Florian Kohfeldt (Foto) ist eigentlich ein Trainer, der gut "aufwerdern" kann. Trotzdem läuft's momentan nicht. Das Wort "Aufwerdern" hat Werder-Fan Jan Siegert erfunden.
Florian Kohfeldt (Foto) ist eigentlich ein Trainer, der gut "aufwerdern" kann. Trotzdem läuft's momentan nicht. Das Wort "Aufwerdern" hat Werder-Fan Jan Siegert erfunden.
Bild: imago images/Jan Huebner/herkert/screenshot twitter/watson montage
Interview

"Aufwerdern" – Werder-Fan erfindet Wort, das Mut im Abstiegskampf machen soll

18.02.2020, 16:48

Der Fußball-Duden hat ein neues Wort. Ein neues Werder-Wort, um genau zu sein: Aufwerdern. Erfunden hat es Jan Siegert, verbreitet hat er den Neologismus erstmals auf Twitter unter dem Hashtag #aufwerdern, im Stile eines Wörterbucheintrags: "Unregelmäßiges Verb". Bedeutung unter anderem: "sich [oder anderen] lautstark Mut zusprechen". Beispielsatz: "Das Publikum hat das Team [mit Applaus für jede gute Szene] aufgewerdert."

Jan ist 41, Nachrichtenredakteur bei einem Radiosender und seit 1984 Fan von Werder Bremen. "Aufwerdern" sei als Impuls gemeint, aus der Lethargie herauszukommen, sagt er im Gespräch mit watson.

Damit meint er die aktuelle Misslage seines Herzensvereins. Der Bremer Bundesligist werdert sich nämlich gerade eher ab, um im Jargon zu bleiben: Nach 22 Spieltagen stehen die Grün-Weißen auf Tabellenplatz 17, haben insgesamt erst vier Siege. Von den vergangenen neun Ligaspielen haben sie acht verloren, Werder kassiert die meisten Gegentore. Platz 15, das rettende Ufer, ist fünf Punkte entfernt. Die Abstiegsangst ist akut, viel größer noch als in den vergangenen Jahren.

Doch viele Werder-Fans wollen der Situation trotzen, positiv bleiben. So auch Jan und all jene, die sich mit "Aufwerdern" identifizieren können und das Wort prompt in ihren Wortschatz übernommen haben: Innerhalb weniger Stunden bekam er viel Resonanz auf seinen Twitter-Beitrag. Viele Werderaner teilten den "Wörterbucheintrag" und appellierten an den Glauben, an das Wunder von der Weser und daran, nicht zu resignieren. Offensichtlich hat Jan mit "Aufwerdern" einen Nerv getroffen.

Im Interview mit watson erklärt er, wie er auf das neue Wort gekommen ist, wie Werder sich doch noch aufwerdern kann, um dem Abstieg von der Schippe zu springen – und warum Florian Kohfeldt nach wie vor der richtige Trainer dafür ist.

watson: Hast du damit gerechnet, dass deine Wortneuschöpfung bei den Werder-Fans solch große Wellen schlägt?

Jan Siegert: Für einen kleinen Twitter-Account wie meinen ist es doch eher ungewöhnlich, in so einem kurzen Zeitraum so viele Benachrichtigungen zu bekommen. Ich stehe dem ganzen noch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Aber, hey, es ist für eine Herzenssache...

Wie und wann kam dir die Idee zu "Aufwerdern"?

Es war so, dass ich am Sonntag nach einer langen Reise auf dem Sofa saß. Mir ist die ganze Situation von Werder nochmal durch den Kopf gegangen. Als großer Fan muss ich nun mal einfach, gerade in solchen Zeiten, viel an den Klub denken. Ich habe mir ehrlich gesagt auch keinen großen Plan gemacht, wie man da jetzt mit "Aufwerdern" was Großes starten könnte.

"Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass die Fans und das Stadion nicht mehr uneingeschränkt hinter dem Klub stehen"

Sondern?

Ich habe mir einfach gedacht: Welche Begriffe gibt es eigentlich, die diese schwierige Situation von Werder Bremen und diese Art und Weise, sich aus einem Loch herausziehen zu müssen, gut beschreiben. Mir sind dann nur Wörter oder Phrasen eingefallen, die total abgedroschen klingen. Beim Herumspinnen bin ich dann über die Begriffe "Aufbäumen" und "Aufstehen" bei "Aufwerdern" angelangt. Dann habe ich es auf Twitter gepostet, weil ich es lustig fand. Mehr steckte eigentlich nicht dahinter. Dass das Ganze dann aber doch bei einem relativ großen Kreis von Werder-Fans Anklang findet, das freut mich zum einen. Zum anderen zeigt es auch, dass da ein Bedürfnis da ist, sich an irgendetwas festhalten zu können.

Hast du einen Nerv getroffen?

Den Eindruck habe ich schon. Zumindest bei einem Teil der Werder-Fans. Viele machen sich Sorgen um den Klub. Dieses Jahr ist es das erste Mal so, dass ich das Gefühl habe, dass die Fans und das Stadion nicht mehr uneingeschränkt hinter dem Klub stehen. Man hat das bei den vergangenen Heimspielen an den Reaktionen gemerkt, finde ich.

"Ich will mit dem Begriff 'Aufwerdern' die Miesmacherei und schlechte Laune bekämpfen"

Inwiefern?

Da ist viel Resignation dabei, das überträgt sich auch auf den Alltag und die Art und Weise, wie viele Fans jetzt auf Werder schauen. Viele haben auch nicht mehr viel Hoffnung im Abstiegskampf. Die Kritik an Trainer Florian Kohfeldt wird größer. Ich hatte das Gefühl, es braucht einen Impuls, um aus der Lethargie herauszukommen. Ich habe dabei nicht den Anspruch, dass alle mitziehen müssen. Ich will mit dem Begriff "Aufwerdern" die Miesmacherei und schlechte Laune bekämpfen. Die Einheit von Team und Fans hat in den vergangen Abstiegskämpfen immer dazu geführt, dass Selbstbewusstsein und Mut entstanden sind. Der Klub hat dann doch immer noch die Kurve gekriegt. Und jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass diese Einheit im Stadion bröckelt. Leute sitzen mit leerem Blick auf der Tribüne, gehen in der 75. Minute...

Niklas Moisander, Nuri Sahin, Stefanos Kapino und Milos Veljkovic (v.l.n.r.) applaudieren nach der 0:3-Pleite gegen Leipzig den Fans – und wissen dabei genau, dass es nichts zu feiern gibt.
Niklas Moisander, Nuri Sahin, Stefanos Kapino und Milos Veljkovic (v.l.n.r.) applaudieren nach der 0:3-Pleite gegen Leipzig den Fans – und wissen dabei genau, dass es nichts zu feiern gibt.
Bild: imago images/opokupix

... und dann kommt aber so ein Pokalspiel gegen Borussia Dortmund, das Werder 3:2 gewinnt.

Da war alles wie zu besten Zeiten, alle im Stadion stehen 90 Minuten, die Mannschaft spielt wie aus einem Guss. Pokal ist nicht mit Liga vergleichbar, aber da hat man halt gesehen, dass es geht. Das sagt ja auch Kohfeldt: Man sieht, dass es geht. Und das gleiche sollte, finde ich, auch für die Fans gelten.

"Kohfeldt ist ja nicht plötzlich eine Luftpumpe"

Apropos Florian Kohfeldt: Viele Fans haben ihre Tweets zu #aufwerdern auch mit dem Hashtag #teamkohfeldt versehen. Eigentlich ist Kohfeldt doch jemand, der sein Team gut "aufwerdern" kann. Warum klappt's trotzdem nicht in der Liga?

Die Mannschaft ist psychologisch in eine Abwärtsspirale geraten. Das passiert manchmal, dann klappen die einfachsten Dinge nicht mehr. Ich glaube aber nach wie vor: Florian Kohfeldt, damals Jahrgangsbester in seinem Trainerlehrgang, hat in den vergangenen Jahren ja nicht alle getäuscht. Der ist ja jetzt nicht plötzlich eine Luftpumpe. Ich glaube, dass er immer noch einer der talentiertesten Trainer des Landes ist. Ich fände es fahrlässig, wenn Werder den gehen lässt.

Warum?

So einen musst du halten, den haben in seiner Hype-Phase im vergangenen Jahr die Topklubs umgarnt. Und der Mann handelt antizyklisch, blockiert alle Anfragen und verlängert bei Werder. Das ist ein Pfund, mit dem Werder Bremen in der Vergangenheit gewuchert hat und mit dem Werder auch zukünftig wuchern muss.

"Der fehlende unabdingbare Support sorgt, glaube ich, auch für Unsicherheit beim Team"

Glaubst du denn, dass der #Aufwerdern-Spirit es aus dem Internet in die Fankurve, in die Köpfe der Fans und sogar der Spieler schafft?

Darüber habe ich mir ehrlicherweise noch keine Gedanken gemacht... Ich glaube sogar, dass es vielleicht ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt war. Es ist noch lang zu gehen. So eine Euphorie, – in Anführungszeichen – wie sie nun zu entstehen scheint, wird man nur schwer über die kommenden zwölf Wochen halten können, glaube ich. Aber, gemessen am Stand der Dinge, ist es vielleicht eine Art Initialzündung. Und die braucht es, um den Spielern wieder mehr Selbstvertrauen zu geben. Das haben wir auch im Fast-Abstiegsjahr 2016 gut geschafft: Da haben wir Fans wie eine Bank hinter dem Team gestanden, und die Mannschaft hat entscheidende Spiele gewonnen, ohne großen Fußball gespielt zu haben. Aber mit dem Wissen, dass sie sich in Bremen auf ein Stadion verlassen können, das 90 Minuten lang Dampf macht. Und das ist gerade eine Sache, die mir fehlt: Der fehlende unabdingbare Support sorgt, glaube ich, auch für Unsicherheit beim Team.

(as)

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