Das Feiern von Chanukka, auch Lichterfest genannt, gehört zum jüdischen Glauben dazu.
Das Feiern von Chanukka, auch Lichterfest genannt, gehört zum jüdischen Glauben dazu.Bild: iStockphoto / FamVeld
Analyse

Antisemitismus-Experte über das Tragen jüdischer Symbole: "Wenn das nicht möglich ist, hat unser Rechtsstaat ein Problem"

06.10.2021, 15:4807.10.2021, 15:30

Gil Ofarim ist eigentlich Musiker. Seine jüdische Religion wollte er nie in den Vordergrund stellen – bis Montagabend. Vor dem Leipziger Westin Grand Hotel sitzend, berichtete der Sänger in einem Video auf seinem Instagram-Account, den Tränen nahe, von einem Vorfall, der ihm nach eigenen Angaben kurz zuvor passiert war.

Gil Ofarim erzählt, er sei erst in einer Warteschlange absichtlich übergangen und anschließend erst von einem Gast und dann von einem Rezeptionisten aufgefordert worden sein, vor dem Einchecken seine Davidstern-Kette einzupacken. Derzeit wird der Fall noch von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Immer wieder werden in Deutschland Vorfälle von Antisemitismus publik: große, schockierende, wie das Attentat auf eine Synagoge in Halle im Jahr 2019 –aber auch Hass und Diskriminierung jüdischer Menschen im Alltag. Erst im Mai dieses Jahres beschuldigte in Leipzig eine Frau ihre Nachbarin, sie antisemitisch beschimpft und bedroht zu haben. In Berlin wurde ein Jugendlicher mit einer Kippa auf dem Kopf zusammengeschlagen. Und das sind nur die Fälle, die in den Medien landen.

Antisemitismus ist ein Problem, das viele Menschen in Deutschland nicht wahrhaben wollen. Das gelingt meist auch ganz gut – außer, wenn dieses Problem so groß und hässlich wird, dass man es nicht länger ignorieren kann. Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter in Baden-Württemberg, erklärt dazu gegenüber watson:

"Wie andere Demokratien auch, wird Deutschland immer wieder mit der erschütternden Wahrheit konfrontiert, dass sich Menschen für das Böse entscheiden können. Das stellt nicht nur unser Selbstverständnis als Republik, sondern auch unser liberales Menschenbild infrage. Deswegen schmerzt die Auseinandersetzung mit diesem Thema so."
"Als aktiver Beauftragter gegen Antisemitismus wird man bekannt, aber nicht beliebt. Denn das Thema schmerzt."
Michael Blume,
Beauftragter gegen Antisemitismus
der Landesregierung Baden-Württemberg​

Jüdische Religion muss in der Öffentlichkeit stattfinden können

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein warnte Juden noch 2019 davor, an gewissen Orten in Deutschland keine Kippa zu tragen, weil es zu gefährlich sei. Michael Blume glaubt nicht, dass sich die Lage in den vergangenen drei Jahren verbessert hat – eher im Gegenteil.

Blume meint: "Der Antisemitismus hat sich weltweit durch die Digitalisierung wieder radikalisiert und normalisiert. Menschen überzeugen sich in ihren Blasen wieder, dass Hass und Verschwörungsmythen okay wären", sagt er gegenüber watson. Deswegen sei Widerstand, wie die Solidaritätsdemo am Abend nach dem Übergriff gegen Gil Ofarim in Leipzig, so wichtig. "Wir müssen wieder Grenzen ziehen."

Jüdische Menschen in sozialen Medien berichten von der Angst, in der Öffentlichkeit jüdische Symbole zu zeigen. Und das in dem Jahr, in dem Deutschland 1700 Jahre jüdisches Leben feiert. "Angehörige aller Religionen haben das Recht, sich auch mit religiöser Bekleidung frei und ohne Angst in Deutschland bewegen zu können. Wenn das nicht möglich ist, hat unser Rechtsstaat ein Problem", so Blume.

Blume betont, dass der Antisemitismus auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland nie ganz verschwunden war. Er meint zu watson: "Die bittere Wahrheit ist, dass es in all dieser Zeit immer wieder Bedrohungen und Angriffe gegen jüdisches Leben gab. Auch heute brauchen Synagogen Schutz, wir hatten alleine in Mannheim innerhalb von sechs Monaten drei Angriffe auf das jüdische Gebetshaus!" Blumes Fazit: "Der Antisemitismus ist noch längst nicht besiegt!"

Judenhass kommt nicht nur von Rechts

Der Hass gegen Juden geht dabei nicht mehr nur von rechten Gruppen oder Parteien wie der AfD aus. "Wir haben in Deutschland sowohl einheimischen wie zugewanderten Antisemitismus, der sich auch vermischt", so Blume.

Als Beispiel nennt er den deutschen Rapper Kollegah, der amerikanischen und islamischen Antisemitismus kombiniere. Antisemitismus komme aber auch vom linken Rand. Blume meint:

"Umgekehrt hat zum Beispiel der linksextreme PKK-Chef Abdullah Öcalan von Friedrich Nietzsche den Verschwörungsmythos übernommen, das Christentum wäre eine Rache verschwörerischer Juden am römischen Reich gewesen. Der Antisemitismus hat sich globalisiert und alle großen Religionen und Weltanschauungen erreicht."

Dennoch findet laut Blume in den Medien nicht genügend Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus und jüdischem Leben in Deutschland statt. "Manche Medien wie watson greifen das Thema Antisemitismus immer wieder auf. Das ist nicht angenehm, aber wichtig! Leider verweigern andere jedoch jede Auseinandersetzung damit", so Blume.

Blume macht deutlich: "Als aktiver Beauftragter gegen Antisemitismus wird man bekannt, aber nicht beliebt. Denn das Thema schmerzt."

"Kann auf Dauer nicht so weitergehen" – Streitfall Katar: Warum die Situation auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern wegen eines abgelehnten Antrags eskalierte

Buhrufe, Pfiffe und sogar lautstarke "Hainer raus"-Rufe sorgen für ein beispielloses Ende der Mitgliederversammlung des FC Bayern. Das Thema Katar spaltet – insbesondere den Rekordmeister. Am Ende kam Ehrenpräsident Uli Hoeneß noch nicht einmal zu Wort.

Zur Story