Bei der Premiere ihrer neuen ProSieben-Show mit Matthias Opdenhövel überzeugte Linda Zervakis bereits.
Bei der Premiere ihrer neuen ProSieben-Show mit Matthias Opdenhövel überzeugte Linda Zervakis bereits.
Bild: prosieben/screenshot
Meinung

Linda Zervakis: Unterirdische Quote für ProSieben-Show

15.09.2021, 16:11

Am Ende der Premiere ihrer neuen ProSieben-Show am Montagabend neben Matthias Opdenhövel war Linda Zervakis dann doch etwas erleichtert. "Zwei Stunden live ist was anderes als 15 Minuten", stellte die Moderatorin fest, die vor wenigen Monaten noch in der ARD durch die "Tagesschau" führte. Tatsächlich verlief die erste Ausgabe von "Zervakis & Opdenhövel. Live." nicht ganz reibungslos, doch vereinzelte Momente der Unsicherheit ändern nichts daran, dass die beiden Moderatoren als Duo ein großes Potenzial haben.

Das neue ProSieben-Format will nicht nur informieren, sondern auch unterhalten. Wie schwierig das sein kann, wurde in den zwei Stunden am Montag teilweise durchaus auch deutlich. Zervakis und Opdenhövel bringen aber eine Frische ins Fernsehen, die etwa der Konkurrent RTL bei seiner Nachrichten-Offensive zumindest momentan noch vermissen lässt. Und das will schon was heißen – trotz ausbaufähiger Quoten.

Zervakis und Opdenhövel: Nicht perfekt, aber sympathisch

Die Moderatorin, die eigentlich Brille trägt, hatte wegen ihrer Sehschwäche an einer Stelle bei "Zervakis & Opdenhövel. Live." Probleme, vom Monitor abzulesen, denn offenbar war die Schrift nicht groß genug. Natürlich könnte man dazu neigen, ihr im Speziellen und dem Sender im Allgemeinen mangelnde Vorbereitung vorzuwerfen, doch kleine Pannen wie diese machen Zervakis im Gesamtbild eher sympathisch – eben menschlich.

Alles in allem bewies die 46-Jährige im Übrigen durchaus, dass sie den Anforderungen des Journals gewachsen ist. Hier muss sie sehr viel mehr tun als Nachrichten vorlesen: Gäste interviewen, mit dem Publikum interagieren oder eben auch mal mit Stars wie James Blunt ein Bier trinken. Andere würden an ihrer Stelle schnell verkrampfen, Zervakis allerdings bringt die nötigen "Social skills" mit – im Zweifel friert sie nicht am Boden fest, sondern lacht auch mal über sich selbst, wenn beispielsweise die Bierkrüge von ihrem Lippenstift gezeichnet sind.

Und ihr Kollege Opdenhövel, der spätestens seit "The Masked Singer" eine feste Größe im Unterhaltungsfernsehen ist, spielt da natürlich gerne mit. Bei kleineren Irritationen fangen sich die beiden einfach gegenseitig auf, als würden sie schon seit Jahren Seite an Seite vor der Kamera stehen.

Insgesamt betrachtet mag der Abschnitt mit Blunt zwar weniger gelungen sein (auch wegen der kraftlosen Zuschauer-Fragen), doch aus solchen Durchhängern können die Verantwortlichen für die Zukunft lernen und das Format noch entsprechend optimieren. Ohnehin hatte bei der Premiere wohl niemand schon absolute Perfektion erwartet, vor allem nicht bei einer zweistündigen Sendung.

Dabei sollten sich die Verantwortlichen auch nicht von der am Montag mäßigen Quote entmutigen lassen: Laut "quotenmeter.de" brachte es "Zervakis & Opdenhövel. Live." lediglich auf 470.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 1,7 Prozent. ProSieben bezog bereits Stellung und verkündete über Social Media: "Die Quoten von #ZOL hätten besser sein dürfen. Egal. Wir machen weiter und wollen weiter überraschen."

Vorteil für ProSieben gegenüber RTL?

Dass ProSieben mit diesem Moderatoren-Gespann einen Coup gelandet hat, zeigt sich gerade auch im direkten Vergleich mit "RTL Direkt", wodurch der Privatsender-Konkurrent seine Nachrichten-Offensive vorantreibt. Jan Hofer kann vor einem farblich noch so poppigen Hintergrund stehen und neuerdings ohne Krawatte auftreten, seine Ansagen bleiben meistens doch irgendwie trocken. Bereits durch die Kombination Zervakis/Opdenhövel dürfte sich ProSieben einen besseren Zugang zur jüngeren Zielgruppe verschafft haben, ganz zu schweigen von der thematischen Diversität der neuen Sendung.

Mitunter gelingt es "Zervakis & Opdenhövel. Live." im Übrigen bereits, Emotionen zu vermitteln, ohne dabei reißerisch zu wirken. Dies zeigte sich am Montag zum Beispiel, als es um die geflüchtete afghanische Sängerin Aryana Sayeed oder Einzelschicksale der Flutkatastrophe ging. Die Moderatoren sind tatsächlich nahe an den Menschen dran und fallen in Gesprächen zumeist nicht auf Floskeln zurück. So werden Themen für nicht Betroffene greifbar gemacht.

Linda Zervakis: Sender hält Versprechen ein

Im Rahmen einer Pressekonferenz hatte Senderchef Daniel Rosemann schon in der Woche vor der Show-Premiere frohlockt: "Wir werden Linda Zervakis kennenlernen." Einerseits eine etwas freche Aussage, schließlich war die gebürtige Hamburgerin ja schon durch die "Tagesschau" bekannt. Jedoch liegt auf der Hand, was Rosemann damit meinte: Zervakis darf nun Qualitäten zeigen, die dem Publikum bei ihrem alten ARD-Job komplett verborgen blieben.

Auch Matthias Opdenhövel ließ sich bei der Gelegenheit zu einem Seitenhieb hinreißen und stichelte: "Linda ist so klasse. Sie ist viel zu schade, um nur Nachrichten vorzulesen." Nun liefert das neue Journal den Beweis dafür. Pikant: Auch Opdenhövel war einst bei der ARD unter Vertrag. ProSieben fährt derzeit definitiv die überlegene Transferpolitik.

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