Interview
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Der Walrossbart ist sein Markenzeichen: Heiner Brand. Bild: www.imago-images.de / Kadir Caliskan

Interview

Handball-Legende Heiner Brand über die umstrittene WM während der Corona-Pandemie, die Absage wichtiger Spieler und die deutschen Chancen

Am Freitag wird es für die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Ägypten ernst. Uruguay ist der erste Gegner in der Vorrunde, doch für reichlich Diskussionsstoff sorgt vor allem das mangelnde Hygienekonzept im Mannschaftshotel des deutschen Teams.

Im Interview mit watson spricht Heiner Brand, ehemaliger deutscher Handball-Nationalspieler, Weltmeistertrainer von 2007 und Ex-Manager des Deutschen Handball-Bundes, über die Lage vor Ort, die Bedeutung einer WM für den Handballsport und wie ein Trainer aus einem Team eine eingeschworene Einheit macht. Zudem hat der 68-Jährige ein Auge auf zwei bestimmte Spieler im deutschen Team.

Watson: Herr Brand, die Handball-WM in Ägypten läuft seit Mittwoch und schon am ersten Tag kritisierte Norwegens Superstar Sandor Sagosen vom THW Kiel die Zustände im Hotel als „Wilder Westen“. Axel Kromer, Sportvorstand des Deutschen Handball-Bundes, sah ebenfalls „Verbesserungspotenzial“ beim Hygienekonzept. Einen schlechteren Start für das Turnier hätte es wohl kaum geben können, oder?

Heiner Brand: Das macht einen schon ein bisschen skeptisch, aber als Außenstehender ist das schwer zu beurteilen. Man kann einfach nur hoffen, dass alles gut geht und nach den USA und Tschechien nicht noch mehr Spieler und Mannschaften aufgrund von Corona-Infektionen ausfallen.

Wie groß ist die Gefahr, dass der Handball durch diese chaotisch wirkenden Zustände negativ beeinflusst wird?

Diese Gefahr besteht, aber ich hoffe, dass es nicht so sein wird. Aber da muss man wirklich aufpassen. Es würde vermutlich schnell die Meinung aufkommen, dass es sehr unprofessionell wäre, dass man die Umstände vorher nicht genau geprüft hat.

"Ich weiß nicht, ob ich hingefahren wäre."

Stefan Kretzschmar, der unter Ihnen Nationalspieler war, sagte im Interview mit watson, dass er die Durchführung der Weltmeisterschaft für „sinnvoll und notwendig“ hält. Würden Sie ihm zustimmen?

Ich verstehe, was Kretzsche meint. Auch ich habe immer die Meinung vertreten, dass Welt- und Europameisterschaften enorm wichtig für die eigene Sportart sind, weil es keine bessere Möglichkeit gibt, sich zu präsentieren. Wir haben bei großen Turnieren immer erlebt, dass wir eine sehr gute Resonanz und Einschaltquoten hatten und neben dem Fußball eine Rolle spielen können.

Bildnummer: 01037498  Datum: 01.02.2004  Copyright: imago/Camera 4
Stefan Kretzschmar wurde die Ehre zu Teil Bundestrainer Heiner Brand (beide Deutschland) die erste Locke des Bartes abzuschneiden - nach dem Gewinn der Europameisterschaft wurde diese Wettschuld fällig; Stephan, quer, Trainer, Coach, Nationaltrainer, Nationalcoach, Schnurrbart, Schnauzbart, Bart, ab, abschneiden, Einlösen, Wette, Locke, Europameister, TV, Fernsehen, Medien, Fernsehkamera, Fernsehkameras Europameisterschaft 2004, Nationalmannschaft, Nationalteam, Länderspiel, Finale, Endspiel, Vdig Ljubljana Handball EM Herren Mannschaft Gruppenbild Randmotiv Personen

Stefan Kretzschmar durfte Bundestrainer Heiner Brand die erste Locke des Bartes nach dem EM-Titel 2004 abschneiden. bild: imago images/camera 4

Doch jetzt haben wir die Pandemie.

Eben. Die Corona-Zeit ist eine schwierige Situation, da sind viele Dinge zu berücksichtigen. Daher gibt es nicht diese eine Lösung, dass man sagt: ‚Diese WM muss unbedingt gespielt werden‘.

Wären Sie als Nationalcoach zum Turnier gefahren?

Ich weiß nicht, ob ich hingefahren wäre.

Können Sie die privaten Absagen von wichtigen Spielern wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Steffen Weinhold und Finn Lemke verstehen?

Früher hätte ich auch empfindlich reagiert, wenn ein Spieler wegen irgendwelcher Dinge abgesagt hätte, aber durch Corona leben wir in einer außergewöhnlichen Zeit. Da kann man nicht mit gewöhnlichen Maßstäben rangehen. Es sind gestandene Profis, denen man die Entscheidung selbst überlassen und voll akzeptieren muss.

Sie hatten kürzlich die Idee geäußert, dass man die WM auf den Sommer hätte verschieben können, wo sie dann aber terminlich mit den Olympischen Spielen kollidiert wäre.

Das war auch nur ein Gedanke, den ich so nicht zu Ende gedacht habe. Diese Aussage ist in der Hoffnung entstanden, dass Corona zu diesem Zeitpunkt besser bekämpft ist. Sicherlich hätte man auch über eine Gesamtabsage nachdenken können. Dann hätten wir die Konsequenz gehabt, dass der Handball nicht präsent gewesen wäre.

Zur Person

Heiner Brand wurde 1952 in Gummersbach geboren und ist ehemaliger deutscher Handball-Nationalspieler, -trainer und-Manager. Als aktiver Spieler gewann er mit dem VfL Gummersbach sechsmal die deutsche Meisterschaft und viermal den DHB-Pokal. Zudem wurde er 1978 Weltmeister. Als Vereinstrainer gewann er mit seinem Heimatklub Gummersbach zwei weitere deutsche Meisterschaften (1988 und 1991). Eine weitere Meisterschaft feierte er 1993 mit der SG Wallau/Massenheim, mit der er ebenfalls den DHB-Pokal gewann.
Von 1997 bis 2011 war Brand als Bundestrainer tätig. Seine größten Erfolge waren dabei der Europameister-Titel 2004 in Slowenien und der Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland. Dadurch war er der erste Handballer, der als Spieler und Trainer mit den Herren den WM-Titel holte.

Nun wird gespielt und der Handball ist präsent. Die deutsche Mannschaft startet am Freitag in der Vorrunde gegen Uruguay. Worauf muss das Team achten?

Ich habe Uruguay noch nie Handball spielen sehen, aber ich gehe davon aus, dass es ein lockerer Aufgalopp wird. Ich sehe die Gruppe mit den Kap Verden und Ungarn als weitere Gegner auch als nicht so schwierig an. Vor Ungarn müssen wir zwar Respekt, aber keine Angst haben.

Welche Stärken hat das deutsche Team, um selbstbewusst in die Gruppenphase zu starten?

Unsere Torhüter Andi Wolff, Silvio Heinevetter und Johannes Bitter in Zusammenarbeit mit unserer Abwehr sind eine große Stärke. Zudem läuft die Mannschaft konsequente und schnelle Tempogegenstöße.

Bildnummer: 07118819  Datum: 03.01.2011  Copyright: imago/Heuberger
Vorbereitungsspiel Deutschland (Schwarz) - Schweden (Gelb): Bundestrainer Heiner Brand li. und Uwe Gensheimer Mitte. Pascal Hens; Handball Herren Nationalteam L

Mit dem heutigen DHB-Kapitän Uwe Gensheimer (r.) arbeitete Heiner Brand 2011 selbst noch zusammen. Bild: null / imago images

Eine gute Abwehr trotz der Ausfälle von Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Jannik Kohlbacher?

Ich denke, Johannes Golla wird da eine ganz wichtige Rolle spielen. Die Abwehr hat sich in den Spielen gegen Österreich gut bewegt. Er hätte es gegen Wiencek, Pekeler und Kohlbacher schwer gehabt, aber ich halte ihn für sehr gut.

Gibt es noch einen Spieler, von dem Sie viel erwarten?

Rückraumspieler Philipp Weber will und muss eine zentrale Rolle im Spiel der deutschen Mannschaft einnehmen. Ich bin gespannt, ob er es schafft, seine handballerischen Fähigkeiten in so einem Turnier zur Geltung zu bringen.

"Bei so einem Turnier kann man sich nicht nur auf Handball konzentrieren. Es muss auch Phasen der Entspannung geben."

Und wo sehen Sie die Schwächen des Teams?

Schon in den vergangenen vier Turnieren war der Positionsangriff ein Manko. Da muss man einfach auf die individuelle Stärke der einzelnen Spieler hoffen und die Mannschaft muss das mit Disziplin ausgleichen.

Das bietet gerade die Chance für junge Spieler, über sich hinauszuwachsen.

Es ist eine Riesenchance. Ich denke auch, dass ein 20-jähriger Juri Knorr im Rückraum zum Einsatz und zur Geltung kommen wird. Führungsrollen müssen andere übernehmen, aber sie können sportlich einen Schritt nach vorn machen.

Wie kann man als Trainer zusätzlich darauf einwirken, dass aus dieser unerfahrenen Mannschaft ein eingeschworenes Team wird?

Man muss vor allem bei der Auswahl vor dem Turnier darauf achten, ob die Leute bereit sind, alles für die Mannschaft zu tun. Wenn man in der Nationalmannschaft ist, will man erfolgreich sein und da gibt es nichts einfacheres als so ein großes Turnier. Alle haben dieses eine Ziel und wissen, dass es nur als Mannschaft zu schaffen ist.

Vorschau Handball WM 2019 vom 10-27.01.2019 in Deutschland und Daenemark. Archivfoto; Begeisterung pur bei (v.li.) Trainer Heiner BRAND und den Spielern Michael KRAUS, Torwart Henning FRITZ und Markus BAUR mit der WM-Trophaee, dem WM-Pokal, Cup; Finale Finalspiel Endspiel Deutschland (GER)-Polen (POL) 29:24, am 04.02.2007 in Koeln, Weltmeister Deutschland Handball Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland, vom 19.01. - 04.02.2007 *** Preview Handball WM 2019 from 10 27 01 2019 in Germany and Denmark Archive photo pure enthusiasm at v li coach Heiner BRAND and the players Michael KRAUS Goalkeeper Henning FRITZ and Markus BAUR with the WM Trophaee the WM Cup Final Cup Final Final Germany GER Poland POL 29 24 on 04 02 2007 in Cologne World Champion Germany Handball World Championship 2007 in Germany from 19 01 04 02 2007

Heiner Brand und seine Spieler Michael Kraus, Henning Fritz und Markus Baur mit der WM-Trophäe 2007. Bild: imago sportfotodienst / Sven Simon

Bedingt durch die Corona-Regeln kann das Team das Hotel nicht großartig verlassen und ist ständig zusammen. Wie groß ist die Gefahr, dass dort schnell eine schlechte Stimmung entsteht?

Im Vorfeld des Turniers und während des Wettbewerbs hängt man wirklich ziemlich lang aufeinander. Da ist es umso wichtiger, dass eine gute Atmosphäre herrscht. Die Mannschaft wird auch Dinge finden, die sie unter Einhaltung der Hygieneregeln machen kann. Bei so einem Turnier kann man sich nicht nur auf Handball konzentrieren. Es muss auch Phasen der Entspannung geben.

Ihr ehemaliger Spieler Stefan Kretzschmar sprach von Hochseeangeln auf Island. Klingt nett.

Die Spieler dürfen nicht einfach immer nur von Termin zu Termin kommen, sondern müssen auch mal andere Dinge im Kopf haben, damit sie im entscheidenden Moment wissen: ‚So jetzt geht’s wieder los und wir konzentrieren uns auf die wichtigen Dinge‘.

Bisher haben Sie nur gesagt, dass für das deutsche Team „einiges möglich“ ist. Welches konkrete Ziel sehen als realistisch an?

Ich denke, das Viertelfinale sollte auf jeden Fall möglich sein. Aber meistens kommt es sowieso nicht so, wie man es sich vorher ausrechnet.

Wie aufgeregt werden sie dann bei den deutschen Spielen sein?

Ich habe schon eine gewisse Distanz und bis zum Spiel gegen Ungarn am Dienstag bin ich ganz entspannt. Aber dann kribbelt es schon und ich zittere mit dem deutschen Team mit.

Interview

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