Wissen
Coronavirus COVID-19. Quarantine self-isolation. Copyright: xSid10x Panthermedia28280390 ,model released, Symbolfoto

Die Quarantäne kann für viele Menschen eine große psychische Belastung sein. Bild: imago images / Panthermedia

Corona trifft auch die Seele – für zweite Welle braucht es mehr Kontaktmöglichkeiten

Was macht Corona mit der Seele? Wer leicht verletzbar ist, den kann die Pandemie hart treffen. Aber nicht jeder ist gleich gefährdet.

Die Corona-Pandemie kann bei vielen Menschen psychische Störungen auslösen oder deutlich verschlimmern. Darauf machte die Bundespsychotherapeutenkammer am Montag in Berlin aufmerksam. Kammerpräsident Dietrich Munz sagte laut einer Mitteilung: "Neben Depressionen und Angststörungen, akuten und posttraumatischen Belastungsstörungen können auch Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Zwangsstörungen und Psychosen zunehmen."

Ältere besonders betroffen

Ältere zählen laut den Psychotherapeuten zu den am stärksten betroffenen Gruppen. "Die ständigen Gedanken an eine tödliche Infektionskrankheit können verängstigen und der Verlust an familiärer Aufmerksamkeit und Aufgaben zu Depressivität und dem Gefühl von Sinnlosigkeit führen", so die Kammer in einer Übersicht über die bisherigen Studien zum Thema. Bei Vorerkrankungen oder begrenzter erwarteter Lebenszeit wirke sich langfristige Isolation ohne Austausch oft besonders heftig aus.

"Bei vielen, die 75 Jahre und älter sind, wird aus der Angst sich anzustecken nicht selten Todesangst und aus Rückzug totale Isolation", so die Kammer unter Berufung auf praktische Erfahrungen von Psychotherapeuten. "Am Ende quälen sie sich mit der Erwartung, wegen Corona allein zu sterben."

Kein Zweifel bestehe, dass ältere Menschen in Pflegeheimen extremen psychischen Belastungen ausgesetzt seien. Besonders Demenzkranke seien zudem kaum in der Lage, die starken Veränderungen in ihrem Alltag einzuschätzen und zu verstehen.

Einzelkinder von sozialer Isolation bedroht

Auch Kinder und Jugendliche sind psychisch besonders gefährdet – durch die Schließung von Kitas und Schulen und den Verlust von Kontakten, so die Kammer unter Berufung auf erste internationale Studien hierzu. "Insbesondere bei Einzelkindern kann dies zur sozialen Isolation führen." Kleine Kinder könnten das gemeinsame Spiel eben kaum durch Telefonate oder Internetkontakte ersetzen.

Zu Hause seien die Belastungen durch Schul- und Kita-Schließungen und gleichzeitigem Homeoffice der Eltern sowie unklaren Perspektiven bei Millionen Familien auch in Deutschland gewachsen. Der tägliche Zeitaufwand für Familien- und Hausarbeit stieg im April 2020 im Vergleich zu 2018 bei Müttern von 6,6 auf 7,9 Stunden und bei Vätern von 3,3 auf 5,6 Stunden, so eine zitierte Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

29 Prozent der Kinder und Jugendlichen gaben laut einer Befragung der DAK-Gesundheit zudem an, sich während der Schulschließungen schlechter oder sogar deutlich schlechter gefühlt haben als davor. Viele fühlten sich gestresst oder traurig.

Depression bei Corona-Infizierten

Belastet sind laut der Kammer oft auch Corona-Erkrankte und ihre Angehörigen. Corona-Kranke würden laut einer Studie drastisch erhöhte Angst- und Depressionswerte aufweisen. Erkranken wiederum Angehörige schwer oder sterben gar, "kann es zu langanhaltenden Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen kommen".

Für eine zweite Corona-Welle forderte die Kammer, Kindern und Jugendlichen mehr Kontaktmöglichkeiten zu eröffnen. Eine Isolierung von Altenheimbewohnern müsse vermieden werden. Kranke und Gefährdete müssten im Internet und am Telefon mehr Beratung bekommen.

(vdv/dpa)

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0

watson live dabei

watson-Reporter berichtet von Corona-Demo: "Und plötzlich erwischte mich eine Ohrfeige"

Unser Reporter Tim Kröplin berichtete live von der Corona-Demonstration am Samstag in Berlin, als ihn plötzlich und ohne Vorwarnung jemand körperlich angriff. Hier schildert er, was passierte.

Eigentlich fing alles noch recht entspannt an: Ich besuchte die Corona-Demonstration der selbsternannten Querdenker in Berlin, um von vor Ort zu berichten. Mit Teilnehmern sprechen, diskutieren, Fotos schießen – ganz normale journalistische Arbeit. Auch, dass manche Gesprächspartner stutzig werden, wenn ich erzähle, in welcher Funktion ich sie anspreche, war erwartbar. Bedroht, beleidigt oder bespuckt hat mich zunächst niemand. Von körperlicher Gewalt ganz zu schweigen.

Doch dann kam der …

Artikel lesen
Link zum Artikel