Der ehemalige Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar ist seit 2020 Sportvorstand bei den Füchsen Berlin.
Der ehemalige Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar ist seit 2020 Sportvorstand bei den Füchsen Berlin.
Bild: City-Press / City-Press
Interview

Handball-Stars sagen WM ab – Kretzschmar mit klaren Worten

14.01.2021, 17:03

Am Mittwoch beginnt die Handball-WM in Ägypten für die deutsche Mannschaft unter ganz besonderen Umständen. Vor dem Turnier gab es viel Kritik an der Durchführung des Wettbewerbs, der erstmals mit 32 Nationen ausgetragen wird. Zwar befinden sich die Spieler vor Ort in einem abgeschirmten Bereich, der "roten Zone", doch zahlreiche deutsche Leistungsträger sagten aus Angst vor einer Corona-Infektion ab.

Im Interview mit watson spricht Stefan Kretzschmar, ehemaliger deutscher Handball-Nationalspieler und heutiger Sportvorstand von Handball-Bundesligist Füchse Berlin, über die Notwendigkeit des Turniers, seine Erwartungen an das deutsche Team und wie er die Spiele mit seiner Schwiegermutter verfolgt.

watson: Die Handball-WM geht am 13. Januar los – wie groß ist deine Vorfreude?

Stefan Kretzschmar: Echt riesig. Weil es zum einen einfach eine Weltmeisterschaft ist und ich mich auf die deutsche Mannschaft freue, die ein überraschendes Gesicht hat. Und zum anderen, weil es in der heutigen Zeit den Leuten Normalität und Freude geben kann. Es ist ja eine nicht ganz einfache Zeit, in der wir gerade leben. Und natürlich, weil es eine WM mit 32 Mannschaften ist. Also werden viele vermeintliche Exoten dabei sein.

Doch gerade in diesen Zeiten ist es schwer vermittelbar, ein Sportereignis dieser Größe auszurichten. Wie sinnvoll ist eine WM also gerade zu der jetzigen Zeit?

Ich persönlich finde sie äußerst sinnvoll und absolut notwendig.

Warum?

Das hat mehrere Gründe. Natürlich kann man in der heutigen Zeit moralisch und ethisch darüber diskutieren und ich akzeptiere auch gegenteilige Meinungen. Aber ich glaube, im Jahr 2021 müssen wir lernen, trotz und mit diesem Virus zu leben. Es müssen Konzepte und kreative Lösungen gefunden werden und wir müssen uns Schritt für Schritt zurück in den Alltag kämpfen. Dafür kann so eine Weltmeisterschaft in so einer Blase ein positives Beispiel sein und ich hoffe, dass wir am 31. Januar rückblickend sagen können: Das war eine gute WM.

"Es ist unrealistisch, von dieser jungen Mannschaft eine Medaillie zu fordern."

Nun gab es dennoch einige Absagen von Spielern wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Steffen Weinhold und Finn Lemke, die sich dem Risiko in Zeiten der Corona-Krise nicht aussetzen wollten. Torhüter Andreas Wolff äußerte über die Absagen im Vorfeld sein Unverständnis.

Man muss in diesen Zeiten für alle Seiten Verständnis haben. Ich lasse meine persönlichen Gefühle raus und man sollte sich in jeden hineinversetzen, auch wenn es manchmal schwerfällt. Es ist nachvollziehbar, wenn Väter in diesen Zeiten bei ihren Familien sein wollen.

Du hast als Spieler immer offen deine Meinung gesagt – hättest du ähnlich reagiert?

Bei mir wäre alles möglich gewesen. Ich will nicht sagen, dass ich mit Mitte, Ende 20 ein bedachter, weiser Mann gewesen wäre, der nicht hin und wieder Sprüche und Parolen rausgehauen hätte. Das ist ein hochemotionaler Sport. Natürlich war Andi auch ein bisschen enttäuscht, denn wenn du bei einer WM dabei bist, willst du mit der besten Mannschaft spielen und auch gewinnen. Wir wissen alle, wie ehrgeizig Andi ist.

Stefan Kretzschmar absolvierte 218 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft. 2004 trat er zurück.
Stefan Kretzschmar absolvierte 218 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft. 2004 trat er zurück.
bild: imago/Fishing 4

Die Qualifikations-Spiele gegen Österreich sind trotz der zahlreichen Absagen im Vorfeld gut gelaufen. Warst du davon überrascht?

Ich war überrascht, wie schnell sie sich zusammengefunden haben. Das war so nicht zu erwarten. Gerade die Abwehr und der Mittelblock haben so noch nie zusammengespielt. Nun war Österreich nicht der ganz große Gegner, aber die Jungs haben das hervorragend gemacht. Was mich begeistert hat, war das Arbeitsethos und die Teamchemie. Wenn die beiden Faktoren stimmen, fühle ich mich an die EM 2016 erinnert, als wir Europameister mit einer Mannschaft wurden, die keiner auf dem Zettel hatte.

Nun ist der Mittelblock im Team aber komplett neu, und wirklich Zeit zur Vorbereitung gab es nicht.

Ich sehe das nicht als Problem, weil wir gegen Uruguay und Kap Verde starten. Erst dann kommt Ungarn als erster großer Härtetest. Das Anfangsprogramm spricht also für uns, um gut ins Turnier zu kommen. Aber wir haben ja das Credo: Deutschland ist eine Turniermannschaft. Wenn wir uns finden und Arbeitsethos, Einstellung und Teamchemie stimmen, dann sind wir nicht zu unterschätzen.

"Es ist eine immense Chance für uns, in den Öffentlich-Rechtlichen stattzufinden. Das Podium ist für unsere Sportart enorm wichtig."

Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes Bob Hanning fordert vom Team das Viertelfinale, Rechtsaußen Tobias Reichmann sieht Deutschland als Mit-Favoriten. Klingt ambitioniert.

Also das Viertelfinale sollte schon Zielsetzung sein. Es ist unrealistisch, von dieser jungen Mannschaft eine Medaille zu fordern. Es ist in der jetzigen Situation nicht völliger Quatsch, aber es wäre übertrieben. Was ich von der Mannschaft erwarte, ist, dass sie mich begeistert und mitreißt und in jedem Spiel alles auf dem Feld lässt, was sie hat. Dass Fehler passieren, es knappe Ergebnisse geben oder ein Spiel verloren wird, ist ganz klar. An einem Tag sind wir auch in der Lage, einen großen Favoriten zu schlagen, so eine Mannschaft kann sich auch in einen Rausch spielen.

Wen siehst du stattdessen ganze vorne?

Norwegen. Für die wird es nach vielen zweiten Plätzen Zeit, einen Titel zu gewinnen. Dänemark natürlich und die üblichen Verdächtigen Kroatien, Spanien, Frankreich und die Überraschungsmannschaft könnte Gastgeber Ägypten sein. Sie haben viel Potenzial, das haben sie mit den Juniorenmannschaften in den letzten Jahren gezeigt, da wurden sie auch Vize-Weltmeister.

Kretzschmar (l.) gemeinsam mit Uwe Gensheimer, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft.
Kretzschmar (l.) gemeinsam mit Uwe Gensheimer, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft.
Bild: Kadir Caliskan / Kadir Caliskan

Rückraumspieler Sebastian Firnhaber ist zuversichtlich, was den Erfolg anbelangt. Er sagte, dass auch mit dieser Mannschaft „was Cooles entstehen kann“. Wie wichtig ist es gerade jetzt, dass das Verständnis untereinander passt, wenn man zum Beispiel nicht aus dem Hotel raus kann?

Wichtiger denn je. Du kannst dieser Mannschaft ja nicht entkommen. Früher konntest du mal rausgehen. In die Stadt zum Beispiel. Jetzt bist du in der Hotel-Bubble mit acht Mannschaften. Glücklicherweise ist das ein qualitativ sehr hochwertiges Hotel mit Pool und großem Garten. Aber du darfst dir natürlich nicht nach drei Tagen auf den Sack gehen oder dass sich Grüppchen bilden oder Mannschaftsteile nicht leiden können. Da sehe ich bei uns aber keine Gefahr.

Eine Mannschaft zu formen, ist essenziell, auch neben der Spiele. Du warst von 1993 bis 2004 Mitglied der Nationalmannschaft. Wie seid ihr damals zusammengewachsen?

Auch das Private ist wichtig. Wir lagen am Pool, haben die „Siedler von Catan“ gespielt oder waren in Island mal Hochseeangeln. Aber am Ende bist du wegen einer Weltmeisterschaft dort. Der maximale Fokus liegt auf dem Turnier. Das heißt, Videostudium betreiben, mit den Mannschaftskameraden sprechen und den nächsten Gegner analysieren. Ich brauchte immer ein bisschen Ablenkung, aber es gibt auch Spieler, die besser dran sind, wenn sie nicht so viel Ablenkung haben. (lacht)

Gerade jüngere Spieler bekommen nun eine Chance, über sich hinauszuwachsen, wenn die Etablierten fehlen. Kann das mit Blick auf Olympia von Vorteil sein?

Da spielen sich sicherlich Spieler in den Vordergrund, die mit den ganzen etablierten Spielern keine so große Chance gehabt hätten. Das kann dem deutschen Handball nur guttun und zeigt, wie stark die deutschen Nachwuchsleistungszentren in den vergangenen Jahren gearbeitet haben. Da haben wir einen Pool an potenziellen Nationalspielern, der schon erstaunlich ist. Vor 20 Jahren wäre die Absage von sieben potenziellen Nationalspielern der Todesstoß gewesen. Mit Blick auf Olympia wird es spannend, wer sich in den Vordergrund gespielt hat, wer unverzichtbar wird oder keine Rolle mehr spielt.

"An einem Tag sind wir auch in der Lage, einen großen Favoriten zu schlagen."

Auch der Trainer Alfred Gislason hat noch nicht oft als Nationalcoach an der Seitenlinie gestanden, weder mit der deutschen Mannschaft noch vorher. Als Vereinstrainer aber sonst schon alles im Welthandball gewonnen. Wie wichtig kann seine Erfahrung werden?

Alfred ist mit allen Wassern gewaschen. Er ist jemand, der schon alles in seinem Leben gesehen hat. Den bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Er hat genau die richtige Ansprache, die Mannschaft saugt das wissbegierig auf. Er ist eine absolute Autoritätsperson und was er sagt, wird gemacht. Ich habe die Woche mit ihm telefoniert und er freut sich darauf, endlich loszulegen.

Kann die WM trotz Sportverbot für Amateure eine Chance sein, den Handball in Deutschland zu pushen?

Es ist ganz wichtig für uns, dass unsere Sportart überhaupt sichtbar ist. Durch die Corona-Krise ist uns ein ganzer Jahrgang weggebrochen. Kinder, die jetzt anfangen wollten, Handball zu spielen, die konnten das nicht. Wenn diese Kinder mit ihren Familien die Möglichkeit haben, die Nationalmannschaft zu sehen und sich unsere Jungs positiv präsentieren, kann es sein, dass sie sagen: ‘Ich will sein wie Uwe Gensheimer, Andi Wolff oder Silvio Heinevetter,…oder, oder, oder’. Zur Ausbildung von Vorbildern und Leuchttürmen ist diese WM enorm wichtig.

Die WM in Ägypten will Stefan Kretzschmar intensiv verfolgen.
Die WM in Ägypten will Stefan Kretzschmar intensiv verfolgen.
Bild: imago images / Andreas Gora
Zur Person
Stefan Kretzschmar wurde 1973 in Leipzig geboren und begann, bereits im Alter von sechs Jahren Handball zu spielen. Mit zwölf Jahren ging es für ihn ins Sportzentrum Berlin und anschließend zum SC Dynamo Berlin. Sein Bundesligadebüt gab er 1991 bei Blau-Weiß Spandau, wechselte jedoch 1993 zum VfL Gummersbach. Seine erfolgreichste Zeit verbrachte er beim SC Magdeburg. Dort gewann er unter anderem die Deutsche Meisterschaft (2000/01) und die Champions League (2002). Für die deutsche Nationalmannschaft absolvierte er zwischen 1993 und 2004 insgesamt 218 Länderspiele und erzielte 812 Tore. Sein größter Erfolg ist die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Athen 2004. Aktuell ist Kretzschmar Sportvorstand beim Handball-Bundesligisten Füchse Berlin. Kretzschmar ist zweifacher Vater und lebt in Berlin.

Die Einschaltquoten bei den vergangenen beiden EM-Qualifikationsspielen gegen Österreich lagen aber nur bei 1,8 Millionen und 2 Millionen Zuschauer.

Es ist eine immense Chance für uns, in den Öffentlich-Rechtlichen stattzufinden. Wenn unsere Mannschaft gut performt, steigt auch das Interesse. Da sind Einschaltquoten zwischen 4 und 15 Millionen möglich und das Podium ist für unsere Sportart enorm wichtig, damit wir die große Masse der Menschen in Deutschland erreichen.

Wie sehr fieberst du selbst immer noch mit?

Ich gucke mir alle Spiele mit Begeisterung an. Bin da voll der Nerd und mein Herz schlägt natürlich für Deutschland. Aber ich bin nicht der totale Durchdreher am Fernseher und flippe nicht so aus wie meine Schwiegermutter, die rumschreit und die Nerven verliert. Ich schreibe mir ein paar Sachen raus, die mir aufgefallen sind und bin da auch direkt wieder im Job.

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