Interview
Young woman working at home

Viele Schul- und Studienabgänger machen sich wegen der Corona-Krise Sorgen um ihre Noten und um ihre Zukunft. (Symbolbild) Bild: E+ / damircudic

Interview

Jugendforscher: Warum Zeugnisse wegen Corona an Bedeutung verlieren werden

Während die einen die Corona-Krise als Zeit der Entschleunigung und Rückbesinnung erlebt haben, stellt sie für die anderen ein einschneidendes Ereignis dar: Gerade junge Menschen, die während der Pandemie die Schule, Ausbildung oder das Studium abschließen, befürchten, bei ihrem Abschluss durch die veränderte Prüfungssituation Nachteile zu erfahren oder auf dem Arbeitsmarkt schlechter bewertet zu werden. Dass bei Abiturienten und Studenten teils die Nerven blank lagen – darüber hat watson bereits im März berichtet.

Nun, da die Zahl der Neuinfektionen stark gesunken ist, Cafés, Restaurants und Läden sich landesweit wieder mit Besuchern füllen und Deutschland allgemein Schritt für Schritt Richtung Normalität aus Vor-Corona-Zeiten stapft, stellt sich die Frage: Was bleibt von der Krise übrig – und wie wird es sich auf die Ausbildungs- und Berufschancen junger Menschen auswirken?

Darüber hat watson mit dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann gesprochen. Im Interview erklärt er, worauf Schulabgänger, Absolventen und auch Unternehmer sich nun einstellen müssen – und warum er glaubt, dass Abschlusszeugnisse während der Krise für Unternehmen weiter an Bedeutung verlieren werden.

"Eine Gesundheitskrise bedeutet keine neue Erschütterung für diese jungen Menschen."

watson: Klimakrise, unsichere Jobchancen, drohende Armut: Die heute 20 bis 30-Jährigen sind mit ganz schön düsteren Zukunftsaussichten aufgewachsen. Macht Corona das Ganze jetzt noch schlimmer?

Klaus Hurrelmann: Im Großen und Ganzen: nein. Es stimmt, dass die sogenannte Generation Y, die alle zwischen 1985 und 2000 Geborenen umfasst, im Angesicht sämtlicher politischer und wirtschaftlicher Krisen aufgewachsen ist. Diese Menschen haben von klein auf gelernt, dass nichts sicher und die Zukunft kaum planbar ist. Für sie ist eine Krise wie die Corona-Pandemie genauso entscheidend wie für alle anderen auch, aber sie haut die Generation Y nicht so schnell um.

Auch die Generation Z ist mit dem Bewusstsein aufgewachsen, wie sehr der Globus durch den Klimawandel in Gefahr ist – und hat gleichzeitig den Mut bewiesen, das lautstark zu kritisieren. Eine Gesundheitskrise bedeutet keine neue Erschütterung für diese jungen Menschen. Erst eine verheerende Wirtschaftskrise mit großer Arbeitslosigkeit wäre ein großer Einschnitt.

Ist es nicht allein schon ein Einschnitt im Leben junger Menschen, während der Corona-Krise die Schule oder das Studium abzuschließen? Viele Abiturienten zum Beispiel machen sich Sorgen, dass ein "Corona-Abi" weniger wert sei.

Das glaube ich nicht. Schließlich haben sich alle 16 Bundesländer darauf geeinigt, die Abiturprüfungen mit nur ganz leichten Abstrichen durchzuführen. Rechtlich ist das zumindest unangreifbar, auch wird der Abiturjahrgang 2020 komplett anerkannt werden. Dasselbe gilt übrigens für die mittleren und alle weiteren Abschlüsse. Ob nun die Bewerbungsverfahren für die Ausbildungs- und Studienplätze ohne weitere Zwischenfälle verlaufen, werden wir noch sehen. Selbst wenn das Abi nicht angefochten werden kann – so richtig wohl fühlen sich zahlreiche Abiturienten dennoch nicht.

Mit ein wenig Geschick, Kreativität und auch finanziellen Investitionen könnte der Staat da allerdings viel auffangen – ähnlich wie er gerade den Sorgen der Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft entgegenkommt. So könnten wir es schaffen, dass junge Leute nicht unter der gegenwärtigen Situation leiden und trotz angespannter Lage Ausbildungs- sowie Studienplätze finden.

"Die allgemeine Verunsicherung hat immerhin den Vorteil, dass Arbeitgeber möglicherweise sehr talentierte Leute sehr gut an ihre Unternehmen binden können."

Und wie ist das für junge Absolventen? Eine Pandemie ist wohl nicht der beste Zeitpunkt, um eine Karriere zu starten.

Natürlich werden die Unternehmen bei den Einstellungsverfahren jetzt ein wenig zögern. Aber ein kluges Unternehmen ist nun eines, das sagt: Wir nutzen die Chance und sichern uns jetzt junge Talente. Die allgemeine Verunsicherung hat immerhin den Vorteil, dass Arbeitgeber möglicherweise sehr talentierte Leute sehr gut an ihre Unternehmen binden können.

Die Corona-Krise könnte sich allerdings auch auf die Abschlussnoten der Studenten auswirken – sei es aus Sorge vor der Krankheit oder finanzieller Not. Wenn sich das auch in den Zeugnissen zeigt: Ist es in Anbetracht der Lage nun überhaupt möglich, die besonders talentierten jungen Menschen zu erkennen?

Wir haben heutzutage genügend kluge Instrumente außerhalb von Zeugnissen, die die Eignung junger Berufseinsteiger zu prüfen – seien es Eignungstests, Probeschreiben oder Assessmentcenter. Moderne Unternehmen wissen, dass Abschlussnoten zwar wichtig sind, aber längst nicht alles Wesentliche über den Bewerber aussagen. Das Zeugnis darf auf keinen Fall verabsolutiert werden. In den letzten Jahren haben die Zeugnisse ohnehin an Stellenwert verloren, diese Tendenz wird sich jetzt nun noch weiter verstärken.

"Unternehmen brauchen junge, motivierte Leute, die nicht bei jedem Windstoß gleich umfallen, sondern eine Mütze aufziehen und die Jacke zumachen."

Das heißt, Berufseinsteiger müssen sich nun nicht davor fürchten, bei einer Bewerbung schlechter bewertet zu werden?

Man kann es auch so sehen: Die Unternehmen könnten es nun als Vorteil betrachten, dass junge Bewerber auf den Markt kommen, die sogar unter Anspannung und erschwerten Bedingungen während einer Pandemie ihren Abschluss geschafft haben. Das sind also Menschen, die Krisen und Stresssituationen gut bewältigen können. Unternehmen brauchen junge, motivierte Leute, die nicht bei jedem Windstoß gleich umfallen, sondern eine Mütze aufziehen und die Jacke zumachen. Genau diese Widerstandsfähigkeit beweisen junge Menschen gegenwärtig.

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