Ernsthafte Krankheiten entscheiden sich in der Symptomatik zwischen Mann und Frau oft stark.
Ernsthafte Krankheiten entscheiden sich in der Symptomatik zwischen Mann und Frau oft stark.Bild: iStockphoto / nensuria
Frauentag

"Müssen uns mehr trauen, biologische Unterschiede zu benennen": Wie Männer und Frauen von geschlechtersensibler Medizin profitieren

11.03.2021, 19:4612.03.2021, 07:37

Frauen werden im Schnitt älter, ernähren sich ausgewogener, sind seltener übergewichtig. Das klingt fast, als würden sie Männern gegenüber einige Vorteile in Bezug auf die Gesundheit genießen.

Kommt allerdings eine Frau mit Atemnot in die Notaufnahme, denken die wenigsten an einen Herzinfarkt – schlichtweg, weil Herzerkrankungen immer noch als männlich gelten und die Symptome sich unterschiedlich zeigen können. Das ist einer der Gründe, warum 43 Prozent der Patientinnen den Herzinfarkt nicht überleben – während es bei den Männern 37 Prozent sind.

Der Herzinfarkt ist ein prominentes, aber lange nicht das einzige Beispiel, wenn wir auf die Geschlechterunterschiede bei Krankheitsbildern und in der Behandlung hinweisen wollen, betont Ute Seeland von der Charité in Berlin. "Jahrzehntelang ist die Medizin rein männlich gewesen", sagt die Gendermedizinerin im Gespräch mit watson, "sowohl in der Forschung als auch in der Praxis."

Im Interview erklärt die Ärztin, warum wir geschlechtersensible Medizin brauchen, wie Frauen gesundheitlich vernachlässigt worden sind und welche Risiken das mit sich bringt.

"Frauen haben viel mehr Nebenwirkungen bei bestimmten Medikamenten, weil diese vorher nicht an Frauen getestet wurden."

watson: Frau Seeland, Sie sind Gendermedizinerin. Darunter können sich viele Menschen wahrscheinlich nichts vorstellen. Woran forschen Sie eigentlich genau?

Ute Seeland: Ich bin Fachärztin für Innere Medizin und wir erforschen die biologischen, aber auch die soziokulturellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern und vor allem die Interaktion dieser Einflussgrößen auf Gesundheit und Entstehung von Krankheit. Gesundheit wird ja nicht nur von körperlichen, sondern auch psychosozialen Faktoren beeinflusst. Dazu gehört auch, wie wir mit den unterschiedlichen Geschlechterrollen umgehen. Zudem wurden die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Forschung viel zu lange außer Acht gelassen.

Welche Probleme sind dadurch entstanden?

Vor allem über die Versorgungsforschung ist mit der Zeit aufgefallen: Frauen haben mehr Nebenwirkungen bei bestimmten Medikamenten, weil diese vorher nicht an Frauen getestet wurden. Andersherum gibt es kein Medikament gegen Osteoporose speziell für Männer, weil die Krankheit als typisch weiblich gilt. Männer leiden auch nicht unbedingt seltener an Depressionen, wie gemeinhin angenommen wird: Die Krankheit kann sich bei ihnen über nicht-klassische Symptome wie Wut und Aggressionen äußern.

Es wurden in der Vergangenheit also häufig bestimmte Krankheiten nur einem biologischen Geschlecht zugeordnet?

Genau. Und das, obwohl ein und dieselbe Krankheit bei beiden Geschlechtern auftreten kann, aber eben andere Symptome zeigt. Das liegt einfach daran, dass der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau gewaltig groß ist.

"Dass die geschlechtersensible Forschung und Umsetzung in der Versorgung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt, verwirrt einige im ersten Moment."

In sämtlichen Lebensbereichen wird die Gleichheit der Geschlechter angestrebt, in der Gendermedizin geht es eher um die wenig beachteten Unterschiede. Ist das ein Widerspruch?

In gewisser Hinsicht schon. Ich sage immer, wir müssen uns wieder mehr trauen, die biologischen Unterschiede zu benennen. Dafür müssen diese weiter erforscht werden. Dadurch, dass es einen Nachholbedarf an Daten für das weibliche Geschlecht gibt, kommt schnell die Meinung auf, dass wir uns nur um ein Geschlecht kümmern. Dass die geschlechtersensible Forschung und Umsetzung in der Versorgung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt, verwirrt einige im ersten Moment. In allen anderen Bereichen, wie der Politik und bei den gesellschaftlichen Bedingungen sowohl im Privaten als auch am Arbeitsplatz ist das Ziel, dass alle gleich behandelt werden. Das hat sich nicht geändert.

Wenn Männer und Frauen so unterschiedlich sind – warum hat man nicht schon früher angefangen, sie gesundheitlich anders zu behandeln?

Ein Grund, weswegen in der Medizin die Geschlechter nicht getrennt worden sind, war, dass man ansonsten für jede Studie doppelt so viele Versuchstiere oder Probanden gebraucht hätte: nicht nur männliche, sondern auch weibliche. Das vergrößert nicht nur den Aufwand, sondern auch die Kosten. Plus, bei weiblichen Probanden muss man mitberechnen, dass sie einen Zyklus haben, schwanger werden könnten – das wurde einfach lange Zeit als viel zu kompliziert erachtet. Das hat aber letztlich dazu geführt, dass man 50 Prozent der Menschheit nicht wirklich versteht.

Aber ist weibliche Gesundheit nicht schon durch die Gynäkologie abgedeckt?

Ich finde es wichtig, auf den Unterschied zwischen geschlechterspezifischer und geschlechtersensibler Medizin hinzuweisen. Unter geschlechterspezifisch fallen dann die Frauenärzte und Urologen, die sich mit den Sexualorganen beschäftigen. Geschlechtersensible Medizin kann aber sämtliche andere Bereiche der Gesundheit betreffen: das Herz, die Knochen, den Stoffwechsel und so weiter.

Ute Seeland ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.v. (DGesGM).
Ute Seeland ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.v. (DGesGM).Bild: Kathrin Harms / Kathrin Harms / Fotografin

Gerade beim Thema Herzerkrankungen gibt es viele Vorurteile: So heißt es, dass Männer häufiger am Herzen erkranken. Stimmt das eigentlich?

Nein. Zu sagen, dass Männer häufiger herzkrank sind, ist viel zu undifferenziert. Es sind beispielsweise viel mehr Frauen von chronischen Herzerkrankungen betroffen, die mitunter eine häufigere Todesursache sind als der Herzinfarkt. Auch ist die Frühmortalität nach einem Herzinfarkt bei jungen Frauen sehr hoch. Das bedeutet, dass eine junge Frau nach einem Herzinfarkt ein höheres Risiko hat, an den Folgen zu sterben. Statistisch richtig ist, dass Männer im Vergleich zu Frauen, ohne nach dem Alter zu differenzieren, häufiger an einem Herzinfarkt versterben.

Woran liegt das?

Daran, dass sich die Symptome für einen Herzinfarkt bei Frauen anders zeigen können und oft auch vielfältiger sind: zum Beispiel starke Müdigkeit oder Übelkeit. Das passt einfach nicht zu den typischen Brustschmerzen, die ältere Männer in der Regel erfahren, deswegen wird der Herzinfarkt bei Frauen möglicherweise zu spät erkannt oder falsch diagnostiziert. Frauen sterben übrigens auch häufiger durch Schlaganfälle.

"Von Männern hören wir in der Gendermedizin häufig den Vorwurf: Ihr macht ja nur Forschung für Frauen. Das stimmt nicht."

Wie reagieren Ihre männlichen Kollegen denn darauf, wenn Sie sie darauf aufmerksam machen, dass sich typische Symptome weit verbreiteter Krankheiten bei Frauen anders zeigen können – und Frauen dadurch auch höheren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind?

Von Männern hören wir in der Gendermedizin häufig den Vorwurf: Ihr macht ja nur Forschung für Frauen. Das stimmt nicht. Tatsache ist, dass der Bedarf bei Frauen momentan noch größer ist, weil sie bei der Erforschung vieler Krankheiten bisher noch nicht eingeschlossen worden sind. Es gibt deswegen eine Gender Gap in der Medizin. Das führt allerdings nicht dazu, dass wir nur Forschung für Frauen machen. Genauso gibt es bestimmte Krankheitsbilder, die häufiger bei Frauen diagnostiziert werden und an Männern bisher nicht ausreichend erforscht worden sind.

Dennoch wird Gendermedizinern manchmal vorgeworfen, aus einer feministischen Haltung heraus zu handeln.

Es ist einfach pure Wissenschaft. Das hat nichts mit Ideologie oder Feminismus zu tun – obwohl es natürlich zunächst vorrangig Frauen waren, die sich für die geschlechtersensible Medizin eingesetzt haben. Inzwischen sollten allerdings alle verstehen, dass es sich hierbei um eine medizinische Disziplin handelt.

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