Fahri Yardim und Christian Ulmen werden auch in der vierten "Jerks"-Staffel wieder mit Problemen konfrontiert.
Fahri Yardim und Christian Ulmen werden auch in der vierten "Jerks"-Staffel wieder mit Problemen konfrontiert.Bild: Joyn/ProSieben/André Kowalski
Interview

Christian Ulmen und Fahri Yardim über die Besonderheiten der vierten "Jerks"-Staffel: "Acht Stunden Therapie für drei Szenen"

27.08.2021, 16:33

Vergangenes Jahr zu Weihnachten durften sich alle "Jerks"-Fans über eine nicht wirklich besinnliche Doppelfolge freuen, nun zeigt der Streamingdienst Joyn Plus auch den garantiert tragischkomischen Rest der vierten Staffel: Beginnend am 26. August erscheinen bei dem Anbieter zwei neue Folgen pro Woche. Mittendrin im Geschehen sind natürlich wieder Christian Ulmen und Fahri Yardim als peinlich-bizarre Versionen ihrer selbst.

Unangenehm wird es direkt zu Beginn, denn Fahri und Pheline (Pheline Roggan) absolvieren eine Paartherapie, in die auch Christian und Emily (Emily Cox) mit hineingezogen werden. Nachdem Fahri zuletzt seine Vaterschaft seinem Kumpel unterschob (beziehungsweise es versuchte), scheint die Liebesbeziehung zerrüttet. Nun ist es Zeit für schmerzhafte Wahrheiten.

Das Prinzip beim Dreh blieb dabei erhalten: Während der einzelnen Szenen improvisieren die Darsteller, vorgegeben ist lediglich der Rahmen der Handlung. Im Interview mit watson zu den neuen Folgen sprachen Christian Ulmen und Fahri Yardim über die Konsequenzen, die dieser Ansatz mit sich bringt – und verrieten, wie sie mit Kritik umgehen.

watson: In der neuen "Jerks"-Staffel machen Fahri und Pheline eine Paartherapie. In der ersten Staffel sah man auch schon Christian und Emily in einer Gruppentherapie, nachdem ein Schwangerschaftstest fälschlicherweise positiv ausgefallen war. Ist die Serie eine einzige Abwärtsspirale für die Hauptfiguren?

Christian Ulmen: Ich glaube, an dem Punkt, wo eine Therapie beginnt, geht's eigentlich immer bergauf. Der Tiefpunkt ist ja schon erreicht. Eigentlich kann es nur schöner werden. Normalerweise.

Auch jetzt bei Pheline und Fahri?

Christian: Ja, auch bei Fahri und Pheline wird's erstmal besser. Also ich habe den Eindruck, dass die Therapie fruchtet.

Fahri Yardim: ... mit einigen Kollateralschäden. Man kann nicht alles haben, das wird ihnen schmerzlich bewusst. Manchmal muss man sich entscheiden, auch zwischen geliebten Menschen.

Seht ihr in diesen Therapieszenen auch ein besonderes Potenzial für euch als Darsteller? Schließlich sind das ja Momente unweigerlicher Konfrontation.

Fahri: Klar. Im besten Fall überschreitet man dann seine eigenen Abgründe. Aber das lässt sich irgendwann nicht mehr ganz trennen. Bei mir vermischt sich das. Ich weiß auch nicht mehr genau, wer Fahri ist. Ich werde das häufiger gefragt. Ich habe im Laufe meiner bescheidenen Schauspielkarriere den Zugang zu diesem Wesen von mir komplett verloren. Ich weiß nicht mehr, wo ich andocken sollte, um von dem eigentlichen Fahri zu sprechen. Alles fließt ineinander. Jedes Interview ist für mich übrigens auch eine Therapiesitzung.

Christian: Ich kenne dafür den wahren Fahri sehr gut! Darum funktioniert unsere Zusammenarbeit. Ich helfe Fahri immer auf die Sprünge zu seinem wahren Ich und glaube auch, dass wir das in "Jerks" kongenial getroffen haben. Es ist entzückend, wie Fahri irrlichtert, doch ich kann sagen: Was wir in "Jerks" sehen, ist der wahrhaftige Fahri Yardim. Ich danke ihm für sein Vertrauen.

"Fast alles wird rausgeschnitten. Die Paartherapie war das längste, was wir je am Stück gedreht haben."

Die vierte Staffel hat auch wieder einige unangenehme Momente zu bieten. Fahri, du erzählst in der Serie unter anderem, dass du gerne in Phelines Gesicht ejakulierst, obwohl das eigentlich niemand hören will. Woher kommt diese Direktheit?

Fahri: Es geht da um den Wurm, der ich nun mal bin. Eigentlich bin ich nicht mal das. Ich glaube, der Versuch, dieser starken Frau in so einer Demütigungsgeste das Gesicht zuzukleistern, ist der klägliche Versuch, sich selbst größer zu machen, als ich bin. Es ist eine Illusion von Macht. Aber Christian, du kennst mich da besser…

Christian: Ja, das tue ich. Was Fahri sagt, hat schon Hand und Fuß, aber die Frage ist ja, warum Fahri so gerne darüber spricht. Eigentlich will er in der Szene ja beschreiben, wie seine Tochter entstanden ist. Sie war kein Wunschkind, sondern er zeugte sie unabsichtlich. Er hat sich einfach an diese Nacht erinnert und wahrheitsgemäß erzählt, wie es sich für ein Therapiegespräch gehört.

Fahri: Er ist sozusagen über das Ziel hinausgeschossen. In einem vorauseilenden Gehorsam und unter falschen Vorstellungen von Therapie meint er, sich komplett entwaffnen zu müssen, indem er über Dinge auspackt, die die Situation nicht wirklich voranbringen. Vielleicht schmückt er sich da auch ein bisschen vor diesem anderen Mann.

Christian: Andererseits wollen Therapeuten ja auch immer die Details hören, insofern hat er alles richtig gemacht. Fahri trägt sicherlich viel Schuld in dieser Staffel, aber dieser ist ein unschuldiger Moment!

Fahri: Er öffnet sich ja in der Hoffnung, dadurch etwas wiedergutmachen zu können. Wenn dazu auch seine sexuellen Fetische gehören, ist das halt so.

Bevor ihr dreht, steht nur das Grundgerüst der Handlung fest, in den einzelnen Szenen wird dann improvisiert. Wie viel von dem, was im Kasten landet, fällt im Schneideraum am Ende doch der Schere zum Opfer?

Christian: Fast alles wird rausgeschnitten. Die Paartherapie war das längste, was wir je am Stück gedreht haben. Es dauerte den ganzen Tag. Acht Stunden Therapie für drei Szenen, die insgesamt zehn Minuten oder so gehen. Also das Verhältnis ist acht Stunden zu zehn Minuten. Das sind 99 Prozent, die rausfliegen. Und es bleiben nur die Perlen hängen.

"Es ist heftig, was für eine Hingabe es braucht, um so ein Ergebnis zu erzielen."

Ist das der Preis, den ihr dafür zahlt, dass ihr beim Drehen von "Jerks" so viel Spaß habt?

Christian: Ja. Auch der Schnitt hinterher ist gerade für diese Folge aufwändig gewesen. Acht Stunden lang liefen vier Kameras parallel. Allein das Sichten hat zwei Wochen gedauert. Diesen Preis zahlen wir aber alle gerne. Ich glaube, der Klang der Serie ist dadurch ein besonderer. Den kriegst du mit einem gescripteten Buch so nicht hin. Und es macht mehr Spaß beim Drehen, wenn du keinen Autorentext auswendig gelernt hast.

Fahri: Christian trägt in der Hinsicht am meisten, da er zusätzlich für den Schnitt verantwortlich ist. Es ist heftig, was für eine Hingabe es braucht, um so ein Ergebnis zu erzielen. Das sollten wir würdigen. Denn es lohnt sich trotz allem. Das ist das Schöne.

Christian: Jedes Department arbeitet für "Jerks" anders als es bei anderen konventionelleren Produktionen üblich ist. Der Tonassistent hält acht Stunden lang dieses Mikro hoch, der Kameramann dreht ohne Schärfenmarkierungen und das Kostüm muss sich auf Fahri Yardim einlassen.

Christian, du führst bei "Jerks" auch noch Regie. Wie kriegst du das am Set zusammen?

Christian: Ich denke immer parallel mit, während ich spiele. Aber ich glaube, das machen Schauspieler ohnehin. Wenn ich Fahri beim Spielen beobachte, fällt mir auf, wie stark er seine Umgebung wahrnimmt. Jedes Vogelzwitschern. Manchmal bricht er Takes ab, weil er glaubt, dass etwas mit dem Ton nicht funktioniert, weil eine Katze miaut hat. Das ist ohnehin erstaunlich bei ihm: Du hast immer den Eindruck, er ist ganz tief in der Szene versunken, und auf einmal sagt er ganz unvermittelt: "Ruhe hier, es ist zu laut!" Weil irgendwo jemand eine Zigarette fallen ließ oder so.

Fahri: Äußerlich sehe ich vielleicht noch versunken aus, innerlich randaliere ich schon!

"Wir sind das Land der Mittelmäßigkeit. In Deutschland ist es zu oft noch das Ausrutschen auf der Bananenschale, die wilde Fratze oder eine verstellte Stimme, die zum Lachen anregen soll."

Wie oft passiert es denn, dass Fahri eine Szene abbricht?

Fahri: Der Boss ist natürlich Christian. Wenn ich trotzdem mal abbreche, tut es mir leid.

Christian: Es ist seltener geworden. Am Anfang war das aber tatsächlich so, dass Fahri Takes abbrach, wenn er mit der Darbietung der Schauspielkollegen nicht einverstanden war.

Fahri: Nein, das habe ich nie offen gezeigt! Vielleicht hab ich dich mal freundlich auffordernd angeblickt …

Christian: Doch, doch. Da ging es um liebe Schauspielkollegen, die nur für eine Tagesrolle angereist waren. Das war aber nur in der ersten Staffel, das hat er aus Versehen gemacht. Und irgendwie auch niedlich. Fahri schafft es ja eh immer, Dinge, die eigentlich unsympathisch sind, sympathisch zu transportieren.

Fahri: Da hat er wahrscheinlich leider Recht, das muss ich gestehen. Es war für mich teilweise unerträglich, wenn sich etwas nicht stimmig anfühlte. Ich konnte dann selbst nicht mehr spielen. Nur deswegen habe ich es abgebrochen. Ein infantiler, egozentrischer Anfall.

Christian: Ich weiß im Kopf schon immer, was ich später rausschneide, das erleichtert es mir. Sonst ginge es mir vielleicht genau so wie Fahri.

Können Pheline und Fahri ihre Beziehung retten?
Können Pheline und Fahri ihre Beziehung retten?Bild: Joyn/ProSieben/André Kowalski

Ihr habt bereits vier Staffeln "Jerks" abgedreht, abseits davon sind erfolgreiche deutsche Comedy-Formate aber sehr rar. Steht die deutsche Comedy – gerade im internationalen Vergleich – einfach hinten an?

Fahri: Wir sind das Land der Mittelmäßigkeit. In Deutschland ist es zu oft noch das Ausrutschen auf der Bananenschale, die wilde Fratze oder eine verstellte Stimme, die zum Lachen anregen soll. Hier ist Komödie, wenn die Clownsnase quiekt. Ich denke, das Publikum hat mehr verdient.

"Es ist ein dünkelhafter Reflex, von Plattheit zu sprechen bei Themen, über die selten gesprochen wird, und dennoch allgegenwärtig sind."

Lest ihr eigentlich auch die Meinungen von Kritikern zu eurer Serie?

Christian: Es gibt da einen tollen Satz von Sven Regener: "Du darfst dich nicht über gute Kritiken freuen, dann musst du dich auch nicht über die schlechten ärgern – die Welt schuldet dir nichts und du schuldest ihr auch nichts." Und das stimmt. Es gibt ja auch positive Kritiken, die doof sind und einen loben für etwas, das man gar nicht gemeint hat.

Fahri: Also mich bewegt beides, da ticke ich anders. Letztlich löst jede Rückmeldung ein Abgleichen mit sich selbst aus. Auf diese Weise überprüfen wir, ob wir noch mit dem Publikum gemeinsam spinnen. Eine Kritik, die mir aus der Seele spricht, tut gut und gleichzeitig setzt es mir zu, wenn negative Kritik an meinem Selbstbild nagt. Wenn zum Beispiel behauptet wird, unser Humor sei platt, will ich sofort den Gegenbeweis ins Feld führen und belegen, warum für deutsche Verhältnisse "Jerks" am weitesten entfernt davon ist, platt genannt zu werden. Du siehst, ich schwebe nicht selbstgenügsam drüber, sondern nehme es mir viel zu sehr zu Herzen. Erbärmlich.

Und du hast dich noch nie so richtig über eine Kritik geärgert, Christian?

Christian: Nicht im Sinne einer Kränkung. Was ich gelesen habe, ist der Vorwurf "Pipi-Kacka-Humor". Aber ich habe bereits große Probleme damit, wenn jemand, dessen Beruf das Schreiben ist, diesen Begriff verwendet. Diesen abgedroschenen und zutiefst ekelhaften Ausdruck. Wer ernsthaft "Pipi-Kacka-Humor" in seine von einem echten Zeitungsverlag bezahlte Tastatur tippt, den kann ich grundsätzlich nicht ernst nehmen, da lese ich nicht weiter, da schüttelt es mich.

Warum ist der Begriff gerade auch bei "Jerks" unangebracht?

Christian: Dass er damit unsere schöne Serie verkennt, ist nur zweitrangig. "Pipi-Kacka" definiert ja eine Humorform, bei der die Pointe aus Exkrementen besteht. Also: Der Pfarrer steht am Grab, sagt "Alles Gute kommt oben", worauf ihm eine Taube auf den Kopf scheißt. Das wäre "Pipi-Kacka-Humor", an dem vor allem Kinder Freude haben. Bei uns ist aber nie die Pointe Pipi oder Kacka. Bei uns ist die Beschreibung solcher Vorgänge, die mit dem menschlichen Stoffwechsel zu tun haben, der Ausgangspunkt für eine Geschichte, deren Pointe ganz woanders liegt. Es geht um Feigheit, Konventionen, das Scheitern am Alltag.

Fahri: Das ist die Idee! Und dennoch gestehe ich der Kritik zu, mich dabei erwischen zu lassen, wie meine Assoziationen oft um eben diese sexuellen Welten kreisen. Wobei ich bei mir eher "Pimmel-und-Scheide-Humor" sagen würde. So ist er halt, der Fahri!

Christian: Ja, es passieren Geschichten, die in Fahris Fall mit Penis und Vagina zu tun haben. Aber warum soll denn das von minder erzählerischer Qualität sein? Was ist an der Erzählung über Fahris Nudel weniger geistreich oder genau beobachtet als an der über die im Gesicht von Loriot? Es ist ein dünkelhafter Reflex, von Plattheit zu sprechen bei Themen, über die selten gesprochen wird, und dennoch allgegenwärtig sind. Und er spricht von Verklemmtheit.

Fahri: Typen wie Armin Laschet. Vier Jahre Veronkelung müssen verhindert werden!

"Ich weiß wirklich nicht, ob die Leute Lust hätten, sich jetzt, Ende August 2021, eine Corona-'Jerks'-Staffel anzugucken."
Fahri Yardim und Christian Ulmen bringen bereits die vierte Staffel von "Jerks" an den Start.
Fahri Yardim und Christian Ulmen bringen bereits die vierte Staffel von "Jerks" an den Start.Bild: Joyn/Anatol Kotte

Apropos Politik: Habt ihr auch überlegt, das Thema Corona in irgendeiner Form in die vierte Staffel von "Jerks" einzubauen?

Christian: Zum einen war es so, dass unsere Drehbücher noch aus Zeiten vor Corona stammten. Das umzuschreiben, war nicht ohne weiteres möglich. Und außerdem dachte ich mir: Ich bin so froh, wenn der Scheiß vorbei ist, ich will dem nicht auch noch ein Denkmal setzen. Ich möchte keine "Jerks"-Corona-Staffel. Man soll sich das in zehn Jahren angucken können, ohne an dieses Theater erinnert zu werden.

Fahri: Wenn nicht in der Kunst, wo soll es sonst noch Corona-freie Räume geben? Dafür wurde die Fiktion auch erfunden, um uns vom Alltäglichen zu erholen. Auch deswegen funktioniert "Star Wars". Andererseits: Man hätte es überlegen können, weil "Jerks" so gerne am Natürlichen andockt.

Christian: Es ist ja auch schon ein bisschen zurückgegangen. Ich weiß wirklich nicht, ob die Leute Lust hätten, sich jetzt, Ende August 2021, eine Corona-"Jerks"-Staffel anzugucken. Ich hätte keine Lust und bin froh, dass es Corona in der "Jerks"-Welt nicht gibt.

Kimmich mit Corona-Virus infiziert: Forscher warnt vor Folgen: "Leistung verschlechtert sich um fünf bis sechs Prozent"

Kaum aus der Quarantäne entlassen, musste sich Joshua Kimmich vergangenen Freitag schon wieder in Isolation begeben, weil er mit einer positiv getesteten Person Kontakt hatte. Jetzt kam heraus, dass sich Kimmich bei diesem Kontakt sogar infiziert hat. Ab dem Tag seines positiven Tests muss er jetzt 14 Tage in häuslicher Quarantäne bleiben.

Zur Story