsrichter:innen auch welche aus Asien (5), Mittel- und Nordamerika (5), Australien (2), Südamerika (6) und Afrika (6) pfeifen werden, sieht Meier nur Vorteile von regelmäßigen Einsätzen auf anderen Kontinenten.

Allerdings müsse dafür weltweit eine wichtige Bedingung erfüllt werden, die Meier fordert: "Alle WM-Schiedsrichter müssten eigentlich professionell sein und sich nur auf den Schiri-Job konzentrieren. Dann könnten auch öfter solche Austauschprogramme durchgeführt werden."

"Bei solchen Halbfinal-Spielen habe ich die Latte für eine Gelbe Karte deshalb immer sehr weit oben angesetzt, aber für alle Spieler."
Urs Meier über den Umgang mit verwarnten Spielern for wichtigen Partien

Meier spielt darauf an, dass eine Vielzahl an Referees neben der Schiedsrichterei auch einem alltäglichen Job nachgehen. Das kann sein, weil die Schiedsrichter:innen in manchen Ländern nebenbei noch Geld verdienen müssen, um ihren Alltag zu finanzieren, oder weil die Schiedsrichter:innen nach ihrer Karriere noch auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sein werden.

Er sieht es allerdings positiv, dass die Fifa regelmäßig gemeinsame Treffen und Lehrgänge der WM-Schiedsrichter ausrichten würde. "Dadurch findet schon ein Austausch statt und die Schiedsrichter müssen sich viele Videos anschauen und online Tests durchführen", ordnet Meier ein.

Ob diese Tests fruchten, wird sich ab dem Eröffnungsspiel am Sonntag (17 Uhr) zwischen Katar und Ecuador zeigen. Der Schweizer erachtet die Schiedsrichter-Leistung im ersten WM-Spiel als enorm wichtig. Dadurch würde "der Maßstab für das restliche Turnier festgelegt".

Leiten wird die Partie der Italiener Daniele Orsato. Der 46-Jährige ist seit 2010 Fifa-Schiedsrichter und leitete unter anderem 2020 das Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain.

Neben seinen Experten-Einsätzen für das ZDF ist Meier in Deutschland auch dafür bekannt, dass er dem gelb vorbelasteten Michael Ballack im Halbfinale 2002 gegen Südkorea (1:0) die zweite Gelbe Karte in der K.o.-Runde zeigte. Ballack fehlte deshalb im Finale gegen Brasilien (0:2).

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Urs Meier (r.) bestraft Michael Ballack (Nummer 13) mit der Gelben Karte, die den DFB-Star fürs Finale sperrte.Bild: imago sportfotodienst / imago/Laci Perenyi

Gegenüber watson erklärt Meier, dass es zur Vorbereitung eines guten Schiedsrichters gehöre, zu wissen, welche Spieler für eine Gelbsperre gefährdet seien. "Einen Unparteiischen darf es aber nicht interessieren. Bei solchen Halbfinal-Spielen habe ich die Latte für eine Gelbe Karte deshalb immer sehr weit oben angesetzt, aber für alle Spieler. Wenn dann ein Akteur trotzdem noch zu hart gefoult hat, gibt es kein Erbarmen." So wie bei Ballack.

Immer wieder wird Meier auf diese Szene angesprochen. Auch mit etlichen Jahren Abstand würde er die Situation exakt so bewerten. Gegenüber der "Berliner Zeitung" sagte er 2020: "So was macht man nicht gerne. Aber als Schiedsrichter musste ich es tun, es war eine Szene, in der Ballack eine klare Torchance der Südkoreaner verhindert hat."

Für viele Schiedsrichter gibt es während internationaler Turniere eine weitere Besonderheit. Sie sind Fans ihrer Nationalmannschaft, wollen, dass sie so weit wie möglich kommt. Gleichzeitig würde ein gutes Abschneiden ihres Heimatlandes auch weitere eigene Einsätze verhindern.

"In der Regel könnte Daniel Siebert ein Achtel- und ein Viertelfinale pfeifen, selbst wenn Deutschland noch dabei ist. Er würde dann bloß auf der anderen Seite des Turnierbaums eingesetzt werden. Erst ab dem Halbfinale ist es ein Ausschlusskriterium", erklärt Meier.

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