SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach plädiert für ein weitverbreitetes 2G-Modell.
SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach plädiert für ein weitverbreitetes 2G-Modell.
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Karl Lauterbach wettert bei "Maybrit Illner": "Armin Laschet ist für mich kein Vorbild"

10.09.2021, 07:03
Alina Lackerbauer
Alina Lackerbauer
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Zwei Wochen vor der Bundestagswahl wird die Debatte um Corona zunehmend ruhig – etwa, um die Wählerschaft nicht zu vergraulen? Maybrit Illner hakt bei ihren Gästen am Donnerstagabend nach. Doch die Pandemie sei nicht vorbei, erst 61,7 Prozent der deutschen Bevölkerung sind vollständig geimpt. Das sei viel zu wenig, ist sich die Runde einig. Deswegen wird die Debatte um 2G und mögliche Lohnausfälle für Ungeimpfte in der Talkshow wieder aufgerollt – und der Wahlkampf spielt kaum eine Rolle dabei.

Das sind Maybrit Illners Gäste am Donnerstagabend:

  • Karl Lauterbach (SPD), Gesundheitspolitiker
  • Klaus Holetschek (CSU), Gesundheitsminister Bayern
  • Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen), Oberbürgermeister Tübingen
  • Jutta Allmendinger, Soziologin
  • Stefan Kluge, Intensivmediziner und Pneumologe

Man sei noch mitten in der Pandemie, beginnt der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Trotzdem betont er hoffnungsvoll: "Ich glaube, es wird keinen Lockdown für Geimpfte und Genesene geben." Virologe Christian Drosten sagt dagegen voraus, man werde gesamtgesellschaftlich die Zahl der Kontakte im Herbst wieder einschränken müssen.

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek rechnet mit keinem Lockdown mehr.
Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek rechnet mit keinem Lockdown mehr.
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"Wir machen sehr wenig Druck auf die Ungeimpften, dabei läuft uns die Zeit weg", findet Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD). Entweder es gelinge, dass ein großer Teil der Ungeimpften noch geimpft wird oder man werde eine "wahnsinnige Infektionswelle bei Ungeimpften erleben", glaubt Lauterbach.

Impfquote steigt zögerlich, Hospitalisierungsrate umso schneller

Wie ist die Lage auf den Intensivstationen, willl Illner von Kluge wissen. 1.400 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung gebe es derzeit in Deutschland, das sei etwa ein Viertel von der Anzahl während des Höhepunkts der zweiten Welle, sagt Kluge. Doch die Zahlen steigen und angesichts der sinkenden Temperaturen im Herbst sei das ein großer Grund zur Sorge. 90 Prozent der Intensivpatienten in Deutschland sind ungeimpft und die Impfquote steigt nur zögerlich an.

Die meisten Länder in Europa seien so viel weiter. "Das ist eine kleine Katastrophe", findet Kluge. Warum die Menschen skeptisch sind, ist schwer zu erklären. Lauterbach ist selbst auch als Impfarzt tätig. Aus den Gesprächen mit Impfzögerern lerne er viel.

"Das sind keine Querdenker. Das sind oft Menschen, die komplett falsche Vorstellungen haben, wie gefährlich das Virus und wie gefährlich eine Impfung ist."
Karl Lauterbach

85 Prozent der unter 60-Jährigen, über 90 Prozent der über 60-Jährigen müssten noch geimpft werden, um von einer Herdenimmunität sprechen zu können. Die Quote von rund 83 Prozent bei den über 60-Jährigen sei derzeit "katastrophal wenig", so Kluge. Diese Entscheidung gegen die Impfung und für das Virus sei nicht nachvollziehbar, sagt auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Was ist mit Impfdurchbrüchen? "Das irritiert bestimmt", so Kluge. Die Impfung schütze eben nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion.

Intensivmediziner Stefan Kluge blickt mit Sorge auf den kommenden Herbst.
Intensivmediziner Stefan Kluge blickt mit Sorge auf den kommenden Herbst.
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Lohnausfall für Ungeimpfte trifft sensibelsten Punkt

Impfgegner und -skeptiker würden Lauterbach auf der Straße ansprechen, erzählt der Politiker. Die Unterhaltungen würden natürlich auf Abstand stattfinden. "Armin Laschet ist für mich kein Vorbild“, erlaubt sich Lauterbach einen Seitenhieb auf den CDU-Vorsitzenden, der zuletzt ein Gespräch mit einem Querdenker auf 20 Zentimeter Abstand ohne Maske hatte. Viele Menschen würden die Impfkampagne unterschätzen, die würden gar nicht wissen, dass man im europäischen Vergleich so weit unten stehe, so Lauterbach.

Ein möglicher Lohnausfall für quarantänepflichtige Ungeimpfte sei eine Konsequenz, so Holetschek. Das stehe übrigens schon seit März 2020 bezogen auf zumutbare Impfungen im Infektionsschutzgesetz.

"Sie setzen am sensibelsten Punkt an und zwar beim Geld."
Soziologin Jutta Allmendinger

"Das hat eine Gefahr", stimmt auch Lauterbach zu. Zuerst den eigenen Test zahlen und dann auf Lohn verzichten? "Das wird nicht stattfinden", vermutet er. Menschen würden sich nicht mehr testen lassen – und so tun, als wäre die Infektion eine Erkältung. Palmer stimmt zu: "Ich bin immer häufiger der Meinung von Herrn Lauterbach." Möglicherweise entstehe da noch eine Brieffreundschaft, lacht Illner.

Boris Palmer war bei "Illner" zugeschaltet.
Boris Palmer war bei "Illner" zugeschaltet.
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Lauterbach und Intensivmediziner kritisieren Streeck

Die Impfzögerer erreiche man aber durch 2G und kostenpflichtige Tests, findet Kluge. Test und Impfung seien dabei nicht gleichzusetzen, besonders weil Antigen-Tests so unterschiedlich durchgeführt werden, sagt er. Damit widerspricht er Virologe Hendrik Streeck, der bei "Markus Lanz" meinte, dass ein negativ Getesteter sicherer wäre als ein Geimpfter. "2G ist am Ende besser", sagt Lauterbach. Streecks Aussage sei nicht nachvollziehbar. Palmer befürchtete einen zu massiven Eingriff in die Freiheitsrechte Ungeimpfter: "Wir sollten nicht voreilig sein und sagen, es läuft auf 2G hinaus."

Allmendinger bei "Illner".
Allmendinger bei "Illner".
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2G funktioniere aber nicht hinsichtlich Kinder und Schulen, betont Allmendinger. "Das Ziel ist Präsenzunterricht", so Holetschek – deswegen Pooltests, Hygieneregeln, Impfen und verkürzte Quarantäne. Lauterbach schlägt vor, dass bei einem Infektionsfall in einer Klasse anschließend alle Kinder täglich – statt zwei- oder dreimal wöchentlich – getestet werden sollten. In Tübingen werde das schon so gemacht, wirft Palmer ein. "Das funktioniert absolut", springt er Lauterbach erneut zur Seite.

"Die Folgen von Schulschließungen sind so gravierend, dass wir das nicht mehr in Erwägung ziehen können."
Boris Palmer

Lauterbach verteidigt "Versuchskaninchen"-Aussage von Scholz

Doch die Impfung werde auch schwächer, betont Lauterbach und kommt auf Booster-Impfungen zu sprechen. Wie viele Impfungen kann ein Mensch jährlich vertragen? "Das ist kein Problem", so Kluge. Man müsse sich aber mit Blick auf die globale Impfstoffversorgung genau überlegen, wer die Boosteer-Impfung braucht, sagt Allendinger. Lauterbach stimmt zu: "Das macht sich jetzt schon in Afrika bemerkbar, dass wir mit Booster-Impfungen beginnen." Sind wir also die "Versuchskaninchen" wie SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kürzlich gesagt hatte? "Das war doch ein Witz", verteidigt Parteikollege Lauterbauch. Wenn auch etwas missglückt, gibt er zu.

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