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Joshua Kimmich wurde im letzten Gruppenspiel der WM gegen Costa Rica von Bundestrainer Hansi Flick als Rechtsverteidiger aufgestellt.Bild: dpa / Christian Charisius
WM 2022

WM 2022: Nach DFB-Aus trotz Sieg gegen Costa Rica – wie die Außenverteidiger das Spiel beeinflussten

02.12.2022, 01:4302.12.2022, 12:38
Max Bergmann

Im letzten Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft konnte das Team von Costa Rica zwar besiegt werden, das Ausscheiden bei der WM 2022 wurde damit jedoch nicht abgewendet. Viele DFB-Spieler sprachen nach der Niederlage davon, dass das Aus mit dem Japan-Spiel (1:2) zu begründen sei.

Bundestrainer Hansi Flick sah im Costa Rica-Spiel jedoch auch die verpasste Möglichkeit, in der ersten Halbzeit das Spiel bereits deutlicher zu gestalten. Weshalb Deutschland sich damit jedoch schwertat, und was das DFB-Team aus dem Turnier mitnehmen kann – eine Analyse.

Max Bergmann arbeitet seit 2019 für den Halleschen FC, fing in der Jugendabteilung an und trainiert mittlerweile als Co-Trainer die Profis.
Max Bergmann steht seit Juli 2019 in Halle unter Vertrag, gehört zum Trainerteam der Profi-Mannschaft.Bild: IMAGO / Picture Point LE / IMAGO / Picture Point LE
Über den Autor
Max Bergmann ist der jüngste Trainer in der Geschichte der 3. Liga. Im April 2022 vertrat der mittlerweile 25-Jährige den damaligen Cheftrainer, André Meyer, vom Halleschen FC. Eigentlich gehört Bergmann zum Trainerteam des Drittligisten, fertigt dort auch die Video-Analysen. Während der Weltmeisterschaft analysiert er für watson die Spiele der deutschen Nationalmannschaft.

Bundestrainer Hansi Flick wechselte vor dem dritten Gruppenspiel erneut innerhalb der Viererkette. Leroy Sané wurde in die Startelf befördert und bespielte mit Joshua Kimmich, der als Rechtsverteidiger in die Abwehrkette rückte, gemeinsam die rechte Seite. Jamal Musiala nahm dafür eine zentralere Position im Mittelfeld als Achter ein. Das zentrale Mittelfeld komplettierten Leon Goretzka als weiterer Achter und İlkay Gündoğan auf der Sechser-Position.

Im Gegensatz zu Thilo Kehrer und Niklas Süle, die in den Gruppenspielen zuvor die Rechtsverteidigerposition bekleideten, sollte Kimmich eine zusätzliche Option im Angriffsspiel bieten. Warum dies in der ersten Halbzeit jedoch nur bedingt funktionierte, ist mit der mannschaftstaktischen Herangehensweise im Angriffsspiel zu begründen.

Deutschlands Angriffsstruktur mit Ball bestand aus den zwei aufbauenden Innenverteidigern mit Gündoğan als Sechser davor. Die Achter Musiala und Goretzka positionierten sich zwischen den beiden Ketten von Costa Rica. Auf der letzten Linie befanden sich die beiden Flügelspieler Serge Gnabry und Leroy Sané, sowie Müller zentral. Die beiden Außenverteidiger Kimmich und Raum sollten auf ihren Seiten das Flügelspiel im Angriff unterstützen.

"Auf eine starke Anfangsphase mit dem Führungstreffer und weiteren Chancen folgte eine Phase der Chancenarmut."

Auf eine starke Anfangsphase mit dem Führungstreffer und weiteren Chancen folgte eine Phase der Chancenarmut, in der die deutsche Mannschaft zwar Ballbesitz und Zugriff im Gegenpressing nach Ballverlust hatte, jedoch kaum zwingende Möglichkeiten herausspielte. Dies lag auch an der Spielweise des Gegners, der Deutschland mit einem tiefen Block vor Probleme stellte, im Verlauf der ersten Halbzeit immer weniger Raum zwischen den Linien und hinter der Abwehr bot.

Costa Rica verteidigte in einem 5-4-1-System, hielt die Abstände zwischen den beiden Ketten gering und formierte den Defensivblock in der Regel unweit vom eigenen Strafraum entfernt. So war Deutschland mit dem Problem konfrontiert, den tiefen Block des Gegners zu brechen, um sich Chancen für einen Sieg herauszuspielen. Gleichzeitig schienen die Deutschen auch sehr bedacht, genügend Personal für die Konterabsicherung in der Defensive zu haben.

Verhaltene Außenverteidiger verhindern Überspielen von Costa Rica

In der deutschen Angriffsstruktur aus dem 4-3-3-System heraus trafen die beiden hoch positionierten Achter, samt dem Angriffstrio auf die gegnerische Fünferkette. Eine Gleichzahlsituation gegen die Abwehr, wobei die Achter noch vor der Abwehr positioniert waren. Die Außenverteidiger sollten einerseits auf den Flügeln die Angriffe unterstützen, andererseits aber auch die offensiven Flügelspieler des Gegners bei möglichen Kontern verteidigen. Die zum Teil verhalten wirkenden Offensivläufe der Außenverteidiger raubten dem DFB-Team so manchen Moment, um Costa Rica zu überspielen.

Kimmich, generell gerne zentral orientiert, und selbst Raum, der für seine Flankenläufe bekannt ist, zog es immer wieder Richtung Halbspur. Selbst wenn sie die Breite besetzten, dann selten auf letzter Linie. Stattdessen in der Regel auf der Höhe ihrer direkten Gegenspieler, den offensiven Flügelspielern aus Costa Ricas 5-4-1. Dies ermöglichte zwar schnelle Rückwege nach einem Ballverlust, erschwerte aber auch ein Überspielen des gegnerischen Blocks. Auch hierdurch konnten Costa Ricas Außenverteidiger der Fünferkette immer wieder Deutschlands Flügelangreifer direkt verteidigen.

Das gab Costa Ricas Fünferkette die Möglichkeit immer einen freien Verteidiger aus der Kette auf den Ballempfänger vorverteidigen zu lassen. Einen gegnerischen Verteidiger vor ein Zuordnungsproblem zu stellen, dass dieser gebunden ist und nicht rausrücken kann, gelang den Deutschen dagegen nur selten.

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Serge Gnabry (r.) und David Raum bejubeln den gemeinsam herausgespielten Treffer zum 1:0.Bild: dpa / Robert Michael

So konnte Deutschland über die Flügel lediglich in Umschaltmomenten mal ein situatives Zuordnungsproblem für Costa Rica herstellen. Beim 1:0-Treffer konnte Raum nach Ballgewinn schneller umschalten als sein direkter Gegenspieler und mit Gnabry eine 2-gegen-1-Situation mit einer Flanke so ausspielen, dass ein Treffer daraus resultierte.

Bei eigenem Ballbesitz hingegen, sorgten wenig gegenläufige Bewegungen vor der Abwehr dafür, dass die Abwehrspieler Costa Ricas nur selten die Entscheidung zwischen Tiefenverteidigung und Vorverteidigung treffen mussten. Passspiel innerhalb dieser Struktur brachte Costa Rica aufgrund ihrer Herangehensweise ebenfalls nur wenig in Bewegung.

Überzahlmomente zu selten hergestellt

In die Breite mussten sie nicht weit verschieben, da sie in Gleichzahl die Flügel verteidigen konnten. Costa Rica kontrollierte beide Seiten mit Flügelspieler, Außenverteidiger und Halbverteidiger. Es entstanden demnach immer wieder Drei-gegen-Drei-Situationen am Flügel, mit dem deutschen Flügelspieler, Außenverteidiger und Achter. Die nominelle Möglichkeit dagegen, mit andribbelnden Innenverteidigern oder unter Einbezug des Sechsers Überzahlmomente im Zentrum oder den Halbspuren herzustellen, verpasste das DFB-Team jedoch.

Kein Wunder also, dass die größten Möglichkeiten unter anderem aus Halbfeldflanken resultierten. Ob Stürmer Müller oder Goretzka als Achter, beide nutzten tiefe Wege hinter die Abwehrkette von Costa Rica, um zu Chancen zu kommen. Und diese blieben auch Deutschlands größte Möglichkeiten in der ersten Halbzeit, das Ergebnis bereits höher zu gestalten, um mit gutem Torverhältnis Druck auf Spanien auszuüben. Eben jene Lösungen, nämlich tiefe Wege bespielt mit Chipbällen hinter die Abwehr, führten in der zweiten Halbzeit dann letzten Endes auch zu den verdienten Treffern zum 4:2-Sieg für Deutschland.

"Die Abwehrreihe, zumeist in klarer Überzahl, war dennoch in einzelnen Situationen überfordert, diese Bälle zu klären."

Im Spiel gegen den Ball zog sich die deutsche Abwehrkette in Erwartung langer Bälle von Costa Rica durchaus etwas früher zurück, als noch gegen Spanien. In Kombination damit, dass die Offensivspieler nicht immer das Schlagen kontrollierter langer Bälle verhindern konnten, war Costa Rica immer wieder in der Lage einen Großteil der deutschen Mannschaft zu überspielen. Die Abwehrreihe, zumeist in klarer Überzahl, war dennoch in einzelnen Situationen überfordert, diese Bälle zu klären, sodass Costa Rica bereits kurz vor der Halbzeitpause aus einer 1-gegen-2-Situation gegen Raum und Rüdiger fast den Ausgleich erzielte.

Und der Defensivverbund sollte weiterhin die Achillesferse des Teams bleiben. In der Konterverteidigung gelang es Flicks Elf zu häufig trotz Überzahl nicht, Abschlüsse zu verhindern. Beim 1:1-Ausgleichstreffer verloren mehrere deutsche Verteidiger ihre direkten Gegenspieler im Strafraum im Rücken. Gerade in der Abschlusszone, wo gilt "je näher zum Tor, desto näher am Mann". Und so ist es eben jenes Abwehrverhalten, welches Deutschland auch gegen Costa Rica in Rückstand brachte.

Eine offensivere Herangehensweise, auch bedingt durch den Spielstand, ermöglichte dem DFB-Team in der Schlussphase auch offensiv wieder mehr Chancen zu kreieren. Gerade die "Auflösung" einer der Außenverteidigerpositionen, welche im ersten Durchgang noch so verhalten interpretiert wurden, nämlich die Entscheidung, die linke Seite lediglich mit Sané zu bespielen, sorgte für mehr offensive Gefahr. Und so konnte das deutsche Team zumindest ihr letztes Gruppenspiel noch siegreich bestreiten.

Das WM-Aus des DFB-Teams in der Gruppenphase lässt sich selbstverständlich nicht auf das letzte Gruppenspiel reduzieren. Die wackelige Defensive mag auch aufgrund diverser unterschiedlicher Konstellationen in der Viererkette zusammenhängen, so stellte man in jedem Spiel eine andere Abwehrreihe auf das Feld.

Vor allem aber blieb Deutschland einem treu, dem Chancenwucher, der sich durch die komplette Gruppenphase zog. Als eines der Teams mit den meisten kreierten Chancen in der Gruppenphase der WM 2022 scheidet Deutschland damit aus. Für die kommenden Turniere gilt es demnach, eine Balance aus Kreativität und Effizienz zu finden, um die spielerischen Stärken des Teams in Zukunft noch besser in Ergebnisse umzumünzen.

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