Xavier Naidoo überraschte am Dienstag mit einem Video. Er distanziert sich plötzlich von Verschwörungstheorien.
Xavier Naidoo überraschte am Dienstag mit einem Video. Er distanziert sich plötzlich von Verschwörungstheorien.Bild: Screenshot YouTube
Meinung

Xavier Naidoo gesteht Fehler ein – nun muss er beweisen, wie ernst er es meint

Eine der berühmtesten Stimmen der deutschen Verschwörungs-Szene gibt zu, sich verrannt zu haben. Das ist kein Grund zum Feiern. Kann aber ein Anfang sein. Ein Kommentar.
20.04.2022, 12:26

Der erste prominente Verschwörungstheoretiker Deutschlands macht eine Rolle rückwärts: Xavier Naidoo, eine der lautesten Stimmen, die mit ihren wirren Aussagen die deutsche Querdenker-Szene befeuert hatte, bat am Dienstagabend per Videobotschaft um Entschuldigung.

"Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe und dass ich in den letzten Jahren viele Fehler gemacht habe", sagte der Sänger. Naidoo ergänzte, er sei geblendet gewesen und habe sich instrumentalisieren lassen. Das bereue er. "Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere. Ich war von Verschwörungserzählungen geblendet und habe sie nicht genug hinterfragt."

Der Sänger trat in den vergangenen Jahren immer wieder mit Reichsbürgern auf, er verbreitete, auch online, Verschwörungserzählungen. Im Dezember 2021 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass er als Antisemit bezeichnet werden darf. Die Liste seiner Verfehlungen ist lang.

Nun jedoch will Naidoo einen Neustart. Und er nennt hierfür einen Grund, der zumindest authentisch erscheint: der Krieg in der Ukraine. Naidoos Frau ist Ukrainerin. "Und aus diesem wunderschönen Land musste ich jetzt Familie und Freunde rausholen, weil dort Angst und Schrecken herrschen."

Naidoos Frau ist Ukrainerin. Hat ihm der Krieg die Augen geöffnet?

Vieles deutet darauf hin, dass das, was seine Verwandtschaft in ihrer Heimat erlebte, nicht zu dem passt, was in den Telegram-Kanälen von Verschwörungstheoretikern verbreitet wird. Denn russische Propaganda ist dort allgegenwärtig. Es scheint, als habe diese Erkenntnis Naidoo die Augen geöffnet.

"Naidoo kann nicht davon ausgehen, dass mit einem Drei-Minuten-Statement alles vergeben und vergessen ist."

Nun kann Naidoo natürlich nicht davon ausgehen, dass mit einem Drei-Minuten-Statement alles vergeben und vergessen ist, was er in den vergangenen Jahren von sich gegeben hat. Wer systematisch Verschwörungsmythen und Reichsbürgeransichten verbreitet, wer sich immer und immer wieder homophob und antisemitisch äußert, der muss sich – wenn er die Reichweite eines Xavier Naidoos hat – mehr einfallen lassen als ein kurzes Video für die sozialen Netzwerke.

Sein Statement kann jedoch ein erster Schritt sein. Ein erster Schritt in Richtung der Mitte der Gesellschaft, ein erster Schritt in Richtung aufrichtiger Reue, ein erster Schritt als Zeichen für jene, die vielleicht auch erkannt haben, sich geirrt zu haben, sich aktuell aber noch nicht trauen, das auch auszusprechen.

Vorausgesetzt, er meint es ernst. Denn er sagte in seinem Statement auch diesen einen Satz, der einen noch immer hellhörig werden lässt: "Ein zentraler Punkt meines Charakters ist die Suche nach Wahrheit. Wer diese sucht, macht sich auf den Weg und wer diesen Weg geht, trifft auf viele Meinungen."

Xavier Naidoo muss nun beweisen, wie ernst er es meint

Naidoo hat in den kommenden Wochen und Monaten die Chance, zu beweisen, wie ernst er es mit der Abkehr von Verschwörungsideologien und der Reue meint. Er hat die Möglichkeit, sich nun ebenso stark für die Aufklärung einzusetzen, wie er es zuletzt für die Verbreitung von Verschwörungsmythen getan hat. Kaum jemand kennt die Hinterleute, die Strukturen und die Ziele dieser Szene besser als er. Er kann jetzt gesellschaftlich und womöglich auch strafrechtlich Verantwortung übernehmen und helfen, gegen dieses System vorzugehen.

Xavier Naidoo hat, das steht außer Frage, Schaden angerichtet. Er selbst kann derjenige sein, der diesen mit Aufklärung und Prävention wieder verkleinert. Natürlich wird – entschuldigt das Zitat – dieser Weg kein leichter sein. Doch wir wären als Gesellschaft gut beraten, ihm diese Chance zu geben.

"Unsere Gesellschaft ist gespalten. Gerade deshalb darf man eine ausgestreckte Hand nicht wegschlagen."

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Nicht in der Mitte, sondern an den äußeren Rändern des politischen Spektrums. Es scheint mittlerweile so zu sein, als habe man ein paar Prozent der Bevölkerung endgültig verloren.

Gerade deshalb darf man nun eine ausgestreckte Hand nicht wegschlagen.

Die Szene der Verschwörungstheoretiker hat am Dienstag eine ihrer prominentesten Stimmen verloren. Das ist kein Grund zum Feiern. Aber es ist ein gutes Zeichen. Es ist ein Anfang.

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