Junge Menschen, die keine Unterstützung von ihren Eltern erhalten, sind gerade während der Ausbildung oft von Armut betroffen (Symbolbild).
Junge Menschen, die keine Unterstützung von ihren Eltern erhalten, sind gerade während der Ausbildung oft von Armut betroffen (Symbolbild).Bild: iStockphoto / kuarmungadd
Nah dran

Auszubildende über ihre Armut: "Es drückt einen wieder und wieder und wieder nach unten, bis man nicht mehr kann"

26.06.2022, 08:20

Armut ist unsichtbar: Oft versuchen Betroffene aus Scham, ihre Lage zu verbergen. "Denn in einem reichen Land, wo sie als Leistungsverweigerer und Versager gelten, verstecken sich Arme normalerweise", wie Armutsforscher Christoph Butterwegge kürzlich gegenüber watson sagte.

Doch unter dem Hashtag #IchbinArmutsbetroffen erzählen seit einigen Wochen viele Deutsche mit geringem Einkommen über ihr Leben mit wenig Geld. Man liest dort, wie das Geld nicht mehr für die geliebten Haustiere reicht und diese abgegeben werden müssen. Oder wie eine Mutter stolz ein paar wenige Lebensmittel von der Tafel für die kommende Woche ergattert hat.

Die Corona-Krise hat viele arme Menschen noch einmal besonders hart getroffen: Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Krankheit brachte viele an den Rand des Existenzminimums. Die aktuelle Inflation mit steigenden Benzin- , Energie- und Lebensmittelpreisen verschärft ihre Lage noch einmal zusätzlich.

Watson hat eine Auszubildende gefragt, wie es ihr geht und wie sie gerade über die Runden kommt.

Genoveva, 27, wohnt in Rheinland-Pfalz und macht eine Ausbildung in Köln. Sie erzählt uns von ihrer Situation.

"Im Dezember 2019 habe ich meinen alten Ausbildungsplatz für Veranstaltungstechnik in München verloren, bin infolgedessen dann nach Bochum gezogen in eine WG, um hier die Ausbildung von vorne anzufangen. Das hat erst mal nicht geklappt und ich habe mich mit Minijobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten. Dann hatte ich eine Festanstellung in einem Café ab August 2020, im November kam der Lockdown. Da saß ich auf einmal mit 100 Prozent Kurzarbeit und 200 Euro Einkommen im Monat in meiner Mietwohnung. Was nicht geil war, das kann man sich wahrscheinlich vorstellen.

"Sollte sich mein Freund von mir trennen, habe ich keine Wohnung mehr."

Ich hatte eine Wohnung für 480 Euro warm im Monat mit 200 Euro Gesamteinkommen. Da staut sich jeden Monat was auf. Man muss ja auch noch irgendwie leben und essen oder so und dann kommen noch Hygieneprodukte oder Medizin im Winter dazu. Also ich habe knapp 3000 Euro Mietschulden gehabt am Ende des Lockdowns. Das kommt natürlich bei der Schufa und bei der weiteren Wohnungssuche nicht so gut an.

Ab April habe ich in einem Testzentrum gearbeitet und wieder ein bisschen mehr verdient. Aber auch da hat's nicht wirklich gereicht, um auch nur ansatzweise aufzuholen, was davor finanziell liegengeblieben ist. Jetzt bin ich für die Ausbildung in Köln und war von November bis Februar wohnungslos. Seit Februar lebe ich kostenlos im Haus von meinen Schwiegereltern mit meinem Freund zusammen, weil ich ansonsten obdachlos wäre.

Sollte sich mein Freund von mir trennen, habe ich keine Wohnung mehr. Das hängt auch schwer über uns im Moment. Ich verdiene derzeit 570 Euro im Monat, da bleibt nicht viel übrig. Denn das Wohnen ist zumindest im Großraum Köln völlig utopisch. Mein Gehalt ist deutlich unter dem Mindestlohn. Netto bleiben mir 3,25 Euro oder 3,28 Euro die Stunde, irgendwas um den Dreh.

"Die Lebensmittel hauen ordentlich rein im Moment. Das ist gerade mein größter Ausgabenposten."

Ob ich finanzielle Unterstützung vom Staat bekomme? (lacht) Der Antrag beim Arbeitsamt von meinem Ausbildungskollegen hier im zweiten Lehrjahr ist jetzt gerade positiv zurückgekommen. Den hat er am Anfang seiner Ausbildung gestellt. Ich rechne damit, dass meiner ungefähr genauso lange dauern wird.

Die Inflation trifft Menschen in Armut besonders hart

Die Lebensmittel hauen ordentlich rein im Moment. Das ist gerade mein größter Ausgabenposten. Ich würde gerne zur Tafel, aber die nächste ist von mir 25 Kilometer weit weg. Und ich habe nicht die Zeit, jeden Tag zu kochen. Ich bin im Schnitt zwölf Stunden am Tag außer Haus. Da bleibt einfach nicht genug Zeit übrig, um abends noch einkaufen zu gehen und dann sich hinzustellen und vorzukochen. Meistens muss ich schauen, dass ich mir mittags irgendwas beim Lidl hole. Das geht natürlich ordentlich ins Geld. Und das andere ist, die Schulden abzubezahlen, die aus der Zeit entstanden sind, wo ich in Kurzarbeit war. Das sind auch so 100 bis 150 Euro jeden Monat, die fehlen.

Viele Menschen in Armut sind auf Essensausgaben wie die Tafel angewiesen.
Viele Menschen in Armut sind auf Essensausgaben wie die Tafel angewiesen.Bild: www.imago-images.de / imago images

Eine Amazon-Wishlist, wie einige andere von Armut Betroffene, habe ich tatsächlich noch nicht. Dadurch, dass ich zwölf Stunden am Tag außer Haus bin, fallen Hobbys oder so im Moment eh weg. Wenn es allerdings so weitergeht, wie es im Moment aussieht, wird das früher oder später notwendig werden. Und zwar dann nicht mehr für gewünschte Sachen, sondern für essentielle wie Kleidung.

Meine Mutter würde mich gerne finanziell unterstützen und kann nicht. Sie ist selber in Erwerbsminderungsrente und mit den Abzahlungen von ihrem Haus ziemlich am Kämpfen im Moment. Und mein Vater könnte, aber will nicht. Der ist im Moment mit seiner Scheidung und seinen zwei Kindern relativ gut ausgelastet. Das ist seine zweite Ehe, die in die Brüche geht.

"Es ist so, dass ich meistens am 25. des Monats kein Geld mehr auf dem Konto habe."

Mal ein Eis essen mit der Berufsschule oder so ist schon drin, aber fehlt dann am Ende des Monats. Es ist so, dass ich meistens am 25. des Monats kein Geld mehr auf dem Konto habe. Über die drei oder fünf Tage komme ich dann irgendwie rüber, aber wenn die Preise weiter steigen, wird es eng. Und das werden sie.

Der Wunsch: Leichteren Zugang zu Finanzhilfen

Ich wünsche mir mehr Wohnheime für Azubis, wie es sie für Studenten gibt. Wohnraum, irgendwie in der Nähe von Arbeitsplätzen. Weil ganz ehrlich, auch mit 1.200 Euro Ausbildungsgehalt ist es kaum möglich, eine Wohnung in Köln zu finden, wenn man keine Freunde hat, mit denen man zusammenziehen kann.

Die gestiegenen Preise sind für viele Menschen eine Belastungsprobe.
Die gestiegenen Preise sind für viele Menschen eine Belastungsprobe.Bild: iStockphoto / kuarmungadd

Und klar, viele Azubis fangen schon mit 16 an und wohnen dann bei ihren Eltern. Aber mittlerweile ist der Durchschnitt nicht mehr 16, sondern 19 bis 22. Das Bild ist einfach veraltet. Ganz viele brechen ihr Studium ab, fangen hinterher einer Ausbildung an und stehen dann da und merken: 'Oh Scheiße. Als Student habe ich zumindest noch diese oder jene Vorteile, die habe ich jetzt nicht mehr. Was mache ich denn jetzt?' Gleichzeitig schreien alle 'Oh, wir haben Fachkräftemangel, wir brauchen Nachwuchs.' Irgendwie geht das für mich nicht zusammen.

Und das andere ist, dass man den Zugang zu finanziellen Unterstützungen für uns vereinfacht. Von wegen, die Auszubildenden könnten ja Hartz IV beantragen. Nee, können wir nicht, weil wir nicht anspruchsberechtigt sind als Auszubildende und es kann wirklich mal ein halbes oder fast ein ganzes Ausbildungsjahr dauern, bis diese blöden BAB-Anträge (Anm. d. Red. Berufsausbildungsbeihilfe) geprüft und bearbeitet sind. Die sind auch wahnsinnig bürokratisch und anstrengend, das ist ein Haufen Papierkram.

"Das Problem ist, wenn man mal drin ist in der Armut, hat man den Stempel und alle denken, man will nicht arbeiten."

Wenn man diese Zugänge vereinfachen würde, wäre, glaube ich, vielen geholfen. Und ganz ehrlich: Lieber kriegen es ein paar zu viele, als dass haufenweise Leute gezwungen sind, ihre Ausbildung abzubrechen, weil sie es sich finanziell nicht mehr leisten können. Ganz ehrlich, was der Staat pro Jahr an Steuern von Unternehmen verliert, die nicht ordentlich zahlen oder durch kreative Anwälte geschützt werden – da tun die paar Azubis auch nicht mehr weh. Die sollen sich das Geld bitte endlich von denen holen, die was haben und nicht von uns.

Arme Menschen werden stigmatisiert

Das Problem ist, wenn man mal drin ist in der Armut, hat man den Stempel und alle denken, man will nicht arbeiten, dabei will man und würde auch wahrscheinlich mehr tun als die meisten anderen dafür, dass man da rauskommt. Aber es werden einem systemisch so viel Steine in den Weg gelegt, man kommt eigentlich ohne Hilfe von außen nicht raus. Alleine geht es nicht gegen die Ämter, gegen alles was immer wieder gegen einen arbeitet. Es ist wie eine Unterströmung an einem Wasserfall – wenn man da einmal reingerutscht ist, kommt man nicht mehr raus. Es drückt einen wieder und wieder und wieder nach unten, bis man nicht mehr kann.

Wenn ich mal wieder etwas Geld habe, werde ich gucken, ob ich eine Wohnung finde, was wahrscheinlich gar nicht so einfach sein wird. Wenn ich weiter da wohnen kann, wo ich im Moment wohne, werde ich mir ein Motorrad anschaffen, weil die Bahnverbindung unter aller Sau ist und mich so viel Zeit kostet. Ich fahre täglich einfach eineinhalb Stunden mit der Bahn, mit dem Motorrad bräuchte ich 35 Minuten. Das sind einfach zwei Stunden Fahrzeit, die jeden Tag wegfallen würden. Und das im Idealfall, wenn die Züge nicht noch Verspätung haben.

Eine ganz, ganz liebe Freundin über Twitter hat tatsächlich für mich gesammelt, was ich auch vorher nicht wusste. Das war eine ziemliche Überraschung, als ich das herausgefunden habe. Da habe ich gerade einen Urlaub nach Italien geschenkt bekommen, wo wir morgen hinfahren für die nächsten zehn Tage. Was ganz, ganz irre ist, weil wir auch über Bayern fahren können. Das heißt, ich kann meine Mutter mal wieder sehen, die habe ich seit Pandemiebeginn nicht mehr gesehen, ich bin nämlich auch noch Risikopatientin.

Ansonsten habe ich Leute, die mich immer mal wieder mit Masken oder Tests finanziell unterstützen, wofür ich wahnsinnig dankbar bin, weil das überhaupt nicht mehr zu leisten ist. Also gerade FFP3-Masken sind so dermaßen schweineteuer. Und weil ich auf der Arbeit die einzige bin, die noch Maske trägt, muss es eine gute sein. Denn ich bin ja wegen meiner Krebserkrankung auch noch vorerkrankt obendrauf.

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