Olivia Jones

Olivia Jones besitzt unzählige Perücken. Einige bewahrt sie sogar in ihrer Küche auf. Bild: www.kult-kieztouren.de

Interview

"Mein Lebenselixier" – Olivia Jones spricht Klartext über möglichen Abschied von ihrer Kunstfigur

Spätestens seit dem Dschungelcamp 2013 ist Olivia Jones wohl jedem ein Begriff. Die Dragqueen ist in allen möglichen TV-Shows ein gerngesehener Gast und auch auf St. Pauli in Hamburg kommt man kaum an ihr vorbei. Dort betreibt sie verschiedene Clubs und Bars und bietet Kieztouren an. Corona-bedingt ist der Betrieb natürlich aktuell stark eingeschränkt, aber Olivia Jones ist positiv gestimmt und hofft, dass es schon bald wieder losgehen kann.

Die Corona-Zeit nutzte die Dragqueen aber noch für ein ganz besonderes Projekt: Sie hat ihre Biographie "Ungeschminkt" geschrieben, die an diesem Mittwoch erscheint. Mit watson sprach Olivia Jones nun über ihren nicht immer leichten Weg zum Erfolg, ihre politischen Ambitionen und ihre ganz spezielle Beziehung zu Heidi Klum.

watson: In Ihrem Buch schreiben Sie ganz offen über verschiedene Kapitel ihres Lebens – Kindheit, Jugend, das Coming-out, der schwierige Weg zum Erfolg, politische Ambitionen. Worüber fiel es Ihnen am schwierigsten offen und vor allem öffentlich zu sprechen?

Olivia Jones: Über die ganzen Rückschläge und den ganzen Gegenwind, den ich nicht nur von meiner Familie, sondern auch von der Gesellschaft erfahren musste. Das ist natürlich schon schwer, sich da wieder mit auseinanderzusetzen. Aber es ist andererseits natürlich auch etwas, was mir und auch anderen Menschen Mut macht, denn ich wäre nicht zu dem geworden, was ich heute bin, wenn ich diese ganzen Rückschläge nicht erlebt hätte.

Olivia Jones

Schon in der Jungend liebte Olivia Jones den extrovertierten Look. Bild: privat

"Eigentlich war es aufgrund meiner Optik jedes Mal mutig, wenn ich nur auf die Straße gegangen bin."

Mut ist ohnehin etwas, das mit Ihnen immer in direktem Zusammenhang steht. Was war Ihre mutigste Aktion?

Eigentlich war es aufgrund meiner Optik jedes Mal mutig, wenn ich nur auf die Straße gegangen bin. Aber sicherlich war eine der mutigsten Aktionen, dass ich für den NDR beim NPD-Parteitag Interviews geführt habe – als BDM-Mädel verkleidet. Das erfordert schon eine ganze Menge Mut. Aber es hat auch genau das gebracht, was ich beabsichtigt habe. (lacht)

Und was haben hingegen denn andere Mutiges für Sie getan?

Ich bin den ganzen Mutigen und Aktivisten sehr dankbar, die die Rechte erkämpft haben, die wir heute haben. Toleranz und Vielfalt sind etwas, das immer wieder definiert und erkämpft werden muss in der Gesellschaft. Und ich bin den Menschen schon sehr dankbar, die sich sehr früh für Vielfalt und Toleranz eingesetzt haben.

Olivia Jones Biographie

"Ungeschminkt" von Olivia Jones erscheint am 21. April im Rowohlt Verlag. Bild: Rowohlt Verlag

Braucht die Gesellschaft generell mehr Mut? In welchen Bereichen besonders?

Ich glaube schon – und Verantwortungsbewusstsein. Ich finde, jeder, der in der Öffentlichkeit steht, hat auch eine gewisse Verantwortung, für seine Werte einzustehen und sich gesellschaftspolitisch einzubringen. Da ist ja mein großes Vorbild Udo Lindenberg, der sich schon seit vielen Jahrzehnten für die bunte Republik Deutschland einsetzt und dem kann ich mich nur anschließen.

"Ich bin niemand, der andere Menschen outen würde."

Mittlerweile sprechen ja immer mehr Menschen, auch Prominente, offen über ihr Coming-out. Auch im Fernsehen spielt das Thema mittlerweile immer mehr eine Rolle. Wer oder welche Gruppe von Person sollte in Ihren Augen da vielleicht nochmal einen Schritt vorausgehen? Vielleicht Fußballer oder Rapper? Gerade dort ist Homosexualität ja doch noch immer ein Tabuthema.

Ich freue mich schon mal sehr, dass die Gesellschaft da ein bisschen liberaler wird. Und ich finde natürlich auch, dass im Fußball viel mehr darüber gesprochen werden muss, was ja jetzt Gott sei Dank passiert. Aber auch in der katholischen Kirche, die immer noch sehr doppelmoralisch und steinzeitlich mit Homosexualität umgeht, muss sich etwas tun. Und wenn man Parteien wie die AfD sieht, dann muss sich in der Gesellschaft schon noch etwas ändern.

Nochmal zurück zu den Fußballern: Philipp Lahm meinte kürzlich, dass er das nicht empfehlen würde, sich zu outen. Ist das nicht eigentlich ein Schritt, der einfach mal Signalwirkung hätte, wenn es dann aber trotzdem mal jemand tun würde?

Ja, das hätte eine tolle Signalwirkung. Aber ich bin niemand, der andere Menschen outen würde. Es muss jeder für sich selber entscheiden. Ich kann nur eines sagen: Alle Menschen, die ich kenne, die sich geoutet haben, waren danach wesentlich glücklicher und haben gesagt, "gut, dass ich es gemacht habe". Denn zu sich selbst zu stehen und sich nicht zu verstecken, ist einfach die einzige Möglichkeit, glücklich zu werden. Man sollte seinem Herzen folgen.

"Es gab Zeiten, da war es vollkommen absurd überhaupt darüber nachzudenken oder über Homosexualität im Fußball überhaupt zu sprechen."

Ist das immer so einfach?

Heutzutage glaube ich nicht, dass es so ein großes Problem ist. In manchen Bereichen vielleicht noch. Denn natürlich gibt es immer noch Strukturen und Berufszweige, wo es nach wie vor schwierig ist, sich zu outen. Aber das ändert sich ja langsam aber sicher. Aber es gab Zeiten, da war es vollkommen absurd überhaupt darüber nachzudenken oder über Homosexualität im Fußball überhaupt zu sprechen. Das ist ja schon mal der Schritt in die richtige Richtung.

Sie berichten auch über ihre Erfahrungen mit Hass und Gewalt. Wie fortschrittlich ist die Gesellschaft, wenn es ums "Anderssein" geht, um die LGBTQ-Community etc.? In welchen Bereichen gibt es besonderen Nachholbedarf?

Es gibt schon noch Nachholbedarf, wenn man überlegt, dass es auch immer noch Gewalt gegen Homosexuelle in Großstädten wie Hamburg oder Berlin gibt. Auch die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen ist immer noch höher als bei heterosexuellen Jugendlichen. Ich merke ja auch, dass ich immer noch ziemlich viele Zuschriften bekomme von Schwulen oder Lesben, die wirklich Probleme in ihren Familien haben.

Bieten Sie in diesem Bereich auch Unterstützung?

Deswegen habe ich das Kinderbuch "Keine Angst in Andersrum" geschrieben und unser Projekt "Olivia macht Schule" gestartet, wo wir ganz früh über Diversität, Vielfalt und Toleranz sprechen und erklären, dass die Welt nicht unter geht, weil ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau liebt. Gerade bei Jugendlichen kann man damit nicht früh genug beginnen.

Auch Sie selbst hatten schon in Ihrer Schulzeit Probleme mit nicht vorhandener Toleranz. Sie trugen schon damals gerne Frauenkleider und Make-up. Die Reaktion der Lehrer darauf war ziemlich negativ. Wie sollten Lehrer aus Ihrer Sicht besser mit solch einer Situation umgehen?

Erst mal hab ich natürlich nicht verstanden, warum ich so viel Gegenwind, so viel Hass ernte, nur weil ich mich halt anders anziehe. Da hat sich noch nicht so viel geändert. Das Thema Homosexualität war auch in der Schule kein großes Thema, dementsprechend hatte ich da auch keine Vorbilder. Da fühlte ich mich schon sehr alleine. Das wiederum hat sich ja auch Gott sei Dank ein bisschen geändert durch die Medien und dadurch, dass wir auch schwule Politiker haben. Wichtig ist es für Lehrer, dass sie einfach alle unterstützen und viel, viel härter gegen Mobbing vorgehen und natürlich an ihrer eigenen Toleranz arbeiten – und daran, wie sie mit Schülern umgehen, die ausgegrenzt werden oder die vielleicht ein bisschen anders sind.

Olivia Jones

Olivia Jones, als er noch "nur" Oliver war, am ersten Schultag. Bild: privat

"Ich habe niemals verstanden, warum Menschen damit nicht klarkommen."

Was war besonders verletzend?

Besonders verletzend war für mich, dass es neben den Lehrern, die wirklich auf meiner Seite waren, die mich unterstützt haben, auch welche gab, die ganz offen gezeigt haben, dass sie mit dem Lebensweg, den ich gewählt habe, überhaupt nicht einverstanden sind. Sie haben mir wirklich ganz klar Ihre Abneigung gezeigt. Das war für einen jungen Menschen schon sehr schwierig damit umzugehen. Ich bin ja nur meinem Herzen gefolgt und habe das gemacht, was ich gerne machen wollte, mich ein bisschen anders angezogen und war anders drauf. Das war wirklich alles. Ich habe niemals verstanden, warum Menschen damit nicht klarkommen.

Waren Sie von der Reaktion Ihrer Familie damals enttäuscht?

Ich war sehr verletzt und sehr enttäuscht, dass meine Familie mir gegenüber ganz klar gezeigt hat, dass sie sich für mich schämt. Es fielen ja sogar Worte wie Abschaum. Aber inzwischen weiß ich, woher das kam. Auch das Schreiben meiner Biographie hat mir bei der Aufarbeitung noch einmal sehr geholfen. Denn meine Mutter ist ebenfalls angefeindet worden von Freundinnen oder von anderen Eltern. Ihr wurde damals gesagt: "Sag mal, was ist denn mit deinem Sohn los? Da stimmt doch was nicht. Das liegt wahrscheinlich an deiner Erziehung."

Das ist wirklich hart...

Meine Mutter wurde sehr unter Druck gesetzt. Hinzukommt, dass meine Familie gedacht hat, dass ich niemals von der Travestiekunst leben kann. Als ich gesagt habe, ich möchte Travestiekünstler werden, ist meiner Mutter alles aus dem Gesicht gefallen. Sie dachte, ich komme sicherlich auf die schiefe Bahn.

"Ich habe weiter versucht, gegen den Strom zu schwimmen – das mache ich immer noch."

Würden Sie sagen, dass quasi der berufliche Schritt in die Travestie-Szene für Ihre Familie auch schwerer zu akzeptieren war als die Homosexualität letztendlich?

Ja, das Witzige war, dass meine Familie wirklich gesagt hat: "Dass du schwul bist, ist überhaupt kein Problem. Aber dass du das so offen und extrovertiert zeigst, das ist eher das Problem." Weil ich so viel Ablehnung erfahren habe, habe ich schon früh versucht, aus meiner Extrovertiertheit auch etwas Positives, Liebe und Anerkennung zu ziehen. Schon früh habe ich diesen ganzen Shitstorm als Rückenwind genommen und immer gedacht, "jetzt erst recht". Ich habe weiter versucht, gegen den Strom zu schwimmen – das mache ich immer noch. Ich habe für mich gemerkt, dass es etwas Positives ist, anders zu sein. Graue Maus kann ja wohl jeder.

Sie schreiben auch, dass das Coming-out total unkompliziert verlief. Würden Sie sagen, dass der Schritt, sich die Homosexualität selbst einzugestehen, sogar schwieriger war?

Das glaube ich auf jeden Fall. Aber umso schöner war das Gefühl, als ich es endlich offen kommuniziert und mein Coming-out hatte. Da ist ein ganzer Steinbruch von meinem Herzen gefallen. Ich fühlte mich unwahrscheinlich frei und habe gemerkt, dass die meisten damit überhaupt kein Problem haben. Die meisten hatten es sich ohnehin schon gedacht. Mein Outing kam genauso überraschend wie das von Siegfried und Roy.

Auch im TV wird Themen wie Diversität und Homosexualität mittlerweile mehr Raum eingeräumt – beispielsweise durch Formate wie "Prince Charming" und "Queen of Drags". Sie suchten bereits lange vor Heidi Klum nach einer Dragqueen – nur im TV gab es dafür damals keinen Platz. Wieso muss erst eine Heidi kommen, bis so etwas dann doch umgesetzt wird?

Weil gerade auch in der Fernsehlandschaft oft der Mut fehlt. Heidi war die Erste, die wirklich so mutig war, bei "GNTM" eine ganze Folge den Dragqueens zu widmen und auch beim großen Topmodel-Finale einen großen Teil der Show mit Dragqueens gestaltet hat. Dann erst haben die Fernsehmacher gemerkt, wie höchst unterhaltsam das ist und es der Quote nicht schadet.

Eine späte Erkenntnis...

Ich fand's ein bisschen schade, dass es so lange gedauert hat, weil ich mit dem Konzept schon seit 15 Jahren unterwegs bin und im Hamburger Schmidts Tivoli damit auch sehr erfolgreich war. Sogar das ZDF hat damals berichtet. Ich bin Heidi dennoch sehr dankbar, denn sie hat in diesem Bereich Pionierarbeit geleistet. Ihr, ProSieben und der Produktionsfirma RedSeven haben wir das Format zu verdanken. Sie haben sehr dafür gekämpft.

Dennoch stellt sich ja die Frage: Wie authentisch fanden Sie Heidi in dieser Rolle, in dieser Show? War sie überhaupt die richtige Wahl?

Ich fand's etwas schade, dass es so kontrovers diskutiert wurde. Ich kenne Heidi schon sehr lange von zahlreichen Events und weiß, dass sie das Thema Drag liebt. Das sieht man auch an ihren Halloween-Partys und das wissen auch die amerikanischen Dragqueens, dass sie das super findet. Schrill, bunt und verkleiden, ist genau ihr Ding. Heidi ist wirklich einer der größten Dragqueen-Fans. Und das Thema Diversity ist bei ihr nicht aufgesetzt. Schon vor "Queen of Drags" hatte sie mir erzählt, dass sie mit ihren Kindern gern zum Christopher Street Day geht, da es die Kinder tolerant mache. Deswegen finde ich es wirklich schade, dass Heidi Klum damals so kritisiert worden ist.

"Heidi ist ja für jeden Spaß zu haben, das zeichnet sie wirklich aus."

Das ist ja mal ein ganz anderer Blick auf Heidi Klum und ihre Bestrebungen…

Es hatten sich ja auch zahlreiche Dragqueens negativ zu ihr und der Sendung geäußert, aber einige der lautesten waren diejenigen, die sich beworben hatten und in dem Format nicht genommen wurden. Das war schon etwas schräg. Letztlich hat es aber ja eins gezeigt: Die Sendung war lustig und es hat das Thema Drag auf ein ganz anderes Level gebracht.

In Ihrem Buch schreiben sie auch recht offen über ihre Gespräche mit Heidi. Weiß sie davon?

Ich glaube schon, aber ich weiß es nicht sicher. Ich habe sie längere Zeit nicht mehr gesehen. Zu der Zeit, als sie in Berlin war, war ich in Köln und habe gedreht. Ansonsten hätte ich die Gelegenheit genutzt, ihr etwas darüber zu erzählen. Aber sie wird das Buch sicherlich lesen. Heidi ist ja für jeden Spaß zu haben, das zeichnet sie wirklich aus.

Ist es also unverdient, dass sie medial auch oft Kritik einstecken muss?

Kritik ist oft der lange Schatten von Erfolg. Und erfolgreich ist sie. Auch in den USA. Sie ist dort wirklich ein Star. Das muss man erst mal hinkriegen. Und sie repräsentiert uns da auch ganz gut mit Hans und Franz. Außerdem wagt sie sich auch an schwierige Themen, obwohl sie weiß, dass das auch immer ein Risiko ist.

"Hinzukommt das Bürokratische. Dafür habe ich nicht mehr die Nerven."

In Ihrem Buch schreiben Sie aber nicht nur über Heidi Klum oder ihren persönlichen Weg zur Dragqueen, sondern auch über politische Themen. In dem Bereich sind sie bereits mehrfach in Erscheinung getreten, doch eine politische Karriere schließen sie dennoch aus. Wieso?

Ich bin ein politischer Mensch und bringe mich gerne ein, aber für die Politik bin ich zu impulsiv und könnte allein das Ringen um Macht und das jeder am Stuhl des anderen sägt nicht ertragen. Auch, dass es immer eine Opposition gibt, die schon aufgrund der Parteipolitik grundsätzlich gegen all das ist, würde ich nicht durchhalten. Hinzukommt das Bürokratische. Dafür habe ich nicht mehr die Nerven.

Olivia Jones

Olivia Jones mit Wolfgang Kubicki. Mit dem FDP-Politiker ist sie gut befreundet. Bild: www.olivia-jones.de / Marius Röer / MARIUS ROEER

Können Sie aber nachvollziehen, dass viele Menschen sie gerade wegen ihrer Bestrebungen auf der politischen Bühne sehen?

Das ist ein großes Kompliment und als Außenministerin oder Bundespräsidentin fände ich's auch gar nicht so schlecht. Dafür müssten Sie trotzdem erst mal in die Politik. Das ist das Problem (lacht). Wenn ich so gewählt werden könnte, würde ich es machen. Aber ich müsste mich erst einmal hocharbeiten und das habe ich ja bereits als Dragqueen getan. Einmal reicht.

Meinen Sie nicht, dass Sie in der Politik auch wirklich etwas bewegen könnten?

Ich glaube schon, dass ich etwas bewegen könnte, aber ich finde es umso wichtiger, zu transportieren, dass jeder etwas bewegen kann. Das ist ja das Schöne an der Demokratie. Viele lästern über die Politik und beschweren sich, dass nichts gemacht wird. Aber jeder kann ja selbst mitgestalten, selbst, wenn es nur im Kleinen ist. Die Demokratie ist etwas hart erkämpftes und auch, wenn es manchmal schwierig ist, man muss das Positive daran sehen. Von solch einer Möglichkeit träumen andere Länder. Deshalb habe ich ja mein Buch auch den mutigen Aktivisten gewidmet, die die Freiheiten erkämpft haben, die wir heute genießen dürfen. Und deshalb schrieb ich: Demokratie ist anstrengend, aber Kompromiss darf kein Schimpfwort sein. Und: Make Europe sexy again!

"Ich würde nichts machen, was nur für Olivia wäre, denn sie ist ja keine Kunstfigur, sondern der schrille, extrovertierte Teil von Oliver."

Im Buch schreiben Sie auch über die Privatperson Oliver. Wie viel Zeit ihres Lebens oder zumindest am Tag sind Sie als Olivia Jones und wie viel als Oliver unterwegs?

Das kann ich gar nicht sagen, denn es ist nicht Beruf, sondern Berufung. Es verschwimmt. Wenn ich nicht als Olivia auf der Bühne stehe, muss ich Olivia vorbereiten. Das ist auch mein Hobby, deswegen kann ich nur sagen: Das ist ein Fulltime-Job.

Sie haben bereits verschiedene Beauty-Eingriffe machen lassen – große und kleine. Die Eingriffe waren ja eigentlich für ihre Kunstfigur, aber auch Oliver musste sie quasi mittragen. Ist das schwierig?

Es ist eigentlich für beide. Ich würde nichts machen, was nur für Olivia wäre, denn sie ist ja keine Kunstfigur, sondern der schrille, extrovertierte Teil von Oliver. Wenn es nur um Olivia gehen würde, würde ich mir lustige Schlauchbootlippen machen lassen, weil das einfach schrill ist. Aber so weit geht's dann doch nicht. Ich versuche immer auf die Dosierung zu achten. Man muss wirklich aufpassen, dass man nicht irgendwann aussieht wie eine Barbiepuppen-Fehlpressung. Ich bin deshalb auch froh, dass ich dieser Optimierungssucht nicht verfallen bin. Ich gehe nicht vor den Spiegel und suche, was ich noch optimieren könnte. Da würde man ja immer etwas finden.

"Sowas Kreischiges wie meine Freundin Julian F.M. Stöckel kann ich mir an meiner Seite nicht vorstellen."

Sie reden nicht viel über sich als Oliver privat, in Ihrem Buch erwähnen Sie aber ganz nebenbei, dass Sie Single und kein Beziehungsmensch sind, was an Ihrem Lebenswandel liege. Käme denn kein Partner aus derselben Branche infrage?

Um Gottes Willen! Sowas Kreischiges wie meine Freundin Julian F.M. Stöckel kann ich mir an meiner Seite nicht vorstellen. Das halten meine Nerven nicht aus. Ich bräuchte jemanden, der selbstbewusst ist und mit Oliver und Olivia klarkommt – und auch mit meinem Lebenswandel.

Wie sieht der aus?

Ich lebe wie eine Fledermaus. Ich arbeite nachts und stehe quasi nicht vor 14 Uhr auf. Das ist schon mal schwierig. Außerdem brauche ich extrem viel Freiheit. Mit Kompromissen habe ich es auch nicht so. Ich glaube nicht, dass ich beziehungsfähig bin, aber ich habe die Hoffnung trotzdem noch nicht aufgegeben. Ich bin aber auch ein sehr glücklicher Single und nicht auf der Suche, verschließe mich dem Ganzen aber auch nicht. Bislang war Oliver aber sein ganzes Leben lang mit Olivia zusammen und das war stressig genug. Inklusive Deutschlands schrillster Patchwork-Familie: Der Olivia-Jones-Family.

Olivia Jones

Olivia Jones mit ihrer Olivia-Jones-Family. Bild: www.olivia-jones.de / Marius Röer / MARIUS ROEER

Können Sie sich vorstellen, sich irgendwann von Olivia Jones zu verabschieden?

Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Das Schöne ist, dass es in der Travestiekunst kein Verfallsdatum gibt. Ich bin ja glücklicherweise kein Model. Ich werde auch noch als schrille Oma mit einem Rollator über St. Pauli ziehen. Die Bühne und das Publikum sind mein Lebenselixier, das hält Künstlerseelen jung. Das habe ich auch mit Künstlern wie Udo Lindenberg gemeinsam: Wir brauchen unsere Bühne und unser Publikum.

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