Die neue "Supertalent"-Jury besteht aus den Ehrlich Brothers, Chantal Janzen, Michael Michalsky, sowie einem Gastjuror, der in jeder Sendung wechselt.
Die neue "Supertalent"-Jury besteht aus den Ehrlich Brothers, Chantal Janzen, Michael Michalsky, sowie einem Gastjuror, der in jeder Sendung wechselt. bild: rtl / Stefan Gregorowius
Analyse

"Bohlen-Ersatz fehlt" – Medienexperte zu schlechten Quoten beim "Supertalent"

04.11.2021, 16:17

Es geht bergauf – ganz leicht zumindest. Das "Supertalent" hatte zuletzt sehr schwache Quoten eingefahren. Nach einem Totalabsturz konnte sich die Talentshow wieder leicht steigern: Von rund sechs Prozent stieg der Zuschauer-Anteil auf neun Prozent an, wie "DWDL" berichtet. Das ist im direkten Vergleich zwar ein kleiner Aufschwung, kann aber noch längst nicht mit früheren Erfolgen mithalten.

Doch woher kommt dieses anscheinend kollektive Desinteresse am "Supertalent"? Ist es die Konkurrenz von "The Masked Singer" auf ProSieben? Ist es der Weggang von Dieter Bohlen? Das Pech mit Neu-Juror Podolski, der wegen seiner Corona-Erkrankung ausfiel? Was hat den einstigen Quoten-Hit von RTL eigentlich so ruiniert? Zwar hatte die Show auch schon vor dem Bohlen-Aus mit sinkenden Quoten zu kämpfen, nun aber scheint sie sich endgültig in einer Sackgasse zu befinden.

Eine Bohlen-förmige Lücke

Als erster und naheligendster Grund wäre die offensichtlichste Veränderung zu nennen, die das "Supertalent" durchgemacht hat: Dieter Bohlen ist weg. Auch wenn der 67-jährige Musikproduzent und TV-Star seit seiner Zeit als Juror bei der RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" in der Öffentlichkeit polarisiert, merkt man jetzt: Seine Persönlichkeit und Rolle in der Jury fehlt. Medienexperte Ferris Bühler schätzt im Gespräch mit watson ein, wie groß die Lücke ist, die der Weggang von Bohlen in das "Supertalent"-Gefüge gerissen hat:

"Wie auch bei 'DSDS' war der Jury-Chef innerhalb des 'Supertalents' extrem verankert – oder anders gesagt: Bohlen war das Supertalent. Die aktuelle Juryaufstellung ist deshalb unglücklich, weil ein 'Bohlen-Ersatz' fehlt."

Es ist definitiv nicht mehr zeitgemäß, und war es auch eigentlich schon lange nicht mehr, Menschen teils so hart anzugehen, wie Dieter Bohlen dies mit einigen Kandidaten getan hat. Aufgrund seiner Kommentare entstanden jedoch andererseits lebhafte Diskussionen am Jurorenpult, die in der aktuellen Staffel nicht mehr zustande kommen. Man konnte Bohlen feiern oder ihn hassen, doch er hat polarisiert. Und eine "Guter-Cop-Böser-Cop"-Konstellation ist wohl einfach unterhaltsamer, als wenn immer positive Einigkeit herrscht.

Die Jury: "Mittelbekannte" Persönlichkeiten

Ein weiterer Grund für den Misserfolg der aktuellen "Supertalent"-Staffel stellt womöglich die neu zusammengestellte Jury dar. Diese besteht aus Christian und Andreas Ehrlich, auch bekannt als Ehrlich Brothers, dem Modedesigner Michael Michalsky und der niederländischen Moderatorin Chantal Janzen. Jede Woche kommt außerdem ein prominenter Gastjuror oder -jurorin dazu, in der vergangenen Sendung war dies Yvonne Catterfeld.

Bisher funktioniert diese Konstellation leider nicht wirklich. Innerhalb der Jury scheint sich niemand über seine Rolle darin bewusst zu sein. Oder: Niemand will der Buhmann sein. Man muss nicht zwangsläufig gemein sein, um unterhaltsam zu sein, doch hier ist niemand unterhaltsam. Medienexperte Ferrris Bühler meint zu dieser Problematik:

"Momentan ist die Jury ein Sammelsurium von 'mittelbekannten' Protagonisten, welche die Kandidaten mit Samthandschuhen anfassen und ausschließlich familiengerechte Kommentare abgeben – ganz im Stil der neuen RTL-Programmausrichtung."

Der Unterhaltungswert sei dabei für die Zuschauenden natürlich deutlich niedriger, als wenn Dieter Bohlen unverblümt seine Meinung äußerte, so Bühler weiter. Und tatsächlich gibt es unter den Juroren im Moment niemanden, der auch nur ähnlich unterhaltsam wie Dieter Bohlen wäre.

Pech mit Podolski

RTL-Geschäftsführer Henning Tewes zeigte sich im Juni noch stolz mit "Supertalent"-Neuzugang Lukas Podolski.
RTL-Geschäftsführer Henning Tewes zeigte sich im Juni noch stolz mit "Supertalent"-Neuzugang Lukas Podolski.bild: rtl / Stefan Gregorowius

Dabei hatte RTL bereits eine Bohlen-Exit-Strategie: Fußballprofi Lukas Podolski sollte eigentlich der neue Chefjuror beim "Supertalent" werden. Eine Zusammenarbeit wurde bereits im Juni diesen Jahres bekanntgegeben. Nach dem ersten Drehtag der 15. "Supertalent"-Staffel wurde Podolski jedoch positiv auf Covid-19 getestet, weshalb er für den Rest der Jury-Castings ausfiel. Dass der 36-Jährige, der als Sympathieträger gilt, sich vor den Dreharbeiten nicht impfen ließ, trübte seine Strahlkraft ein wenig, doch RTL hält an Podolski fest.

Wie bereits kurz vor der Ausstrahlung der aktuellen Staffel "Supertalent" bekannt wurde, ist geplant, dass Podolski zumindest für die Live-Shows ans Jurorenpult zurückkehren wird. Die beiden Halbfinals und das Finale werden im November und Dezember zu sehen sein. Als Podolski-Ersatz wurden kurzfristig die Ehrlich Brothers engagiert, die sich nun einen Jury-Platz teilen.

Doch konnten die beiden Brüder den natürlich unterhaltsamen Lukas Podolski vertreten? Das erfolgreiche Magier-Duo aus Ostwestfalen-Lippe wirkt sehr zurückhaltend und äußert sich häufig erst, wenn es an der Reihe ist, über einen Kandidaten abzustimmen. Beim Auftritt der Familienband "The Family Tones" am vergangenen Samstag zu weinen, macht die Ehrlich Brothers vielleicht nahbar – aber spannender wird die Sendung dadurch nicht.

Die Schauspielerin und Moderatorin Chantal Janzen bringt Erfahrung am Juroren-Pult mit: In den Niederlanden sitzt sie selbst unter anderem in den Jurys von "Holland's Got Talent" und "Dancing With the Stars". Während sie sehr professionell wirkt, spult sie doch gefühlt die meiste Zeit ein bewährtes Programm ab, was ihre Darbietung eher unpersönlich macht. Und doch: Sie ist momentan die einzige, die sich zumindest bemüht, hier und da ein wenig Spannung einzubringen.

Michael Michalsky zeichnet sich vor allem durch sein ambivalentes Verhalten aus: Oft äußert er sich durchaus kritisch zu den Performances, doch dann ist er oft auch der erste, der für das Weiterkommen der Kandidaten stimmt.

Yvonne Catterfeld, die in der Sendung am letzten Samstag als Gastjurorin beim "Supertalent" eingeladen war, philosophierte während der Sendung immer wieder über die Definitionen der Begriffe "Super" und "Talent". Unterhaltsam oder geistreich? Eher nicht.

Ferris Bühler ist Medienexperte und Host des Podcasts <a target="_blank" rel="nofollow" href="https://storyradar.simplecast.com/">StoryRadar.</a>
Ferris Bühler ist Medienexperte und Host des Podcasts StoryRadar.Bild: Thomas Buchwalder

Und überhaupt: Wieso gibt es überhaupt wechselnde Gastjuroren beim "Supertalent"? Bei der derzeit erfolgreicheren Samstag-Abend-Show, "The Masked Singer", macht dieses Konzept durchaus Sinn, denn dort wechseln die Kandidaten nicht. Das sieht auch Medienexperte Bühler so:

"Wenn RTL nun wie angedeutet jede Woche die Jury teilweise austauschen wird, verhindert dies den Erfolg zusätzlich. Gerade bei Casting-Formaten mit stetig wechselnden Kandidaten hält sich das Publikum an der Jury fest. Wenn am Jury-Pult wöchentlich andere Gesichter sitzen, fehlt dem Publikum die Orientierung. Hier täte sich RTL gut daran, eine Stammbesetzung zu finden."

Die Kandidaten

Seit dieser Staffel werden die Teilnehmer deutlich weniger vorgeführt. Die Art, wie die Kandidaten nun jedoch inszentiert werden, ruft bestenfalls Verwirrung bei den Zuschauern hervor. Nehmen wir da beispielsweise die erste Kandidatin des vergangenen "Supertalent"-Abend: Uschi, 71, Jodlerin. Früher vermutlich gefundenes Fressen für Spott und Häme aus Richtung Bohlen, doch heute? Was sollen wir als Zuschauer bei der Inszenierung fühlen? Ist es Fremdscham? Ist es peinlich, ist es rührend, ist es überhaupt ein "super" Talent? Zum letzten Punkt gab es zumindest von der Jury ein deutliches "Ja", Uschi tritt nun im Halbfinale an.

Dann wäre da noch der Auftritt von Mehmet: Dessen Talent ist es, mit einem rund 20 Kilo schweren Holzklotz auf den Schultern einen Halbmarathon um das Studio zu laufen. Seine Frau war auch mit dabei. Warum, konnte niemand so recht erklären. Die reine Baumstamm-Performance wäre wahrscheinlich zu unpersönlich gewesen.

Mehmet Topyürek, seine Frau Dilan Tubay und der Holzklotz.
Mehmet Topyürek, seine Frau Dilan Tubay und der Holzklotz.bild: rtl / Stefan Gregorowius

Nachdem Mehmet also die 21 Kilometer um das Studio gelaufen war, stellten die Juroren fest, dass dies als "Supertalent" nicht ausreicht. Als Zuschauer kann man sich da schon fragen: Was habt ihr denn erwartet, was passiert? In solchen Momenten wünscht man sich insgeheim dann doch Dieter Bohlen zurück.

Die Sendezeit

Seit der aktuellen Herbststaffel traut sich "The Masked Singer" zu, den Samstagabend anzugreifen – und hat damit Erfolg. Die Einschaltquoten liegen bei ProSieben deutlich höher als bei RTL. Ferris Bühler meint als Medienexperte zu diesem Phänomen: "Auch, wenn die Formate unterschiedlich sind, zielen sie auf dasselbe Publikum und da hat 'The Masked Singer' momentan einfach mehr Innovation und Coolness als 'Das Supertalent' zu bieten. Dass RTL die Traumquoten von ProSieben überholen kann, ist eine unmögliche Mission."

Auch in der öffentlichen Internet-Diskussion spielt das "Supertalent" kaum noch eine Rolle: Während auf Twitter #maskedsinger und sogar einzelne damit verbundene Hashtags wie #ruth oder #mops trenden, sucht man #supertalent in den Trends vergebens. Es scheint, als würden die ohnehin schon wenigen Zuschauer des "Supertalents" sich auch nicht darüber austauschen zu wollen.

Es ist ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, wieso sich die Zuschauer im Moment mit dem "Supertalent" schwertun. Die Kombination aus Bohlens unverblümten Sprüchen und den regelmäßigen rührigen Momenten haben das die vergangenen "Supertalen"-Sendungen ausbalanciert. Momentan wirkt die Sendung aus mehreren Gründen seltsam ziellos – und das merken auch die Zuschauer. Das neue "Supertalent" muss sein neues Publikum wohl erst noch finden.

Expertin widerspricht Kritik an Veränderungen bei "Bauer sucht Frau": "Liegt in der Natur der Sache, dass alle Kandidaten einen Hang zur Selbstvermarktung haben"

Die 17. "Bauer sucht Frau"-Staffel ist zu Ende und setzte einen Trend fort: Die Bauern bzw. jetzt auch Bäuerinnen, die auf Liebessuche gehen, sind teils sehr viel jünger als noch zu Anfang des Formats. Immer öfter erhalten Kandidaten unter 35 die Chance, die große Liebe durch die Sendung zu finden. Vier Landwirte der jüngsten Staffel waren sogar deutlich unter 30. Auf eben diesen Teilnehmern liegt auch seitens des Publikums ein besonderer Fokus. Diesmal beispielsweise erhielt der 32-jährige gelernte Agraringenieur Björn die meisten Zuschriften, in der Staffel zuvor war es Jungbauer Patrick gewesen.

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