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Closeup of a nervous woman and her doctor wearing face masks and getting a vaccine shot in a doctor's office

Das Impf-Chaos in Deutschland spitzt sich zu. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Antonio_Diaz

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EMA empfiehlt, Astrazeneca-Impfstoff zuzulassen – doch der EU-Streit geht weiter: Wer ist schuld am Lieferchaos?

Nach Biontech und Moderna soll der britisch-schwedische Konzern Astrazeneca nun das dritte Vakzin gegen Corona in die EU-Länder bringen.

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca in der EU gegeben. Sie empfehle die bedingte Marktzulassung des Vakzins des britisch-schwedischen Konzerns zur Verimpfung an alle Menschen ab 18 Jahren, erklärte die EU-Behörde am Freitag.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides kündigte nach dem grünen Licht durch die EMA eine schnelle Zulassung für den Astrazeneca-Impfstoff durch die EU-Kommission an. "Wir sind bereit, um zusammenzuarbeiten und Lösungen zu finden, um den Bürgern so schnell wie möglich Zugang zu weiteren Impfungen zu geben", schrieb sie im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Die EMA gab den Impfstoff auch für ältere Menschen frei – obwohl es zuvor Zweifel an der Wirksamkeit des Präparats bei diesen gegeben hatte.

Für Schlagzeilen sorgte außerdem der Impfstreit zwischen der EU und Astrazeneca, der sich zuletzt zugespitzt hatte. Das Unternehmen hatte vor einer Woche mitgeteilt, dass die EU nach der erwarteten Zulassung im ersten Quartal nur einen kleinen Teil der bestellten Menge erhalten soll. Als Grund wurden Produktionsprobleme genannt. Die EU-Kommission drängt das Unternehmen, die Kürzung zurückzunehmen, steht jedoch selbst unter Beschuss für möglicherweise zu späte Impfstoff-Bestellungen.

Wer macht also wem Vorwürfe – und warum hatte die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts eigentlich empfohlen, den Astrazeneca-Impfstoff nur für unter 65-Jährige zuzulassen? Watson hat die wichtigsten Fragen und Antworten für euch zusammengefasst.

Ist der Impfstoff von Astrazeneca überhaupt für jeden geeignet?

Der Vorwurf: Laut wissenschaftlicher Erkenntnisse ist die Wirkramkeit des Astrazeneca-Vakzins für ältere Menschen nicht bestätigt. Kritik erntet aktuell Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der unter Umständen erwägt, zunächst andere Altersgruppen mit Astrazeneca zu impfen.

Das steckt dahinter: Bei einer Studie, die im Fachblatt "Lancet" erschienen ist, heißt es: Ältere Menschen seien bei den Impfstoff-Tests von Astrazeneca erst spät einbezogen worden. Die Datenlage zum Impfschutz bei Senioren sei deshalb begrenzt, es solle aber weitere Daten geben. Astrazeneca wies am Dienstag auf frühere Ergebnisse hin, wonach der Impfstoff auch bei älteren Menschen eine starke Immunantwort auslöst. Daraus kann aber nicht automatisch ein Impfschutz abgeleitet werden.

Bei den beiden schon zugelassenen Impfstoffen von Biontech /Pfizer und Moderna gibt es im Gegensatz dazu belastbarere Daten zu Senioren. So schützt das Mittel von Biontech einer Studie zufolge ältere Menschen ähnlich gut wie jüngere. Die Wirksamkeit über alle Altersgruppen wird mit 95 Prozent angegeben. Für Moderna wird diese Wirksamkeit mit 94 Prozent angegeben, bei älteren Menschen liegt sie etwas darunter.

Berichte über eine angeblich geringere Wirksamkeit des Impfstoffs von Astrazeneca bei Älteren wies das Gesundheitsministerium zurück. Zuvor hatte das "Handelsblatt" berichtet, die Regierung rechne nur mit acht Prozent Wirksamkeit bei über 65-Jährigen. Auch die "Bild"-Zeitung berichtete darüber.

Das Ministerium erklärte, auf den ersten Blick schienen da Dinge verwechselt worden zu sein: Rund acht Prozent der Probanden der Astrazeneca-Wirksamkeitsstudie seien zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre. Daraus lasse sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten.

Spahn machte deutlich, dass erst auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse entschieden werde, welche Gruppen das Astrazeneca-Mittel zuerst bekommen könnten – auch welche Altersgruppen. Dabei sei klar: In jeder Altersgruppe gebe es Menschen mit Vorerkrankungen, die sich Impfungen erhofften. Den Impfstoff werde man daher in jedem Fall "natürlich auch gut gebrauchen können".

Hat Astrazeneca Schuld am Impfstreit?

Der Vorwurf: Astrazeneca bevorzugen Großbritannien und andere Nicht-EU-Länder, weil dort mehr Impfdosen ankommen als bei EU-Mitgliedsstaaten.

Das steckt dahinter: Astrazeneca hatte vor kurzem Engpässe bei der Belieferung der Europäischen Union mit dem Vakzin bekanntgegeben. In der EU-Kommission gibt es den Verdacht, die Engpässe könnten darauf zurückzuführen sein, dass der Hersteller Großbritannien und andere Nicht-EU-Länder mit ungekürzten Mengen des Impfstoffs beliefert.

Der Konzern bestreitet dies. Der Chef von Astrazeneca, Pascal Soriot, sieht den langsamen Vertragsabschluss als Grund für Lieferengpässe. Er sagte der "Welt" am Mittwoch: "Wir sind in Europa jetzt zwei Monate hinter unserem ursprünglichen Plan." Man habe auch Anfangsprobleme in Großbritannien gehabt. "Aber der Vertrag mit den Briten wurde drei Monate vor dem mit Brüssel geschlossen. Wir hatten dort drei Monate mehr Zeit, um Pannen zu beheben."

Sein Unternehmen sei vertraglich nicht zur Lieferung bestimmter Mengen Impfstoff verpflichtet. Brüssel wollte nach seinen Worten zu einem ähnlichen Zeitpunkt beliefert werden wie die Briten – obwohl diese drei Monate früher unterzeichnet hätten. "Darum haben wir zugesagt, es zu versuchen, uns aber nicht vertraglich verpflichtet." Soriot hatte zuvor in einem Interview mit mehreren europäischen Zeitungen bestritten, dass sich sein Unternehmen überhaupt zu festen Liefermengen für die EU verpflichtet habe. Er habe lediglich zugesichert, "dass wir unser Bestes geben werden".

Warum genau es allerdings zu Lieferengpässen gekommen ist, hat Astrazeneca bisher noch nicht aufgeklärt. "Uns wird nicht gesagt, wo das Problem ist", sagte eine EU-Vertreterin am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur afp. "Nur dass es ein Problem in einem Werk gibt, aber was ist mit den anderen Werken?" Astrazenecas Darstellung des Sachverhalts sei "inkonsistent".

Hat die EU Schuld?

Der Vorwurf: Die EU hat den Impfstoff zu spät bestellt. Zudem seien die Bestellvorgänge zu bürokratisch und nehmen zu viel Zeit in Anspruch.

Das steckt dahinter: Die Brüsseler Behörde steht selbst in der Kritik, weil Impfstoff in der EU knapp ist und bisher prozentual weit weniger Menschen immunisiert wurden als etwa in Großbritannien oder Israel. Das liegt zum Teil daran, dass die Mittel in der EU eine Marktzulassung statt nur einer Notfallzulassung bekommen sollen, was länger dauert. So hat die Impfkampagne später begonnen. Voraussichtlich zugelassen wird der Impfstoff von Astrazeneca erst diesen Freitag.

Die EU hatte schon im August bis zu 400 Millionen Impfdosen von Astrazeneca bestellt und nach eigenen Angaben 336 Millionen Euro für Entwicklung und Fertigung vorgestreckt. Nach Darstellung der EU-Kommission hätte Astrazeneca seit Oktober auf Halde produzieren müssen, damit der Impfstoff sofort nach der Zulassung in der EU bereitsteht. Kommissionschefin Ursula von der Leyen mahnte am Dienstag: "Jetzt müssen die Firmen liefern."

Zudem besteht die EU darauf, von britischen Werken beliefert zu werden. Astrazeneca verfügt über vier Produktionsstätten, zwei in Großbritannien, eine in Belgien und eine in Deutschland. Im Vertrag der EU mit dem Unternehmen seien die zwei Produktionsstätten in Großbritannien "für unseren Bedarf" aufgeführt, sagte ein EU-Vertreter am Mittwoch. Es sei "nicht akzeptabel", dass Astrazeneca zunächst nur ein Viertel der vereinbarten Menge liefern wolle.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kann die Kritik vonseiten der EU an Astrazeneca nicht nachvollziehen. Gegenüber der "Rheinischen Post" sagte er am Mittwoch: "Die EU hat relativ spät zu wenig Impfstoff eingekauft. Die massive EU-Kritik an Astrazeneca und anderen Herstellern ist daher nicht ganz gerecht."

(ak/mit Material von afp/dpa)

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