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Nun hat die zweite Filiale der Robinhood Stores eröffnet – am Maybachufer in Berlin-Kreuzberg. bild: watson

Als Biomarkt getarnt den Kapitalismus überwinden: Das ist das Konzept von Robinhood

Beim Betreten des kleinen Robinhood Markts werde ich nett gegrüßt von zwei jungen Menschen hinter einer mit Holz verkleideten Kasse. Um mich herum befinden sich fast ausschließlich Bio-Lebensmittel: Es gibt Getränke, Snacks, frisches Obst und Gemüse, Konserven, Kühlware, Kosmetik und vieles mehr. Auf den ersten Blick wirkt der Laden tatsächlich wie eine Mini-Version von Bio Company oder Denns – aber mit diesem gewissen Selfmade-Flair, zum Beispiel wegen handgeschriebener Karten oder einer Tauschecke, wo Kundinnen und Kunden sich gegenseitig Jobs oder ähnliches vermitteln können.

Der Robinhood Store direkt am Maybachufer in Berlin-Kreuzberg ist trotz seiner scheinbar perfekten Lage noch etwas unscheinbar. Passanten laufen vorbei, nehmen den Laden vermutlich als normalen Bio-Supermarkt wahr. Dabei verfolgt Robinhood ein größeres Ziel: denn die Gewinne sollen zu 100 Prozent gespendet werden.

Spätestens als Schichtwechsel ist und sich die beiden Kassierer abwechseln, aber vorher noch gemeinsam eine Limo auf der Holzbank vor dem Laden zischen und über den Tag plaudern, merke ich, wie sich der Robinhood Store von anderen Biomärkten unterscheidet. Dieser Markt macht mehr, als nur Waren verkaufen. Hier geht es auch ums Persönliche, um die Community.

So klein das Geschäft auch ist, so groß ist dagegen die Idee, die dahintersteckt. Es geht um nichts Geringeres als die Bekämpfung von globaler Armut und dem Klimawandel. Erreicht werden soll dieses Ziel durch die Umverteilung von Macht – also Geld. Genauso wie der Held aus den alten Sagen von den Reichen genommen und an die Armen gegeben hat, wollen auch die Gründerinnen und Gründer des Robinhood Stores für mehr Gerechtigkeit in der Welt sorgen.

Inwiefern die Gründung von diesen Community-Biosupermärkten dem Kapitalismus den Kampf ansagt und wie jeder einzelne Kunde seinen Beitrag dazu leisten kann, erklärt mir Melanie Lachner, eine der Robinhood Store-Kernteammitgliedern, bei meinem Besuch im Laden.

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Es gibt frisches Obst und Gemüse in Bio-Qualität. bild: watson

Für Melanie, die ursprünglich in der Filmproduktion gearbeitet hat und das immer noch hin und wieder tut, ist Robinhood "ihr Baby". Sie hat es satt, dass von jedem Euro, den man an der Supermarktkasse ausgibt, 29 Cent an Investorinnen und Investoren gehen – anstatt dass das Geld für gute Zwecke genutzt wird. Bei Robinhood wird deshalb 100 Prozent der Gewinne gespendet, an die Organisationen Give Directly und Cool Earth.

Jeder, der in den Stores einkauft, setzt sein Geld also automatisch gegen globale Armut und den Klimawandel ein – und bekommt die Produkte im Laden zu den gleichen Preisen wie in anderen Bio-Supermärkten. Wer Teil der Community ist, bekommt sie sogar bis zu 20 Prozent günstiger – Voraussetzung dafür ist lediglich, dass man entweder ein Prozent seines Einkommens an Robinhood spendet oder drei Stunden im Monat für Robinhood arbeitet. Ist man Community-Mitglied, bekommt man also alle Produkte zum sogenannten Soli-Preis und kann gleichzeitig aktiv die Zukunft von Robinhood mitgestalten.

Dass die Märkte Community-basiert sind, hat gleich mehrere Vorteile, erklärt Melanie. Zum einen gibt es der Bewegung eine finanzielle Sicherheit, weil Community-Mitglieder auch gleichzeitig Stammkunden sind und zum anderen profitieren die Mitglieder selbst davon, weil sie Teil eines Projekts sind und sich gegenseitig kennenlernen.

Melanie sagt: "Was sich hier gut anfühlt, ist, dass es keine entfremdete Arbeit ist, sondern dass man hinter dem steht, was man tut." Das war besonders im vergangenen Jahr wichtig: "Vor allem in der Corona-Zeit war es für viele schön, ins Gespräch zu kommen und eine Community zu haben."

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In diesen Holzkisten befinden sich Produkte, die Robinhood besonders am Herzen liegen. Zum Beispiel, weil die Unternehmen transparente Lieferketten oder eine flache Hierarchisierung in der Bezahlung ihrer Mitarbeitenden aufweisen. bild: watson

Angefangen hat alles auf dem Schillermarkt in Neukölln. Dort haben Melanie und ihre Kolleginnen und Kollegen ihre Produkte an einem Stand verkauft und versucht, möglichst viele Menschen von ihrer Idee zu überzeugen. Im November 2020 eröffneten sie ihre erste Filiale, in der Altenbraker Straße, ebenfalls in Neukölln.

Melanie berichtet von der Anfangsphase im Laden: "Interessierte kamen, weil sie sich einen Biomarkt in der Nähe gewünscht haben und haben dann gemerkt, dass wir ein Vollsortiment und besonders leckeres Brot haben. Das hat sich herumgesprochen und die Menschen haben gemerkt, wie toll das Konzept ist. Wir haben am Anfang viel erklärt, wie alles funktioniert. Später betraten Menschen den Laden mit den Worten: 'Ich will Mitglied werden, ich hab schon alles gehört' und das hat uns extrem gefreut."

Seit April 2021 gibt es nun auch eine zweite Filiale am Maybachufer und schon bald wird es einen Online-Shop geben – Kundinnen und Kunden werden dann die Produkte mit dem Fahrrad bis an die Haustür geliefert. Über das Wachstum von Robinhood sagt Melanie: "Wir haben gemerkt, dass das Konzept einen Nerv getroffen hat. Und das belegen auch zahlreiche Studien: Die Menschen sind unglücklich mit dem kapitalistischen System."

Die Robinhood Stores sollen eine Alternative zum kapitalistischen Einkaufen aufzeigen. Der Website der Bewegung zufolge würde es schon reichen, wenn 3,4 Prozent der Wirtschaft ihre Gewinne so spenden würde wie Robinhood – denn dann gäbe es beispielsweise keine extreme Armut mehr auf der Welt. Die Umverteilung und somit Stärkung der Schwächeren sei also in greifbarer Nähe – und Robinhood will einen ersten Schritt in diese Richtung gehen.

"Das Ziel der Bewegung ist ganz klar, die vorherrschenden, kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen 'vom Markt zu verdrängen'."

Melanie erklärt: "Das Ziel der Bewegung ist ganz klar, die vorherrschenden, kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen 'vom Markt zu verdrängen'. Dass wir so eine große Konkurrenz sind für alle anderen Unternehmen, dass wir auf diese Weise nicht nur richtig viel Geld umverteilen können, sondern auch ein klares Zeichen gegen privaten Profit setzen. Wenn immer mehr Unternehmen so wirtschaften, bewirkt das auch einen Strukturwandel."

Gewinne werden gespendet – wie werden dann Mitarbeitende bezahlt?

So fantastisch sich das Konzept auch anhört, so utopisch klingt es allerdings zuerst für mich. Ich frage mich, wie die Mitarbeitenden fair bezahlt werden können, wenn die Gewinne komplett gespendet werden. Melanie erläutert, dass das als Gewinn definiert wird, was nach Abzug aller Fixkosten – also auch Lohnauszahlungen – und dem Geld, das zur Reinvestition und Expansion des Unternehmens gebraucht wird, übrig bleibt. Dieses Geld wird auf direktem Wege gespendet.

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Gemüse und Obst, das nicht mehr ganz frisch und kackig aussieht, gibt es zum halben Preis. bild: watson

Reich wird bei Robinhood sicher niemand, denn die Löhne werden an den individuellen Bedarf der Mitarbeitenden angepasst. Wer sich also als Single eine 3-Zimmer-Wohnung im Prenzlauer Berg mieten will, muss nebenbei womöglich noch woanders arbeiten – wer dagegen Kinder hat, wird vielleicht besser bezahlt, wenn er seine Arbeitszeit nur bei Robinhood aufwenden möchte. Solche Prozesse werden in der Community verhandelt und befinden sich immer noch im Wandel.

"Wenn ich mehr verdiene als die Lohnobergrenze vorgibt, dann nehme ich mir ein Stück vom Kuchen, das mir nicht zusteht."

Bei Robinhood wird mit einer Lohnobergrenze gerechnet, die sich an dem orientiert, was jeder Mensch global an Wohlstand haben kann, ohne auf Kosten eines anderen zu leben. Diese Grenze liegt laut der Website ersten, noch zu professionalisierenden Berechnungen zufolge bei 1500 Euro netto im Monat. Bisher bekommen Mitarbeitende deutlich weniger als das. Der Aktivismus steht also für die Gründerinnen und Gründer klar im Vordergrund.

Melanie sagt, dass sie nur das verdienen will, was sie wirklich braucht: "Wenn ich mehr verdiene, als die Lohnobergrenze vorgibt, dann nehme ich mir ein Stück vom Kuchen, das mir nicht zusteht. Ich finde das nicht unterstützenswert."

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Robinhood hat vor Kurzem das erste eigene Produkt auf den Markt gebracht: veganer Fischersatz aus Karotten. bild: watson

Während Melanie und ich auf der Bank vor dem Laden sitzen und sie mir von ihrer Arbeit bei Robinhood erzählt, grüßt sie immer wieder Menschen, die zum Einkaufen oder Arbeiten vorbeikommen. Dass es sich um eine herzliche Community handelt, deren Mitglieder von einer gemeinsamen Vision angetrieben und verbunden werden, ist offensichtlich. Mittlerweile sind es über 1000 Menschen, die sich gemeinsam für eine andere Art des Einkaufens und Wirtschaftens entschieden haben.

Melanie hofft, dass es immer mehr werden und sich die Community noch verstärkt. Sie würde sich beispielsweise auch wünschen, dass sie gemeinschaftlich ein drittes Spendenziel festlegen, zum Beispiel eine selbst gegründete Initiative, die den Standards von Robinhood entspricht. Auch die Eröffnung weiterer Stores, sogar außerhalb von Berlin, hält Melanie für realistisch. "Nach oben gibt es keine Grenze", sagt sie.

Das Robinhood-Team hat jetzt sogar sein erstes eigenes Produkt auf den Markt gebracht: ein veganer Fischersatz aus Karotten. Wer ihn selbst ausprobieren will, kann in den zwei Filialen vorbeischauen – oder ihn schon bald online bestellen. Und sich bei der Gelegenheit vielleicht direkt als Community-Mitglied eintragen lassen.

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